Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Das Thing.

 

Thing (isländisch Þing, dänisch Thing, schwedisch ting) ist das alte skandinavische Wort für Zusammenkunft, gerichtliche Versammlung. Die ältesten Thingversammlungen auf Island sind die Zusammenkünfte der Thingleute eines Goden, unter dessen Vorsitz (die héradsþing), wobei die Rechtspflege geübt wurde. Nahe beim Tempel des Godenbezirkes war nämlich ein länglicher Kreis von zwölf Steinen, welche mit einem weiteren Steinkreise oder Gehege umgeben waren; dies war die Gerichtsstätte.^ Da sich die héradsþingFür héradsþing kommt auch manchmal der Ausdruck fundr, maunafundr, mannamót vor. bei ihrer lokalen Begrenzung, namentlich in Fällen, wo über Angehörige verschiedener Godenbezirke Recht zu sprechen war, bald als unzulänglich erwiesen, so machte sich das Bedürfnis nach einer für die ganze Insel gemeinsamen Rechtsordnung immer mehr geltend. Zu diesem Behufe wurde — wahrscheinlich infolge Uebereinkommens der mächtigsten Goden — ein angesehener, aus Norwegen herübergekommener Mann, Úlfljótr beauftragt, ein für ganz Island gütiges Landrecht auszuarbeiten.

Im Jahre 930 wurde auch das erste isländische Landrecht nach.seinem Verfasser Úlfljótslög (auch allsherjar lög) benannt, veröffentlicht und dadurch zum erstenmale ein isländischer Gesammtstaat begründet. Das Wichtigste dieser neuen Gesetzgebung war die Einrichtung einer allgemeinen Landesversammlung (des Allthing, isländisch alþing) als oberstes Gericht und gesetzgebende Versammlung für die ganze Inisel. Die richterliche und gesetzgebende Thätigkeit war hiebei einem Ausschusse (der lögrétta) übertragen, über deren Zusammensetzung wir in der ältesten Zeit nicht genau unterrichtet sind und nur so viel als gewiss annehmen dürfen, dass den Goden darin eine Hauptrolle zukam. Gleichzeitig mit dem Allthing wurde. ein neues, ebenfalls auf das ganze Land bezügliches Amt eingeführt: das des Gesetzessprechers (lögsögumaðr, manchmal auch lögmaðr). Derselbe war von jedem Antheil an der vollziehenden Gewalt vollständig ausgeschlossen, hatte aber den Vorsitz beim Allthing zu führen, Rechtsgutachten an deren Bedürftige zu ertheilen und regelmässige Vorträge über das geltende Landrecht am Allthinge zu halten, von welcher letzteren Obliegenheit (der lögsaga) er auch seinen Namen führte. Sein Amt wurde durch Wahl auf drei Jahre verliehen, jedoch konnte er wieder gewählt werden.

Der Ort, an welchem das isländische Allthing anter freiem Himmel abgehalten wurde, hiess Thingvöllr (Þingvöllr, d. h. Thingebene, jetzt Thingvellir) und lag im Südwesttheile der Insel an der Oxará, nahe bei deren Mündung in den Þingvallavatn (Thingebenesee). Eine in der Thingebene befindliche Anhöhe war der Sitz der lögrétta, diente dem Gesetzessprecher sowohl zu seinen Bechtsvorträgen, als auch den öffentlichen Verkündigungen, und würde deshalb Gesetzesfelsen (lögberg) genannt.

Das Allthing sollte ursprünglich mit Beginn der zehnten Sommerwoche an einem Donnerstage (Þórsdagr) seinen Anfang nehmen. Seit dem Jahre 999 aber wurde dieser Termin um eine volle Woche hinausgeschoben; die Versammlung begann mit dem Donnerstage der elften Sommerwoche, zwischen dem 18. und 24. Juni, und dauerte 14 Tage hindurch. — Soweit war die isländische Thingverfassung zur Zeit der in unserer Saga erzählten Begebenheiten entwickelt.

