Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Der Gesetzesfelsen (lögberg).

 

Der Gesetzesfelsen (lögberg) ist der Mittelpunkt des Allthinges, der Sitz der von den Goden ernannten Richter (der lögrétta) und der amtliche Platz des Gesetzessprechers. Von hier aus wurden die Bechtsvorträge des letzteren der Regel nach gehalten und auch die übrigen ihm obliegenden Verkündigungen erlassen; von hier aus richteten aber auch diejenigen Privatleute, welche irgend etwas an die Thingversammlung vorzubringen hatten, ihre Worte an diese, nachdem sie zuvor vom Gesetzessprecher die Erlaubnis, den Ort zu betreten, und allenfalls auch Belehrung über die einzuhaltenden Förmlichkeiten sich erbeten hatten. Die verschiedenartigsten Bekanntmachungen, Aufforderungen, Anfragen konnten am Gesetzesfelsen erlassen und gestellt werden: u. a. muss hier das Domicil und die Thingzugehörigkeit angezeigt werden, welche jemand wählt; hier erfolgt die Bekanntgabe der Rechtssachen, welche entweder sofort oder am nächsten Allthinge erledigt werden sollen; hier erkundigt man sich um das Domicil und die Thingzugehörigkeit von Personen, bezüglich deren man ein rechtliches Interesse hat, solche zu kennen.

Auch Ladungen, dann Berufungen von Zeugen und Geschworenen werden unter Umständen hier vorgenommen, die Namen von Aechtern oder Land es verwiesenen bekannt gegeben, Schiedsprüche verkündet, Executionsgerichte angesagt, gefundenes Gut wird declariert, aber auch eine Herausforderung zum Zweikampfe oder eine Einladung zu einem grossartigen Gastmahle hier erlassen u. dergl. mehr.

Der Gesetzesfelsen war kein Berg im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern eine hervorspringende Lavamasse, welche durch Risse in der Lava scharf von der übrigen Thingebene geschieden war und eine natürliche Festang bildete. Zwei von den Spalten, welche die Lavaebene durch ihre Senkung eingerissen hat, laufen nämlich gegen Norden zusammen und treffen sich fast gegen Südosten. Nur ein schmaler Rücken verbindet gewissermassen als Brücke den Gesetzesfelsen mit dem übrigen Lavafelde.

Dies ist der einzige Weg, auf welchem man zum Gesetzesfelsen gelangen kann; denn die Spalten sind mehrere Klafter breit und sehr tief, mit steilen Seitenwänden.

Es war ein grossartiger Anblick, den man zur Zeit des Allthings vom Gesetzesfelsen aus genoss. Ueber die schwarzen Klüfte, welche denselben umgaben und über die gras- und buschreichen Flächen des Lavafeldes sah man gegen Westen und Osten die beiden Höhen und schwarzen Felswände der beiden grossen Klüfte (Almannagjá und Hrafnagjá), hinter welchen die fernen, grauen Bergrücken sich erhoben; fern gegen Norden ragte der schneebedeckte Scheitel des Vulcans Skjaldbreiðr (d. i. des breiten Schildes) empor, und gegen Westen und Süden schweifte der Blick die Thingebene hinaus, wo sich die Öxará einbog, wo die Buden der Thingleute lagen, bis dorthin, wo die breite und blanke Fläche des Sees den Gesichtskreis abschloss.

Heutzutage ist alles still und leer an dem Orte, wo einst die Geschicke der Insel entschieden wurden und an welchen sich die meisten historischen Erinnerungen knüpfen.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zurück zum Capitel

 

6,100,521 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang