Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

8. Capitel.

 

Es war eines Morgens früh, dass der alte Thorbjörn erwachte. Er weckte Sámr und bat ihn aufzustehen: „Ich kann nicht schlafen“ ,sagte er. Sámr stand auf und fuhr in sein Gewand. Sie gehen aus und herab zur Öxará, unterhalb der BrückeDamals führte auch über die Öxará eine Brücke, welche heutzutage nicht mehr vorhanden ist.. Dort waschen sie sich.

Thorbjörn sprach zu Sámr: „Mein Rath ist, dass du unsere Pferde holen lassest und wir uns zur Heimreise anschicken; es ist nun offenbar, dass uns nichts anderes als Ehrenkränkung zu theil wird.“

Sámr antwortet: „Das ist gut, nachdem du nichts anders als mit Hrafnkell streiten und die Bedingungen nicht annehmen wolltest, welche mancher angenommen haben würde, der für seinen Blutsverwandten Busse zu fordern hatte; du warfst mir heftig Mangel an Muth vor und allen jenen, welche in dieser Sache nicht mit dir vorgehen wollten; nun werde ich aber nie eher davon lassen, als bis es mir ganz hoffnungslos erscheint, dass ich etwas aasrichten könne.“ Da wird Thorbjöm so sehr gerührt; dass er weint.

Da sehen sie westlich von dem Flusse; ein Stück unterhalb der Stelle, wo sie sassen, dass fünf Männer zusammen aus einer Bude gingen. Der war ein grosser Mann, aber nicht stark gebaut, welcher ihnen voran ging — in einem laubgrünen RockDie alten Isländer legten bei weitem mehr Wert auf Anstand und Keinlichkeit ihrer Kleidung, als dies heutzutage nach den Berichten der Reisenden der Fall ist. Sie liebten im allgemeinen glänzende Farben, aber sie nahmen auch Rücksicht auf grössere Feinheit der Zeuge und bessere Form im Schnitte. Am häufigsten bestand die Kleidung der Männer aus grobem Wollzeuge (vaðmál), das in jedem Hause selbst gewoben wurde und sogar an Geldesstatt diente. Grau und schwarz war die gewöhnliche Farbe der Werktagkleidung; auch grün und weiss wird als Farbe schlechter Gewänder erwähnt. Blau, roth, rothbraun und einfach braun trug man an besseren Stoffen. Die Männer gebrauchten enge Beinkleider und hohe Schuhe mit Riemen, um sie festzubinden; sie hatten lange Westen und ebensolche Jacken, oben enge, aber an den Seiten weit. Die Oberkleidung bildeten sehr weite lange Mäntel (möttull), welche bis zu den Füssen herab reichten; um die Mitte wurde ein Gürtel (belti) gespannt, an welchem eine Kette mit einem Messer hing. Die Kopfbedeckung war eine eine Mütze., und er hatte ein prächtiges Schwert in der Hand; ein Mann von regelmässigen Gesichtszügen, rothwangig, von angenehmem Aeusseren, hellbraunem und sehr dichtem HaareReiches und schönes Haar war bei allen Skandinaviern eine Zierde sowohl für den Mann, als für das Weib, und seine Haare sowie den Bart reinigte und kämmte der Mann mit aller Sorgfalt. Zur männlichen Schönheit rechnete man auch einen hohen Wuchs, dicke und breite Schultern wohlgebildete, proportionierte Glieder, helle, lebhafte Augen und klare Hautfarbe.. Der Mann war leicht erkennbar, denn er hatte eine lichte Locke in seinem Haare auf der linken Seite.

Sámr sagte zu Thorbjörn: „Stehen wir auf und gehen wir westlich über den Fluss, diesen Männern entgegen.“ Sie gingen nun längs dem Flusse abwärts und der Mann, welcher voran ging, grüsste sie zuerst und fragte, wer sie wären; und sie sagten es ihm. Sámr fragte diesen Mann um seinen Namen; er nannte sich Thorkell und sagte, er sei der Sohn des Thjóstarr. Sámr fragte woher er stammte oder wo er seine Heimat hätte? Er antwortete, dass er von Geschlecht und Herkunft ein Bewohner der westlichen Meerbusen sei und seine Heimat am ThorskafjörðrDer Thorskafjörðr ist ein kleiner Arm des mächtigen Breiðifjörðr, welcher in das nordwestliche Island tief einschneidet. habe.

Sámr spricht: „Bist du ein Gode?“

Er antwortet, dies sei weit entfernt. „Bist du ein Bonde?“, fragt Sámr. Er erwidert, dies sei er nicht.

„Was für ein Mann bist zu denn?“ fragt Sámr.

Er antwortet: „Ich bin ein einschichtiger Mann und kam im vorigen Sommer heim; sieben Jahre bin ich auswärts gewesen und bis Mikligarðr gelangt; ich bin vom Gefolge des griechischen Kaisers. Aber jetzt halte ich mich bei meinem Bruder auf, welcher Thorgeirr heisst.“

„Ist er Gode?“ fragt Sámr.

Thorkell antwortet: „Gewiss ist er das — über den Thorskafjörðr und weiter über die westlichen Meerbusen.“

„Ist er hier auf dem Thinge?“ fragte Sámr.

„Gewiss ist er hier“, erwidert Thorkell.

„Mit wie viel Männern ist er gekommen?“ fragt Sámr;

„Mit siebenzig Männern“, antwortet Thorkell.

„Seid ihr mehrere Brüder?“ fragt Sámr.

„Es ist noch ein dritter“, sagt Thorkell.

„Wer ist der?“ fragt Sámr.

„Er heisst Thormóðr“, antwortet Thorkell, „und wohnt in Garðar auf AlptanesAlptanes ist eine kleine Halbinsel oder vielmehr Landzunge zwischen dem Skerjafjörðr und Hafnafjörðr, welche zwei kleinere Arme des grossen Faxafjörðr (auch Faxaflói, Faxaóss), auf der Westseite von Island, bilden.; er hat Thórdis, die Tochter Thórólfr's, des Sohnes Skallagrímr's von Borg zur Gattin.“

„Willst du uns beiden Hilfe leisten?“ fragt Sámr. „Wessen bedürft ihr?“ sagt Thorkell.

„Der Hilfe und Stärke der Goden“, sagt Sámr, „denn wir haben eine Rechtssache mit dem Goden Hrafnkell auszufechten wegen des Todtschlages Einarr's, des Sohnes Thorbjörn's; und wir könnten bei deinem Beistande mit der Förderung unserer Angelegenheit zufrieden sein.“

Thorkell erwidert: „So ist es, wie ich sagte — ich bin kein Gode.“

„Warum bist du so zurückgesetzt worden?“ sagt Simr, „da du doch eines Goden Sohn bist, wie deine anderen Brüder?„

Thorkell antwortet: „Ich sagte nicht, dass ich die Godenwürde nicht hätte; aber ich übergab meine herrschaftliche Gewalt in die Hände meines Bruders Thorgeirr, bevor ich auszog; seither habe ich sie nicht zurückgenommen, denn sie scheint mir wohl angebracht, so lange er sie behält. Gehet ihr beide zu ihm, bittet ihn um Beistand; er ist energischen Sinnes, ein edler und in jeder Beziehung sehr tüchtiger, junger und ehrliebender Mann; solche Männer sind am meisten versprechend, euch Hilfe zu gewähren.“ Sámr sagt: „Von ihm werden wir nichts erlangen, wenn nicht du mit uns im Bunde bist.“

Thorkell erwidert: „Dies will ich geloben, lieber mit als gegen euch zu sein, weil mir unabweisliche Nothwendigkeit dazu scheint, für einen erschlagenen nahe verwandten Mann eine gerichtliche Verfolgung vorzunehmen. Begebt euch nun hin zu seiner Thingbude und gehet hinein in dieselbe; die Männer liegen noch im Schlafe. Ihr werdet sehen, dass innen, quer in der Bude, zwei BettenEigentlich: Ledersäcke (húðföt, sing, húðfat), welche auf der Reise als Betten gebraucht wurden. stehen; von dem einen stand ich auf, in dem andern ruht mein Bruder Thorgeirr. Er hat ein grosses Geschwür auf dem Fusse gehabt, seitdem er zum Thing kam, und da hat er in der Nacht wenig geschlafen; aber nun sprang die Beule in der Nacht auf und das Eiter ist heraus, und nun hat er seither geschlafen und hält den rechten Fuss ausserhalb der Bettdecke vorne auf dem FussbretteDas isländische Bett (sæng, sæing) besteht aus einer Bettstelle (stokkr), die lang und breit war und zwei Schlafgenossen fassen konnte. Hier hinein kommt zuerst Stroh, dann ein Tuch von grobem Wollenzeuge (vaðmál) oder Linnen, und darauf kommen erst die eigentlichen Bettstücke (sængklæði): Polster (bolstrar) und Decken (áklæði). Erstere waren häufig mit Federn gefüllt, letztere bestanden oft aus Fellen, häufig auch aus Tüchern. Vor der Bettstatt stand ein Fussbrett (fótborð, auch fótabrik, fótafjöll)., wegen allzu grosser Hitze, die noch im Fusse ist. Der alte MannGemeint ist Thorbjörn. soll voran und hinein in die Bude gehen; er scheint mir sowohl in seinem Gesichte, als durch sein Alter sehr geschwächt Wenn du, Mann!“ sagt Thorkell zu Thorbjörn, „zum Bette kommst, sollst du stark wackeln und auf das Fussbrett hinfallen; greife dann nach der Zehe, welche eingebunden ist, ziehe selbe zu dir, und schaue, wie der Mann sich dabei benimmt.“

Sámr spricht: „Dein Rath ist gewiss wohlgemeint, aber dies scheint mir nicht rathsam.„

Thorkell entgegnet: „Eines von beiden müsst ihr thun: entweder das befolgen, wozu ich euch rathe, oder nicht Rath bei mir holen.“

Sámr erwidert und sagt zu Thjorbjörn: „So soll geschehen, wie er den Rath gibt“.

Thorkell sagt, dass er später kommen würde, „denn ich warte auf meine Männer.“

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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