Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

4. Capitel

 

Thorbjörn, Thjodreks Sohn, ritt jeden Sommer mit seinen Leuten zum Thing; er war ein grosser Häuptling, von hoher Geburt und zahlreicher Verwandtschaft.

Um diese Zeit wohnte Gest Oddleifsson auf Haga am Bardastrand; er war ein weiser und viel erfahrener Mann und von einem vorherahnenden und schauenden Geiste wie wenig Andere, auch war er allgemein beliebt und Herr, und Gebieter von vielen Leuten. Im selben Sommer, als Hovard und sein Sohn fortzogen, ritt Thorbjörn zum Thing und freiteDer Mann, der um ein Weib freien wollte, musste dies bei dem gesetzlichen Vormunde, also dem ältesten männlichen Haupt der Familie, dem Vater, dem ältesten Sohne u. s. f. thun. Er that es selten allein, sondern in Begleitung von Verwandten und Freunden; je zahlreicher diese Begleitung war, um so sicherer war der Erfolg. Fast nie warb der Freier selbst, sondern statt seiner und in seinem Namen nach allgemeiner Sitte ein Fürsprecher, der sogleich Verwandtschaft, Vermögen und Alles, was wichtig war, kurz aufzählte. War die Familie der ins Auge gefassten Braut überhaupt geneigt, anzuknüpfen, so begannen die Unterhandlungen über die Bedingungen und nöthigen Leistungen. um Gest Oddleifssons Schwester. Gest beeilte sich nicht gerade sehr, auf diesen Antrag einzugehen; er hielte nichts Rechtes von Thorbjörn, sagte er, wegen seiner Ungerechtigkeit und seines Uebermuths. Da aber eine Menge Leute Thorbjörns Sache unterstützten, gab Gest endlich, jedoch nur unter der Bedingung nach, dass Thorbjörn auf Handschlag geloben müsste, sich keine Ungerechtigkeiten mehr erlauben zu wollen, Jedermann das Seinige zukommen zu lassen, und Recht und Gesetz zu befolgen; hielte er jedoch sein Gelöbniss nicht, dann sollte Gest das Recht haben, die Ehe wieder rückgängig zu machen und auf Scheidung anzutragen. Darauf ging Thorbjörn ein und der BrautkaufDer Brautkauf (mundr, festingafê) war die erste und unbedingte Leistung, die der Bräutigam der Familie der Braut zu machen hatte; dadurch wurde die Frau aus dem Rechts- und Schutzverhältniss ihrer Geburt losgekauft, und die Vormundschaft über sie vom Bräutigam erworben. Es ist demnach ein Rechts- und nicht ein Personen - Kauf und musste dem bisherigen Rechtsbesitzer gezahlt werden. Ward er in späterer Zeit der Braut gegeben, so konnte dies nur durch eine geschenkweise Abtretung seitens des Vormundes erfolgt sein. Uebrigens war dies im Norden bereits der Fall, als die Gesetzbücher abgefasst wurden. wurde unter dieser Bedingung abgeschlossen.

Thorbjörn ritt nun mit Gest vom Thing heim nach dem Bardastrand, und da fand noch im nämlichen Sommer die Hochzeit statt mit einem glänzenden Gastmahl. Als die Nachricht hievon zum Isfjord kam, Hessen Sigrid und ihr Verwandter Thoralf Bauern zusammenrufen und Hessen durch sie all das Hab und Gut, welches Sigrid auf Lau-gabol besass, abschätzen, und darauf begab sie sich zu Thoralf auf Lonsöre.

Als Thorbjörn nach Laugabol heimkam, ergrimmte er darüber, dass Sigrid fortwar, und drohte den Bauern, welche ihr Hab und Gut abgeschätzt hatten, dass ihnen das theuer zu stehen kommen solle, legte eine unmenschliche Rücksichtslosigkeit an den Tag gegen Jedermann, und es schien, dass seine Macht durch seine Schwägerschaft mit Gest Oddleifsson noch bedeutend zugenommen habe.

In diesem Sommer waren des Bauern Hovard Schafe sehr unruhig, und eines Morgens zeitlich, als sein Schafhirt heimkam und Olaf fragte, wie es ginge, antwortete er: „Ja, so geht's jetzt, dass mir eine Menge Schafe fehlen, und ich kann nicht Beides zugleich thun, nämlich sowohl denen nachspüren, die mir noch abgehen, als auf die Obacht geben, die ich wiedergefunden habe.“

„Sei nur guten Muthes, mein Freund,“ sagte Olaf, „gieb du Acht auf die, so du gefunden, dann will ich denen nachspüren, welche noch fehlen.“

Damals war er schon ein tüchtiger und richtiger junger Mann geworden; er war erst achtzehn WinterMan zählt im skandinavischen Norden allgemein das Lebensalter eines Menschen nicht (wie in südlichen Ländern) nachFrühlingen und Sommern, sondern nach Wintern, und dem analog auch das Jahr nicht nach Tagen, sondern nach Nächten. alt, gross und stark von Körper und schön von Angesicht. Er nahm nun eine Axt in die Hand und ging dem Fjord entlang, bis er nach Lonseyre hinkam; da sah er, dass die Schafe bereits sämmtlich in Sicherheit waren und drunten am Gestade weideten.

