Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

7. Capitel.

 

Sámr liess sich nun ein Pferd bringen und ritt aufwärts durch das Thal bis zum nächsten Hofe und verkündeteDer Anfang eines altisländischen Processes wurde damit gemacht, dass der denselben veranlassende Vorfall, die gesetzeswidrige That in der Nachbarschaft bekannt gemacht wurde; dies nannte man lýsing, d. i. Verkündigung. Der Nachbarn, welche bei Gericht als Zeugen (Nachbargeschworne, kviðmenn) fungieren, müssen entweder fünf oder neun sein, je nach der Beschaffenheit der Sache, in welcher sie aussagen sollen. Sie sind von demjenigen zu berufen, der ihrer bedarf und tragen nur den Charakter eines Beweismittels; keineswegs haben sie selbst Recht zu sprechen.
Konnten diese Nachbargeschworenen nicht an Ort und Stelle selbst zusammenberufen werden, so erfolgte ihre Aufrufung am Thinge selbst (Þingakvöd). — Sollte dann die Klage vor das Allthing gebracht werden, so musste drei bis vier Wochen vor dessen Beginn die gerichtliche Vorladung (stefna, daher stefnudagar, Vorladungstage) erfolgen, u. zw. in der Wohnung des Angeklagten, in seiner oder mindestens seiner Hausgenossen Gegenwart. Die Vorladung musste enthalten: den Namen des Vorgeladenen, seine bürgerliche oder staatliche Stellung, seine Wohnung, seines Vaters Namen, den Grund der Vorladung, die dem Vorgeladenen zukommende Strafe, endlich Ort und Zeit der von ihm verübten Missethat.
den Todtschlag; er brachte Männer gegen Hrafnkell zusammen. Hrafnkell erfuhr dies und es schien ihm lächerlich, dass Sámr eine Rechtssache gegen ihn übernommen habe. Darüber verging dieser Sommer und der nächste Winter. Aber im Frühjahre, als es zu den Vorladungstagen gekommen war, ritt Sámr von Hause weg hinauf nach Aðalból und lud Hrafnkell wegen Einarr's Todtschlag vor. Darauf ritt er durch's Thal herab, rief die Nachbargeschworenen auf, sich zum Thingritte zu rüsten und wartete dann ruhig ab, bis die Männer sich zum Thinge bereit machen. Hrafnkell sandte nun auch herab in den Jökulsdalr und rief die MännerSeine Thingmänner, die ihm zur Gefolge-Leistung verpflichtet waren. auf. Er bekam siebenzig Mann aus seinem Godenbezirke. Mit dieser Schaar rittDie Thingfahrt wurde allgemein zu Pferde unternommen und sie wird darum ohne weiteres geradezu als Thingritt (Þingreið) bezeichnet. Man liebte es in grosser Gesellschaft zu reiten und zumal pflegten sich die Angehörigen (Thingleute) eines jeden Goden auf dem Thingritte an ihren Häuptling zu halten, so dass dieser nach Umständen mit einem Gefolge von 60 bis 70 Mann auftreten konnte. Die Goden ritten gewöhnlich im festlichsten Gewande und herrlichen Waffenschmucke und erachteten es für eine Ehre, die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu ziehen und Bewunderung zu erregen. er ostwärts über das Fljótsdalshérað; an dem Ende des Sees (Lagarfijót) vorbei und quer über den Bergrücken bis zum SkriduðalrSkriduðalr ist ein breiter Thal weg, im Osten des Fljótsdashérað in nordwestlicher Richtung hinziehend; er wird von der Grimsá durchströmt, welche in den Lagarflj&oakute;t mündet., dann aufwärts durch denselben und südwärts auf der Öxarheiðid. h. Ochsenheide. zum Berufjörðr, und den geraden Thingmännerweg bis SiðaSiða ist ein Landstrich auf Islands Südseite. Längs der Südküste führte der allgemeine Thing weg zur Stätte des Allthings. Die Wege, welche man von jeder einzelnen Gegend zum Allthinge einschlug, pflegten dabei ein für allemal bestimmt zu sein, daher der Ausdruck „Thingweg" (Þingmannaleið, almannavegr), und es stellte sich dabei für die einzelnen Tagreisen ein gewisses Normalmass (dagleiðe;) fest. Noch heutzutage pflegt man auf Island nach Þingmannalei&rth;ir zu rechnen, welche jedoch kein gleichmässig feststehendes Längenmass sind, sondern je nach Beschaffenheit des Weges, der Belegenheit der Rastplätze, Nachtstationen u. s. w. von Fall zu Fall eigens berechnet werden.. Südwärts vom Fljótsdalr sind siebenzig Tagreisen zur Thingebene.

