Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

10. und 11. Capitel.

 

lO. Capitel.

 

Nun warteten beide ab, bis die richterlichen EntscheidungenDie richterlichen Entscheidungen begannen, sobald die von den Goden ernannten Richter herausgeführt wurden und die ihnen bestimmten Plätze am Gesetzesfelsen (lögberg) einnahmen; ihre Gesammtheit bildete die lögrétta. Leider sind wir aber über die Art und Weise der Zusammensetzung dieses auch gesetzgebenden Ausschusses am Allthinge in dieser Zeit (930 bis 965 n. Chr.) unwissend. beginnen. Da rief Sámr seine Männer auf und ging zum Gesetzesfelsen; dort war der Sitz des Gerichtes. Sámr ging nun kühn zu demselben. Er hob sofort mit dem Aufrufen von ZeugenDer Process vor Gericht wurde von dem Kläger begonnen; derselbe legte zuerst den Sachverhalt dar und führte Zeugen vor, um durch selbe zu beweisen, dass er jenen sowohl zu Hause bei den Nachbar-Geschworenen als auch hier am Gesetzesfelsen bekannt gemacht hatte. Hier durch erhielten die Richter den Beweis, dass von Seiten des Klägers auf gesetzmässige Weise vorgegangen worden war; die Zeugenführung musste das dem altisländischen Rechtsgange mangelnde Protokoll ersetzen. an und verfocht seinen Process gegen Hrafnkell den Goden nach den richtigen Landesgesetzen ohne Formfehler und mit tüchtiger Sachwaltung. Zuerst kamen die Söhne Thjóstarr's mit einer grossen Schaar Männer zum Thinge; alle Leute vom Westlande leisteten ihnen Beistand und es zeigte sich, dass diese Brüder beliebte Männer waren. Sámr verfocht seine Sache bei Gericht bis dahin, das Hrafnkell von ihm zur Rechtfertigung aufgefordert wurde, ausser es wäre ein Mann zur Stelle, der in richtiger, gesetzmässiger Weise den gesetzlichen EinspruchNachdem der Ankläger seinen Vortrag beendet, führte er seine Zeugen aus der Heimat (die Nachbar-Geschworenen) herbei, forderte den Gegner auf, dieselben zu untersuchen und, wenn er es vermochte, zu verwerfen; dann ihr Zeugnis anzuhören und schliesslich sich selbst zu verantworten. für ihn erheben wolle.

