Willibald Leo

Die Hovard Isfjordings-Sage
(Hávarðar saga Ísfirðings)

Vorwort.

 

Fast ein Jahrtausend lebten die altnordischen Sagen bei den Isländern fort, die als mündliche Ueberlieferungen von Geschlecht zu Geschlecht übergingen, und erst später, vom 12. bis 14. Jahrhundert, sorgfältig aufgeschrieben wurden: — diese herrlichen Denkmäler germanischen Geistes lebten auf der fernen Eis-Insel, auf welcher sich auch die alte, kernige Sprache seit tausend Jahren fast unverändert erhalten hat, fort: — aber unbeachtet, vergessen von der übrigen Welt. Als das nationale Bewusstsein bei den germanischen Völkern mächtig erwachte, als sich die germanistische Philologie Bahn brach, da ward man erst auf die hohe Wichtigkeit der altisländischen Sagen und Lieder aufmerksam. Dass dies im skandinavischen Norden, vornehmlich in Dänemark früher der Fall war, ist natürlich, — aber von welch' hohem Werthe die Kenntniss des alt nordischen Lebens für die Erkenntniss der alt deutschen Verhältnisse ist, erkannte man auch in Deutschland gar bald, und es dauerte nicht lange, so hatte sich die Edda bereits das Bürgerrecht in der Weltliteratur erworben. Trotzdem aber blieb die Gemeinde der Verehrer der altnordischen Literatur stets, wenn auch eine begeisterte, doch nur eine sehr kleine, und die ausgegebenen Schätze blieben ein Eigenthum der wenigen Kenner, und waren auch nur diesen zugänglich. Erst jetzt scheinen dem grösserem Publicium die Augen aufgegangen zu sein, nachdem es sich an welschen Machwerken übersättigt, dass da Blut von unserm Blute und Fleisch von unserm Fleische in den altnordischen Sagen lebt, und dass es eine köstliche Labe ist, aus dem Quell zu trinken, der vor tausend Jahren unsere Brüder erquickt: — die urgewaltige Grösse dieser Sagen und Lieder musste ja durchdringen!

Viele der uns noch erhaltenen Sagen lebten ursprünglich in der Form von Liedern fort, deren im Lauf der Jahre entstandene Lücken von dem Aufschreiber durch eine Prosa-Erzählung der damals noch allgemein bekannten Thatsachen ergänzt wurden. So musste es sich augenscheinlich auch mit der vorliegenden «Hovard Isfjordings-Sage» verhalten haben, und wir müssen es tief beklagen, dass nur so wenige Strophen dieses trefflichen Skalden auf uns gekommen sind. Ausserdem sind die noch vorhandenen Handschriften dieser Sage leider ganz ausserordentlich fehlerhaft, namentlich was die Verse anbelangt, so dass wir es erst den scharfsinnigen Conjecturen des trefflichen Gísli Brynjúlfsson zu verdanken haben, Hovards Lieder überhaupt geniessen zu können. Was die Erzählung selbst anbelangt, so ist sie, vom ästhetischen Standpunkte aus betrachtet, gradezu ausgezeichnet; eine fast novellistische Feinheit in der Zeichnung und consequenten Durchführung der Charaktere, sowie die treffliche Schürzung und Lösung des Knotens unterscheiden sie vortheilhaft von vielen anderen kleineren isländischen Sagen; die fortwährend lebhafte Handlung hält den Leser bis zum Schluss in Spannung, und man kann alle Verhältnisse des altisländischen Lebens in treuer Schilderung daraus kennen lernen. Nur vom Standpunkte der historischen Kritik lassen sich einige Einwendungen und zwar, was die Namen und die Verwandtschaftsgrade einzelner der handelnden Personen, sowie die genaue Angabe der Oertlichkeiten anbelangt, machen; denn es ist offenbar, dass der erste Aufschreiber die Sage, die fast durchaus auf historisch unbestreitbaren Thatsachen beruht, wohl vom Hörensagen ziemlich gut kannte, aber weder mit den Verhältnissen und den Familien der handelnden Personen, noch mit der Gegend, in der die Sage spielte, genauer vertraut war. So ist es auch begreiflich, dass er sich einige Irrthümer zu Schulden kommen liess, welche die spätem Abschreiber, die vielleicht da und dort corrigiren wollten, nur noch verschlimmerten. Gísli Brynjúlfsson bemühte sich in seiner gediegenen Abhandlung: «Om Hovard og hans Viser» mit seltenem Aufwand von Scharfsinn die verschiednen Fehler wieder zu verbessern, was ihm auch zum grossen Theil gelungen sein dürfte; ich aber glaubte nicht so weit von meinem Originale abweichen und diese Verbesserungen in den Text mit aufnehmen zu dürfen, so wenig wie G. Thordarson, der Herausgeber des isländischen Originals, nach welchem ich meine Uebersetzung machte; wohl aber habe ich ab und zu in den Anmerkungen an geeigneter Stelle, sowie bei den Liedern Hovards die geistreichen Conjecturen Brynjúlfssons benützt und angeführt. In Bezug auf die eben erwähnten Anmerkungen will ich nur bemerken, dass ich glaube, damit Allen, die mit den eigenthümlichen Verhältnissen des altisländischen Lebens weniger oder noch gar nicht vertraut sind, eine willkommene Zugabe, die erst den vollkommeneren Genuss und genaueres Verständniss der Sage ermöglicht, geboten zu haben, ohne dass ich behaupte und noch weniger den Anspruch erhebe, dabei mit ganz neuen Forschungen und Ideen hervorgetreten zu sein.

