Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

9. Capitel.

 

Und nun gingen Sámr und Thorbjörn und kamen in die Thingbude; es schliefen da alle Männer. Sie sahen bald, wo Thorgeirr lag. Der alte Thorbjörn ging voran und wackelte stark; als er zum Bette kam, fiel er auf das Fussbrett, griff nach der Zehe, welche krank war, und zog sie zu sich; Thorgeirr aber erwachte hiedurch, sprang im Bette auf und fragte, wer da so stürmisch komme, dass er auf die Füsse von Männern stosse, die vorhin krank waren. Aber weder Thorbjörn noch Sámr wagten ein Wort.

Da eilte Thorkell in die Bude und sprach zu seinem Bruder Thorgeirr: „Sei deshalb nicht so hastig und nicht zornig, Bruder! denn es wird dir nicht schaden; aber manchem fällt es schlechter aus, als er will, und manchem geschieht es, dass er nicht auf alles gleich gut aufpassen kann, wenn ihm vieles am Herzen liegt. Aber dies ist zu entschuldigen, Bruder! dass dein Fuss verwundet ist, da eine sehr schmerzhafte Stelle daran gewesen; du wirst dies am meisten an dir selbst empfinden. Nun kann es aber auch sein, dass diesem alten Manne der Tod seines Sohnes nicht weniger schmerzlich ist, er aber keine Busse bekommt — und selbst alles entbehrt; er wird dies am besten an sich selbst erkennen. Es ist aber zu erwarten, dass ein Mann, welcher Schweres am Herzen hat, nicht auf alles wohl aufgepasst.“

Thorgeirr antwortete: „Ich dachte nicht, dass er mir dies vorhalten könnte; denn ich erschlug seinen Sohn nicht und er kann daher nicht an mir dies rächen.“

„Nicht wollte er an dir dies rächen“, sagte Thorkell, „aber er griff dich härter an, als er wollte und büsste für sein schwaches Gesicht; jedoch erwartete er sich Hilfe von dir. Nun ist es Heldenart, einem alten und bedürftigen Manne beizustehen; es ist für ihn eine Nothwendigkeit und keine Begehrlichkeit, wenn er für seinen erschlagenen Sohn eine gerichtliche Verfolgung vornimmt; aber nun entziehen alle Goden diesen Männern ihren Beistand und zeigen darin eine sehr unmännliche Gesinnung.“

Thorgeirr sprach: „Ueber wen haben diese Männer zu klagen?“

Thorkell erwiderte: „Der Gode Hrafnkell hat den Sohn Thorbjörn's schuldlos erschlagen. Er begeht eine Unthat nach der andern, will aber keinem Manne hiefür Busse leisten.“

Thorgeirr sprach: „Mir wird es so gehen, wie den andern, indem ich nicht weiss, ob ich diesen Männern so viel Gutes zu thun habe, dass ich mich in Streitigkeiten mit Hrafnkell einlassen wollte. Es scheint mir, dass er jeden Sommer mit den Männern, welche eine Rechtssache mit ihm auszufechten haben, auf die Weise verfahrt, dass die meisten wenig oder gar keine Ehre aufheben ehe es zum Ende geht, und ich sehe es auf eine Weise allen ergehen; ich denke, dass deshalb die meisten Männer dazu unlustig sind, wenn sie nicht die Nothwendigkeit zwingt.“

Thorkell antwortet: „Es kann sein, dass, wenn ich Gode wäre, es mir so ginge und schlimm dünkte, mit Hrafnkell zu streiten; aber wie ich jetzt bin, scheint es mir nicht so, denn mich dünkte es am würdigsten, mit dem zu thun zu haben, durch welchen alle vorher unterdrückt wurden; auch schiene mir, dass mein oder des Goden Ansehen, der Hrafnkell einen Schimpf anzuthun vermöchte, um vieles wachsen, aber um nichts gemindert würde, selbst wenn es auch mir oder dem betreffenden Goden so wie den anderen erginge, denn — dies kann mir ohne Schande zustossen, was über manchen kommf — und — der, welcher wagt, gewinnt immer.“

