Josef Calasanz Poestion

Die Saga von Fridthjof dem Starken.
(Friðþjófs saga hins frœkna)

Vorbericht

 

Die Saga von Fridthjof dem Starken ist von dem reichen Schatze altisländisch-norwegischer Erzählungslitteratur fast das Einzige, was über den Norden hinaus von der gebildeten Welt gekannt und geschätzt wird. Nicht unmittelbar zwar geschah das Eintreten dieser alten skandinavischen Saga in den ausgewählten Kreis der Weltlitteratur; es bedurfte deren Hebung und neuerlicher, poetischer Wiedergabe durch den Honigmund des schwedischen Sängers Esaias Tegnér. Doch ist darum das altnordische Urbild keineswegs reiz- und poesielos, kein hageres Gerippe blos der allbeliebten modernen schwedischen Dichtung; es besitzt vielmehr eine von dieser ganz verschiedene ungemein ansprechende Eigenart in Conception, Sprache und poetischem Ausdrucke; es ist demselben ein Reiz zu Eigen, den zwar die meisten altnordischen Sagas der Art nach mit ihm gemein, aber doch nur selten in so vorzüglichem Grade aufzuweisen haben: der Reiz der Einfachheit und Schlichtheit, des Natürlichen, Ungesuchten, Urwüchsigen.

Die isländische Saga überhaupt ist von ähnlichen Erzählungswerken anderer Völker in Typus und Ton auf ebenso eigenartige wie anmuthige Weise unterschieden, und wer sich nur einmal ernstlicher mit ihr befasst hat, der hat sie für sein Leben lieb gewonnen.

Ernst und würdig ist der Ton der Saga. Die Erzählung schreitet schnell vorwärts. Ueber das Unbedeutende, Selbstverständliche wird hinweggegangen und nur das Hauptsächliche vorgeführt. Die Darstellung ist vorwiegend epischdramatisch. Episch, weil die Erzählung in den Vordergrund gestellt wird, dramatisch, weil zahlreiche dialogische Partien, Zwie- und Einzelgespräche in die Erzählung eingemischt sind. Durch diese wohlthuende Abwechselung bekommt der Inhalt eine ausserordentliche Frische und Lebendigkeit und in Folge des dem Dialoge eigenthümlichen Wesens, nicht selten eine ungemeine Erhabenheit und Grossartigkeit. Gerade in den Gesprächsscenen zeigt sich der isländische Mensch in seiner wahren, natürlichen Eigenthümlichkeit mit all' seinen Tugenden und all' seinen Fehlern. Und als solcher nöthigt er uns warmes Interesse, inniges Mitempfinden ab.

Eine auffallende Eigenthümlichkeit aller Sagas besteht darin, dass eine grosse Reihe von Zügen der Erzählung und Beschreibung in denselben stereotyp ist und daher eine gewisse typische Ausdrucksweise bedingt, die bei dem ausserordentlich reichen Wortschatze der altnordischen Sprache um so mehr überrascht. —

Das isländische »Saga« entspricht nicht vollkommen unserem »Sage«. Während diese keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erhebt, zieht jene auch die erforschte Geschichte in ihren Bereich; jedoch nicht die Geschichte weltbedeutender, staatlicher Entwickelungen, freundlicher oder feindlicher Berührungen mächtiger Völker, sondern die Geschicke einzelner Geschlechter und Familien. Die Aufzeichner der Sagas bleiben anonym; doch darf man annehmen, dass es in den meisten Fällen gelehrte, d. h. lateinisch gebildete Männer oder selbst Geistliche von Fach waren.

Die Fridthjofs Saga tritt aus der Art der meisten übrigen Sagas in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerth heraus. Sie ist zunächst ausgezeichnet durch die Einheit der Handlung, die in den Sagas selten zu finden ist, da die Ereignisse fast immer nur chronologisch um eine oder mehrere hervorragende Personen gruppieren. Eine leitende Idee durchzieht die ganze Saga, die Liebe Fridthjofs zu Ingebjörg, und verleiht derselben einen romantischen Zauber, der von den übrigen Sagas in geringerem Grade nur etwa noch der Gunnlaug Schlangenzunge Saga (Gunnlaug und Helge) eigen ist. Die Saga verschmäht es aus der gebotenen Romantik der Begebenheiten Gewinn zu ziehen für rührende Schilderungen und Gefuhlsmalereien. Solche Ausbeute bietet Tegnér in seiner bekannten dichterischen Bearbeitung der Saga.

Anmuthend und ehrwürdig zugleich erscheint uns die Fridthjofs Saga durch den Geist des Alterthums, der durch dieselbe geht, durch ihre Bilder aus dem Heidenthume; denn tief in die heidnische Zeit Skandinaviens hinein ragt noch die Situation unserer Saga. Fridthjofs vermuthliche Lebenszeit fällt zwischen das achte und neunte Jahrhundert n. Chr. Mit der Alterthümlichkeit der Situation im Einklänge steht die Diction und Sprache, »die einfach und kurz epische Art der Behandlung« der Saga. An gewinnender Originalität des Ausdruckes und der Erzählungsweise kommen derselben denn auch nur wenige andere Sagas gleich.

Ein weiterer Vorzug unserer Saga, der in ihrem hohen Alter begründet ist, besteht darin, dass die in dieselbe eingeflochtenen poetischen Weisen noch ziemlich frei sind von der später so beliebten wie leidigen Skaldenmanier der dichterischen Umschreibungen (der berüchtigten, sogenannten »Kenninge«) Wortversprengungen und geschmacklosen Künsteleien, die so manche sonst anmuthige Saga, in ihrem poetischen Theile wenigstens, ungeniessbar, oft sogar unverständlich macht. Solche Strophen finden sich in den isländischen Sagas häufig und sollen bis zum vierzehnten Jahrhundert als Zeugnisse für die Wahrheit des Berichteten gelten, da sie auf alter Ueberlieferung beruhen. Erst nachdem diese poetische Form allbeliebt geworden war, erfand auch der Sagaschreiber selbst Strophen, um seine Erzählung auszuschmücken. Gewöhnlich bilden diese Strophen keinen nothwendigen Bestandtheil der Erzählung; sie sagen trocken und poesielos, in skaldischem Bilderschmuck oftmals nur das, was kurz vorher oder nachher in Prosa berichtet wird, und könnten in vielen Fällen ohne Störung des Zusammenhangs ganz fortgelassen sein. Die Fridthjofs Saga ist auch dadurch von vielen anderen Sagas unterschieden, dass die darin befindlichen Strophen einen wesentlichen Antheil an der Erzählung und Schilderung von Situationen haben, und dass sie von nicht verkennbarem poetischen Geiste getragen sind. Die vielen Verse stehen zur Erzählung in einem solchen Verhältnisse, dass sie dieselbe nicht sowohl haben beleben sollen, als dass sie vielmehr die Grundlage derselben ausgemacht haben.

Die Aufzeichnung der FridthjofsSaga geschah wahrscheinlich noch vor dem dreizehnten Jahrhundert; vor 1170 — 1180 ist überhaupt keine Saga niedergeschrieben worden. Durch eine falsche Leseart des Textes irregeführt, setzte P. E. Müller ihre Aufzeichnung in das Ende des dreizehnten oder den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, obschon er findet, dass die allermeisten Schilderungen etwas so Naives, so Alterthümliches an sich haben, dass sie nicht spät in der christlichen Zeit gedichtet sein können. »Der Hauptumstand, welcher darauf führt ihr Alter höher zu rücken, ist die einfach und kurz epische Art der Behandlung, die jener romantisch verschönernden Zeit nicht mehr anstand.« AnRecensionen sind von einer bestandenen grösseren Anzahl nur zwei auf uns gekommen, eine ältere, ausführlichere, und eine jüngere, kürzere. Die erste kritische, der hier gebotenen Uebertragung zu Grunde liegende Ausgabe der grösseren Fridthjofs Saga lieferte C. C. Rafn im zweiten Bande seiner »Fornaldar Sögur Norðlanda eptir gömlum Handritum«, Kaupmannahöfn, 1829.

Der Schauplatz unserer Saga ist das südliche Norwegen und vorübergehend die orkadische Insel Effia.

