Josef Calasanz Poestion

Die Saga von Fridthjof dem Starken.
(Friðþjófs saga hins frœkna)

1. Theil

 

Erstes Kapitel

Heimat und Abschied von den Vätern

 

So beginnt diese Saga»So beginnt diese Saga, dass..« (eigentlich »So beginnt es diese Saga«); ein typischer Ausdruck, mit welchem die Sagas öfters beginnen. Gewöhnlicher ist der Anfang mit den Worten: »N. hiess ein Mann« oder »ein Mann ist genannt N.« Alterthümlich ist die Ueberschrift: »Hier beginnt (es) die Saga von Fridthjof dem Starken.«, dass König Bele über die Landschaft Sogn [in Norwegen] herrschte. Er hatte drei Kinder; Helge hiess sein einer Sohn, Halfdan der andere; die Tochter aber hiess Ingebjörg. Ingebjörg war schön von Ansehen und klug von Verstande; sie war das vorzüglichste von den Königskindern.

Dort zog sich westlich vom Meerbusen eine Küste hin. Da war ein grosses Gehöft, dieses Gehöft wurde genannt zu BaldershagenBaldershagen, d. i. Balders Hain. Balder, der Sohn Odhins und der Frigg. Nach Weinhold Friedensgott, der durch Tapferkeit den Frieden hütet; nach Uhland und Simrock Sonnengott. Die wichtige Rolle, welche Balder in der skandinavischen Mythologie spielt, ist bekannt.. Hier war eine FriedensstätteFriedensstätte, Freistätte; ein befriedeter Platz, ein Asyl, wo alle Feindseligkeiten aufhörten. Vgl. Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer, 886. und ein grosser Tempel, und ein grosser Pfalzaun ringsherum. Da waren viele Gotter, doch wurde Balder am meisten verehrt. Die Ehrfurcht der heidnischen Männer gegen diesen Ort war so gross, dass dort niemand ein Leides verüben durfte, weder an Vieh noch an Menschen; auch durften dort die Männer keinen Umgang mit den Weibern haben. —

Zu Syrstrand hiess es, wo der König residirte; auf der anderen Seite des Meerbusens aber stand ein Gut, und hiess zu Framnäs. Dort wohnte der Mann, der Thorstein hiess und Wikings Sohn war. Sein Gut stand sich gleich mit eines Königs Sitz. Thorstein hatte mit seinem Weibe einen Sohn, der Fridthjof hiess; der war der grösste und stärkste von allen Männern und schon in der Jugend von den besten Anlagen zu grosser Tapferkeit; er wurde Fridthjof der Starke genannt. So beliebt aber war er, dass Alle ihm Gutes wünschtenFreundreich, beliebt, dass Alle ihm Gutes wünschten, ist die gewöhnliche Art der Sagas, die allgemeine Beliebtheit einer Person zu bezeichnen ; das Gegentheil wird ausgedrückt wie gleich spater, von den beiden Söhnen Belegs.. —

Die Königskinder waren damals noch jung, als ihre Mutter starb. Hilding hiess ein guter BondeBonde; freier Grundbesitzer, Freisasse, Freibauer; die Bonden besassen zuweilen Ländereien von meilenweitem Umfange und walteten auf denselben mit voller Unabhängigkeit. Unser »Bauer« deckt den Begriff nicht. in Sogn; der erbot sich zur Erziehung der KönigstochterEs war bei den alten Skandinaviern Sitte, Kinder zur Erziehung Anderen zu übergeben. Das Anerbieten, ein Kind zur Erziehung zu übernehmen, wurde' gewöhnlich als das freiwillige Eingeständnis der Unterordnung aufgefesst. Das besagte unter Anderem das Sprichwort: »Wer dem Andern ein Kind aufzieht, ist der Aermere«. Es erboten sich denn häufig auch freie Landleute (Bonden) die Kinder ihrer Könige zu sich zu nehmen.. Diese wurde dort gut und sorgfältig erzogen; sie wurde genannt Ingebjörg die Schöne. Fridthjof war gleichfalls bei dem Bonden Hilding zur Erziehung, und er und die Königstochter waren also Pflegegeschwister und zeichneten sich aus vor den anderen Kindern.