„Ich sehe“, sagt Thorgeirr, „wie es mit dir bewandt ist, dass du diesen Männern helfen willst. Ich werde nun meine Godenwürde und herrschaftliche Gewaltgoðorð mitt ok mannaforráð, eigentlich gleichbedeutende Ansdrücke, hier aber jedenfalls so zu verstehen, dass goðorð sich vorwiegend auf die Vorsteherschaft des Tempels bezieht, mannaforráð dagegen die weltliche, herrschaftliche Gewalt des Goden ausdrückt. in deine Hände übergeben, und behalte du das, was ich vorher besessen habe; aber nachdem die Sache mit Hrafnkell abgethan sein wird, sollen wir beide die GodenwürdeThorgeirr will mit Hrafnkell nichts zu thun haben und daher seinem Bruder Thorkell die Godenwürde abtreten, damit dieser als Gode gegen Hrafnkell auftrete; wenn dies vollbracht, dann wollen beide Brüder wieder gemeinschaftlich die Godenwürde besitzen. gemeinschaftlich haben und hilf du nun denen, welchen du willst.“

„Mir scheint“, sagt Thorkell, „dass unsere Godenwürde am besten bestellt würde, wenn du sie so lange als möglich allein behieltest; ich gönne es keinem so gern als dir, sie inne zu haben, denn du hast manche Vorzüge an Tüchtigkeit vor uns allen Brüdern; aber ich bin unentschlossen, was ich im Augenblicke aus mir machen soll. Du weisst, Bruder! dass ich mich bei wenigem betheiligt habe, seit ich nach Island zurück kam; aber ich sehe jetzt, was meine Rathschläge gelten; nun habe ich gesprochen, was ich für diesmal will. Kann sein, das Thorkell mit der Locke einmal dorthin kommt, wo seine Worte mehr geschätzt werden.“

Thorgeirr erwidert: „Ich sehe nun, wie es sich verhält, Bruder! dass du unzufrieden bist; aber ich kann dies nicht hinnehmen und so werden wir beide diesen Männern helfen, wie es auch gehe, wenn du willst.„

Thorkell spricht: „Ich bitte nur um das, was nach meinem Gutdünken geschehen soll.“

„Wozu halten sich diese Männer geeignet“, sagtThorgeirr, „so dass ihrer Sache Förderung zu theil werde?“

„Es ist so, wie ich heute sagte", erwidert Sámr, „dass wir der Hilfe von Goden bedürfen, aber die Processführung habe ich unter mir.“

Thorgeirr sagt, dass ihm dann gut zu helfen sei; „und nun gilt es, den ProcessBei dem altisländischen Rechtsgange waren eine Menge Formalitäten zu beobachten und deren Versäumnis oder Uebertretung war hinreichend, um einen ganzen Process aufzuhalten oder ungültig zu erklären. Mit diesen Formalitäten waren aber nur einzelne gesetzeskundige Männer vertraut und nur diese waren im Stande, jene in gehöriger Weise zu beobachten. Die grosse Masse war in dieser Beziehung ganz in die Hände der rechtskundigen Männer gegeben, da der einzelne Mann weder die Gebräuche kannte noch in seinem Interesse einzuhalten vermochte. so richtig als möglich einzuleiten. Aber mir scheint, Thorkell will, dass ihr ihn besucht, bevor die richterlichen Entscheidungen auf dem Thinge beginnen. Eines von beiden werdet ihr für eure Bemühungen erlangen: entweder einigen Trost, oder Demüthigung — aber mehr als zuvor — sowie Betrübnis und Verdruss. Gehet nun in eure Thingbude und seid heiter; denn ihr werdet nöthig haben, dass ihr den Muth eine Zeit lang aufrecht erhaltet, wenn ihr mit Hrafnkell streiten sollt; saget aber keinem Manne, dass wir euch Beistand verheissen haben.“

Nun gingen Sámrund Thorbjörn heim zu ihrer Thingbude und waren guten Muthes. Alle Männer wunderten sich darüber, wie sie so schnell ihren Sinn geändert hatten, da sie doch so niedergeschlagen waren, als sie von Hause fortzogen.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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