Die weitere Fortbildung gehört einer späteren Periode an, mag aber des Zusammenhanges wegen hier kurz dargestellt werden. Um das Jahr 965 erhielt Island eine geordnete Bezirksverfassung. Die ganze Insel wurde nach der Himmelsrichtung in vier Viertel (fjórðúngar) getheilt. Dieselben hiessen: Norðlendínga (auch Eyfirðinga), Sunnlendinga (auch Rangæínga), Vestfirðínga (auch Breiðfirðínga) und Austfirðínga fjorðungr. Jedes Viertel zerfiel in drei Thingkreise (Þingsóknir) und jeder Thingkreis wieder in drei Godenbezirke (goðorð) mit je einem Haupttempel (höfuðhof); nur den Bewohnern des Nordviertels (Norðlendínga fjórðúngr) wurde ausnahmsweise ein vierter Thingkreis bewilligt, so dass es somit auf der ganzen Insel 13 Thingkreise und 39 Godenbezirke gab. — Der Thingkreis hatte sein eigenes Frühlingsthing (várþing), d. h. eine Thingversammlung, welche im Frühjahr gehalten wurde und daher ihren Namen hatte; jedes Landesviertel sollte auch sein eigenes Viertelsthing (fjórðúngsþing) haben, doch scheinen diese Thinge nie recht in Aufnahme gekommen zu sein.

Die Frühlingsthinge sollten nicht kürzer als vier Tage und nicht länger als eine Woche andauern, nicht vor dem 7. Mai beginnen und nicht nach dem 27. desselben Monates schliessen; die Eröffiiang sollte stets an einem Samstage stattfinden. Jeder der drei zu einem Thingkreise gehörigen Goden (samþingisgoði) ernannte zu den Frühlingsthingen 12 Richter, so dass hiebei eine Anzahl von 36 Richtern ein einziges Gericht bildete, unter gemeinsamer Leitung aller drei Goden, welche nicht selbst zu Gericht sassen. Die richterliche Thätigkeit war für die Frühlingsthinge die Hauptsache und die gesetzgeberische Thätigkeit wurde an diesen nur insoweit geübt, als dieselben innerhalb gewisser Grenzen ihre eigene Thingordnung zu modificieren befugt waren. Für die Bekanntmachungen, Aufforderungen u. s. w. diente hier (wie am Allthinge der Gesetzesfelsen) der Thinghügel (Þingbrekka). — Neben den Frühlingsthingen finden wir auch seit dem Jahre 965 Herbstthinge (leið, haustþing) auf Island eingeführt. Dieselben wurden mindestens 14 Tage nach dem Schlusse des Allthings, entweder in der zweiten Hälfte des Juli oder in der ersten Hälfte des August von den drei Goden eines jeden Thingkreises auf der Stätte der Frühlingsthinge abgehalten und hatten den Zweck, jenen Leuten, welche das Allthing nicht besucht hatten, von allen wichtigen Angelegenheiten, die daselbst verhandelt oder entschieden wurden, Nachricht zu geben; auf denselben wurde weder gerichtliche noch gesetzgeberische Thätigkeit geübt und die Versammlungen dauerten auch nur ein bis zwei Tage.

Schliesslich wurde am Alltbinge selbst eine durchgreifende Veränderung durchgeführt, indem man dieses bisher einheitliche Obergericht, den vier Landesvierteln entsprechend, in vier abgesonderte Gerichte (fjórðúngsd&oakute;mar) zerlegte und die mit demselben bisher zusammenfallende gesetzgebende Versammlung (lögrétta), bei welcher eine derartige Spaltung der Natur der Sache nach unmöglich war, von demselben abtrennte, so dass der Name lögrétta sich fortan — seit dem Jahre 965 — nur auf die gesetzgeberische Thätigkeit bezieht. In der lögrétta haben, wie wir von jetzt an genau wissen, vor allem die Goden Platz; dieselbe bestand, abgesehen von dem Gesetzessprecher (und den später hinzukommenden beiden Laudesbischöfen) aus 144 Mitgliedern und wurde auf folgende Weise zusammenberufen und auf drei hintereinander stehenden Bankreihen vertheilt: Da das Nordviertel welches vier Thingkreise hatte, um nichts vor den drei übrigen Vierteln voraus sein sollte, andererseits aber auch keinem Goden der Sitz in der Versammlung verweigert werden konnte, so wurden von den neuen Goden jedes anderen Viertels drei Ersatzmänner, je einer aus jedem Thingkreise, gewählt, so dass zu den sämmtlichen 39 Goden noch neun Ersatzmänner hinzukamen, im ganzen 48 Personen, welche auf der Mittelbank (Godenbank) Platz nahmen; jede dieser 48 Personen erwählte wieder zwei Beisitzer aus ihren Thingleuten, mithin 96 Beisitzer und im ganzen 144 Mitglieder der lögrétta. Die Beisitzer sassen auf der Vorder- und Hinterbank und hatten nur eine berathende Stimme, da die beschliessende Gewalt ausschliesslich den auf der Mittelbank sitzenden Goden und deren Ersatzmännern zukam.

