Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

6. Capitel.

 

Thorbjörn erfuhr drüben auf Hóll den Todtschlag seines Sohnes Einarr. Er war mit dieser Nachricht übel zufrieden. Nun besteigt er sein Pferd, reitet hinüber nach Aðalból und fordert Busse von Hrafnkell für seines Sohnes Todtschlag. Hrafnkell erwidert, er habe mehr Männer erschlagen, als diesen einen: „es ist dir nicht unbekannt, dass ich keinen Mann mit Geld büssen will und die Leute sich doch hineinfinden müssen; aber doch will ich zugestehen, dass diese meine That mir von schlimmerer Art scheint, als die anderen Todtschläge, welche ich bisher verübt habe. Du bist lange Zeit mein Nachbar gewesen und hast mir sehr behagt und wir beide einander; keine andere Kleinigkeit würde zwischen mir und Einarr aufgekommen sein, wenn er nur nicht auf dem verbotenen Hengste geritten wäre. Aber wir werden es nun bereuen, dass wir allzu geschwätzig warend.h.unüberlegt jenes verhängnisvolle Gelübde ausgesprochen haben. und seltener würden wir dies bereuen, worüber wir zu wenig, als zu viel sagten. Ich will nun aber zeigen, dass mir diese meine That schlechter scheint, als die anderen, welche ich begangen habe. Ich will deine Wirtschaft im Sommer mit Melkvieh versorgen und mit Schlachtfleisch im Herbste; so will ich jedes Halbjahr an dir thun, so lange du deine eigene Haushaltung führen willst. Deine übrigen Söhne und Töchter werden wir beide mit meiner Unterstützung aussteuern und letztere so stellen, dass sie gute Heiraten machen können. Und alles, wovon du weisst, dass es in meinem Hause ist und dessen du von hier bedarfst, sollst du mir sagen und nicht bezüglich eines Gegenstandes von hier, welchen du zu haben benöthigest, Mangel ausgesetzt zu sein. Du sollst deinen Hof bewohnen, so lange es dir angenehm erscheint; aber komme zu mir, wenn du dessen überdrüssig bist: ich werde dann für dich sorgen bis zu deinem Sterbetage und wir sollen unter diesen Bedingungen verglichen sein. Ich will hoffen, dass die meisten sagen werden, dieser MannDer erschlagene Einarr. sei theuer genug gebüsstDieses Anerbieten Hrafnkells war an und für sich mehr als die grösste Mannesbusse, aber es war Ehrensache die Busse für seinen erschlagenen Verwandten nur in der gesetzlichen Form anzunehmen..“.

„Ich nehme diese Bedingungen nicht an“, erwiderte Thorbjörn.

„Welche willst du dann?“ fragt Hrafnkell.

Da spricht Thorbjörn: „Ich will, dass wir zur Entscheidung zwischen uns beiden Männer heranziehen.“ Hrafnkell entgegnet: „Da dünkst du dich meinesgleichen und darauf hin werden wir keinen Vergleich eingehenDer stolze und mächtige Gode Hrafnkell weigert sich, den einfachen und dürftigen Landwirt (búandi, bóndi) als seinesgleichen anzuerkennen..“

Da ritt Thorbjörn fort, herab durch den Hrafnkelsdalr. Er kam. nach Laugarhús, suchte seinen Bruder Bjarni auf und sagte ihm diese Neuigkeit; er bat ihn, dass er irgend welchen Antheil an dieser Sache nehmen möge. Bjarni erwiderte, dass er nicht mit einem Manne seinesgleichen zu thun habe, „da es Hrafnkell gilt; aber selbst, wenn wir über viel Geld verfügen, können wir uns nicht mit Hrafnkell in Streit einlassen; und es ist wahr, was gesagt wird: — der ist weise, welcher sich selbst kennt. — Hrafnkell hat die Processstreitigkeiten vieler unterdrückt, die mehr Mark in den Beinen haben, als wir; du scheinst mir dich unverständig gezeigt zu haben, da du so gute Bedingungen ausgeschlagen; ich will mir hier nichts zu schaffen machen.“

