Josef Calasanz Poestion

Die Saga von Fridthjof dem Starken.
(Friðþjófs saga hins frœkna)

3. Theil

 

Sechstes Kapitel

Der Seesturm

 

Aber als Fridthjof und seine Mannen heraus aus Sogn kamen, da erhob sich gegen sie ein heftiges Unwetter und ein grosser Sturm; die Wellen gingen sehr hoch; das Schiff aber flog schnell dahin, weil es leichtsegelnd und das beste in die See zu stechen war. Da sang Fridthjof die Weise:

„Schwimmen liess ich aus Sogn

Des Seewinds gepichten Rappen —

Meth tranken die Mädchen

Mitten in Baldershagen —

Heftig erhebt sich der Sturm jetzt.

Gehabet Euch wohl, ihr Bräute,

Welche uns lieben wollen.

Wenn auch Ellide sinkt.“

Björn sagte: „Das wäre schön, wo Du Anderes zu thun hast, noch auf die Mädchen in Baldershagen zu singen.“

„Dennoch wird dies nicht aufhören“ sagt Fridthjof.

Da wurden sie nordwärts verschlagen nach dem Sunde hin, der in der Nähe jener Inseln ist, welche Solundar hiessen. Es war da das Unwetter am stärksten. Da sang Fridthjof:

„Gewaltig wogt die See,

Schwer die Wolken hängen,

Weil alte Zauber walten,

Welche die Brandung herfuhrt.

Nicht will' ich mich im Sturme

Streiten mit dem Meere.

Lassen die eisbeweibtenD. i. umfangen von Eisschollen

Inseln wir schützen die Helden!“

Da legten sie an unter den Inseln, welche Solundar heissen und gedachten dort zu warten; und da hörte das Unwetter sogleich auf. Da brechen sie wieder auf und verlassen die Inseln. Es scheint ihnen nun gut um ihre Fahrt bestellt, denn sie haben eine Zeit lang günstigen Wind. Aber da fing die Fahrt an wieder rauher zu werden. Da sang Fridthjof:

„Anders früher

Zu Framnäs war es;

Da ruderte ich

Zu Ingebjörg.

Nun soll ich segeln

Im eisigen Sturme,

Leicht hinlaufen

Lassen das Seethier.“

Und als sie weit in's Meer hinauskamen, da wurde die See zum zweitenmale gewaltig erregt, und es entstand ein grosser Sturm mit so heftigem Schneefall, dass man keines von beiden Schiffsenden vom anderen aus sah; aber es kam ein Anfall auf das Schiff, dass man unausgesetzt schöpfen musste. Da sang Fridthjof:

„Kein Leben sieht man, wir sind

Hinaus in die See gerathen.

Berühmten Landes Helden

Wir, durch Hexenwetter.

Die Solundar sind uns

Ausser Sicht und im Wasser

Stehen alle achtzehn Männer

Um Ellide zu schirmen.“

Björn sagte: „Solches Uebel begegnet dem, der weit fährt.“ — „Das ist gewiss, Kamerade“, sagt Fridthjof, und sang:

„Helge wirkt, dass Reif-

Haarige Wogen wachsen;

Nicht ist's, wie die blanke Braut

In Baldershagen ich küsste;

Ungleich auch mich lieben

Ingebjörg und der König.

Lieber wollt' ich gewinnen

Sie zu meiner Wonne.“

„Mag sein“, sagt Björn, „dass sie Dir Besseres vermeint, als hier ist; doch ist nun auch dieses zu kennen nicht übel.“

Fridthjof sagt, dass dies ein Fall sein werde, gute Genossen zu erkennen, obgleich es in Baldershagen freundlicher wäre.

Sie strengten sich da wacker an, denn es waren rüstige Männer zusammengekommen, das Schiff aber das beste, das es im Nordlande gegeben hat. Fridthjof sang die Weise:

„Nichts von der Welt ist sichtbar

In's Westmeer wir geriethen;

Es scheint mir die ganze See

Ein Aschenmeer zu sein.

