Josef Calasanz Poestion

Die Saga von Fridthjof dem Starken.
(Friðþjófs saga hins frœkna)

6. Theil

 

Elftes Kapitel

Fridthjof als Salzbrenner

 

Fridthjof gewahn viel Beute und Ansehen; wohin er zog, erschlug er die Uebelthäter und grausamen Wikinger; aber die Bonden und Kaufleute liess er in Frieden. Er wurde darum aufs Neue Fridthjof der Starke genannt. Er hatte ein grosses, wohlbestelltes Gefolge, und war sehr reich an fahrender Habe geworden.

Als aber Fridthjof drei Winter auf Seeraub gewesen war, fuhr er ostwärts und legte an in der WikDer Meerbusen zwischen Norwegen und Schweden, jetzt Vigen.. Da sagte Fridthjof, er werde an's Land gehen. „Ihr aber sollt den Winter über auf Raubfahrt liegen, denn mir beginnt das Plündern zuwider zu werden. Ich werde nach Uppland fahren und König Ring aufsuchen und sprechen. Ihr aber sollt im Sommer hier wieder mit mir zusammentreffen, und zwar werde ich am ersten Sommertage hieher kommen.“

Björn sagt: „Dieser Rathschluss ist nicht gut, doch Du hast zu bestimmen; ich möchte, dass wir nördlich nach Sogn fuhren und die beiden Könige Halfdan und Helge erschlügen.“

Fridthjof sagt: „Zu nichts ist das; ich will lieber hinfahren, den König Ring und Ingebjörg zu besuchen.“

Björn sagt: „Ungern verstehe ich mich dazu, dass Du Dich allein zu ihm wagst; denn Ring ist klug und von vornehmer Abkunft, wenn er auch etwas alt ist.“

Fridthjof sagte, er werde schon sorgen: „Und Du, Björn, sollst inzwischen die Mannschaft befehligen.“ — Sie thaten, wie er verlangte.

Fridthjof fuhr im Herbste nach Uppland, denn er wollte das Liebesverhältnis zwischen König Ring und Ingebjörg kennen lernen. Und bevor er dahin kam, zog er einen grossen KapuzenmantelDen Mönchskutten mit Kapuze ähnlich. über die Kleider an und war nun ganz bärtig. In jeder Hand hatte er einen Stock und vor dem Gesichte eine Maske, und machte sich so alt wie möglich. Hierauf traf er einige Hirtenknaben, that recht demüthig und fragte: „Woher seid Ihr?“

Sie aber antworteten: „Wir sind daheim zu Streitaland im Wohnorte des Königs.“

Der alte Mann fragt: „Ist er ein mächtiger König?“

Sie antworteten: „Es scheint uns eher an Dir, der Du so alt bist; dass Du etwas wissen könntest, in welchen Verhältnissen sich König Ring in jeder Hinsicht befindet.“

Der alte Mann sagte, er habe sich mehr um das SalzbrennenMan gewann das Salz nach uralter Weise, indem man das Wasser der nicht spärlichen Salzquellen auf brennendes Holz goss, was man »Salzbrennen« nannte. Männer, welche hieraus ein Gewerbe machten, hiessen »Salzmänner« oder »Salzbrenner«. Es waren gewöhnlich arme Teufel. bekümmert als um das Treiben der Könige. Darauf ging er hin zur HalleHalle und Saal nannte man ein grösseres Haus gewöhnlich der Jarle und Könige. Davor ist ein Vorraum, oft mit Thürwärtern, der vom Saale geschieden war, in den man aber von diesem aus sehen konnte.
Es scheint die Vorstube auch etwas höher gelegen zu haben als die Mitte der Halle, wenn auch nicht so hoch als die gegenüberliegenden Sitze.
und trat gegen Tagesende in dieselbe hinein, und sah ganz kümmerlich aus und nahm Stellung ganz draussen, warf die Kaputze über und verstellte sich so.