Grosser Beifall wurde Sámr's RedeIm gemeinen Leben und bei den häufigen Rechtsstreitigkeiten auf Island in der Zeit des Freistaates kam es nicht bloss auf Kenntnis der einzelnen gesetzlichen Bestimmungen sondern auch auf die Fähigkeit an, das Recht eindringlich geltend zu machen. Nicht bloss gesetzeskundig, auch beredt musste der Mann sein, welcher seiner Sache den Sieg verschaffen wollte. Wenn daher auch die alten Isländer vor allem Kürze und Inhaltsreichthum im Ausdrucke liebten und diese Bedeweise in den Sagas als gewöhnliche erscheint, so ging ihnen doch der Sinn für wohlgebaute, längere Reden durchaus nicht ab und sie zollten einer solchen gerne Beifall. zu theil und man fragte, ob niemand den gesetzlichen Einspruch für Hrafnkell vorbringen wolle, Männer liefen zu Hrafnkell's Thingbude und sagten ihm, wie die Dinge stünden. Er brach schnell auf, rief seine Leute zusammen und ging zum Gerichte; er dachte, dass auf Seite der Gegenpartei wenig Schutzwehr vorhandenDa Sámr kein so glänzend bewaffnetes und gerüstetes Gefolge mitbringen konnte, wie der Gode Hrafnkell. wäre; er hatte im Sinne, es den kleinen Leuten zu verleiden, gegen ihn einen Process zu unternehmen; er beabsichtigte, das Gericht vor Sámr auseinander zu sprengen und ihn mit Hohn und Spott von dem Processe zu jagen. Aber dazu war jetzt keine Gelegenheit. Eine solche Menschenmenge stand da vor, dass Hrafnkell nirgends näher kam; und er wurde mit grosser Gewaltthätigkeit hinweg gedrängt, so dass er die Rede derjenigen, welche ihn anklagten, nicht hören konnte; deshalb war es ihm schwierig, den gesetzlichen Einspruch für sich anzubringen. Sámr aber führte den Process durchaus gesetzmässig, bis Hrafnkell auf diesem Thinge gänzlich geächtetDas Urtheil am Thinge wurde nach Stimmenmehrheit der Richter gefällt. Die Aechtung (Friedlosigkeit oder Landflüchtigkeit) zerfiel in zwei Grade: die geringere und die grössere. Erstere war eine Verbannung des Schuldigen von gewissen Gegenden des Landes und auf eine gewisse Zeit (gewöhnlich drei Jahre) und ein so Geächteter musste für sein Leben ein Lösegeld zahlen, oder seine Freunde thaten dies für ihn; er selbst hiess fjörbaugsmaðr (d. h. ein zur „Lebensbusse" Verurtheilter). Die grössere Friedlosigkeit (wie im vorliegenden Falle) hiess Waldgang (skóggángr) und der hiezu Verurtheilte Waldgänger (skóggángsmaðr, skógarmaðr), weil er seines Vermögens verlustig, seine Person selbst vogelfrei erklärt und er so gezwungen wurde, sich in die Wälder, Wüsten oder andere verlassene Stätten der Insel zu flüchten. — Diese Strafe wurde für Mord und Todtschlag verhängt. wurde. Hrafnkell eilte sogleich zu seiner Bude, liess seine Pferde bringen und ritt vom Thinge weg; er war mit dem Ausgange seines Processes übel zufrieden, denn niemals vorher hatte er solches erlebt. Er ritt ostwärts über die Lyngdalsheiði und weiter nach Siða, und hielt nicht eher an, als bis er nach dem Hrafnkelsdalr kam; dort liess er sich in Aðalból nieder und that, als wenn nichts geschehen wäre. Aber Sámr blieb am Thinge zurück und ging sehr stolz einher. Vielen Männern schien es recht, dass es dahin gekommen war, dass Hrafnkell eine Niederlage erlitten hatte, und sie erinnerten sich nun, wie er vielen Unbilligkeit bewiesen habe.

 

11. Capitel.

 

Sámr wartete, bis das Thing geschlossen wurde. Die Männer rüsteten sich da zur Heimreise. Sámr dankte den Brüdern für ihren Beistand, aber Thorgeirr fragte ihn lächelnd, wie er zufrieden wäre. Er äusserte, sehr zufrieden zu sein. Thorgeirr sprach: „Dünkst du dich nun deinem Ziele etwas näher als zuvor?“

Sámr erwiderte: „Hrafnkell scheint mir eine grosse Schmach erlitten zu haben, deren er sich lange erinnern wird; und dies ist vielem Gelde gleichwertig.„

Thorgeirr sprach: „Der Mann ist nicht gänzlich geächtet, so lange das Executiongericht nicht vollzogen ist, und es ist nothwendig, dass dies auf seinem Wohnsitze geschehe; dies wird vierzehn Nächte nach Wiederaufnahme der Waffen erfolgen.“

„Ich vermuthe aber“, sagte Thorgeirr, „dass Hrafnkell nach Hause gekommen sein wird und auf Aðalból zu bleiben beabsichtigt; ich meine, dass er euch zum Trotze die Godengewalt behalten wird. Und du wirst dir vornehmen, heimzureiten und dich in deiner Wohnung ruhig niederzulassen, wenn du, im besten Falle, überhaupt dahin kommst. Ich denke, dass du so guten Glauben von deiner Sache hast, dass du Hrafnkell einen WaldgängerEinen Waldgänger durfte jedermann tödten, niemand aber ihm Speise geben, niemand ihn beherbergen oder sonst irgendwie helfen. Wer einem Waldgänger, Gelegenheit verschaffte, von der Insel zu entkommen, wurde ebenfalls strafbar erklärt. Nur ein Mittel gab es für den Waldgänger, sich zu retten, nämlich: andere Waldgänger zu tödten. Tödtete er einen, so konnte er zwar nicht beherbergt, wohl aber ausser Landes gebracht werden; tödtete er einen zweiten, so wurde er fjörbaugsmaðr, und die Tödtung eines dritten verschaffte ihm seine volle Freiheit wieder. nennst; aber ich bin der Ansicht, dass er den anderen Männern ebensolchen Schrecken einjagen wird, wie zuvor, nur dass du noch tiefer zum Falle kommen wirst.“