Er begab sich hinauf in den Hof und klopfte an. Es war zwar noch frühe am Morgen, doch kam Sigrid selber an die Thüre und grüsste Olaf freundlich, und er erwiderte ihren Gruss. Als sie eine Weile mit einander geschwätzt hatten, sagte Sigrid: „Da kommt ein Schiff von jenseits des Fjords herübergefahren; ich erkenne deutlich, dass das Thorbjörn Tjodreksson und sein Neffe Vakr ist; ich sehe ihre Waffen vornen am Steven liegen, darunter auch Thorbjörns Schwert GunnlogiGunnlogi heisst, wenn man den Namen übersetzen will, etwa «die Flamme in der Hand des streitbaren Mannes» (man vergl. unser deutsches Wort «Flamroberg»). Den Schwertern Namen zu geben, war eine allgemein germanische Sitte und «logi» «liómi» «lotti» und besonders «brandr», sind gewöhnliche Schwertemamen. Wenn in alten Sagen ein Held gerühmt wird, ertönt auch das Lob seiner treuen Waffe., und eines von beiden ist nun möglich: — entweder er hat was Böses vollbracht, oder er fuhrt noch was Böses im Schilde. Da möcht' ich nun nicht, Olaf, dass ihr, du und Thorbjörn zusammenträfet; lange schon ist es kalt zwischen euch, und nicht glaub' ich, dass es besser geworden ist, seit ihr Andern mein Gut auf Laugabol abgeschätzt habt.“

„Das ist männlich gesprochen,“ antwortete sie, „dass du, der du kaum achtzehn Winter alt bist, nicht die Flucht vor dem Mann ergreifst, der sich mit jedem Andern im Kampfe messen kann; allein er hat ein Schwert: — wo es hinschlägt, da wächst kein Gras mehr, und ich glaube, dass es, wenn sie dich antreffen, gehen wird, wie mir ahnt, dass nämlich der Schuft Vakr nicht ruhig zuschauen wird, während ihr mit einander kämpft.“

„Ich habe nichts zu thun mit Thorbjörn,“ sagte Olaf, „und ich will auch nicht Streit suchen mit ihm; aber wenn wir einmal zusammentreffen, dann sollst du schon was zu hören bekommen von einer Mannesthat, wenn es Noth thut“. — Sigrid antwortete, dass sie nichts dergleichen zu hören bekommen wolle; darauf sprang Olaf auf und sagte ihr Lebewohl, und sie sagte ihm auch Fahrwohl. Dann begab er sich an den Strand hinunter, denn dort waren seine Schafe.

Thorbjörn und Vakr waren gerade vor ihm ans Land gekommen; Olaf schritt nun hinunter zu dem Schiff, packte es an und zog es sammt den Männern, die darin sassen, ans Land. Thorbjörn grüsste Olaf freundlich, er dankte und fragte, wo er hinwolle. Thorbjörn antwortete, dass er im Sinn habe, seine Schwester Thordis zu besuchen, „und so können wir ja mit einander dahin gehen.“

„Das lässt sich nicht wohl machen,“ sagte Olaf, „denn ich muss meine Schafe heimtreiben; wahr ist es dann, dass die Schaftreiber am Isfjord angesehene Männer sind, wenn auch du dich herablässt, einmal mitzuthun.“ — „Um Dergleichen kümmere ich mich nicht,“ antwortete Thorbjörn.

Am Gestade lag gerade ein aufgeschichteter Haufen Zimmerholz und obendrauf lag ein langer Bootshaken, dessen eines Ende abgebrochen war; diesen hob Olaf auf, und mit ihm in der Hand trieb er jetzt die Schafe vor sich her, und sie folgten ihm sämmtlich nach. Thorbjörn ging und sprach mit Olaf und war sehr heiter und guten Muths. Olaf merkte, dass sie die ganze Zeit hinter ihm dreingehen wollten; allein da sah er sich vor, und sie gingen neben einander einher, an Felsen und Hügeln vorbei, da trennten sich ihre Wege. Jetzt drehte sich Thorbjörn um: „Nicht länger brauchen wir das noch hinauszuschieben, was wir im Sinn gehabt haben, Vakr,“ sagte er.

Olaf merkte nun, was sie im Schilde führten, und ging auf den Hügel hinauf, aber sie griffen ihn von unten her an. Olaf wehrte sich mit dem Bootshaken, Thorbjörn schlug jedoch durch Dick und Dünn mit dem Schwert Gunnlogi zu und spaltete Olafs Bootshaken, als wäre es ein Bund Schilfrohr gewesen; indess bekamen sie doch selbst tüchtige Schläge genug, so lange noch ein Stumpf davon übrig war; als er jedoch ganz und gar in Stücken war, nahm er seine Axt und wehrte sich tapfer damit, so dass den Andern angst und bange wurde, wie das enden sollte, und Jeder bekam sein Theil und seine Wunden.

