Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

Einleitung in die Saga.

 

Im sogenannten Westviertel Islands, dessen Felsenufer an Riffen reicher und zerklüfteter sind, als die aller übrigen Viertel, wenige Meilen vom Nordcap entfernt, befindet sich der grosse Isfjord, dessen südliche Seite sich abermals in mehrere kleine Fjorde zertheilt; und hier an den Ufern dieses Fjords und in seiner Nähe, also gewiss in «ultimaThule», wickelten sich die Begebenheiten, die uns die Hovard Isfjordings-Sage erzählt, ab. Damals, als das Land noch in 13 Thingkreise eingetheilt war, gehörte dieser Theil dem Thorskefjordsthing an, heute dem Isfjords - Syssel, wie man die Bezirke bereits seit der Vereinigung Islands mit Norwegen (1263—1264 n. Chr.) nennt. Da sich, trotzdem das Erdreich hier stellenweise sumpfig ist, grosse, ergiebige Grasplätze am Isfjord finden, so machten sich auch schon in den ersten Zeiten der Ansiedelung mehrere Familien hier ansässig. Nach dem Landnámabók waren es neun Landnahmegeschlechter; zu diesen aber gehörte Thorbjörns Vater Thjodrek nicht, denn er ist vermuthlich erst in seinem spätem Alter von Osten her an den Isfjord gezogen, und muss hier entweder Land von den früheren Besitzern gekauft, oder sonstwie erworben haben; und wenn wir vom Sohne auf den Vater schliessen dürfen, verdrängte er sie mit Gewalt. Hovard aber gehörte, wie es in der Sage ausdrücklich heisst, einem der edelsten Geschlechter an, und wenn auch sein Vater zufälligerweise gar nicht genannt ist, so sprechen doch viele Wahrscheinlichkeitsgründe dafür, dass er ein Sohn Gunnsteins gewesen, dessen Vater Gunnbjörn, (der um 910 die nach ihm benannten Gunnbjörnsschären entdeckte), ein Sohn Ulf Kráka's und Bruder des Landnahmemannes Grimkel war. Als seine Mutter bezeichnet er selbst einmal in einem Liede eine Geirdis; dieser seltene Frauenname kommt einmal an einem andern Orte als der Name einer Frau, welche einem Opferhaus vorstand, vor und so können wir diese, da es sowohl der Zeit als der Gegend nach nicht unwahrscheinlich ist, wohl als seine Mutter gelten lassen. Uebrigens dürfen wir uns den alten Hovard in Wirklichkeit durchaus nicht so wehrlos und ganz in der Gewalt Thorbjörns denken, wie er Anfangs in unserer Sage geschildert wird, damit seine späteren Thaten um so bewtmderungswürdiger erscheinen; schon aus den kostbaren Gastgeschenken, die er Allen, die ihm beigestanden, am Schlüsse des Festmahls gab, können wir auf seinen Reichthum schliessen

Dass Thorbjörn, den die angesessenen Geschlechter natürlicherweise für einen frechen Eindringling hielten, und der obendrein Nichts unterliess, um sich verhasst zu machen, sehr wenig Freunde hatte, ist begreiflich. Nur in Folge seiner Godenwürde, seiner Gewaltthätigkeit und seines Reichthums war es ihm möglich, sich solche Macht am Isfjord zu ertrotzen; übrigens gehörte er einem alten und hochangesehenen schwedischen Geschlechte an, dessen Stammvater, der Herse Gormr, ein Zeitgenosse Ragnar Lodbroks, mit einer Tochter des Upsalakönigs Eirik verheirathet war, und ein späterer Nachkomme dieser Familie war auch der nordische Herodot Snorri Sturluson.

Wie schon in der Vorrede bemerkt, finden sich in Bezug auf die Namen etc. verschiedene Unrichtigkeiten; zu diesen gehört beispielsweise gleich die Thatsache, dass Thorbjörn keinen Bruder Namens Ljotr besass, wohl aber einen Namens Knöttr, und einen weiteren (in dieser Sage übrigens gar nicht erwähnten) Bruder Thjodrek, sowie einen, Namens Víga-Sturla (Mord-Sturla). Dieser Letztgenannte wurde aber schwerlich von Hovard erschlagen, da wir ihn viel später in andern Sagen noch erwähnt finden, und es ist anzunehmen, dass jener Sturla, den unsere Sage für einen Bruder Thorbjörns ausgibt, vielmehr ein Sohn von Thorbjörns wahrscheinlicherweise schon früher verstorbenem (oder bei den damaligen isl. Verhältnissen noch wahrscheinlicher schon erschlagenem) Bruder Thjodrek war; während verschiedene Gründe dafür sprechen, dass der gegen den Schluss unserer Sage erwähnte Thorarin ein Sohn Thorbjörns selbst sein konnte. Femer dürfte Bjargey nicht die Schwester, sondern vielmehr die Tochter Valbrands (nach der einen Recension der Landnáma) und Hallgrim ein Bruder von ihr gewesen sein, während Osbrand und sein Bruder Thorbrand wahrscheinlich Bjargeys Vettem, die Söhne des allein als Bruder Valbrands in der Landnäma erwähnten Thorleif gewesen sein mögen. Dies lässt sich jedoch nicht mit solcher Bestimmtheit behaupten, wie die Thatsache, dass der in unserer Sage Anfangs gewiss carrikirte Atli eins war mit jenem Atli, von dem es heisst, dass er mit des oben erwähnten Thorleif Tochter Thurid verheirathet, und folglich ein Verwandter Bjargeys gewesen, und der die Godenwürde besessen. Dieser Atli wohnte aber nicht in Otrardal, sondern auf dem gegenüber liegenden Hofe Eyri, während Steingrim (der hier mit dem aus der Eyrbyggja Saga bekannten Steinthor von Eyri verwechselt wurde), wie auch die Njála beweist, in Otrardal wohnte und wahrscheinlich mit einer Tochter Atli's verheirathet war. Es ist selbstverständlich, dass diese Bemerkungen nur die grössere Wahrscheinlichkeit für sich haben, ohne desshalb umwiderleglich zu sein.

Es bleibt mir jetzt nur noch übrig, über die Zeit, in der sich die hier erwähnten Begebenheiten zutrugen, einige Worte hinzuzufügen. Durch die Erwähnung von Jarl Hákons Tod, welcher bekanntlich in das Jahr 996 n. Chr fiel, gewannen wir aus der Sage selbst den kaum unrichtigen Maassstab für die Zeitberechnung, und wir dürften im Allgemeinen sicher gehen, den Zeitraum von etwa 992—997 dafür anzusetzen. Man darf annehmen, dass die Hovards-Sage noch im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurde, und gerade die Irrthümer, die sich in ihr finden, lassen uns vermuthen, dass das erste Manuscript derselben von den Mönchen auf Thingeyri, vornehmlich von Odd Munk (Mönch) und Gunnlaug herstammt, da sich in der Fostbrædra-Sage, die, besonders was die Jugendabenteuer Thormods und Thorgeirs anbelangt, ganz wohl für eine Fortsetzung der Hovard Isfjordings-Sage angesehen werden darf, und von der wir ziemlich gewiss wissen, dass sie von Thingeyri stammt, dieselben Irrthümer und Verwechslungen wie in der vorliegenden Sage finden und nachweisen lassen. Es würde zu weit fuhren, hier noch Mehreres auseinanderzusetzen, und so verweise ich denn zunächst auf die Anmerkungen und hoffe den Leser nun über keinen Punkt der Sage mehr im Unklaren gelassen zu haben.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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