„Darum kümmere ich mich niemals“, sagte Sámr.

„Du bist ein wackerer Mann“, sprach Thorgeirr, „und ich glaube, dass mein Bruder Thorkell dir nicht am halben Wege entschlüpfen wird. Er wird dir nun helfen, bis es zwischen dir und Hrafnkell zum Abschlusse kommt und du dann ruhig leben kannst. Es wird euch nun scheinen, dass wir zunächst verpflichtet seien, dir zu folgen, da wir bisher am meisten mit dir uns eingelassen haben. Wir werden dir nun für diesmal das Geleite bis zu den östlichen Meerbusen geben; weisst du einen Weg zu denselben, der kein bestimmter Thingweg ist?“

Sámr sagte, er würde denselben Weg reiten, welchen er von Osten her eingeschlagen, und war über den Beistand froh. Thorgeirr wählte seine Leute aus und liess sich vierzig Mann folgen. Sámr hatte auch vierzig Mann. Diese Schaar war mit Waffen und Pferden wohl ausgerüstet.

Darauf reiten sie alle denselben Weg, bis sie bei Tagesanbruch in den Jökulsdalr kommen; sie reiten auf der Brücke über den Fluss, und dies war an demselben Morgen, an welchem das Executionsgericht auszuführen war. Da fragt Thorgeirr, wie sie am ehesten unversehens nach Aðalból kommen könnten. Sámr antwortet, hiefür wisse er Rath. Er biegt sogleich vom Wege ab und zieht den Bergrücken hinauf und dann längs demselben zwischen dem Hrafnkels- und Jökulsdalr, bis sie unterhalb der Erhebung kommen, worunter der Hof zu Aðalból steht. Dort zogen sich mit Gras bewachsene Vertiefungen die Heide aufwärts, aber ein jäher Abhang thalabwärts; unterhalb desselben stand der Hof.

Da steigt Sámr vom Pferde und spricht: „Lassen wir unsere Pferde ledig und zwanzig Mann auf dieselben Acht haben; aber wir übrigen sechzig Mann stürmen auf den Hof los und ich glaube, dass wenige Männer auf den Beinen sein werden.“

Sie thaten nun so und jene Vertiefungen dort heissen seither Hrossageilard. h. Pferdeklüfte.. Nun ging es rasch auf den Hof los. AufstehzeitEs war ungefähr 6 Uhr früh. war eben vorüber; die Leute waren aber noch nicht aufgestanden. Sie sprengten die Thür mit einem Balken und stürmten hinein. Hrafnkell lag in seinem Bette; sie ergriffen ihn und alle seine Hausgenossen, welche waffenfähig waren. Frauen und Kinder wurden in ein anderes Gebäude getrieben. In dem Grasgarten stand ein Aussenbaud. i. eine Vorrathskammer für Esswaren and sonstigen Hausbedarf.; von diesem hin zur Saalwandd. h. bis zur Wand des Hauptgebäudes eines isländischen Hofes, des Saales oder der grossen Halle. war eine KleiderstangeZum Aufhängen der Kleider, um dieselben zu trocknen - heutigentags würde es Wäschleine genannt werden. angebracht; dorthin brachten sie Hrafnkell und seine Männer. Er bot viel Busse für sich und seine Männer. Als dies aber nichts half, bat er um das Leben seiner Männer; „denn sie haben euch nichts gethan, worüber ihr klagen könnt. Mir ist es keine Schande, wenn ihr mich tödtet, ich werde darüber kein Wort verlieren; aber gegen Misshandlungen verwahre ich mich, darin liegtauch für euch keine Ehre.“

