Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

5. und 6. Capitel

 

5. Capitel

 

Nun ist weiter zu berichten, dass dem Hovard und der Bjargey die übeln Nachrichten von dem Fall ihres Sohnes Olaf bald hinterbracht wurden. Der alte Hovard stiess dabei blos einen tiefen Seufzer aus und legte sich ins Bett, und zwölf Monate lang — so wird erzahlt — stand er nicht mehr auf. Aber Bjargey entschloss sich dazu: tagsüber ruderte sie auf die See hinaus mit Thorhall, und nur bei der Nacht verrichtete sie die andern Arbeiten, welche im Hause nöthig waren.

So ging es nun in diesem Jahre und Alles war ruhig. Es kam keinerlei gerichtliche KlageDie Klage war auf Entrichtung der Mordbusse oder, wenn sich der Thäter weigerte, auf Kampf und Fehde gegen ihn gestellt und die nächsten Verwandten waren verpflichtet den Todtschlag, der an einem Gliede der Familie begangen worden war, zu verfolgen. Der Anspruch auf das Wehrgeld (niðgjóld), welcher neben dem Anspruch auf die Mordbusse (vígsbœtr) hergeht, lässt die accessorische Betheiligung der gesammten übrigen Verwandtschaft des Erschlagenen bei der Verfolgung der That erkennen. Mit der Blutklage war hinwiederum das Recht der Blutrache verbunden, und wenn auch das Gesetz mancherlei Beschränkungen diesbezüglich auferlegte, so stand es um die Ausübung nach beiden Seiten hin dennoch wesentlich anders, und das Gesetz selbst sah sich genöthigt; auf diese Abweichungen der Sitte von seinen Geboten eingehende Rücksicht zu nehmen. Der Anspruch auf das «nidgjöld», welchen man der gesammten Verwandtschaft des Erschlagenen einräumte, einerseits, und andererseits die Verpflichtung dieses «niðgjóld», welche man der gesammten Verwandtschaft des Todtschlägers auferlegte, zeigt deutlich, dass man activ, wie passiv die gesammte beiderseitige Verwandtschaft als an der Blutrache betheiligt betrachtete, ganz wie die Gcschichtsquellen für eine lange Reihe einzelner Fälle deren Betheiligung in der einen wie in der andern Richtung erkennen lassen. wegen Olafs zur Sprache, und die Leute hielten es auch nicht für besonders wahrscheinlich, dass seine Blutsfreunde irgendwelche Sühne für ihn' fordern würden; denn Hovard sah nicht darnach aus, als ob er dergleichen zu unternehmen vermöchte, am allerwenigsten gegen so mächtige und gewaltthätige Männer, wie die, mit denen man es hier zu thun gehabt hätte; und auch nur wenig Hoffnung war vorhanden, da Recht zu bekommen.

Eines Morgens trat Bjargey vor das Bett Hovards hin und fragte, ob er schon wach sei? — Er antwortete: „Ja“ und fragte, was sie von ihm wollte.

„Das will ich,“ erwiderte sie, „dass du aufstehst und nach Laugabol gehst, um GeldbusseUm verderblicherer Fehde und Feindschaft zuvorzukommen , durfte nach dem Rechtsgrundsatz, dass ein freier Mann jedes Verbrechen oder Vergehen durch einen bestimmten Busssatz sühnen konnte, für einen Todtschlag manchmal auch eine blosse Geldbusse (Mordbusse) in Gold und Silber, und nach Umständen dann und wann auch in Getreide bezahlt werden. Gedacht ist dieses Wehrgelds übrigens bereits in der alteddaischen «Sigurðarqviða Fafnisbana». zu fordern von Thorbjörn für deinen Sohn Olaf. Das kann ein Mann schon thun, wenn er auch nicht im Stand ist, grosse Thaten zu vollbringen; er muss nur seinen Mund aufthun, um zu sagen, was für ihn von Vortheil und gut ist, und du wirst auch nicht gerade mehr von ihm verlangen, als was recht ist, wenn er dir wohlwollend antwortet.“

„Ich habe keinen rechten Glauben daran,“ antwortete er, „doch ich will thun nach deinem Geheiss.“ — Darauf machte sich Hovard fertig und fuhr bis nach Laugabol.

