Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

17. und 18. Capitel.

 

17. Capitel.

 

Sámr reitet dann mit allen Waaren seines Bruders heim nach Aðalból. Sobald er dort ankommt, sendet er nach seinen Thingmännern, dass sie am Morgen vor der Frühstückszeit zu ihm kommen sollten; er beabsichtigt ostwärts über die Heide gegen Hrafnkell zu ziehen; „gehe es dabei, wie es wolle“ ,sagt er. Abends ging Sámr zu Bette und da waren bereits viele Männer gekommen.

Hrafnkell war auch heim geritten und hatte seine Neuigkeiten erzählt. Er verzehrte sein MahlDamals wurden auf Island für gewöhnlich zwei Hauptmahlzeiten gehalten: das Tagmahl oder der Morgenimbiss (dagverðr), ungefähr um 9 Uhr vormittags; und das Abendmahl (náttverðr) ungefähr um 9 Uhr abends, kurz bevor man zu Bette ging. Vor und nach dem Essen wusch man der alten und guten Sitte gemäss seine Hände; bei Gastereien wurde das Waschwasser in eigenen Handbecken mit Tüchern herumgereicht. und sammelte nachher Männer um sich, so dass er siebzig Mann bekam; und mit dieser Schaar reitet er westwärts über die Heide, kommt unerwartet nach Aðalból, packt Sámr im Bett und zieht ihn heraus.

Dann sprach er: „Nun bist du, Sámr! in die Lage gekommen, welche dir vor einer Weile unwahrscheinlich dünken mochte: dass nämlich ich Gewalt über dein Leben habe. Ich werde nun kein härterer Mann gegen dich sein, als du gegen mich warst. Ich will dir zwei Fälle zur Wahl vorlegen: der eine ist, dass du getödtet werden sollst, der andere, dass ich allein zwischen uns beiden richten und entscheiden soll.“

Sámr erwiderte, er wähle lieber zu leben, jedoch meine er, dass beide Fälle hart wären.

Hrafnkell sagte, er glaube dies gern; „denn wir haben dir noch das Letztvorgefallene heimzuzahlen und ich würde zur Hälfte besser mit dir verfahren, wenn du dessen würdig wärest. Du sollst von Aðalból weg und herab nach Leikskálar ziehen und dich dort in deiner Wohnung niederlassen; du sollst nur das Eigenthum mit dir nehmen, welches Eyvindr besessen hat; nicht mehr von hier in deinem Besitze behalten, als du hieher gebracht hast — dies alles sollst du mit dir fortnehmen. Ich werde meine Godenwürde wieder übernehmen, ebenso den Hof und Grundbesitz; ich sehe, dass meinem Besitzthume ein grosser Zuwachs zu theil geworden ist, aber du sollst davon keinen Nutzen ziehen. Für deinen Bruder Eyvindr soll keine Busse fällig werden, weil du auf schmachvolle Weise für deinen erschlagenen Verwandten Einarr die gerichtliche Verfolgung an mir vornahmst; und ihr habt für diesen hinreichend Busse bekommen, nachdem du sechs Jahre meine Godengewalt und mein Besitzthum innegehabt hast; auch scheint mir die Tödtung Eyvindr's und seiner Männer nicht mehr wert als die an mir und meinen Männern verübte MisshandlungEine für die damaligen Anschauungen von Rache und Vergeltung höchst hezeichnende Stelle.. Du vertriebst mich aus meinem Bezirke aber ich lasse es mir gefallen dass du in Leikskálar wohnest; und du wirst es gut haben, wenn du nicht zu deinem eigenen Schaden übermüthig bist. Mein Untermann sollst du sein so lange wir beide leben. Und dessen kannst du gewiss sein, dass du desto schlechter fahren wirst, je mehr wir Schlimmes mit einander zu thun haben.“

Sámr zog nun mit seinen Leuten herab nach Leikskálar und liess sich daselbst in seiner Wohnung nieder. Hrafnkell vertheilte zu Aðalból die Arbeit unter seine Leute; seinen Sohn Thórir siedelte er in Hrafnkelsstaðir an; er selbst hatte nun die Godenwürde über die ganze GegendHrafnkell hatte das frühere and spätere goðorð vereinigt.. Ásbjörn blieb bei seinem Vater; denn er war der jüngere.

 

18. Capitel.

 

Sámr sass diesen Winter auf Leikskálar. Er war still und theilnahmslos; manche fanden, dass er mit seinem Lose wenig zufrieden war. Aber gegen Sommer, als die Tage längerIm südlichen Theile Islands dauert der längste Tag zwanzig, der kürzeste vier Stunden; im nördlichen Theile des Landes geht die Sonne am längsten Tage gar nicht unter, und dieser längste Tag, sowie die längste Nacht im Winter dauert auf den nördlichsten Punkten Islands eine volle Woche. Die kalte Jahreszeit pflegt nicht eher als im Novemher oder December zu beginnen und dauert dann bis April, in dessen zweite Hälfte der Anfang des Sommers fällt. Während desselben herrscht von Juni bis September ein mildes Klima, welches während dieser Jahreszeit angenehmer ist als das von Grossbritannien mit seiner erkältenden Feuchtigkeit; in diesen Monaten ist fast gar keine Nacht, sondern es ist immer hell, vorzüglich im Nordlande. wurden, zog er mit einem Manne und drei Pferden über die Brücke, von dort über die Möðrudalsdeiði, dann mit einem Fahrzeuge über die Jökulsá á fjöllum und weiter zum MývatnDer Mývatn (d. i. Mückensee) liegt westlich von der Jökulsá í Axarfirði und hat seinen Namen von der ungeheueren Menge Mücken, welche an seinen Ufern schwärmen; er ist der merkwürdigste aller isländischen Seen. Er liegt in einer hässlichen schwarzen Gegend, deren Einsamkeit nur durch die ungeheuere Menge Wasservögel unterbrochen wird, die im See ihren Aufenthaltsort haben, und hat ungefähr 1½ Meilen in seiner grössten Ausdehnung und 4 bis 5 Meilen im Umkreise, viele Baien und 34 theils grössere, theils kleinere Inseln, die aus Lava bestehen und deren grösste den Namen Mikley (d. h. grosse Insel) führt. Der Boden des Sees besteht aus schwarzer Lava, aus welcher an vielen Orten warme Quellen hervorsprudeln, welche überall Dampfsäulen über die Oberfläche bilden; die Tiefe beträgt gewöhnlich 15 Fuss, an einigen Stellen auch 24 Fuss. Die Gewässer dieses forellenreichen Sees fliessen durch die Laxá in den Skjalfandafjörðr.; von da über die Fljátsheiði und das LjósavatnsskarðLjósavatnsskarð (d. h. Lichtwasserscharte) ist ein weites, fruchtbares Querthal, an dessen Ostende der schöne, grosse, forellenreiche See Ljósavatn gelegen ist., und machte nicht eher Halt, als bis er westwärts zum Thorskaifjörðr kam; dort wurde er freundlich aufgenommen. Da war Thorkell eben wieder von einer Beise zurückgekommen; er war vier Jahre auswärts gewesen. Sámr blieb dort eine Woche bei den Brüdern und ruhte sich aus; darnach erzählte er ihnen seine neuerlichen Händel mit Hrafnkell und bat die Brüder um Beistand und Unterstützung wie vorher.

DiesmalMit Bezug auf das erste Zusammentreffen der Brüder mit Sámr, wobei Thorkell sich Sámr's angenommen und ihn seinem Bruder Thorgeirr empfohlen hatte. gab Thorgeirr für sich und seine Brüder Antwort und sagte; er wolle sich fern halten: „Ein langer Weg ist zwischen uns. Wir glaubten dir alles wohl geordnet zu haben, bevor wir auseinander gingen, so dass dir leicht gewesen wäre, alles zu erhalten. Damach ist es aber gekommen, wie ich, als du Hrafnkell das Leben schenktest, voraussah: dass du dies am meisten bereuen würdest; wir legten dir nahe, dass du Hrafnkell das Leben nehmen solltest, aber du allein wolltest entscheiden. Nun ist offenbar, welcher Unterschied an Witz zwischen euch beiden stattgefunden hat: er liess dich im Frieden wohnen und ging zuerst darauf los, den Mann bei Seite zu schaffen, der ihm ein tüchtigerer als du zu sein schien. Wir können nicht dieses dein Missgeschick uns zum Schaden gereichen lassen. Auch haben wir nicht so grosse Lust, mit Hrafnkell zu streiten, dass wir uns dazu verstehen, unsere Ehre öfters aufs Spiel zu setzen. Aber wir wollen dir anbieten, mit deiner ganzen Verwandtschaft hieher unter unseren Schutz zu kommen, wenn dir das Leben hier weniger demüthigend erscheint, als in Hrafnkell's Nähe.“

Sámr erwiderte, dazu verstehe er sich nicht, sondern er wolle nach Hause zurück, und bat die Brüder, die Rosse mit ihm zu tauschen; dies stand gleich zu Gebote. Die Brüder wollten Sámr kostbare Geschenke geben; aber er wollte nichts annehmen und sagte, sie wären in ihrer Denkungsweise kleinlich.

Mit so verrichteter Sache ritt Sámr heim nach Leikskálar und wohnte dort bis zu seinem Alter; er brachte es so lange er lebte, zu keiner Erhebung gegen Hrafnkell.

Aber Hrafnkell sass in seinem Wohnsitze und behauptete sein Ansehen. Er starb an einer KrankheitAn einer Krankheit sterbend galt als Strohtod — Dies galt als eine unrühmliche Art, sein Leben zu beschliessen. und sein Grabhügel liegt im Hrafnkelsdalr, ausserhalb von Aðalból; grosse Schätze wurden ihm in's Grab gelegt, seine ganze Waffenrüstung und sein guter SpiessWenn der Grabhügel fertig aufgeworfen war, so wurde durch die gelassene Oeffnung der Todte in voller Kleidung, mit seinen Waffen und anderen Beigaben hineingelegt, ein Abschiedswunsch ihm zugerufen und dann der Hügel geschlossen. Was dem Verstorbenen an Schmuck und Hausgeräth lieb gewesen war, bekam er zu sich..

Seine Söhne übernahmen die Godengewalt; Thórir wohnte zu Hrafnkelsstaðir, Ásbjörn aber zu Aðalból; beide hatten die Godenwürde gemeinschaftlich und erschienen als angesehene Männer.

 

Und hiermit endet die Saga von HrafnkellDer Schlusssatz lautet wörtlich: Und hier hört es auf, von Hrafnkell zu sagen (d. h. zu erzählen). Im Originale: Ok lýkr hér frá Hrafnkeli at segja. Dies ist die typische, immer wiederkehrende Weise, mit welcher die meisten Sögur schliessen..

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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