Die alte Sognprovinz ist das heutige Nord-Bergenhuus Amt im Stifte Bergen. Noch jetzt heisst der daselbst gegen vierundzwanzig geographische Meilen tief ins Land eindringende Meerbusen Sogne Fjord. Baldershagen lag an der westlichsten unter den drei grossen nördlichen Einbuchten desselben, welche zum Fjerlands Fjord führt. Syrstrand lag auf derselben Seite, doch etwas südlicher als Baldershagen. Die Solundarinseln hält man für die heutigen Sulen. Hördaland ist Süd-Bergenhuus A. im St. Bergen. Der Soknarsund dürfte dem Bükke Fjord entsprechen. Ringarik (Uppland) mit Alfheim und Streituland, dem Wohnsitze des alten Königs Ring, an welchen noch jetzt die durch wundervolle Naturschonheiten ausgezeichnete Gegend Ringerige erinnert, dürfte sich über die heutigen Smaalenes-,Akershuus-, Ruskeruds- und Jarlsberg Aemter im Christiania Stift erstreckt haben.

Noch mögen einige Worte über die leitenden Principien dieser Uebersetzung gestattet sein. Als oberster Grundsatz erschien mir vor Allem die wortgetreue Wiedergabe des Originals. An dem Ausdrucke mehr als unumgänglich nöthig ist bessern und modernisiren wollen, hiesse demselben einen guten Theil seiner so reizvollen Eigenart nehmen. Ich dehnte diesen Grundsatz auch auf jene Ueberreste alter Skaldenpoesie aus, natürlich nur in dem Masse als dabei die Verständlichkeit nicht litt. Doch war ich selbst aus solchen Rücksichten nur selten gezwungen von dem Wortlaute des Originals abzuweichen. Dagegen legte ich weniger Gewicht auf eine rigorose Nachahmung der Eigenthümlichkeiten, wie überhaupt auf eine tadellos schmucke und blanke Einkleidung der im Original stabreimenden Strophen; oft liess ich es auch an zwei Stäben genügen, und erlaubte mir Freiheiten im Rhythmus. Meinem Grundsatze zufolge, den Geist und die Diction des Originals so treu wie möglich wiederzugeben, ging mir in solchen Fällen der Inhalt über die Form und ich hoffe mir deshalb vom Leser keine Missbilligung zuzuziehen. Hat man doch jüngst ganz unumwunden eingestanden, dass eine Uebertragung skaldischer Verse in unsere Sprache mit Beibehaltung aller Eigenthümlichkeiten des Originals (oft findet sich Stab-, Binnen- und Endreim gleichzeitig angewandt) ein Ding der Unmöglichkeit sei.

Die Fridthjofs Saga wurde mehrfach in's Dänische und Schwedische, von G. Stephens »The Saga of Fridthjof the Bold, translat. from the original Icelandic, 1839« und in R. B. Andersons und Jon Bjarnason's »Viking Tales of the North; Chicago 1877« ins Englische übersetzt. Ins Deutsche wurde die Fridthjofs Saga übertragen von Mohnike (dem trefifiichen Uebersetzer auch der Tegnér'schen Dichtung) Stralsund 1830, und von W. Calaminus, 1863 im XXXIV. Bande von Herrigs Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen, S, I —28. Das Werkchen des Ersteren ist vergriffen die Uebertragung von Calaminus durch ihre Einverleibung in Herrig's Archiv dem grossen Publikum entzogen und unbekannt. Für dieses scheint dieselbe überhaupt nicht berechnet zu sein, da der Text keine einzige der so nothwendigen Anmerkungen enthält. Dagegen finden sich verdächtige Lücken, Willkürlichkeiten und Druckfehler in überreichlicher Fülle vor. Die hier gebotene neue Uebersetzung wird daher nicht überflüssig erscheinen. — Bässler's »Fridthjofs Sage«, Leipzig 1843, ist eine prosaische Wiedergabe derTegnér'schen Bearbeitung. Ausser von Tegnér ist die Fridthjofs Saga noch von Samsöe (in seinen hinterlassenen Schriften, erster Band) und von Sötoft in seinen romantischen Dichtungen, und zwar dramatisch behandelt worden.

Wien, im März 1879

Jos. Cal. Poestion

 

Quelle:
Josef Calasanz Poestion: Die Saga von Fridthjof dem Starken - Friðþjófs saga hins frœkna (1879).

 

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