Die Gesammtzahl der Richter in den vier Viertelsgerichten (fjórðúngsd&oakute;mar) betrug ebenfalls 144; jeder Gode ernannte in jedem Gerichte je einen, im ganzen also vier Bichter; nur die Goden des Nordviertels ernannten ausnahmsweise statt je vier, je drei Bichter, so dass jedes Viertelsgericht aus 36 Richtern bestand, deren Gesammtzahl also 144 betrag.

Diese Richter sassen von der lögrétta getrennt und nicht am lögberg selbst. Konnten sie sich über ein zu fällendes Urtheil nicht einigen, so kam es zu einer Gerichtsspaltung (véfáng), welche seit dem Jahre 1004 durch das von dem weisen Isländer Njáll, dem gesetzeskundigsten Manne seiner Zeit, veranlasste und eingeführte fünfte Gericht (fimtardómr), ebenfalls aus 36 Richtern bestehend seine Erledigung fand. Der Sitz dieses Gerichtes fiel mit dem der lögrétta zusammen und seine Competenz scheint sich anfangs auf die Fälle einer Gerichtsspaltung (véfángsmál) in den Viertelsgerichten, einer Klage wegen falschen Zeugnisses, falschen Wahrspruches oder falscher Versicherung auf Ehrenwort (Þegnskaparlagníng) im Viertelsgerichte, dann wegen Bestechung in diesem Gerichte mitwirkender Personen, endlich einer Klage wegen einer Thingstörung (Þingsafglöpun) beschränkt zu haben, welche die formelle oder doch materielle unverfälschte Erledigung der betreffenden Sache im Viertelsgerichte unmöglich gemacht hatte, wogegen später auch noch die Klagen wegen widerrechtlicher Aufnahme oder Unterstützung von Aechtern, dann flüchtigen Sklaven, Schuldknechten und dienstpflichtigen Priestern demselben zugewiesen wurden.

Zur Besetzung dieses fünften Gerichtes wurden neue Godenherrschaften geschaffen, welche jedoch ganz ausserhalb der Thingkreise standen und an der Landesregierung keinen weiteren Antheil nahmen, ausser soweit ihnen ein solcher bei der Besetzung des fünften Gerichts eingeräumt war. Dieselbe geschah in der Weise, dass zunächst jeder Inhaber einer Godenherrschaft alter Ordnung einen Richter ernannte, jedoch so dass von den zwölf Goden des Nordlandes zusammen deren auch nicht mehr als neun bestellt wurden, wozu dann noch weitere 12 Richter kamen, welche von den Inhabern der neuen Godenherrschaften gemeinsam zu benennen waren, je drei aus jedem Viertel; von diesen 48 Männern hatte dann aber, ehe es zum Spruche in jeder einzelnen Sache kam, jede Partei sechs zu recusieren, so dass auch in diesem Gerichte die gewöhnliche Zahl von 36 Richtern das Urtheil fand. Wenige Jahre später wurde auch die gesetzliche Abschaffung des Zweikampfes auf Island ausgesprochen, da derselbe mit jener Verbesserung des Gerichtswesens in der That entbehrlich geworden war.

Auf diese Weise fand die vollkommen aristokratische Verfassung des isländischen Freistaates ihren Abschluss und die seit dem Jahre 1000 erfolgte Bekehrung des Landes zum Christenthume konnte hierin keine Aenderung veranlassen.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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