Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Die Thingbuden.

 

Da das Allthing, wie alle isländischen Volksversammlungen, unter freiem Himmel gehalten wurde und längere Zeit (vierzehn Tage) dauerte, so musste man sich für die Zeit des Aufenthaltes daselbst sozusagen häuslich einrichten. Die für die Pferde der Thingmänner nöthige Weide pflegte eine benachbarte Almende zu liefern; für Unterkunft unter Dach mussten die Thingleute durch Errichtung von eigenen Thingbuden (búðir) selbst sorgen.

Zu diesem Zwecke wurden zwei Langwände und zwei giebelförmig gestaltete Querwände aufgeführt, zumeist aus wechselnden Lagen von Rasen und Steinen, wozu man das nöthige Material gleich an Ort und Stelle nahm; diese vier Wände bildeten ein längliches Viereck ohne alle Bedachung, dessen Eingang wie bei anderen Wohnungen in einer der beiden Giebelwände sich befand. Nur für die Zeit, da das Thing versammelt war, erhielt dieses Viereck eine vorübergehende Bedachung, sei es nun aus grober Leinwand oder aus einheimischem Wollenstoffe (vaðmál); vornehmere Männer verhängten auch wohl mit solchem Stoffe die innere Seite der Budenwände, und dieses wie jenes hiess tjalda búðir sínar (seine Buden behängen), während für das Herabnehmen der Decken am Schlusse der Thingzeit der Ausdruck bregða tjöldum sínum (d. i. seine Vorhänge wegziehen) gebraucht wurde.

Der Bau und Unterhalt der Thingbuden war lediglich Sache ihrer Eigenthümer und dieselben hatten auch das zur Bezeltung und inneren Einrichtung jener Nöthige zum Thinge selbst mitzubringen.

An der Thingstätte des Frühlings- und Herbstthinges durfte jeder Thingmann sich seine Bude bauen; am Allthinge scheinen jedoch vorwiegend die Goden ihre Buden gehabt zu haben, und dieselben waren berechtigt zu fordern, dass ihre Thingleute sich an ihre Bude hielten, während umgekehrt auch die Thingleute gesetzlichen Anspruch auf Aufnahme in der Bude ihres Goden hatten, wenn sie nur einen bestimmten Beitrag zu deren Bedachung leisteten.

Schon am Frühlingsthinge war ein Gode unter Umständen in der Lage, bis zu 80 Männern in seiner Bude Unterkunft zu verschaffen; am Allthinge nahmen die Buden der mächtigeren Goden noch grössere Verhältnisse an. Regelmässig vererbten sich die Buden mit den Godenherrschaften, und nach den Geschlechtern, in deren Hand sie waren, wurden sie auch regelmässig benannt; so sprach man von einer Vestfirðingabúð, Möðruvellíngabúð, Ljosvetuíngábúð usw. — Auf diese Weise wurde bis zum Jahre 1690 das Allthing abgehalten; in diesem Jahre errichtete man ein einfaches Gebäude aus Lava, in welchem man bis zum Jahre 1800 Recht sprach.

Die Thingbuden lagen zu beiden Seiten der Öxará und Grundsteine davon sind noch heutzutage sichtbar. Es sind rechteckige, mauerartige Erhöhungen aus Rasen, auf grünem Wiesenplane errichtet, die sich bis jetzt erhalten haben.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zurück zum Capitel

 

6,625,325 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang