Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

12. und 13. Capitel.

 

I2. Capitel.

 

Hrafnkell verlegte nun seinen Wohnsitz ostwärts über das Fljótsdalshérað, quer über den Fljótsdalr, im Osten vom Lagarfljót. Am oberen Ende des Landsees stand ein kleiner Hof, welcher Lokhylla hiess. Dieses Grundstück kaufte Hrafnkell auf Borg; denn sein Geld betrug nicht mehr als er zum Hausgeräthe bedurfte. — Die Leute sprachen viel davon, wie sein Uebermuth niedergebeugt wurde; und mancher gedachte des alten Sprichwortes: „Die Lebzeit des Uebermuthes ist kurz.“

Hrafnkell's Grundbesitz war ein dichtes Waldland und von weiter Erstreckung, aber mit Gebäuden geringen Preis. Aber er scheute keine Mühe und lichtete den Wald — denn er war dichtHier sowie an manchen anderen Stellen isländischer Sagas ist die Rede von einem Walde auf Island. Dass derselbe in der ältesten Zeit ausgedehnter und von üppigerem Wüchse gewesen ist als heutzutage, wo man eigentlich nur Gestrüppe auf der Insel findet, ist zweifellos; doch konnte derselbe niemals Bau oder Zimmerholz liefern, welches aus Norwegen geholt werden musste, sondern nur Brennholz u. a. Der Charakter des isländischen Waldes im ganzen hat in historischer Zeit keine Umwandlung erfahren. — und baute einen ansehnlichen Hof auf, welcher seither Hrafnkelsstaðir heisst. Eben seither wurde diese Stelle ein guter Hof genannt.

Hier wohnte Hrafnkell mit vielem Ungemach im ersten Jahre. Grosse Ausbeute hatte er an FischenNeben der Viehzucht bildete die Fischerei sammt dem daran sich schliessenden Seehunds fange einen zweiten, kaum minder ergiebigeren Nahrungszweig der Isländer. Die grossen Fischzeiten zumal, möge es sich um Dorsch-, Häring- oder Haifischfang handeln, versammeln regelmässig ganze Scharen Volks aus dem inneren Lande sowohl, als auch von der Küste an den ergiebigeren Fischereiplätzen. Aber nicht bloss im salzigen, auch im Süsswasser lohnt sich der Fischfang auf Island reichlich. Die isländischen Flüsse und Bäche wimmeln von den edelsten Forellenarten. Der echte Lachs, welcher nur noch in einigen Gebirgsflüssen Europas getroffen wird, ist auf Island in grösster Menge verbanden. Doch ist es noch nicht gar lange her, dass die Isländer die Süsswasserfischerei systematisch zu treiben anfangen. Heutzutage wandern bereits Hunderte von Centnern geräucherten oder eingesottenen Lachses nach England an die Tafeln der reichen Lords..

Er ging selbst eifrig zu Werke während der Hof im Bau begriffen war. Im Winter des ersten Jahres züchtete er ein Kalb und ein Zicklein; er pflegte dieselben gut, so dass fast alles, wobei Gefahr lief am Leben blieb; man konnte beinahe sagen, dass zwei Köpfe auf jedem Thiere warenEine dem Originale eigenthümliche Ausdrucksweise, um die schnelle Vermehrung der Thiere zu bezeichnen.. In demselben Sommer fiel ein grosser Fischfang im LagarfljóDerselbe war und ist noch sehr fischreich.t vor. Hiedurch erhielten die Leute in dem Fljótsdalshérað einen Zuschuss zur Haushaltung, und dies wiederholte sich jeden Sommer.

 

13. Capitel.

 

Sámr richtete sich nach Hrafnkell's Abzug den Hof zu Aðalból ein; darnach veranstaltete er ein prächtiges GastmahlDie alten Skandinavier sassen und tranken gern mit Gästen und Freunden. Zu Gastmählern lud man seine Verwandten und Freunde zusammen, wenn ein Erbbier getrunken, eine Hochzeit gefeiert werden sollte, oder wenn eine andere Gelegenheit Veranlassung bot, dass man sich mit den Männern der Gegend freuen wollte. Vermögende Bauern und Goden legten gern ihre Freigebigkeit und ihren Reichthum durch grosse und prächtige Gastmähler an den Tag, um dabei Ruhm und Ansehen zu gewinnen, und es gehörte zur alten, noch heute geübten nordischen Gastfreundschaft, seine Gäste auf das trefflichste zu bewirten. Das Beste, was das Haus an Fleisch und Fischen zu bieten vermochte, sowie wohlgebrautes Bier der stärksten Art wurde den Gästen zur Verfügung gestellt. Man sah da in der grossen Halle eines isländischen Hofes mitunter gegen tausend Gäste versammelt und das Gelage währte oft mehrere Tage. und lud dazu alle, welche Hrafnkells Thingmänner gewesen waren. Er erbot sich, ihr Gode an Hrafnkell's Stelle zu sein; die Männer sagten hierzu ja, dachten aber doch verschieden darüberObwohl eine Godenherrschaft (goðorð) völlig frei vererblich und veräusserlich, wie jedes andere Vermögensstück war, so lag doch in der Freiheit des Ausscheidens aus dem goðorð, wenn nur eine hinreichende grosse Anzahl von Thingleuten gegen den neu eintretenden Goden entschieden Abneigung zeigte, geradezu ein Mittel, demselben die Uebernahme der Goden würde unmöglich zu machen. Von diesem Gesichtspunkte ans gewinnt es demnach eine materielle Bedeutung, wenn ein neu eintretender Gode die Thingleute in offener Versammlung befragt, ob sie sich auch ihm als solche anschliessen wollen oder nicht..

Die Söhne Thjóstarr's riethen Sámr, dass er milde, freigebig und hilfreich gegen seine Männer und zum Schutze für jeden, der dessen bedürfte, bereit sein sollte; „und“ ,sagten sie, „diese da sind nicht Männer, wenn sie dir nicht gehörig Beistand leisten, so oft du desselben bedarfst. Wir rathen dir aber dies deshalb; weil wir wollen, dass es dir ganz gut gehe, denn du scheinst uns ein wackerer Mann; nimm dich nun wohl in Acht und sei aufmerksam auf dich, denn schwierig ist es, sich vor den Schlechten zu bewahren.“

Die Brüder liessen hierauf nach Freyfaxi und seiner Schaar senden und sagten, sie wollten diese Thiere sehen, von welchen so grosses Gerede ginge. Da wurden die Rosse heim gebracht. Die Brüder betrachteten dieselben.

Thorgeirr sprach: „Diese Pferde scheinen mir zum Hofe nothwendig; mein Rath ist; dass sie so viel, als sie können, zum Nutzen der Leute arbeiten sollen, bis sie infolge Alters nicht länger leben können; aber dieser Hengst scheint mir nicht besser als andere Pferde, eher um so viel schlechter, als vieles Unheil durch ihn verursacht worden ist. Ich will nicht, dass noch mehr Todtschlage durch ihn veranlasst werden, als schon seinetwegen geschehen sind; es wird daher billig sein, dass der ihn in Empfang nehme, dem er gehörtWörtlich: der ihn hat, nämlich der Gott Freyr, dem der Hengst von Hrafnkell geweiht worden war..“

Sie führen nun den Hengst zum Thale herab. Eine schroffe Felswand erhebt sich unten beim Flusse, aber unter derselben eine Vertiefung im Flnssbette; dorthin führen sie den Hengst, die Felswand hinauf. Darauf ziehen die Brüder einen Sack über des Hengstes Kopf, binden einen Stein an seinen Hals, nehmen sodann lange Stangen, stossen den Hengst hinunter und tödten ihn so. Hier heisst es seither Freyfaxahamarrd. h. Freyfaxi's Klippe..

Dort oberhalb stand der Tempel, welchen Hrafnkell dem Gotte Freyr errichtet hatte. Thorkell ging dahin, liess alle Götterbilder entkleiden, darauf im Tempel Feuer anlegen und alles zusammen verbrennenDiese Stelle unserer Saga, sowie eine weiter unten folgende, weist deutlich auf eine bereits begonnene innere Zersetzung des nordischen Götterglaubens hin, wie wir denn auch von einzelnen nordischen Helden wissen, dass sie alle Götter leugneten und nur an ihre eigene Stärke glaubten. In zahlreichen Träumen, Ahnungen, Gesichten und Weissagungen sprach sich die Unruhe, welche das Volk ergriffen hatte und dessen banges Vorgefühl von dem nahen Zusammenbrechen der alten Götterwelt ganz unverkennbar aus..

Nun rüsten sich die Gäste zur Abreise. Sámr wählt für die beiden Brüder kostbare GeschenkeNach altnordischer Sitte wurden den Gästen beim Abschiede Geschenke verehrt, und zwar oft ansehnliche und kostbare zur Vergeltung für die Beschwerlichkeiten der Reise und als Andenken an die Höflichkeit und Gastfreundschaft, die sie genossen hatten. Diese Geschenke bestanden entweder in seidenen, mit Gold gestickten Kleidern oder schönen Rossen, ausgezeichneten Waffenstücken, Trinkhörnern, Ringen und anderen Kleinodien. aus, sie geloben sich gegenseitig unverbrüchliche Freundschaft und scheiden als sehr gute Freunde. Die Brüder reiten den geraden Weg westwärts zu den Meerbusen und kommen mit Ehren zum Thorskafjörðr heim.

Sámr bereitete Thorbjörn eine Niederlassung zu Leikskálar; dort sollte er wohnen. Sámr's Gattin aber zog mit ihm zum Haushalte nach Aðalból und er wohnte dort eine Zeit lang.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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