Schwanbefiederte Wogen

Werfen Hügel und stürzen.

Eben Ellide fällt

Auf eine verderbliche Woge.“

Da kamen grosse Wellenschläge, so dass sie alle im Bodenwasser standen. Fridthjof sang:

„Viel trinkt mir zu

Das trübe Meer.

Im Schmerz wird jammern

Die Jungfrau Östlich,

Da wo das Linnen

Lieget zur Bleiche,

Sollt' in den Schwanen-

Hügel ich sinken.“

Björn sagte: „Denkst Du, die sognischen Mädchen würden viel Thränen um Dich vergiessen?“ — Fridthjof sagte: „Das glaube ich sicher.“

Darauf bäumte sich das Schiff, so dass es wasserfallartig hineinfiel. Das aber kam zu statten, dass das Schiff so gut war und muthige Männer sich am Bord befanden. Da sang Björn die Weise:

„Nicht ist's als ob die Holde

Dir zutrinken wollte,

Und die Braut im Glänze

Ladete zum Tanze.

Von der Meereslauge

Salzig ist das Auge,

Und das Bodenwasser

n den Lidern beisst.“

Asmund entgegnete: „Das thut nichts, wenn Ihr die Arme erprobt; denn Ihr hattet nicht Mitleid mit uns, wie wir die Augen rieben, als Ihr ehedem in Baldershagen so früh aufstundet.“

„Aber warum singst Du nicht, Asmund“, sagt Fridthjof. — „Das soll nicht fehlen“, sagte Asmund, und sang die Weise:

„Kalt war's um den Mast hier,

Den das Meer laut stürzte.

Ich müht' mich ab mit achten

Innerhalb des Schiffes.

Leichter war's, das Frühstück

Den Frau'n in's Gemach zu bringen.

Als Ellide zu schöpfen

In schmutzigem Seewasser.“

„Nicht sprachst Du von Deiner Hilfe geringer als sie ist“, sagte Fridthjof und lachte; „doch schlugst Du jetzt in die Art der Knechte, da Du Dich mit Speisenbereitimg abgeben wolltest.“

Da nahm das Unwetter wieder aufs Neue zu, so dass Denen, welche auf dem Schiffe waren, die Seestürze, wie sie von allen Seiten gegen das Schiff rauschten, grossen Felsabhängen und Bergen ähnlicher dünkten als Wogen. Da sang Fridthjof:

„Sass auf Polstern

In Baldershagen;

Sang was ich wusst',

Vor der Königstochter..

Nun soll in der That ich

Ran'sRan die tückische Gemalin des Meergottes Oegir. Bett betreten,

Aber ein Anderer

Ingebjörg's.“

Björn sagte: „Grosser Schrecken und Kleinmuth ist nun, Kamerade, in Deinen Worten, und das ist schlimm bei einem so guten Helden.“

Fridthjof sagte: „Weder Kleinmuth noch Schrecken ist es, wenn man von unseren Liebesfahrten singt; doch das mag sein, dass man derselben öfter gedenkt, als nöthig ist; aber den meisten Menschen würde, wenn sie in dieselbe Lage gekommen waren, wie wir, der Tod gewisser erscheinen, als das Leben. Doch Eines will ich Dir noch antworten“ und er sang:

„Dies leide für das Glück ich

Das Dir nicht war vergönnt,

Unter acht von Mägden

Ingebjörg zu umarmen.