Wie schon erwähnt, legte ich meiner Uebersetzung hauptsächlich G. Thordarsons gediegene Ausgabe unserer «Hávarðar saga Ísfirðings» (Kopenhagen, 1859) zu Grunde, die ihrerseits hauptsächlich nach der auf der Kopenhagener Universitäts-Bibliothek befindlichen Papierhandschrift No. 160, Fol. der Ama - Magnaeischen Sammlung besorgt ist. Uebersetzt wurde die Sage schon mehrfach ins Dänische und Schwedische, und hier biete ich sie zum erstenmal in deutschem Gewände dar. Ich habe mich bemüht, den einfach naiven Ton des Originals auch in der Uebersetzung festzuhalten, um so denselben Eindruck auf den deutschen Leser zu machen, den der Urtext auf den Isländer macht. Bei den der Sage eingeflochtenen schönen Liedern Hovards behielt ich den Stabreim auch im Deutschen bei (wie Simrock in seiner Edda), aber ich übersetzte sie frei und gab sie mehr dem Sinn, als dem Wortlaut nach wieder. Ich bin durchaus kein Freund von allzufreien Uebersetzungen, aber bei diesen Liedern glaubte ich mich freier bewegen zu mü ssen, da ich den Leser mit den oft ganz unverständlichen poetischen Umschreibungen, die in der skaldischen Poesie allgemein gebräuchlich, ja gradezu Regel waren, nicht ermüden und abschrecken wollte. Ich löste daher die meisten Umschreibungen in deren Inhalt auf, oder wählte doch näher liegende, verständlichere Bilder, um so den Charakter der Lieder nicht zu verwischen, und dazu hielt ich mich durch unsere, von den altnordischen grundverschiedenen ästhetischen Anschauungen für berechtigt. Das Publicum des Skalden kannte und verstand seine Umschreibungen, und je räthselhafter und schwieriger diese klangen, desto besser gefielen sie den Zuhörern, denen es Freude machte, ihren eigenen Scharfsinn dabei zu zeigen. Von diesen Voraussetzungen durfte ich aber nicht ausgehen, und ich musste also frei den Sinn der Strophen wiedergeben, da ja gerade bei Versen der ästhetische Genuss höher steht, als das Interesse des Wort für Wort mit dem Fingernagel nachfahrenden Philologen. Ich überlasse es nun dem Leser, sich darüber selbst ein Urtheil zu bilden, ob eine freie oder eine solche «buchstabentreue» Uebersetzung hier berechtigter ist, und neugierig bin ich nur, wer aus der hier mitgetheilten Strophe einen Sinn herauszufinden im Stande ist.

So übergebe ich denn der deutschen Lesewelt dieses kleine Werk mid hoffe, der herrlichen Literatur Islands damit neue Freunde gewonnen und zu deren Studium ermuntert zu haben.

Döbling bei Wien, Pfingsten 1878.

Willibald Leo.

Anmerkung Manfrieds Trelleborg:
Hinter dem Pseudonym «Willibald Leo» verbirgt sich der Lübecker Maler und Schriftsteller Willibald Leo Freiherr von Lütgendorff-Leinburg.

 

Quelle:
Willibald Leo: Die Hovard Isfjordings-Sage - Hávarðar saga Ísfirðings (1878).

 

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