Thorbjörn nahm ihn wohl auf und Hovard erwiderte seinen Gruss, dann sagte er: „Dazu ist es nun gekommen, Thorbjörn, dass ich dich hier aufsuche, um Geldbusse zu fordern für meinen Sohn, den du so grundlos erschlagen hast.“

Thorbjörn antwortete: „Man weiss es, Hovard, dass ich schon Manner genug umgebracht habe, und obwohl die Leute sagten, es wäre grundlos und gegen jedes Recht gewesen, so habe ich doch noch Niemandem Geldbusse dafür bezahlt; aber weil du so einen tüchtigen Sohn gehabt hast und weil dir die Sache so zu Herzen geht, so mein' ich, dass es das Beste sein wird, wenn ich dir irgend was Gutes erweise, wenn es auch nur wenig sein kann. Da droben auf dem Hof hinter dem Zaun haben wir ein Pferd, dem die Buben den Namen Dott gegeben haben; es ist schon grau und altersschwach und voll von Wunden und Schwären auf dem Rücken; es hat nun schon lange gelegen und sich gar nicht rühren können, aber seit ein paar Tagen haben sie ihm wieder Heuabfälle gegeben, und so mein' ich, dass es nun besser sein wird. Nimm dir das Pferd, so es dir recht ist, und fahre heim damit.“

Hovard wurde über und über roth im Gesichte und konnte kein Wort dagegen hervorbringen; er kehrte auf der Stelle wieder um und war schrecklich zornig und niedergeschlagen; Vakr jedoch lief hinter ihm drein und schrie und schimpfte ihm nach, als er zu seinem Boot hinunterging, in welchem Thorhall auf ihn wartete. Dann ruderten sie eilends heim und Hovard legte sich gleich wieder ins Bett und stand abermals zwölf Monate lang nicht mehr auf.

Die Sache kam herum und allgemein war man der Ansicht, dass Thorbjörn mit dieser Antwort aufs Neue sowohl seine Ungerechtigkeit als seine Bosheit bewiesen habe. So ging das Jahr zu Ende.

 

6. Capitel

 

Im Sommer aber ritt Thorbjörn zum Thing mit seinen Männern am Isfjord. Eines Tages trat jedoch Bjargey wieder vor Hovard. Er fragte, was sie wollte. „Nun meine ich, du solltest auch zum Thing reiten,“ sagte sie, „und einmal versuchen, ob es mit deiner Sache jetzt nicht anders steht als früher.“

„Das ist durchaus nicht nach meinem Sinn,“ antwortete Hovard, „glaubst du denn, ich bin noch nicht genug verhöhnt von Thorbjörn, dem Mörder meines Sohnes, und dass er mich nun noch mehr verhöhnen soll, wo sämmtliche Häuptlinge zusammenkommen?“

„So wird es dir nicht ergehen,“ sagte sie, „denn ich meine, dass gerade dort Jemand ist, der dir bei deiner Sache helfen wird, und das wird Gest Oddleifsson thun. Geht es nun so, wie ich meine, nämlich, dass er einen Vergleich zwischen dir und Thorbjörn zu Stande bringt, so dass er dir viel Geldes bezahlen muss, dann mein' ich, er soll noch mehr Männer dazu rufen lassen, um einen Kreis um euch zu schliessen, wenn Thorbjörn sein Bussgeld bezahlt. Geschieht es hingegen, bevor das Geld noch bezahlt ist, dass Thorbjörn etwas thut, was gegen dich ist oder was dich kränkt, dann nimm den Weg zwischen die Füsse, so schnell du nur kannst, und fühlst du dich dann wohler und kräftiger als jetzt, dann darfst du in dieser Sache schlechterdings auf keinen gütlichen Vergleich mehr eingehen, denn dann ist Hoffnung vorhanden, dass unser Sohn noch gerächt wird, so wenig es auch jetzt darnach aussieht; aber wenn nicht, dann darfst du auch nicht ohne einen gütlichen Vergleich vom Thing weggehen, denn dann wird ohnedies nichts aus der RacheRache zu üben, galt bei allen germanischen Stämmen den Blutsfreunden und Verwandten als heiligste Pflicht, und durfte ohne den Verlust der Ehre nicht ausser Acht gelassen werden. Das Wehrgeld für Erschlagene ist eine spätere Einführung, um den aus der Blutrache fortwährend neu entstehenden Familienstreitigkeiten ein Ende zu machen. In früherer Zeit aber war es schimpflich für Die, welche Rache üben konnten, Wehrgeld anzunehmen, und konnte daher die Annahme desselben jederzeit verweigert werden..“

Er sagte darauf, dass er nicht recht einsähe, wozu das gut wäre; „aber wüsste ich nur, dass Olaf endlich gerächt werden konnte, so läge mir auch nichts daran, und wenn ich auch, wer weiss was, dafür thun müsste.“

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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