Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

1. Capitel

 

Also hebt diese Sage an, dass am Isfjord, auf dem Hofe, der da hiess Laugabol, ein Mann lebte, Namens Thorbjörn, Thjodreks Sohn. Er war der Gode am Isfjord und war aus einem grossen, hochangesehenen Geschlechte und ein mächtiger Häuptling; aber er war ungeheuer gewaltthätig und ungerecht in seinem Thun und Handeln, doch Niemand in der ganzen Gegend war da, der es gewagt hätte, sich ihm zu widersetzen; er raubte den Leuten ihre Töchter und andere weibliche VerwandteDasselbe beliebten damals viele hohe und gewaltige Herren zu thun; Jarl Hakon wurde schliesslich dafür ermordet. Auch die Berserker u. v. A. waren solche Mädchenräuber., behielt sie eine Zeit lang bei sich und schickte sie dann wieder heim; Einige brachte er um Hab und Gut oder jagte sie einfach von Haus und Hof.

Er hatte um die Zeit, von der hier erzählt werden soll, eine junge Frau von hoher Geburt, Namens Sigrid, geraubt, und behielt sie bei sich, damit sie ihm die Hauswirthschaft führe; sie besass ein grosses Vermögen, und das sollte ihr bleiben und Nichts davon angegriffen werden, so lange sie bei Thorbjörn war.

Hovard hiess ein Mann, der auf dem Hofe BlaumyrBlaumyr = blaues Moor. An dieser Stelle will ich nur erwähnen, dass sich der Name Blaumyr auch als umschreibende Bezeichnung für die See bei alten norwegischen Fischern bis auf den heutigen Tag erhalten hat; «das blaue Moor pflügen,» heisst bei ihnen ins Meer hinaussegeln. Der Ausdruck Jalk's (bekanntlich ein Beiname Odins) Myre =Meer, findet sich häufig in der skaldischen Poesie. wohnte; er war von hoher Abkunft und damals schon sehr alt. In seinen jüngern Jahren war er ein Wikinger und einer der tapfersten Kämpen gewesen, und in einem seiner Zweikämpfe wurde er schwer verwundet; namentlich hatte er eine Wunde unterhalb der Kniescheibe bekommen und seit dieser Zeit war er an einem Fuss gelähmtDaher hat er auch den Beinamen «Halte» (d. i.: der Lahme, Hinkende).. Hovards Ehefrau hiess Bjargey; sie war aus edlem Geschlechte und eine tüchtige Hausfrau. Sie hatten einen Sohn, welcher Olaf hiess und der ein hoffnungsvoller junger Mann war, von hohem Wüchse und schön von Ansehen; sie liebten ihn beide sehr und er folgte ihnen auch und war ihnen gehorsam.

Auf dem Hügel-Hofe wohnte damals Thormod mit seiner Ehefrau und die hiess Thorgerd. Die Leute wichen dem Thormod aus und um diese Zeit war er schon ein ziemlich bejahrter Mann. Das hiess es von ihm, dass er sich mit seiner einen Haut durchaus nicht begnüged. h. er war ein Zauberer, der sich in verschiedene Gestalten verwandeln konnte., und allgemein war man der Meinung, dass es schlimm sei, mit ihm zu thun zu haben.

Ljotr hiess ein grimmer Recke, der auf Monaberg am Isfjord wohnte. Er war gross und stark, ein Bruder Thorbjörns und diesem in jeder Hinsicht vollkommen gleich.

Auf der Insel Aedey wohnte ein Mann Namens Thorkell, er war zwar sehr klug, aber doch nicht besonders angeschen, wiewohl er aus einem edlen Geschlechte war, denn er hatte geringeren Muth als alle Andern. Thorkell war aber bei den Isfjordingern RechtssprecherNach dieser und einer andern Stelle in der Svarfdæla-Sage, sprach Konrad Maurer die Vermuthung aus, dass bereits vor der Begründung der Gesammtverfassung ein der Function des lögsögumaðr ähnliches Amt in den einzelnen Thingkreisen bestanden habe. Diese Vermuthtmg hat jedoch wenig Wahrscheinlichkeit für sich, es ist vielmehr anzunehmen (was auch Maurer später zugab), dass eben der Aufschreiber der Saga den aus der Verfassung seiner Zeit ihm bekannten lögsögumaðr in die Vorzeit versetzte. Thorkell wird wohl nur ein wegen seiner Gesetzkenntniss in gewissem Ansehen stehender Bauer gewesen sein..

Weiter sind in der Sage noch zwei Männer genannt; der Eine hiess Brand, der Andere Vakr; Beide waren HausgenossenDie Diener und Knechte auf Island waren meistens nur Sklaven; hie und da befand sich wohl auch der eine oder der andere Freie unter ihnen, welcher zu arm war, um selbstständig leben zu können. — Ein vermöglicher Isländer hatte aber noch andere Leute um sich: — in den Sagen ist häufig von Heimamännem (sing, heimamaðr, pl. heimamenn) die Rede, und damit sind sowohl auf Island, als auch in Norwegen reie Männer gemeint, schuldige oder unschuldige, die auf dem Hofe eines ihnen sehr oft verwandten Bauern Schutz und Unterkunft gefunden, an dessen Tisch sie sassen und dem sie bei allerlei Arbeiten behilflich waren. Es ist natürlich, dass sie auf jede Weise die Interessen ihres Wirthes zu fördern suchten, ohne durch irgend einen Contract dazu verbunden zu sein. Thorbjörns auf Laugabol. Brand war gross und übermenschlich stark, und das war seine Arbeit, dass er im Sommer herumreisen musste, um herbeizuholen, was man auf dem Hofe brauchte; im Winter aber hatte er die Aufsicht über den Viehstand, und er war ein friedlicher, allgemein beliebter Mann. Vakr war Thorbjörns Schwester-Sohn; er war ein kleiner Mann mit Sommersprossen im Gesichte, bissig und boshaft in seinen Reden und stachelte seinen Blutsfreund Thor-björn fortwährend zu Allem auf, was böse war, so dass er sich allgemein verhasst machte und die Leute schonten ihn nicht, wenn sie auf ihn zu sprechen kamen. Er that nichts Anderes, als dass er mit Thorbjörn aus- und einging, in dessen Aufträgen herumzog, oder auf sein Anstiften bald den einen, bald den andern Schurkenstreich verüble.

Vakr's Mutter hies Thordis; sie war Thorbjörns Schwester und wohnte auf Hvol am Isfjord. Sie hatte noch einen andern Sohn und der hiess Skarf; der war sowohl gross als stark, und war bei seiner Mutter und führte ihr die Wirthschaft auf dem Hofe.

Auf Lonseyre wohnte Thoralf, ein überall beliebter, aber nicht sonderlich angesehener Mann. Er war mit Thorbjörns Hauswirthin Sigrid nahe verwandt, und hatte sich erboten, Sigrid zu sich zu nehmen und ihr Hab und Gut fruchtbringend anzulegen; aber Thorbjörn zeigte da wieder sein gewaltthätiges und eigenmächtiges Wesen, denn er sagte: „Nein!“ und gebot ihm hinfort von dieser Sache kein Wort mehr zu reden.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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