Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

8. Capitel

 

Eines Tages im Sommer, als sie gerade so auf der See hin und her ruderten, sahen sie ein Schiff geraden Wegs in den Fjord einlenken, und erkannten bald, dass es Thorbjörn mit seinen schon erwähnten Schützlingen war.

„Nun wollen wir unsere Fischnetze heraufziehen,“ sagte Bjargey, „und dem Thorbjörn entgegenrudern, ich will einmal reden mit ihm. Du musst längs des Schiffes zum Vordersteven vorrudern, ich habe mit Thorbjörn zu sprechen, und währenddem musst du rings um das Schiff herumrudern.“

Also thaten sie denn auch. Bjargey grüsste Thorbjörn und fragte, wo er hinwolle? — Er antwortete, dass er westwärts nach Vadil wolle; „mein Bruder Sturla und sein Sohn Thjodrek sind hieher nach Island gekommen; ich soll sie nun abholen und heim zu mir bringen.“

„Und wie lange bleibst du aus, Bauer?“ fragte sie weiter. — „Ungefähr eine Woche,“ antwortete er.

Thorhall war indessen um das Schiff herumgefahren, und da sie nun wussten, was sie wissen wollten, holten sie kräftig mit den Rudern aus und fuhren so schnell davon, als sie nur konnten.

„Das elende Weibsbild!“ schrie Thorbjörn zornig; „lasst uns ihr schnell nacheilen und sie selbst schinden, den Knecht todtschlagen!“

Da sagte Brand: „Da bestätigt es sich von Neuem, dass es wahr ist, was man dir nachsagt, nämlich, dass es dir nicht wohl ist, wenn du nicht etwas Böses thun kannst. Uebrigens käme ich auch selbst den Beiden dieses Mal so zu Hülfe, dass es dir sehr theuer zu stehen käme.“

In Folge von Brands Worten, und da Bjargey inzwischen schon sehr weit davon gekommen war, liess Thorbjörn für dieses Mal von der Verfolgung ab und segelte ruhig weiter.

„Zwar ist's nicht recht wahrscheinlich,“ sagte Bjargey, „doch glaube ich nunmehr, dass mein Sohn Olaf noch einmal gerächt werden wird. Wir wollen jetzt nicht heimfahren.“

„Wo willst du denn hin?“ fragte Thorhall. — „Wir wollen jetzt zu meinem Bruder Valbrand fahren,“ antwortete sie.

Es wohnte dieser auf Valbrandsstatt, und war jetzt schon alt, stand jedoch im Rufe, dass er in seinen jüngeren Tagen ein sehr angesehener Mann gewesen sei; er hatte zwei hoffnungsvolle Söhne, der eine hiess Thorfi, der andere Eyjulf; und beide waren damals noch Jünglinge. Als sie hinkamen, war Valbrand gerade heraussen auf dem Anger mit vielen andern Männern. Er ging seiner Schwester entgegen, hiess sie willkommen, und bat sie, da zu bleiben; sie antwortete ihm indessen, dass sie das nicht könne: „ich muss vor Abends wieder daheim sein,“ sprach sie.

„Was willst du denn dann, Schwester?“ fragte er sie. — „Ich möchte dich bitten, mir einmal deine grossen Zugnetze zu leihenMan kann an dieser Stelle wieder herausfühlen, dass unserer Erzählung Lieder zu Grunde lagen; — man braucht sich nur daran zu erinnern, dass ein ganz besonders charakteristisches Merkmal der skaldischen Poesie in den Umschreibungen besteht. — Hier sucht Bjargey bei ihren Brüdern Beistand, um ihren Sohn rächen zu lassen: — die Umschreibung aus den Liedern hat sich hier noch in der Prosaerzählung erhalten, denn sie verlangt nur Netze etc. für den Fang, den sie vorhat, und ihre Brüder verstehen sie und antworten ihr in derselben Weise..“

„Wir haben da auf dem Hofe drei Stück,“ sagte er; „eines davon ist alt und nicht mehr recht zu gebrauchen, obwohl es einmal recht gut gewesen ist; die zwei andern hingegen sind noch neu und unerprobt; jetzt hast du die Wahl, willst du bloss die zwei neuen oder auch das alte?“

„Da möchte ich die zwei neuen haben,“ antwortete sie, „das alte will ich nicht mehr unnöthig auswerfen; halte sie mir bereit, wenn ich etwa darum herschicken sollte.“ — Das wollte er, sagte Valbrand, und so fuhr sie denn wieder von dannen.

„Wohin wollen wir denn jetzt?“ fragte Thorhall. — „Jetzt wollen wir zu meinem Bruder Thorbrand.“

Der wohnte auf Thorbrandsstatt und war schon sehr alt; er hatte zwei Söhne, Namens Odd und Thorir, und beide waren hoffnungsvolle Jünglinge. Als sie hinkamen, nahm sie Thorbrand wohl auf und lud sie ein, da zu bleiben. Das könne sie dieses Mal nicht, sagte sie.

„Was willst du denn dann von mir, Schwester?“ fragte er. — „Ich möchte dich bitten, mir deine grossen Fischnetze zu leihen,“ antwortete sie.

„Ich habe drei. Eines davon ist sehr alt, die zwei andern dagegen sind neu und noch nicht gebraucht; wühle nun selbst, welche ich dir mitgeben soll, bloss die zwei neuen, oder alle drei?“ Sie erwiderte, dass sie bloss die neuen haben wolle, und damit verabschiedete sie sich.

„Wo geht es denn jetzt hin?“ fragte Thorhall. — „Zu meinem Bruder, dem alten Osbrand,“ sagte sie.

Der war der älteste von ihren Brüdern und seine Frau war Hovards Schwester; sie hatten einen Sohn, welcher Hallgrim hiess; er war noch ein Jüngling an Jahren, aber schon sehr gross und von starkem und gedrungenem Gliederbau, nicht gerade von schönem, aber doch von männlichem Aussehen. Als Bjargey dorthin kam, hiess sie Osbrand freundlich willkommen und bat sie, da zu bleiben, aber sie sagte; dass sie noch vor Abends zu Hause sein müsse.

„Was willst du denn dann bei uns?“ fragte er sie, „denn sehr selten besuchst du deine Verwandten.“

„Was mich herführt, ist gerade nichts Besonderes,“ antwortete sie; „wir sind nämlich sehr schlecht versehen mit Geräthschaften zum Torfstechen, und desshalb möchte ich dich bitten, mir einmal deine Torfaxt zu leihen.“

Er antwortete lächelnd: „Hier sind zwei; die eine davon ist gross, schon alt und haarscharf geschliffen, die andere hingegen ist noch, neu und gross und noch völlig ungebraucht.“

Sie sagte darauf, dass sie die neue wolle, sobald sie darum herschicke. Er antwortete, dass er ihr vollkommen freie Wahl lasse. Darauf fuhren sie Abends nach Hovardsstatt.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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