Thordis, Thorbjörns Schwester, trat an dem Morgen aus dem Hause heraus, die hörte da zwar das Waffengetöse, konnte aber Nichts von den Kämpfenden sehen; da schickte sie ihren KnechtDie Knechte waren grösstentheils Unfreie und Sklaven, besonders war dies der Fall in den ältesten Zeiten, wo auf jeden Freien wenigstens soviel Land kam, als er brauchte; später traten auch Freie in ein Dienstverhältniss zu den Reichen; auf diese freien Dienstleute nahm dann das Gesetz besondere Rücksicht, und stellte sowohl ihre Rechte als Pflichten genau fest. hin, um einmal nachzusehen, was denn dort los wäre. Er that, wie ihm geheissen, kam wieder und sagte, dass es ihr Bruder Thorbjörn und ihr Sohn Vakr sei, welche sich dort mit Olaf, Hovards Sohn, schlügen. Da ging sie hinein und brachte ihrem Sohne Skarf diese Märe und bat ihn, doch auch hinzugehen und seinen Verwandten zu helfen.

Er antwortete: „Da möchte ich schon lieber dem Olaf gegen sie helfen; ich halte es überhaupt für eine Schmach, dass Drei, da es doch schon die Beiden mit vier Andern aufnehmen könnten, gegen Einen kämpfen; ich gehe einmal nicht dahin!“

„Ich habe geglaubt,“ sagte Thordis, „ich habe zwei brave Söhne, doch es bleibt wahr, was man sagt, dass nämlich gar Manches anders ist, als man denkt, und nun weiss ich doch, dass du nicht mein Sohn, sondern höchstens eine Tochter von mir bist, da du dir nicht einmal getraust, deinen Verwandten zu helfen; und nun will ich dir auch beweisen, dass ich ein tapfereres Weib bin, als du ein Mann.“

Damit ging sie zur Thüre hinaus; er hingegen gerieth in eine furchtbare Wuth, sprang auf, ergriff seine Axt, lief hinaus und den Hügel hinunter, dorthin, wo die drei Kämpfenden standen. Thorbjörn sah ihn und drang tüchtig auf Olaf ein; aber Olaf sah ihn nicht, und sobald Skarf nahe genug war, schlug er ihm mit beiden Händen einen solchen Hieb zwischen die Schultern, dass die Axt bis in die Brust hineinfuhr. Olaf wollte gerade auf Thorbjörn losschlagen und holte mit der Axt aus, aber da bekam er den Schlag und kehrte sich um, Skarf zog seine Axt aus der Wunde heraus, aber Olaf gab ihm Eines auf den Kopf, dass das Hirn herausspritzte, und im selben Augenblick war Thorbjörn auf ihn losgesprungen und versetzte ihm einen Schlag gegen die Brust, so dass Olaf gerade genug hatte zum Sterben, und Beide stürzten todt hin. Thorbjörn ging darauf noch hin zu Olaf und gab ihm einen Hieb über das Angesicht, so dass ihm die Vorder- und Backenzähne herausfielen. — „Warum thust du das mit dem Todten?“ fragte Vakr.

Er antwortete, weil es ihnen vielleicht einmal von Nutzen sein könnte; dann nahm er ein Tuch und band die Zähne darin ein und hob sie auf. Darauf gingen sie hinauf in den Hof und erzählten Thordis, was geschehen war; sie war nun sehr traurig darüber und bereute es, dass sie ihren Sohn so in den Tod gehetzt hatte; doch sorgte sie für sie und pflegte sie, denn sie waren Beide sehr mit Wunden bedeckt.

Die Märe von diesem Kampf war bald ruchbar geworden ringsum am ganzen Isfjord, und allgemein war man der Ansicht, es sei jammerschade, dass Olafs Schicksal kein besseres war, nachdem er sich mit solchem Kämpenmuth gewehrt. Darin führte sich Thorbjörn auch einmal ehrlich auf, dass er sagte, was wahr war, wie es zugegangen, und dass er mit Achtung von Olafs Tugenden sprach. Sie fuhren heim, sobald sie dazu im Stande waren und sobald ihre Schwäche und Mattigkeit vorüber war. Thorbjörn begab sich nach Lonseyre und fragte nach Sigrid; da erhielt er zur Antwort, dass sie sich nicht mehr gezeigt habe, seit sie an jenem Morgen mit Olaf hinweggegangen sei; es ward weit und breit nach ihr gesucht, und es wird von ihr erzählt, dass sie nirgends mehr zu finden war. Darauf fuhr Thorbjörn heim und sass in Ruhe auf seinem Hofe.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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