Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

14. und 15. Capitel.

 

14. Capitel.

 

Hrafnkell erfuhr ostwärts im Fljötsdalr, dass die Söhne Thjóstarr's Freyfaxi getödtet und seinen Tempel verbrannt hatten. Da sprach er: „Ich halte es für Thorheit, an einen Gott zu glauben“, und fügte hinzu, dass er von jetzt an nie mehr an einen Gott glauben werde; und daran hielt er seither fest, so dass er nie mehr opferte. Hrafnkell sass zu Hrafnkelsstaðir und brachte Geld zusammen. Er gewann grosses Ansehen in dem Fljótsdalshérað; jeder wollte so sitzen und stehen, wie er wollteDiese Stelle (vildi svá hverr sitja ok standa, sem bann vildi), bedeutet wohl soviel als: jeder bot alles auf, um mit Hrafnkell auf gutem Fusse zu stehen..

In dieser Zeit kamen die meisten Schiffe von Norwegen nach Island; die Männer nahmen in den Tagen Hrafnkells am meisten Land in dem Fljótsdalshérað in Besitz. Keiner aber konnte sich in Ruhe und Frieden ansiedeln, ohne dass er Hrafnkell um Erlaubnis bat; da mussten auch alle ihm ihren Beistand geloben und er versprach ihnen seinen Schutz. Er unterwarft sich so alles Land östlich vom Lagarfljót. Dieser GodenbezirkVorliegende Stelle unserer Saga ist von besonderem culturhistorischen Interesse, da wir durch dieselbe Einblick in die Entstehung einer Godenherrschaft gewinnen und das Verhältnis zwischen dem Goden und seinen Thingleuten kennen lernen. Merkwürdig dabei ist, dass Hrafnkell, der zwar erklärt hat: ich halte es für eine Thorheit, an einen Gott zu glauben und der weiters kein Opfer darbringen will, dennoch im Stande war, ein neues goðorð zu gründen, dessen Hauptmittelpunkt gerade der Tempel sein sollte. Wir sehen daraus, dass es nicht allein die religiösen Functionen sind, auf welchen die Godenwürde ruht, wie sich denn diese auch in der christlichen Zeit behauptet hat, nachdem jene längst beseitigt waren. wurde schnell um vieles grösser und volkreicher, als der, den er früher innegehabt hatte; er erstreckte sich aufwärts über den Skriðudalr und ganz hinauf längs dem Lagarfljót.

Eine Veränderung war jetzt in Hrafnkells Gemüthsart vorgegangen. Der Mann war viel beliebter, als zuvor: er hatte dieselbe Sinnesart in Hinsicht auf Bereitwilligkeit und Gastfreiheit, aber er war ein weit mehr gefügiger und umgänglicher Mann, als vorher, in allem. Oft trafen sich Sámr und Hrafnkell bei Zusammenkünften, erwähnten aber nie ihres Zwischenfalles. So ging es sechs Jahre hindurch

Sámr war bei seinen Thingmännern beliebt, denn er war leicht zugänglich, friedliebend und billig in seinen Entscheidungen, und erinnerte sich dessen, was die Brüder ihm gerathen hatten. Er war auch ein sehr prunkliebenderSámr legte viel Gewicht darauf, prächtig gekleidet und glänzend gerüstet zu erscheinen, worauf man im alten Norden überhaupt viel hielt.
Angesehene Männer gingen bei feierlichen Gelegenheiten gern in Röcken von Scharlach, mit feinstem Pelzwerke gefüttert und mit Gold- und Silberhaken zusammengehalten, bisweilen auch an den Händen mit goldenen Zieraten geschmückt.
Man trug auch silberne Gürtel und Gürtelgeschmeide und grosse, dicke Goldringe um den Arm und das Handgelenk. Die Egilssaga erzählt, dass der Isländer Egill Skallagrímsson von seinem Verwandten Arinbjörn in Norwegen einen bis auf die Füsse hinab reichenden, mit Gold gestickten, seidenen Ueberrock, von oben bis unten mit goldenen Knöpfen besetzt, zum Geschenk erhalten habe.
In der Gunnlaugs saga Ormstungu (Geschichte von dem Skalden Gunnlaug mit dem Beinamen Schlangenzunge) lesen wir, dass der genannte Skalde als Sangeslohn einen Scharlachmantel, verbrämt mit dem besten Pelze, bis in den Zipfel hinunter mit Borte besetzt bekam.
Mann.

 

15. Capitel.

 

Es wird erzählt, dass ein Schiff vom Meere in den ReyðarfjörðrDer Reyðarfjörðr liegt an der Ostküste Islands, gerade östlich vom Lagarfljót. kam und der Steuermann war Eyvindr Bjarnasond. h. Sohn des Bjarni, also Sámr's Bruder.; er war sieben Jahre auswärts gewesen. Eyvindr hatte sehr viel an Tüchtigkeit gewonnen und war ein überaus wackerer Mann geworden. Es wurden ihm sofort nach seiner Ankunft die Begebenheiten, welche sich ereignet hatten, mitgetheilt; aber er liess darüber wenig merken, denn er war ein zurückhaltender Mann.

Sobald Sámr Eyvindr's Ankunft erfährt, reitet er zum Schiffe hin; es findet nun ein sehr freudiges Wiedersehen der beiden Brüder statt. Sámr lädt seinen Bruder zu sich nach Westen ein; Eyvindr nimmt dies wohl auf, bittet aber Sámr, vorher nach Hause zu reiten und Pferde zu senden, um seine Waaren fortzuschaffen. Er zieht sein Schiff an den Strand und macht es fest. Sámr thut nun so, wie sein Bruder es gewünscht, reitet nach Hause und lässt die Pferde zu Eyvindr treiben; und als dieser seinen WaarenvorrathDie Artikel, welche man auf Island von dem Auslande her bezog, waren hauptsächlich: Bauholz (aus Norwegen), Mehl, Tuch und Leinwand, verarbeitetes und rohes Eisen, Kupfer, Waffen, Theer und allenfalls auch Wein nebst Wachs.
Isländische Ausfuhrartikel hingegen waren: Wolle, Wollenzeuge, Schafvliesse, Lammfelle, Fleisch und Talg, Häute und Pelzwerk (zumal Fuchs- und Katzenbälge), Käse, Butter, Thran und Fische, Schwefel.
Man kann sich denken, welches Leben die Ankunft eines jeden Schiffes am isländischen Strande erweckte! War es ein fremdes Schiff, das ankam, so begann an seiner Brücke bald ein Markt. Der Gode des Bezirkes stieg herab zur Küste, traf alle Anordnungen und bestimmte die Preise der Waaren; keiner wagte vorher zu kaufen.
Die Waaren wurden den Winter über in ein eigenes Gebäude des Godenhofes geschafft und des sonstigen Gehöftes, in dem sie Winteraufenthalt hatten.
aufgepackt hat, beginnt er seinen Ritt nach dem Hrafnkelsdalr und reitet längs dem Reyðarfjörðr aufwärts.

Es waren fünf Männer zusammen; der sechste war Eyvindr's Leibbursche, von Herkunft ein Isländer, mit ihm verwandt. Diesen Jungen hatte Eyvindr aus seiner Dürftigkeit gezogen, mit sich in das Ausland genommen und ihn gleich sich selbst gehalten; diese That Eyvindr's war bekannt geworden, und es war die Meinung bei allen Leuten, dass wenige seinesgleichen wären. Sie ritten die Thórsdalsheiði aufwärts und trieben sechzehn beladene Hengste vor sich.

Es waren da zwei Hausleuted. h. freie, in Lohn genommene Dienstleute. Sámr's und drei Handelsleute, sowie Eyvindr's Bursche; alle waren in bunten Gewändern und ritten mit glänzenden SchildenDiese nordischen Schilde waren damals durchgehends lang und dicht; anders als die der Wikinger, welche runde Schilde aus Holz trugen. Noch im 11. Jahrhunderte reichte dem Reiter der Schild, über dessen Oberrand er blickte, tief über die Steigbügel hinab.
Die Schilde bestanden aus einem Ruthengeflecht, das mit Thierhaut bezogen und mit bunten Farben bestrichen war; man liebte hiebei namentlich roth und weiss.
Der weisse Schild hatte im besonderen die Bedeutung eines Friedenszeichens: den weissen Schild im Kampfe aufheben, hiess den Gegner um Waffenruhe bitten. Dagegen ist der rothe Schild das Anzeichen des Krieges.
einher. Sie ritten quer über den Skriðudalr und über Háls, hinüber zum Fljötsdalr bis dahin, wo es Bulungarvellir heisst, dann herab auf die Sandbank der Gilsá; diese fliesst von Osten her zum Lagarfljót zwischen Hallorms- und Hrafnkelsstaðir. Dann ritten sie längs dem Lagarfljót aufwärts, unterhalb der flachen Strecke bei Hrafnkelsstaðir und so um das Ende des Landsees herum und übersetzten die Jökulsá bei Skdlavad.

Es war gerade zwischen Aufstehens- und Frühstückszeit. Eine Magd war eben beim Wasser und wusch ihre LeinwandUralt ist die Leinwand bei den Germanen, und ihre Bereitung war hier früh so ausgezeichnet, dass die Römer sie zu rühmen sich herbeiliessen. Von Frauen gewebt, war sie hauptsächlich Frauentracht. Mit einem Leintuche ward bei der heidnischen Weihe des Ehebündnisses die nordische Braut verhüllt und das Spinnen des Flachses wurde als echt weibliche Beschäftigung sogar den göttlichen Schlachtenjungfrauen (Walkyren) in ihren friedlichen Stunden zugetheilt. Leinwand (isländisch: lérept) stand auf Island in dreimal höherem Preise als Wollenzeug (vaðmál), aus dem Grunde, weil der Flachs hier sowohl wie grösstentheils in Norwegen, hauptsächlich aus England eingeführt werden musste.; sie sieht die Männer reiten, packt ihre Leinwand zusammen, läuft zum Hause Hrafnkells, wirft die Leinwand bei einem Holzhaufen nieder und stürzt hinein. Hrafnkell war noch nicht aufgestanden, die Hausleute selbst lagen in der Stube, die Arbeitsleute aber waren zu ihrer Beschäftigung gegangen; es war um die Zeit der Heuernte.

Die Magd nahm, als sie hineinkam, das Wort: „Das ist am meisten wahr, was ein altes Sprichwort sagt: — Jeder wird so elend, wie er altert —; das Ansehen, welches zeitig erworben wurde, wird gering, wenn man später die Hände schimpflich in den Schoss legt und nicht den Muth dazu hat, sein Recht irgend einmal zu verfolgen; und solches ist ein grosses Wunder bei dem Manne, welcher tapfer gewesen ist. Auf andere Weise ist es mit dem Leben derjenigen bewandt, welche bei ihren Vätern aufwachsen, und sie scheinen euch von keinem Wert im Verhältnisse zu euch; aber sobald sie erwachsen sind, reisen sie von einem Lande zum anderen und erscheinen dort von grösster Bedeutung, wo sie hinkommen; dann kehren sie nach Hause zurück und dünken sich angesehener als die Goden. Eyvindr Bjarnason ritt hieher über den Fluss bei Skálavað mit einem so glänzenden Schilde, dass es weithin davon leuchtet; er ist ein so tüchtiger Mann, dass an ihm RacheDie Misshandlung, welche Hrafnkell durch Sámr erlitten hatte, war eine so schwere und schimpfliche, dass sie nur durch Blutrache gesühnt werden konnte. Man erblickte nämlich in der Tödtung (oder fast tödtlichen Misshandlung) eines männlichen Familiengliedes einen Verlust an Kraft und Ansehen, der dem ganzen Geschlechte zugefügt wurde; derselbe konnte also nur auf die Weise gesühnt werden, dass man der Familie des Thäters einen gleichen Verlust beibrachte. Konnte man den Thäter selbst nicht erreichen, so galt sein nächster, wenn auch völlig schuldloser Bluts- oder Seitenverwandter als Aequivalent für die angefügte Schmach oder den erlittenen Verlust, und je angesehener und tüchtiger derseihe war, desto vollständiger wurde durch dessen Tödtung dem Verlangen nach Rache Genüge geleistet.
Ja, es kam vor, dass man den eigentlichen Thäter ganz absichtlich unangetastet liess, wenn er kein besonderes Ansehen in seinem Geschlechte genoss; man wandte sich dann lieber gleich gegen den Angesehensten und Tüchtigsten seines Geschlechtes und führte an diesem den Racheact aus.
zu nehmen wäre.“ — So lässt die Magd ihrem Eifer Lauf.

Hrafnkell erhebt sich und erwidert ihr: „Kann sein, dass du manches wahr genug sagst — nicht deshalb, weil dich Gutes hierzu bewegt; nun ist billig, dass du etwas zu thun bekommst. Eile schnell südwärts nach ViðivellirViðivellir (d.h. Waldebene) war der nächste Nachbarhof von Hrafnkelsstaðir. zu den Söhnen Hallsteinn's, Sighvatr und Snorri; bitte sie, mit den Männern, welche dort waffenfähig sind, schnell zu mir zu kommen.“

Eine andere Magd sendet er hinaus nach Hrólfsstadir zu den Söhnen Hrólfr's, Thórðr und Halli und denen, welche dort waffenfähig waren; diese wie jene waren treffliche Männer und durchaus tüchtig. Hrafnkell sandte auch nach seinen Knechten. Alle zusammen beliefen sich auf achtzehn. Sie bewaffaneten sich mannhaft und ritten dann über den Fluss, wie Eyvindr mit seinen Begleitern zuvor.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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