Aber nachdem Hrafnkell aus dem Fljótsdalshérað fortgeritten war, sammelte Sámr Männer um sich; er bekam meist einschichtigeInnerhalb der Gesammtheit der freien isländischen Männer damaliger Zeit trat der Unterschied zwischen dem freien Grundbesitzer und selbständigen Landwirte (búandi, bóndi, deutsch ungefähr Bauer) einerseits und dem einschichtigen d. h. besitzlosen Manne (einhleypingr) andererseits am meisten hervor. Letzterer ist ein Mann, der keinen eigenen Hausstand hat und daher gezwungen ist, in einem fremden Haushalte Schutz und Unterkunft zu suchen, weshalb er auch als Dienstmann (griðmaðr) bezeichnet wird; in der Regel musste er nämlich bei dem Bauern, welcher ihm Domicil gewährte, auch wirklich als dienender Genosse seinen Aufenthalt nehmen. Solche einschichtigen Leute durften nur im Nothfalle und selbst dann nur in geringer Zahl als Nachbargeschworene verwendet werden.
Hier möge noch bemerkt werden, dass sich auf Island keine Spur eines Adels findet. Allerdings ragten die Goden über alle anderen Volksangehörigen hervor, aber ihre hohe Stellung, welche ihnen der Besitz der politischen Gewalt verschaffte, zeigte stets ihre Begründung auf ein Staatsamt vollständig gewahrt und liess deren Angehörige jedenfalls ganz unberührt. In Wehrgeld und Busse wurden weder die Goden noch ihre Angehörigen irgendwie bevorzugt. Auch die Abstammung von berühmten alten Geschlechtern, auf welche die Isländer so viel hielten, begründete keinerlei rechtliche Bevorzugung, sondern nur ein höheres Mass thatsächlicher Achtung und so konnte sich auf Island weder ein Verdienst-, noch ein Geburtsadel herausbilden.
Leute zum Ritte mit sich und die, welche er zusammengerufen hatte; diesen Männern verschaffte er Waffen, Kleider und Lebensmittel.

Sámr schlug einen anderen Weg aus dem Thale ein. Er ritt nordwärts bis zur Brückeüber die Jökulsá á brú., dann über dieselbe, und von da über die Möðrudalsheiði; (er und seine Männer) blieben eine Nacht im MöðrudalrMöðrudalr ist ein hochliegendes, isoliertes Gebirgsthal im Westen des Jökulsdalr.. Von da ritten sie zur Herðibreiðstunga (Zunge des Herðibreiðr), dann weiter oberhalb der Bláfjöll (blaue Berge) von da in den KróksdalrKróksdalr heisst ein Theil jenes Thales, welches von dem gegen Norden fliessenden bedeutenden Gletscherstrome Skjálfandafljót, der in den Meerbusen Skjálfandaflói mündet, bewässert wird; die Fortsetzung dieses Thales gegen Norden heisst Barðardalr. und so südwärts nach SandrSehr häufig kommen auf Island Gegenden vor, welche mit vulcanischem Gerolle, Schutt, sandartig zerbröckelten älteren Gesteinen und jüngeren vulcanischen Auswürflingen aller Art, wie Schlacken und Asche überdeckt sind; dieselben werden sandr genannt. Hier ist ohne Zweifel Sprengisandr gemeint, eine grosse, wüste Strecke, zwischen dem Hofs- und Vatnajökull, im Inneren von Island, über welche der Weg vom Nord- zum Südlande geht.. Sie kamen herab in die SauðafellSauðafell bedeutet Schafhügel; dieselben befinden sich auf der Südseite der Thorsá, eines bedeutenden Flusses im südlichen Theile Islands, welcher sich mit der Tungnaá vereinigt. und von da zur Thingebene; und da war Hrafnkell noch nicht angekommen. Es ging für ihn langsamer, weil er einen längeren Weg hatte.

