Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

3. Capitel

 

Nun ist zunächst zu erzählen, dass einmal ein Walfisch in den Isfjord hineintrieb. Thorbjörn und Hovard hatten an beiden Seiten StrandrechtWie der Fischfang überhaupt auf Island durch Gesetze geregelt war, so galten ganz besonders genaue Satzungen in Bezug auf den Walfischfang, und das Walfischrecht war ausserordentlich fein entwickelt und ausgebildet; so war u. A. anders als für den gewöhnlichen Fischfang die Gränze, von welcher die Besitznahme des angetriebenen Fisches erlaubt war, für diesen bestimmt. Die Gewinnung der Wale (zu welchen man aber nicht nur den eigentlichen Walfisch, sondern auch alle Arten von Delphinen etc., ja sogar das Walross rechnete) war ziemlich verschiedenartig. Gewöhnlich wurde er mit Harptmen erlegt, häufig aber trieb er auch todt ans Land. In diesem Falle traten dann die verschiedenen Bestimmungen über Besitz und Antheil in Kraft zwischen dem Harpunirer, resp. dem Finder, dann den Leuten, die das Thier ans Land brachten, dem Landeigenthümer, auf dessen Grund und Boden dieses gebracht wurde, und dem Strandberechtigten (Strandrechtsbesitzer), an dessen Ufer dasselbe antrieb, — falls der Finder nicht Alles in einer Person war. Fand sich ein Wal innerhalb der Strandgänze, so verfiel derselbe dem Rechte des Landeigenthümers, der ihn dann sofort festband, und selbst dann, wenn derselbe wieder losgerissen und an einem fremden Strande angetrieben wurde, dem ersten Occupanten nicht verloren ging, wenn dieser nur nachweisen konnte, dass er ihn mit der gehörigen Sorgfalt angebunden hatte. In vielen Fällen musste der Finder natürlicherweise mit dem Harpunirer, sowie mit den Leuten, die ihm den Fisch ans Land ziehen halfen etc. theilen. Welche Wichtigkeit der Walfischfeng hatte und welch' hohen Werth man ihm beilegte, mag man am besten aus den vielfachen Erzählungen vom Antrieb dieser Thiere, in den Sagen ersehen.; man sagte sogleich, dass der Walfisch dem Hovard zufallen müsse, und es war der schönste Walfisch, den man je gesehen. Beide fuhren hin und wollten die Sache auf einen Richterspruch ankommen lassen; es kam da eine grosse Menschenmenge zusammen und Alle waren der Meinung, es sei ganz offenbar, dass der Fisch von Rechtswegen dem Hovard zustehe. Thorkell, der Rechtsprecher des Isfjorder Bezirks, war auch herzugekommen und wurde jetzt gefragt, wem der Fisch gehöre; er antwortete mit ziemlich leiser Stimme: „Gewiss gehört den Leuten der Walfisch.“ Thorbjörn drang mit gezücktem Schwert auf ihn ein und fragte: „Wem, du Elender?“ — „Ganz gewiss Euch, Euch!“ erwiderte er rasch und liess den Kopf hängen. Thorbjörn brauchte da Gewalt und nahm den ganzen Walfisch; Hovard fuhr heim und war nun sehr schlecht zufrieden, aber Jedermann war der Ansicht, dass Thorbjörn da wieder einmal mit schamloser Ungerechtigkeit und Gewalt zu Werke gegangen sei und sich recht als Schuft gezeigt habe.

Eines Tages begab sich Olaf zu seinen SchafställenWiewohl die Heerden gewöhnlich Sommer und Winter auf den Weiden blieben, so befand sich doch auf jedem Hofe innerhalb des Zaunes ein eigener Schafstall (sauðahús); in diesem wurde aber nur ein verhältnissmässig kleiner Theil des Viehstandes gehalten, die sog. Zaunthiere; die Hauptheerde schweifte auf Wiesen und Almen herum und blieb in den Hürden oder in den Gehöften, welche, unsem Vorwerken vergleichbar, vom Stammhofe entfernt lagen und hauptsächlich zur Viehzucht bestimmt waren., denn es war gar ein harter Winter dieses Jahr, und es that Noth, dass die Leute sehr oft zu ihren Ställen gingen, um nachzusehen, und die letzte Nacht war ein furchtbarer Schneesturm gewesen. Als er wieder fortgehen wollte, sah er einen Mann herauf und auf das Haus zukommen; es war Brand der Starke. Olaf grüsste ihn freundlich und Brand erwiderte seinen Gruss. Olaf fragte ihn, was er so spät noch da heraussen treibe?

„Es ist nicht der Mühe werth, davon zu reden,“ sagte Brand; „ich bin diesen Morgen zeitlich zu meinen Schafen gegangen, aber sie waren zum Strand hinuntergelaufen. Nun giebt es da allerdings zwei Stellen, wo man sie wiederum hinauftreiben kann; allein so oft ich das auch versuchte, stand ein Mann da und vertrat ihnen den Weg, so dass sie zurück und mir entgegenliefen; und so ist es gegangen den ganzen Tag hindurch bis jetzt. Da möchte ich denn jetzt gerne, dass wir zusammen dahin gingen.“

„Ich will dir zu Willen sein und thun, worum du mich bittest;“ sagte Olaf. Sie gingen nun zusammen zum Strand hinunter; so oft sie indessen die Thiere hinauftreiben wollten, sahen sie, dass Thormod, jenes Gespenst, mit welchem Olaf in der Nacht gerungen, dastand und ihnen den Weg vertrat, so dass sie wieder zurückliefen.

„Was willst du nun lieber, Brand,“ fragte Olaf, „die Thiere jagen oder dich in einen Kampf mit Thormod einlassen?“

„Da will ich das Leichtere wählen,“ antwortete Brand, „und die Thiere jagen.“

Da ging denn Olaf dahin, wo Thormod auf der Höhe stand; dort lag ein grosser Schneehaufen vor einem Hügel; Olaf lief schnurstracks auf den Hügel hinauf und auf Thormod los, aber der wich ihm aus, und als er endlich hinaufgekommen war, sprang Thormod gleich auf ihn zu und fasste ihn um den Leib. Olaf packte nun auch an, so fest er nur konnte; sie balgten sich lange herum, und es schien ihm, als ob es durchaus nicht besser geworden sei, mit ihm zu thun zu haben, seit jenem letzten nächtlichen Strauss. Es fügte sich indessen so, dass plötzlich Beide zu gleicher Zeit an den Ranft des Hügels hinfielen, und sie wälzten sich mit einander so herum, dass sie zuletzt über den Schneehaufen hinunterpurzelten; bald war der Eine unten, bald der Andere, bis sie zum Strand hinunterkamen; da lag Thormod zu unterst; das benützte Olaf und brach ihm den Rückgrat entzweiDas Tödten der Gespenster findet sich in verschiedenen Sagen und ist zugleich ein charakteristischer Unterschied zwischen dem deutschen und isländischen Gespensterglauben, da in Deutschland die Gespenster im Allgemeinen unverwundbar sind und meistens nur gebannt oder erlöst werden können. — Nach dem isländischen Volksglauben überwindet man die Gespenster besonders durch Zerbrechen des Rückgrates, Ersäufen oder Verbrennen., und nun konnte er mit ihm machen, was ihm nur beliebte; darauf schwamm er mit ihm in die See hinaus, und weit vom Lande weg senkte er ihn hinunter ins tiefste Meer. Den Leuten, die seitdem dort vorübersegeln, däucht es da nicht recht geheuer. Darauf schwamm Olaf wieder ans Land, und Brand war es nun endlich gelungen, die Thiere sämmtlich hinauf zu bringen; er bedankte sich bei Olaf herzlichst dafür und sie gingen zusammen heim.

Als Brand heimkam, war es schön sehr spät in der Nacht. Thorbjörn fragte, was ihn so lange aufgehalten, und Brand erzählte nunmehr, wie es gegangen und wie ihm Olaf geholfen habe.

Da sagte Vakr: „Ein feiger Tropf bist du geworden, da du dich nicht schämst, den Tölpel so zu loben; — das ist sein Hauptstolz und Ruhm, sich mit Gespenstern zu balgen.“

„Eine noch ärgere Memme wärest du da gewesen,“ sagte Brand; „denn du thust nur gross mit dem Maul, wie der Fuchs mit seinem schönen Schwanz; -- in keinem Stück bist du mit ihm zu vergleichen.“

So zankten sie sich mit einander herum, bis sie Beide zornig wurden. Thorbjörn gebot Brand, sich nicht gar so eifrig Olafs anzunehmen; „nicht soll es dir oder irgend einem Andern von Nutzen sein, ihn Uber mich oder meine Verwandten zu erheben.“

Der Winter ging nun zu Ende, und als es wieder Frühling wurde, sprachen Hovard und sein Sohn Olaf einmal mit einander. „Das ist nun so gekommen, Blutsfreund,“ sagte Hovard, „dass ich nicht länger Lust habe, Thorbjörn so nahe zu wohnen, da wir nicht im Stande sind, ihm mit Erfolg Widerstand zu leisten.“

„Geringe acht' ich es, dass das mein ganzer Stolz sein soll,“ sagte Olaf, „vor Thorbjörn zu fliehen: — gleichwohl will ich mich dir fügen. Doch wo willst du denn hinziehen?“

„Da drüben längs des Fjords liegen noch weit und breit freie Grundstücke und viel Land, das noch Niemandem gehört; dort will ich, dass wir unsern Wohnsitz aufschlagen, und da sind wir auch näher bei unsern Verwandten und Freunden.“

Das thaten sie denn; sie zogen mit ihren Schafheerden und Rindern und anderem Hab und Gut dorthin und bauten sich da einen schönen Hof, welcher Hovardsstatt heisst. Sie waren um diese Zeit die einzigen Bauern am Isfjord, welche LandnahmemännerLandnahmemänner waren Alle, die nach Island kamen und Besitz von einem Theil des Grundes und Bodens nahmen. Das konnten freilich die norwegischen Vornehmen, die sich ihrer Freiheit und Unabhängigkeit zu Liebe seit 874 n. Chr. auf diese Insel flüchteten, nur in der ersten Zeit der Bebauung Islands thun, denn als sich die Einwanderung später steigerte, bot das Land keine herrenlosen Gegenden mehr dar. — Ueber Art und Weise der Landnahme berichtet uns ausfuhrlich unsere Hauptquelle, das «Landnámabók.»
Der Ansiedler warf seine Hochsitzpfeiler ins Meer hinaus, und wo sie dann an's Land schwammen, dort schlug er seinen Wohnsitz auf. So überliess man es oft dem Schicksal, wo es Einen hinführte, und vertraute auf die Götter, dass sie Alles zum Besten wenden würden. Gefiel dem Ansiedler das Land, das womöglich von Wasser, Wald und Hügeln begrenzt sein sollte, so ergriff er Besitz davon und bezeichnete dies durch eine symbolische Handlung. Er zündete entweder ein heiliges Feuer an und beschritt damit die Gränzen «fór eldi um landnám sitt»; oder er schoss einen feurigen Pfeil darüber und setzte einen neugeschälten Stab als Zeichen der Landnahme ein; auch schnitt er Marken in die Bäume und richtete noch andere Zeichen und Merkmale auf. Hovard war wohl schon einer der letzten Landnahmemannen.
waren.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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