Die güldnen Ringe tauschten

Wir dort in Baldershagen,

Wiewohl der Wächter HalfdansEin anderer Name für Balder

Nicht weit entfernet war.“

Björn sagte: „Man muss nun mit dem zufrieden sein, was geschehen ist, mein Bruder.“

Da kam ein so starker Wellenschlag, dass es die Schutzwehr und beide Halsen abbrach und vier Mann über Bord warf, und alle vier umkamen. Da sangMerkwürdig ist es, wie Fridthjof bei der grössten Gefahr und dem Tode ganz nahe, selbst wo er soeben vier Gefährten verloren, doch immer eine Weise im Munde hat. Aber das war die Art der nordischen Recken: keine Furcht vor Wind und Wetter, kein Bangen und Zagen vor dem Tode! Doch auch gegen Eis und Glut musste der gestählt sein, nicht Eis noch Feuer durfte fliehen, wer ein Mann heissen wollte. Die Sagas enthalten zahlreiche Beispiele von wahrhaft bewunderungswürdigem Heroismus in Ertragung von Kälte, Glut, Feuer, Wunden usw. Fridthjof:

„Beide Halsen barsten

Bei dem starken Anschlag,

Vier Gesellen sanken

In die tiefe See.“

„Nun dünkt es mir, zu erwarten“, sagt Fridthjof, „dass einige unserer Leute zu Ran fahren werden; wir werden nicht anständig erscheinen, wenn wir dorthin kommen und nicht stattlich ausgerüstet sind. Es dünkt mir Rathes, dass jeder Mann etwas GoldSchiffbrüchige steckten ein Stück Gold zu sich, um von der Meergöttin besser empfangen zu werden. bei sich habe.“

Da hieb er den Ring der Ingebjörg in Stücke und vertheilte unter seine Mannen, und sang die Weise:

„Den rothen Ring, den Halfdans

Reicher Vater hatte,

Soll ich denn zertheilen,

Eh' Oegir uns verdirbt.

Gold muss man seh'n bei den Gästen,

Wenn wir zum Gastmahl kommen;

Das ziemt sich für ruhmvolle Recken

In Ran's weiten Sälen.“

Da sagte Björn: „So ganz gewiss ist solches nicht zu erwarten und ist noch nicht alle Hoffnung dahin.“

Da nahmen er und Fridthjof einen grossen Wasserdruck an dem Schiffe wahr; allein es war ihnen unbekannt, warum, denn Finsternis lag um sie herum von allen Seiten, so dass man nicht von einem Steven zum anderen sah vor Seetreiben und Unwetter, Frostnebel und Schneefall vermischt mit ungeheuerer Kälte. Da begab sich Fridthjof hinauf auf den Mastbaum und sagte, als er wieder herabkam, zu seinen Genossen: „Ich schaute etwas sehr Wunderbares; ein grosser Walfisch legte sich im Kreise um das Schiff, und ich hege den Verdacht, dass wir dem Lande näher gekommen sein werden und dieser uns wird verhindern wollen zu landen. Ich glaube, dass König Helge sich nicht freundschaftlich gegen uns verhält und er uns da keine freundliche Sendung geschickt haben wird. Zwei Weiber seh' ich dem Wal auf dem Rücken und diese werden den Unheilssturm verursachen mit ihren schlimmsten Seids und Galdern. Nun wollen wir zusehen, was mehr vermag, unser Glück oder ihre Hexerei; und sollt Ihr daher so tüchtig wie möglich lossteuern, während ich mit Knitteln auf diese Unholde losschlagenEs war ein uralter Aberglaube, dass Zauberweiber Sturm erregen konnten und dann mitten im Unwetter sich bei dem Schiff in dem Fell eines Walfisches oder eines anderen Seethieres zu zeigen pflegten. Man findet in mehreren Sagas, dass es für wichtig gehalten wurde, wenn man während des Sturmes ein solches dem Schiff sich nahendes Thier todt stechen oder schlagen konnte. will.“ — Und er sang die Weise:

„Zauberweiber seh' ich

Zwei auf der Woge,

Helge hat sie

Hergesandt.

Auseinander

Schneid' ihnen den Rücken

Ellide, bevor er

Kommt aus der Fahrt.“

So wird erzählt, dass dieser Spruch dem Schiffe Ellide geholfen habe, und dass es hätte Menschensprache verstehen könnenDie Nordmannen liebten ihr Schiff ebenso wie ihr Schwert und betrachteten es wie ein lebendes Wesen und verglichen es am liebsten dem Rosse, dem Hirsch, dem Elch, dem Rennthiere, dem Bären, Wolf oder Stiere. Darum wurde auch die Gestalt des Schiffes den Formen solcher Thiere angenähert, wenigstens die Schnäbel. Am beliebtesten waren Drachenbildungen, wonach auch eine ganze Schiffsart den Namen Drachen (drekar) empfing; ausserdem werden Geier-, Stier-, und Wisundköpfe am Schnabel erwähnt. So mochte ihnen das Schiff leicht wie belebt erscheinen; und wie der Held sein treues Schwert im Kampfe bittend und mahnend anspricht, so ruft der Schiffer im Sturm und Gefahr sein Fahrzeug an, wie es sogleich auch Fridthjof thut. Erfolgte darauf Rettung aus der Gefahr, so lag es nicht ferne, dem Schiffe etwas wie Verständnis der Ansprache zuzuschreiben..

Da sagte Björn: „Nun mögen die Menschen die Gesinnung der Brüder gegen uns sehen.“ Und Björn begab sich da unter das Steuer. Aber Fridthjof ergriff eine Keule und lief in den Vordersteven und sang die Weise:

„Glück auf, Ellide!

Eile durch die Wogen,

Brich der Zauberin

Zähne und Stirn,

Kinn und Wangen

Dem bösen Weibe,

Und die Füsse

Dem Ungethüm.“

Darauf warf er die Keule auf die eine Gestaltwechslerin; aber die Kante von Ellide kam der anderen auf den Rücken, und es wurde Beiden der Rücken gebrochenNach dem damaligen Volksglauben wurden die Zaubergestalten und Gespenster vorsorglich durch Zerbrechen des Rückgrates, Ersäufen oder Verbrennen überwunden. Die alten Nordmannen, die sich in den Sagas viel mit Gespenstern herumschlagen, meinten nämlich, dass dieselben ebenso verwundbar seien wie die Menschen und daher auch getödtet werden könnten.. Der Wal aber tauchte unter und zog ab, und sie sahen ihn hernach nicht wieder.

Da fing das Wetter an sich zu beruhigen; das Schiff aber stiess an. Fridthjof rief nun seinen Mannen und gebot ihnen, auf dem Schiffe zu schöpfen. Björn sagte: „Nicht brauchte es deshalb mehr Arbeit zu haben.“

„Hüte Du Dich nun vor Furcht, Kamerade“, sagt Fridthjof; „und vorher ist es doch der Helden Weise gewesen, Hilfe zu leisten, so lange man kann, was immer auch da kommen wolle“. — Fridthjof sang die Weise:

„Nicht braucht Ihr, Kämpen,

Zu bangen vor'm Tode.

Freut Euch des Heiles

Ihr meine Helden!

Da meine Träume

Doch es wussten.

Es werde zu eigen

Mir Ingebjörg.“

Da schöpften sie das Schiff aus. Sie waren dem Lande näher gekommen, als es ihnen abermals ein Unwetter entgegen warf. Da ergriff Fridthjof wieder zwei Ruder im Vordertheil und ruderte mit denselben gar tüchtig. Nun erhellte sich das Wetter und sie sahen, dass sie fern an den Effiasund gekommen waren und sie landeten dort. Die Leute waren sehr ermattet; aber so stark war Fridthjof, dass er acht Mann durch die Fluthspur trug, Björn aber zwei und Asmund einen. — Da sang Fridthjof:

„Zur Feuerstätte

Trug ich hinauf

Von mächtigem Schneesturm

Matte Männer.

Nun bin mit dem Segel

Auf Sand ich gekommen.

Nicht mundet's des Meeres

Macht zu versuchen.“

 

Quelle:
Josef Calasanz Poestion: Die Saga von Fridthjof dem Starken - Friðþjófs saga hins frœkna (1879).

 

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