Thorbjörn sagte nun manche beschämende Worte zu seinem Bruder Bjarni und äusserte zuletzt, desto weniger Tüchtigkeit sei in ihm, je mehr es etwas gälte. Darauf ritt er fort und beide Brüder schieden auf diese Weise mit wenig Freundlichkeit. Thorbjörn machte nicht eher Halt, bis er herab nach Leikskálar kam; dort pochte er an der Thür, und man öffnete. Thorbjöm bat, dass Sámr heraus komme. Sámr grüssteVor einem Hause angekommen, darf man dasselbe nach alter Sitte, auf welche noch heutzutage strenge gehalten wird, nicht betreten, bevor der Eigenthümer oder einer seiner Söhne herausgekommen ist. Die Isländer begrüssen einander mit den Worten: Sei gegrüßt., und darauf folgt Kuss und Umarmung; in der Regel wird jeder nur mit dem Vornamen angeredet. Auch ein Fremder, den man auf Island fast überall höchst zuvorkommend behandelt, wird, wenn man ihn liebgewonnen, auf einheimische Weise begrüsst, d. h. geküsst, was ihm manchen hübschen Kuss einbringen kann, zumal auch die Sitte gilt, dass man sich wiederholt, zwei- bis dreimal, umarmt und küsst und die isländischen Küsse sind keine leeren Ceremonien, sie werden mit Wärme und Nachdruck gegeben. seinen Verwandten freundlich und lud ihn ein, da zu bleiben. Thorbjörn nahm dies ziemlich zögernd an. Sámr sieht die Betrübnis bei Thorbjörn und fragt um die Ursache; dieser erzählt ihm den Todtschlag seines Sohnes Einarr.

„Das ist keine grosse Neuigkeit“, sagt Sámr, „dass Hrafnkell Männer erschlägt.“

Thorbjörn fragt, ob Sámr ihm irgend eine Hilfe leisten wolle. „Dieser Vorfall ist der Art“ ,sagt er, „dass, obschon der erschlagene Mann mir am nächsten ist, der Todtschlag doch auch euch nicht fern trifft.“

„Hast du wohl von Hrafnkell Busse zu erhalten gesucht?“ fragt Sámr.

Thorbjörn erzählt alles aufrichtig, wie es sich zwischen ihm und Hrafnkell zugetragen hatte.

„Nicht bin ich vorher gewahr geworden“, sagt Sámr, „dass Hrafnkell einem derartig angeboten hätte, wie dir. Nun will ich mit dir hinauf nach Aðalból reiten und lass' uns glimpflich gegen Hrafnkell vorgehen und erfahren, ob er dieselben Anerbietungen aufrecht halten will; auf die eine oder andere Weise wird er sich als braver Mann zeigen.“

„Dies beides ist der Fall“, sagt Thorbjörn, „nämlich, dass Hrafnkell nun nicht mehr wollen wird, wie auch mir jetzt sein Anerbieten nicht mehr zusagt, als da ich von dannen ritt.“

Sámr sagt: „Schwierig halte ich es, in Rechtssachen mit Hrafnkell zu streiten.“

Thorbjöm erwidert: „Deshalb wird nichts aus euch jungen Männern, weil euch alles in den Augen wächst; ich glaube, dass kein Mann gleich grosse Stümper zu Verwandten hat, wie ich; es scheint mir mit solchen Männern, wie du bist, übel gefahren, da du dich gesetzeskundig dünkst und auf Bagatellsachen versessen bist, an dieser Rechtssache aber, welche so klar ist, nicht theilnehmen willst; dies wird für dich beschämend werden, wie billig ist, weil du der Streitsüchtigste in unserem Geschlechte bist. Ich sehe nun, was die Sache bedeutet.“

Sámr entgegnet: „Was hast du davon, wenn ich auch an dieser Angelegenheit theilnehme und wir dann beide unterliegen?“

Thorbjörn antwortet: „Ein grosser Trost ist es mir doch, wenn du dich der Sache annimmst; komme es, wozu es wolle.“

Sámr sagt: „Unwillig gehe ich dazu; mehr thue ich es wegen der Verwandtschaft mit dir; aber wissen sollst du, dass es mir dort, wo du angelangt bist, nichts zu taugen scheint.“

Nun reichte Sámr die Hand hin und nahm Antheil an Thorbjörn's Sache.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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