Sámr überhängte die Thingbude für seine Männer nicht nahe dort, wo die Bewohner der östlichen Meerbusend. h. des Ostviertels von Island, wo Sámr's Heimat war. es gewohnt waren; aber etwas später kam Hrafnkell zum Thinge und er überhängte seine Bude so, wie er es gewohnt war. Er erfuhr, dass Sámr auf dem Thinge sei; dies schien ihm lächerlich.

Dieses Thing war sehr zahlreichDie isländischen Thingversammlungen sind als wahre Volksversammlungen zu betrachten, zu deren Besuche jedermann berechtigt war, dem nicht die Befugnis hiezu wegen irgend eines Verbrechens entzogen wurde. Verpflichtet zum Erscheinen waren natürlich die obrigkeitlichen Personen, die Goden und der Gesetzessprecher. Es gereichte zum Schimpfe, nicht zum Alltbinge zu reisen und alle ausgezeichneten Männer der Insel fanden sich jährlich auf demselben zusammen. Die Goden setzten eine Ehre darein, durch die Zahl ihrer Thingleute zu imponieren. besucht. Es waren da die meisten Goden anwesend, welche sich auf Island befanden. Sámr besuchte dieselben sämmtlich und bat um Schutz und Beistand für sich. Aber alle antworteten auf eine und dieselbe Weise, dass keiner der anwesenden Goden an Sámr so viel Gutes zu thun habe, dass er sich in Streit mit dem Goden Hrafnkell einlassen und so seine Ehre aufs Spiel setzen wolle. Sie sagten auch dies, dass es den meisten, welche ThingstreitigkeitenOft ist in den isländischen Sagas von Thingstreitigkeiten (Þingdeilur, Þingdeildir, Þingadeildir) die über Fragen des öffentlichen oder privaten Interesses am Thinge ausgefochten wurden. Handelt es sich um eine Rechtssache, so stösst oft genug bereits die Ladung des Gegners auf Widerstand. Es galt schon als ein grosses Zugeständnis, wenn ein angesehener Mann erklärte, die in unanstössiger Weise vorzunehmende Ladung eines seiner Angehörigen ruhig geschehen lassen zu wollen. Kam dann die Thingzeit heran, so suchte man gern dem Gegner den Zutritt zur Thingstätte mit Gewalt streitig zu machen und es kam vor, dass eine schwächere Partei gezwungen war, die mühseligsten Pfade durch das wüste Innere der Insel einzuschlagen, um zum Allthinge zu gelangen. War nun aber der Gegner glücklich dabin gelangt, so konnte noch versucht werden, ihm den Zutritt zum Gerichte zu veraperren, und, wenn dies nicht gelang, schliesslich das Gericht mit Gewalt zu sprengen (hleypa upp dóminum), wogegen weder die gesetzlich vorgesehene Verlegung des Gerichts an einen sicheren Ort, noch auch die gleichfalls vorgesehene Bestellung von Gerichtsschützern (dómvörðslumenn) genügenden Schutz bot. mit Hrafnkell gehabt, auf eine und dieselbe Weise ergangen sei, indem er alle Männer von den Processtreitigkeiten, die sie mit ihm gehabt, davongejagt hätte. Sámr ging zu seiner Thingbude zurück und beiden VerwandtenSámr und Thorbjörn, der natürlich mit ersterem auf dem Thinge war. war es übel zu Muthe und sie fürchteten, dass ihre Sache so enden würde, dass sie nichts als Scham und Kränkung davontragen würden; und so grosse Bekümmernis hatten beide, dass sie weder Schlaf noch Speise genossen. Denn alle Goden entzogen ihnen ihren Beistand — sogar die, von welchen sie bestimmt erwarteten, dass sie ihnen Hilfe leisten würden.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zum Inhaltsverzeichnis der Saga von Hrafnkell Freysgoði oder direkt Zum Tor

 

5,995,990 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang