Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

7. Capitel

 

Darauf rüstete sie ihn gut zur Thingfahrt aus und er ritt seiner Wege. Er war sehr niedergeschlagen, als er zum Thing hinkam. Sämmtliche Buden waren bereits aufgeschlagen und die Männer waren allzumal schon gekommen. Er ritt hin zu einer grossen Bude, die dem Steinthor auf Eyre gehörte, der ein mächtiger Mann und hoch angesehener Häuptling, ein muthiger und mordlicher Recke war. Er stieg vom Pferde ab und ging in die Bude hinein. Steinthor und seine Mannen sassen darin. Hovard trat vor ihn hin und grüsste ihn freundlich; er erwiderte seinen Gruss und fragte ihn, wer er wäre. Hovard sagte es.

„Bist du es, der den ruchtbaren Sohn gehabt hat,“ fragte Steinthor, „den Thorbjörn erschlug und von dem es heisst, dass er sich so mannhaft gewehrt hat?“

Er sagte, er wäre derselbe, „und bitt' ich dich darum, Bauer,“ setzte er hinzu, „da in deiner Bude bleiben zu dürfen, so lange das Thing dauert.“

„Das will ich dir gerne erlauben,“ antwortete Steinthor, „nur rede mir nichts und mische dich in Nichts drein; die jüngern Kämpen da lieben es gar sehr, allerlei Thorheit zu treiben, und du hast Kummer auf dem Herzen und bist nicht mehr Manns genug, dich dagegen zu wehren, alt und gebrechlich wie du bist und unfähig zu jedem kräftigen Thun und Handeln.“

Hovard wählte sich nun den nächstbesten Platz aus in der Bude, da liess er sich nieder und verliess ihn nie und sprach auch mit keinem Menschen von seiner Sache, und so ging die Thingzeit nahezu zu Ende.

Eines Morgens ging Steinthor hin zu Hovard und sagte: „Wozu bist du denn hiehergefahren, wenn du da liegen willst wie Einer, der gichtbruchig ist und kein Glied mehr regen kann?“

„Ich habe im Sinn gehabt, Busse für meinen Sohn Olaf zu fordern,“ antwortete Hovard, „allein ich bin zu schwach dazu; Thorbjörn lasst nicht nach mit bösen Worten und andern Bosheiten.“

„Nun, so will ich dir einen Rath geben,“ sagte Steinthor. „Gehe zu Thorbjörn und stelle ihn zur Rede wegen deiner Sache; ich meine, wenn Gest dir hilft, dann kommst du schon noch zu deinem Rechte.“

Da stand denn Hovard auf und ging hinaus, und er schritt ganz krumm und gebückt daher; er begab sich zu Gest's und Thorbjörn's Bude hin und ging hinein; Thorbjörn war darin, aber Gest nicht. Thorbjörn grüsste Hovard und fragte ihn, wozu er käme.

Er antwortete: „Der Todtschlag meines Sohnes steht noch in so frischem Andenken bei mir, dass es mir ist, als wäre die That erst gestern geschehen, und das ist hier mein Geschäft, Busse von dir dafür zu fordern.“

Thorbjörn antwortete: „Dafür weiss ich dir einen guten Rath; komm einmal daheim, wohin du zuständig bist, zu mir und bringe da deine Sache vor, da will ich dann vielleicht etwas thun für dich, jetzt habe ich andere Sachen auf mir; und jetzt will ich auch nichts weiter davon hören.“

„Wenn du jetzt der Sache kein Ende machen willst,“ sagte Hovard, „dann weiss ich aus Erfahrung, dass du es daheim auch nicht thust; ich habe geglaubt, hier vielleicht Jemanden zu finden, der sich meiner Sache annähme.“

„Jetzt werden wir etwas Neues zu hören bekommen,“ sagte Thorbjörn, „und nicht jeden Tag kann man Dergleichen hören, — jetzt will Der da Andere gegen mich hetzen. Pack dich fort und gehe deiner Wege; komme nicht mehr daher mit dieser Geschichte, wenn ich dir nicht deine Glieder krumm und klein schlagen soll!“

Hovard gerieth hierüber in keinen kleinen Zorn, und indem er zur Bude hinausging, sagte er: „Ich bin jetzt schon zu alt, aber ich habe Tage gesehen, wo ich dir solchen Uebermuth nicht ungestraft hatte hingehen lassen.“

Beim Weggehen kamen ihm einige Männer entgegen, es waren das Gest Oddleifsson und sein Gefolge; aber Hovard war so in Wuth, dass er kaum sah, wo er ging, und er wollte auch gar nicht mit den Männern sprechen, sondern ging geraden Weges in seine Bude hinein. Gest sah ihn an, während er vorbeiging. Als Hovard nun zur Bude hereinkam, ging er zu seinem Platz hin und stiess einen tiefen Seufzer aus; Steinthor fragte, wie es ihm ergangen wäre, und er erzählte es ihm denn.

„Das ist ein unerhörter Uebermuth!“ sagte Steinthor, „und er soll schon noch sehen, welche De-müthigungen er erlebt, wenn sein Maass einmal voll ist.“

Als Gest in seine Bude hineinkam, grüsste ihn Thorbjörn freundlich. „Wer war denn der Mann, der soeben aus der Bude herauskam?“ fragte Gest.

„Wie kannst du, der du doch ein so gescheidter Mann bist, so wunderlich fragen?“ sagte Thorbjörn; „es gehen ja da bei uns eine solche Unzahl von Menschen aus und ein, dass ich unmöglich über jeden Einzelnen Rede stehen kann.“

Darauf antwortete Gest: „Der Mann, den ich meine, war den Andern durchaus nicht ähnlich, er war hoch von Wuchs und schon ziemlich bei Jahren. Er hinkte auf einem Fusse, aber er sah doch aus, wie ein rechter Recke, und er sah mir aus, als wäre er voll Gram und Sorgen; auch war er dabei so zornig, dass er gar nicht Acht darauf gab, wo er ging. Ich glaube, dass das Glück mit ihm sein wird, und dass es nicht gerade für Jeden gerathen sein dürfte, mit ihm zu thun zu haben.“

„Das wird wohl mein Thingmann, der alte Hovard gewesen sein,“ sagte Thorbjörn.

„War es nicht ein Sohn von ihm, den du so ohne Grund und Ursache erschlagen hast?“ fragte Gest.

„Ja, das war ein Sohn von ihm,“ antwortete Thorbjörn.

„Wie dünkt dir nun, dass du dein Versprechen gehalten hast, das du mir gabst,“ fragte Gest, „als ich dir meine Schwester zur Ehe gab?“

Es war da auch ein Mann, welcher Thorgils hiess, mit dem Zunamen Hallasson nach seiner Mutter, ein berühmter und ein sehr muthiger Mann; er befand sich dazumal bei seinem Verwandten Gest und sein Ansehen nahm beständig zu; diesen bat Gest, einmal zu Hovards Bude hinzugehen und ihn zu ersuchen, herüberzukommen. Das that Thorgils, aber Hovard antwortete: „Ich habe keine Lust, noch einmal da hinüber zu gehen, um abermals Thorbjörns Uebermuth und schamlose Reden zu ertragen.“ Thorgils bat ihn, dennoch mitzugehen: „Gest wird sich deiner Sache annehmen.“

So gingen sie denn zusammen hin, wiewohl sich Hovard nur mit Unlust dazu entschloss. Als sie zu Gest kamen, stand dieser auf und ging dem Hovard entgegen, hiess ihn willkommen und bot ihm einen Platz neben sich bei Tisch an.

„Nun musst du, Hovard,“ sagte er zu ihm, „mir deine und Thorbjörns Streitsache vom Anfange an erzählen.“

Das that er, und als er zu Ende war damit, fragte Gest Thorbjörn, ob es so gewesen ware, und dieser sagte, dass keine Lüge in all Dem gewesen sei, was Hovard erzählt habe.

„Das ist denn doch ein unerhörter Uebermuth!“ sagte Gest; „ich lasse dir jetzt die Wahl zwischen zwei Dingen: — entweder soll unser ganzes Uebereinkommen wieder rückgängig werden, oder du gestehst mir das Recht zu, einzig nach meinem Gutdünken in eurer Sache das Urtheil zu sprechen.“

Thorbjörn wählte denn das Letztere, und so gingen sie hinaus aus der Bude. Gest rief noch mehrere andere Männer herzu, die schlossen einen Kreis um sie und mitten in diesem standen Einige und besprachen die Sache.

Gest sagte sodann: „Ich will dich nicht verurtheilen, Thorbjörn, soviel zu bezahlen, als du im Grunde schuldig bist, denn soviel hast du in deinem ganzen Vermögen nicht; für Olafs Todtschlag bestimme ich, soll eine dreidoppelte Mannsbusse bezahlt werden; für die übrigen Gewaltthätigkeiten, welche dem Hovard angethan worden sind, will ich dir, Hovard, hiemit anbieten, jedes Frühjahr und jeden Herbst als Gast zu mir zu kommen, da will ich dich dann, mit Geschenken ehren und verspreche dir auch, dich nie im Stiche zu lassen, so lange wir Zwei am Leben bleiben.“

Thorbjörn sagte: „Darauf will ich eingehen, und das Geld will ich ihm daheim bezahlen, wo er wohnt, und zwar, wenn's mir gerade gelegen ist.“

„Nein, jetzt, hier auf dem Thing musst du es bezahlen,“ erwiderte Gest, „und zwar baar und richtig musst du es begleichen; eine Mannsbusse will ich erlegen.“

Die bezahlte er denn auch auf der Stelle, und war das Geld richtig und vollzählig. Hovard setzte sich nieder und schüttete das Geld in den Schoss seines Mantels hinein; Thorbjörn ging dann zu ihm und zählte ihm langsam und nach und nach soviel Geld hin, bis es eine Mannsbusse ausmachte, darauf sagte er, dass er im Augenblick nicht mehr bei sich habe.

Gest bestand jedoch darauf, dass der Betrag vollständig bezahlt werden müsse, und da nahm denn Thorbjörn ein zusammengebundenes Tuch, knüpfte es auf und sagte: „Er wird sich jedenfalls zufrieden geben, wenn ich ihm Das dazu gebe, was ich da habe,“ und damit schlug er es dem Hovard so ins Gesicht hinein, dass ihm das Blut von den Wangen niederrann: „Da, Hovard, das sind die Zähne deines Sohnes,“ sagte er zu ihm.

Als Hovard die Zähne Olafs in den Schoss seines Mantels fallen sah, gerieth er in eine furchtbare Wuth und sprang auf, so dass das Geld nach allen Seiten herumflog; er hatte einen Stab in der Hand, mit dem stiess er einen Mann so vor die Brust, dass er auf der Stelle rücklings zu Boden stürzte und geraume Zeit bewusstlos da liegen blieb; hierauf sprang er in einem grossen Bogen schnurstracks über den ganzen Kreis hinüber, ohne dabei auch nur einen Mann mit dem Fuss zu berühren, und erst ein gutes Stück ausserhalb desselben kam er auf den Boden. Darauf lief er in die Bude heim, als wäre er ein ganz junger und rüstiger Mann. Sowie er aber da ankam, brachte er kein Wort mehr heraus, er warf sich nieder und blieb liegen wie ein Todtkranker.

Gest sagte darauf zu Thorbjörn: „Kein Mensch ist dir an Uebermuth und Bosheit zu vergleichen, und ich verstehe die Welt und die Menschen nicht, wenn nicht du oder deine Verwandten es einmal zu bereuen haben.“

Gest war so zornig und so in Wuth, dass er auf der Stelle vom Thing nach dem Isfjord heimfuhr, und die ScheidungEine Scheidung konnte entweder mit dem Willen beider Theile (aus Gründen tmd ohne weitere Gründe), oder mit dem Willen des einen Theiles (sowohl des Mannes, als der Frau) erfolgen. Die Feierlichkeiten dabei entsprachen wohl denen der Eingehung des Ehebundes, und die gewöhnliche Ceremonie bestand darin, dass der Theil, der sich scheiden wollte, Zeugen vor das Bett und «skilit segja» rufen musste. Erhielt der Mann nur unter gewissen Bedingungen die Frau von ihren Verwandten, so nahm dann das Oberhaupt der Familie die Scheidung vor, sobald er die Bedingungen nicht erfüllte, und die Frau kehrte mit all' ihrem Hab imd Gut in das elterliche Haus zurück. zwischen Thorbjörn und Thorgerd vornahm. Letzteres däuchte dem Thorbjörn und allen seinen Verwandten die grösste Schmach; indess dagegen liess sich nichts machen, und Gest sagte zu Thorbjörn, er habe jetzt schon noch andere und grössere Demüthigungen zu erwarten, und die habe er ehrlich verdient. Darauf ritt Gest zurück zum Bardastrand mit seiner Schwester und mit vielem Hab und Gut.

Nach dem Thing rüstete sich Hovard gleichfalls zur Heimfahrt; er war da ganz lahm am ganzen Körper und unfähig ein Glied zu rühren.

Steinthor sagte zu ihm: „Wenn ich dir irgendwie helfen und beistehen kann, Hovard, so komm nur gleich zu mir.“

Er dankte ihm dafür, ritt dann heim und legte sich in's Bett und blieb zum drittenmal zwölf Monate liegen, und litt sehr an der Gicht in allen Gliedern. Bjargey machte es wie früher und ruderte täglich auf die See hinaus mit Thorhall.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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