König Ring sagte zu Ingebjörg: „Ein Mann ging dort herein in die Halle, viel grösser als andere Männer.“

Die Königin antwortete: „Das ist für Dich doch keine grosse Begebenheit. “

Er sprach da mit dem Dienstmanne, der vor dem Tische stand: „Geh und frage wer er ist, der Kapuzenmann, von woher er kommt und wo er seine Heimat hat.“

Der Diener lief hinaus in den Vorraum zum Ankömmling und sagte: „Wie heisst Du, Mann? wo warst Du nachten? und wo ist Deine HeimatDies war die stehende Frage, womit man sich nach noch unbekannten Gästen erkundigte.?“

Der Kapuzenmann sagt: „Hastig fragst Du, Diener! aber kannst Du auch gut berichten, wenn ich Dir nun hiervon sage?“ — Er sagte, dass er es wohl könne.

Der Kapuzenmann spricht: „Thjof (Dieb) heiss ich, bei Wolf war ich über Nacht, aber in Harm bin ich auferzogen worden.“

Der Diener lief zum Könige und sagte ihm die Antwort des Ankömmlings.

Der König spricht: „Du hast es gut verstanden, Diener; ich kenne den Bezirk, der Harm heisst, und es mag sein, dass dem Manne nicht herzbehaglich ist; und es wird dies ein kluger Mann sein, und es dünkt mir, dass viel an ihm sei.“

Die Königin sagt: „Das ist eine sonderbare Weise, dass Ihr mit jedem Kerl, der hieher kommt, so überflüssig zu sprechen begehrt; oder was ist denn an diesem?“

„Du weisst es nicht besser als ich“, sagte der König; „ich sehe, er denkt mehr als er spricht und schaut sich weit' um“.

Hierauf sandte der König einen Mann nach ihm, und der Kapuzenmann ging hinein vor den König, gar gekrümmt, und grüsste ihn mit demüthiger Stimme. Der König sprach: „Wie heisst Du, grosser MannFridthjof war also von auffallender Grösse; dies will viel sagen, wenn man bedenkt, dass hober, kräftiger Wuchs bei den alten Nordländern die Regel war.
Wir haben in den nordischen Geschichten Schilderungen genug von den gewaltigen Leibern der Recken und Helden. Siegfried war nach der Völsungasaga so hoch, dass die Spitze seines sieben Spannen langen Schwertes gerade an die Aehren reichte, wenn er durch ein reifendes Kornfeld schritt. König Harald Hardradi von Norwegen war fünf Ellen lang. Solcher Länge entsprach die Breite.
Ketil Hæng sah wie ein Nebenberg aus, wenn er auf einem Hügel sich niedergesetzt hatte. Von zwei verbrüderten Kämpfern: Hialmter und Ólver, wird erzählt, dass jener den Raum von zwei Männern, dieser gar von dreien auf der Trinkbank bedurfte. Ein gewisser Hórd kam ihnen gleich.
?“ Der Kapuzenmann antwortete und sang die Weise:

„Da hiess ich Fridthjof,

Als ich fuhr mit Wikingern;

Aber Herthjof

Als ich härmte Witwen,

Geirthjof, als ich

Geere schleuderte,

Gunnthjof, als ich

Ging zum Kampfe;

Eythjof, als ich

Inseln plünderte,

Helthjof, als ich

Kindlein spiesste;

Walthjof als ich

War über MännerDiese Namen lauten im Deutschen: Fridthjof = Friededieb, Herthjof = Heerdieb, Geirthjof = Geerdieb, Gunnthjof = Kampfdieb, Eythjof = Inseldieb, Helthjof = Todesdieb, Walthjof = Kraftdieb.
Bei Helthjof musste, um die Treue des Textes zu wahren, auf die Alliteration Verzicht geleistet werden. Zur Sache die Bemerkung Schönings: »Einige Seeräuber hatten die Grausamkeit gegen kleine Kinder, dass sie dieselben in die Luft warfen und mit ihren Spiessen wieder auffingen.«
.

Seitdem nun schweift' ich

Mit Salzgreisen,

Hilfsbedürftig

Eh' ich hieherkam.“

Der König sagt: „Von Vielem hast Du den Diebsnamen bekommen. Aber wo warst Du zur Nacht, oder wo ist Dein Heim ? und wo bist Du auferzogen und was hat Dich hieher gebracht?“

Der Kapuzenmann antwortete: „In Harm bin ich auferzogen worden, bei Wolf war ich zur Nacht; mein Sinn führte mich hieher, ein Heim aber habe ich nirgends.“

Der König sagt: Es mag sein, dass Du einige Zeit in Harm gewesen bist; auch mag es sein, dass Du in Frieden geboren bist; im Walde wirst Du die Nacht über gewesen sein, denn es gibt keinen Bonden hier in der Nähe, der Wolf heisst; wenn Du aber sagst, dass Du nirgends ein Heim habest, so dünkt Dir vielleicht wenig daran zu sein bei dem Sinn, der Dich hieher führt.“

Da sprach Ingebjörg: „Geh', Dieb, zu einer andern Herberge, oder in die GaststubeIn die Gaststube wurden alle jene Ankömmlinge gewiesen, die nicht besonderer Aufmerksamkeit werth schienen. Hier fanden auch die Bettler Unterkunft..“

Der König sagt: „Ich bin nun alt genug, dass ich den Gästen hier den Platz anweisen kann; und leg' Deinen Mantel ab, Ankömmling, und setze Dich mir zur anderen Hand.“

Die Königin spricht: „Allerthöricht handelst Du nun, dass Du Bettlern neben Dir den Platz anweisest.“

Thjof sagt: „Nicht ziemt sich das, Herr, und es ist besser, wie die Königin sagt; denn ich bin gewohnter, Salz zu brennen, als bei Häuptlingen zu sitzen.“

Der König sprach: „Thu', was ich will; denn diesmal werde ich befehlen.“

Thjof legte den Mantel ab und war darunter in einem dunkelblauen Rocke, und hatte den guten Ring an der Hand. Er hatte einen dicken SilbergürtelEin dicker, d. i. schwerer Gürtel. Silbergürtel, auch goldbeschlagene mit eingesetzten Edelsteinen, waren kein seltener Schmuck der Reicheren. um, und daran einen grossen Beutel mit klingenden Silberpfennigen, und war um die Hüften mit einem Schwerte gegürtet. Auf dem Haupte aber hatte er eine grosse Lederhaube, denn er war sehr triefäugig und bärtig im ganzen Gesicht.

„So heisse ich es besser“, sagt der König, „Du, Königin, sollst ihm einen guten Mantel gebenEs war Sitte, weitgereisten Fremdlingen gleich nach ihrer Ankunft Kleider zu reichen, und zwar wurden ihnen von den Frauen die Gewänder abgezogen und andere dargereicht., und sei höflich.“

Die Königin spricht: „Du sollst bestimmen, Herr, aber wenig liegt mir an diesem Thjof.“

Hierauf wurde ihm ein guter Mantel umgegeben und er setzte sich auf den Hochsitz zum Könige. Die Königin wurde blutroth als sie den guten Ring sah, aber doch wollte sie kein Wort mit ihm wechseln.

Der König aber war ganz fröhlich mit ihm und sagte: „Einen guten Ring hast Du an der Hand und lange musst Du dafür Salz gebrannt haben.“

Er entgegnet: „Dies ist mein ganzes väterliches Erbe.“

„Mag sein“, sagt der König, „dass Du nicht mehr hast, als ihn; aber wenige Salzbrenner, glaub' ich, gleichen Dir, wenn anders meine alten Augen recht sehen.“

Thjof war dort den Winter hindurch in guter Pflege und Jedermann hielt viel von ihm. Er war freigebig mit dem Gelde und fröhlich mit Jedermann. Die Königin sprach wenig mit ihm, aber der König war stets heiter mit ihm.

 

Quelle:
Josef Calasanz Poestion: Die Saga von Fridthjof dem Starken - Friðþjófs saga hins frœkna (1879).

 

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