Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Die Thingebene.

 

Die Thingebene, deren Lage bereits kurz bezeichnet wurde, verdient als Schauplatz der wichtigsten Begebenheiten des isländischen Freistaats noch des näheren beschrieben zu werden. Von dem nördlichen Ende des grössten Landsees auf Island, des Thingvallavatu (Thingebenesees) erstreckt sich eine breite Thalsenke gegen den längst ausgebrannten Vulcan Skjaldbreiðr. In alten Zeiten, lang vor der Entdeckung des Landes, bat dieser Vulcan ungeheuere Lavaströme entsendet, welche sich südwärts bis zum Meere ergossen und so die Thalsenke nördlich vom Thingebenesee ausgefüllt haben.

Von dieser sich schwach neigenden Lavafläche ist ein grosses Stück, von der Breite einer Meile, hinaus gegen den See eingesunken, indem das darunter befindliche Erdreich infolge unterirdischer Erschütterungen nachgegeben hat. Dabei entstanden eine Menge Spalten in der Lava in der Richtung von Nordosten gegen Südwesten, vor allen die zwei ungeheueren Spalten, welche zunächst miteinander parallel laufend in der Länge von über eine Meile die Linien bezeichnen, wo sich die sinkende Lava von der übrigen Masse losgebrochen hat. Die westliche dieser Spalten heisst die Almannagjá (d. h. Aller Männer Kluft), die östliche die Hrafnagjá (d. h. Rabenkluft); die westliche Wand der ersteren und die östliche der letzteren sind überaus hoch und steil. Die Almannagjá ist von der Kante der westlichen lothrechten Wand bis hinunter zum Boden 140 Fuss tief und ungefähr ebenso breit.

Ein wenig nordwärts, dort wo die Kluft beginnt, während die steile Westwand derselben sich noch ein Stück gegen Norden fortsetzt, stürzt die Öxará (d. h. Axtfluss, weil ein Mann darin seine Axt verlor, als er ein Loch in das Eis des Flusses schlagen sollte) in einem schönen Wasserfall über den Abhang herab und durchströmt in südlicher Richtung den westlichen Theil der gesunkenen Lavafläche, nämlich die Thingebene (Þingvöllr); bis sie in den See mündet.

Nur auf einer Stelle konnte man von Westen her in die Almannagjá herunter kommen, und zwar auf einem sehr steilen, treppenförmigen Fusssteige. Um von der Kluft herauf zur Thingebene zu gelangen, folgt man ihrem Boden gegen Norden, bis er gerade dicht an der Öxará aufhört; hier führte ein enger und steiler Fussweg den Rücken abwärts, welchen die östliche Wand der Kluft beim Einsinken der Lavafläche gebildet hat. Der Weg von der Thingebene zur Almannagjá herab war also ein Pass, der leicht vertheidigt werden konnte.

Die Thingebene selbst erhob sich schwach gegen Norden und Osten und war mit Gras und Gestrüpp bewachsen. Ihr Hauptpunkt war der bereits erwähnte Gesetzesfelsen (lögberg), von dem noch die Rede sein wird.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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