Thorkell antwortete: „Wir haben es erfahren, dass du wenig glimpflich gegen deine Feinde gewesen bist, und es ist nun recht, dass du dies heute an dir selbst erkennest.“

Da ergriffen sie Hrafnkell und seine Männer und banden ihre Hände rückwärts zusammen. Hierauf erbrachen sie den Aussenbau und zogen die Seile von den Haken herunter; dann nehmen sie ihre Messer und stechen Löcher in die Kniekehlen der Gefesselten, ziehen hindurch die Seile, werfen diese über die Stange und binden dergestalt acht zusammenUeber diesen barbarischen Racheact ist zu berichten, dass weder vorher noch später Aehnliches auf Island vorgekommen sei..

Da sprach Thorgeirr: „So bist du nun, Hrafnkell! in die Lage gekommen, welche du verdient hast; und es mochte dir wohl unwahrscheinlich geschienen haben, dass du solche Schmach von einem Manne erleiden solltest, wie dir jetzt zu theil geworden ist. Aber was willst du. Thorkell! jetzt thun? Hier bei Hrafnkell sitzen und ihn und die Seinigen bewachen, oder dich mit Sámr auf Pfeilschussweite vom Hofe entfernen und auf einem steinigen Hügel, wo weder Acker noch Wiese ist, das Executionsgericht81) vollziehen?“ (Dies sollte zu der Zeit geschehen, wenn die Sonne gerade im Süden stünde.)

Thorkell antwortete: „Ich will hier bei Hrafnkell sitzen; dies scheint mir weniger beschwerlich.“

Da entfernten sich Thorgeirr und Sámr und vollzogen das Executionsgericht. Darauf gingen sie zurück und nahmen Hrafnkell und seine Männer von der Stange herab und legten sie auf dem Grasplatze nieder; ihre Augen waren mit Blut unterlaufen. Da sagte Thorgeirr zu Sámr, dass er mit Hrafnkell so verfahren sollte, wie er wollte: „denn nun scheint es nicht schwierig, mit ihm fertig zu werden.“

Sámr sprach darauf: „Zwei Fälle bestimme ich dir, Hrafnkell! Der eine, dass du mit jenen Männern, welche ich festsetze, vom Hofe gehen und getödtet werden sollst; da du aber eine grosse Kinderschaar zu versorgen hast, so will ich dir vergönnen, dass du vorher für dieselben Sorge tragest. Wenn du aber dein Leben behalten willst, da ziehe weg von Aðalból mit allen deinen Leuten und behalte nur das Eigenthum, welches ich dir zutheile und dies wird sehr wenig sein; aber ich werde diese Wohnstätte in Besitz nehmen und die ganze Godengewalt; niemals sollen weder du noch deine Erben darauf Anspruch erheben; nirgends sollst du mir näher sein, als im Osten des Fljótsdalshérað; — und nun musst du Handschlag mit mir wechseln, wenn du diese Bedingungen annehmen willst.“

Hrafnkell erwiderte: „Manchem würde ein rascher Tod besser scheinen als solche Misshandlungen; aber mir wird es geschehen wie vielen anderen, dass ich das Leben wählen werde, wenn dies noch freisteht; ich thue dies am meisten meinen Söhnen zu Liebe, denn armselig wird ihr Fortkommen sein, wenn ich ihnen weg sterbe.“ Da wurde Hrafnkell losgemacht und tibergab Sámr seine Godengewalt. Sámr wies Hrafnkell so viel Eigenthum zu, als er für gut fand, und dies war sehr wenig. Seinen Spiess behielt Hrafnkell bei sich, aber sonst keine Waffen. Denselben Tag zogen er und alle seine Leute von Aðalból weg.

Thorkell äusserte da zum Sámr: „Ich begreife nicht, warum du so thust; du wirst es am meisten selbst bereuen, dass du Hrafnkell das Leben schenkst.“ — Sámr sagte, dies werde so sein.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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