Dem König Bele begann viel fahrende HabeFahrende Habe nannte man die losen, beweglichen Güter. abhanden zu kommen, da er alt wurde. Thorstein hatte ein Drittel des Reiches zur Verwaltung, und das wurde dem König die meiste Hilfe dass Thorstein war. Thorstein gab dem Könige jedes dritte Jahr ein Gastmahl mit grossem AufwandeSolche Gastgebote mussten Bonden und Jarle den Königen geben, wenn diese bei ihren zur Schlichtung von Streitigkeitea unternommenen Bereisungen in die Gegend derselben kamen. Auch sonst liessen es sich Jarle und reiche, unabhängige Bonden nicht nehmen, durch Veranstaltung eines glänzenden Gastgebotes dem Herrscher ihre Huldigung und zugleich ihren stolzen Wohlstand zu zeigen.; der König aber gab dem Thorstein alle zwei Jahre ein Gastgebot.

Helge, Bele's Sohn, wurde früh ein eifriger OpfererEifriger Opferer, Opfersmann (Blótmann im Original); wird in den Sagas oft gesagt. Hier ist wohl gemeint, dass Helge zu Kriegsthaten weniger geneigt war. Tegndr umschreibt: »Meist weilt er bei den Sehern am Altarsteine«.; die Brüder waren nicht reich an Freupden.

Thorstein hatte ein Schiff, welches EllideEllide war eigentlich der Gattungsname einer Art Fahrzeuge von sehr verschiedener Grösse, die besonders stark und kampftüchtig und gewöhnlich mit Eisen beschlagen waren. Der Name ward dann auch zum Eigennamen einiger Schiffe. Den oberdeutschen Stämmen war der Ellide gleichfalls bekannt und noch heute wird die grösste Kahnart auf dem Bodensee »Lädin« genannt.
Die alten Nordmannen waren der See und der Schiffahrt ungemein zugethan. Dies beweist auch der überreiche Schmuck von Bildern, welcher der Sprache derselben zu Gebote stand. So mögen nur einige solcher bildlichen Umschreibungen für »Schiff« hier angeführt werden, die zum Theil auch in unserer Saga begegnen. Oft finden sich: Seethier, Meerross, Holz des Meeres, Meerrappe, des Seewinds bepichter Rappe, Wellenrabe, Fluthenrabe, der kalten Wohnung (des Meeres), Habicht, Laufschuh der Seekönige, des Wimpels Pferd, bewegliche Hürde des Seemannes u. s. w.
hiess; auf demselben ruderten fünfzehn Männer auf jeder Seite; es hatte gebogene Steven und war fest wie ein Meerschiff; der Bord war mit Eisen beschlagen. So stark war Fridthjof, dass er auf Ellide im Vordertheile mit zwei Rudern ruderte; jedes Ruder aber war dreizehn Ellen lang; aber zwei Männer nahmen sonst jedes Ruder.

Fridthjof erschien als der beste von allen anderen jungen Männern zu jener Zeit. Die Söhne des Königs beneideten ihn, dass er mehr gelobt wurde als sie.

König Bele wurde nun krank, und als es an ihn kam (zu sterben) rief er seine zwei Söhne zu sich und sprach zu ihnen: „Diese Krankheit wird mich zum Tode fuhren; aber um das will ich Euch bitten, dass Ihr diejenigen zu Euren besten Freunden haben möget, die ich gehabt habe. Denn mir dünkt, dass es Euch an Allem fehlt im Vergleich mit jenem Vater und seinem Sohne, Thorstein und Fridthjof, an Rath sowohl wie thatkräftigem Beistande. Einen Hügel sollt Ihr über mich werfen.“ — Hierauf starb Bele.

Sodann wurde Thorstein krank; er sagte da zu Fridthjof: „Sohn“, sagt er, „um das will ich Dich bitten, Sohn, dass Du einen nachgiebigen Sinn bezeigest gegen die Söhne des Königs, weil sich dieses ihrer Würden wegen geziemt; wiewohl mein Geist mir auch Dein glückliches Schicksal ansagt. Ich will mich begraben lassen gegenüber dem Hügel des Königs Bele, an dieser Seite des Meerbusens, unten an der See. Es ist uns da sehr leicht, bei zukünftigen Begebenheiten miteinander zu sprechenDie Grabhügel wurden gern auf einem hervorragenden Orte, auf einem Berge oder an der See errichtet; zuweilen bestimmte der Sterbende selbst, wie in unserer Saga auch Thorstein, seine Ruhestätte. Auf den Grabhügeln war nicht selten ein Lieblingsplatz der Hinterbliebenen; näher den Todten überliessen sie sich der Erinnerung und gingen hier am liebsten wichtigen Besprechungen nach.
Thorstein will im Tode dem König Bele gegenüber liegen, um mit ihm zu »reden über's Wasser vom Lauf der Zeiten«. (Tegnér.)
.“

Björn und Asmund hiessen Fridthjofs Pflegebrüder; sie waren grosse und starke Männer.— Wenig später starb Thorstein; er ward begraben wie er gesagt hatte; aber Fridthjof nahm Land und fahrende Habe nach ihm in Besitz.

 

Zweites Kapitel

Die Werbung

Fridthjof wurde ein sehr berühmter Mann und zeigte sich tüchtig bei allen Proben der Mannhaftigkeit. Björn, seinen Pflegebruder, schätzte er am meisten; aber Asmund diente ihnen beiden. Das Schiff Ellide bekam er als das beste Stück nach seinem Vater, und einen GoldringRinge behaupteten vielfach die Stelle unseres Geldes, und der Werth derselben richtete sich nach dem Gewichte des Stückes. Für kleinere Werthe als der Ring im Ganzen darbot, wurde derselbe zertheilt: zerbrochen oder zerhauen. Rothe Ringe nehmen hiess so viel als Geld nehmen. Man trug Ringe oder Bauge um den Hals, um Ober- und Unterarm, um Hand, Finger und Fuss; ferner als Verzierungen der Schwerter, Scheiden u. s. w. Die grössten und werthvollsten Ringe waren die »Schlangenbauge« oder Halsringe. als anderes Stück; kein anderer war werthvoller in Norwegen. Ein so angesehener Mann war Fridthjof, dass die meisten Leute sagten, er sei kein geringerer Ehrenmann als die Königebrüder, ausser der Königswürde. Deshalb warfen dieselben Hass und Feindschaft auf Fridthjof, und es gefiel ihnen übel, dass er mehr Mann genannt wurde. Aber sie meinten zu finden, dass Ingebjörg, ihre Schwester, und Fridthjof ihr Sinnen auf einander richteten.

Da traf es sich, dass die Könige ein Gastmahl bei Fridthjof zu Framnä zu besuchen hatten und er bewirthete sie nach gewohnter Sitte weit besser, als sie gewohnt waren. Auch Ingebjörg war dabei und sie und Fridthjof sprachen lange zusammen. Die Königstochter sagte zu ihm: „Du hast einen guten Goldring.“

„Wahr ist das“, sagt Fridthjof.

Hierauf reisten die Bruder heim und es wuchs ihre Eifersucht gegen Fridthjof.

Bald hernach wurde Fridthjof sehr traurig. Björn, sein Pflegebruder, fragt, was dies zu bedeuten hätte; er sagte, dass er mit dem Gedanken umgehe, um Ingebjörg zu freien: „Wenn ich auch gleich von geringerer Herkunft bin, als ihre Bruder, so bin ich doch nicht von geringerem Ansehen.“

Björn sagt: „Thun wir das!„

Darauf begab sich Fridthjof mit einigen MannenEs war Sitte, dass der Mann, welcher um ein Weib werben wollte, nicht allein, sondern in Begleitung von Freunden und Verwandten sich zu dem gesetzlichen Vormund derselben (hier die beiden Brüder, oder der ältere derselben) begab, welcher die Werbung annahm oder abschlug. Je grösser diese Fahrtgenossenschaft war, um so sicherer war der Erfolg. zu den Brüdern. Die Könige sassen auf einem HügelWahrscheinlich ist der Grabhügel ihres Vaters gemeint.. Fridthjof grüsste sie da ehrerbietig. Hierauf trug er seine Bitte vor und warb um ihre Schwester Ingebjörg, die Tochter Bele's.

Die Könige sagten: „Nicht sehr weise ist sich um diese Rede bemüht, dass wir sie einem ranglosen Manne zur Ehe geben, und schlagen wir es in jeder Weise ab.“

Fridthjof sagt: „Da ist nun mein Geschäft schnell abgemacht ; aber das soll in gleicher Weise geschehen, dass ich Euch niemals Hilfe leisten werde, wenngleich Ihr derselben auch bedürfet.“

Sie sagten, sie würden sich nie darum kümmern. Fridthjof kehrte hierauf heim und nahm wieder seine frühere Fröhlichkeit an.

 

Quelle:
Josef Calasanz Poestion: Die Saga von Fridthjof dem Starken - Friðþjófs saga hins frœkna (1879).

 

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