Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Die Blutklage.

 

Nach dem isländischen Rechte der Blutklage verfolgt der nächste Bluts- oder Anverwandte den Todtschlag, der an seinem Angehörigen begangen wurde und hat Anspruch auf die Todtschlagsbusse (vigsbœtr). Ausserdem betheiligte sich aber auch die ganze Verwandtschaft des Erschlagenen an der Verfolgung des Thäters und hat ihrerseits Anspruch auf das Wergeid (niðgjöld), d. h. Bussgeld für den ihr angehörigen Erschlagenen, welches die gesammte Anverwandtschaft des Todtschlägers zu entrichten hat.

Doch wurde dieses in der älteren Zeit nicht gern gegeben und angenommen, da mit der Blutklage das Recht der Blutrache verbunden war, woran die ganze beiderseitige Verwandtschaft activ wie passiv betheiligt erscheint. Denn dort, wo die Ehre des Lebens höchstes Ziel, Freiheit und Selbständigkeit sein theuerstes Kleinod ist, dort wird die Bache zur ersten Forderung des Lebens an den Mann. Sowie fremde Gewalt oder List einen Eingriff gethan hat in seine Macht oder in sein Eigenthum, muss er sofort Sühne für den erlittenen Schaden suchen, und diese findet er, indem er Wiedervergeltung übt und Rache nimmt. Wer auf Achtung Anspruch machen wollte, durfte die Blutrache nicht versäumen, sondern musste dieselbe vollstrecken, indem der für ehrlos galt, welcher den Tod eines nahen Verwandten ungerrächt liess und Söhne es für unziemlich erachteten, den Erbschmaus nach ihres erschlagenen Vaters Tode abzuhalten, ehe die Blutrache für ihn vollzogen war. Nur mit Blut konnte ein Mord gesühnt werden, für welchen Geldbussen nicht gegeben oder nicht genommen wurden, und nicht selten kam es infolgedessen zu einer andauernden Schlächterei zwischen den Familien des Mörders und des Gemordeten, wobei nicht bloss offene Gewalt, sondern auch heimliche Ueberfälle und Brandlegung an der Tagesordnung waren.

Sollte dem ein Ende gemacht werden, so musste ein Waffenstillstand eingegangen werden, um sich über die Vergleichsbedingungen einigen zu können; derselbe musste nach gesetzlich genau vorgeschriebenen, feierlichen und umständlichen Formen begehrt und gewährt werden und konnten dabei auch nur einzelne Verwandte Frieden schliessen, während die übrigen die Fehde fortdauern liessen. Den Abschluss des endlichen Friedens besiegelte ein feierlich abzuschwörender Eid, wofür sowohl die isländischen Rechtsbücher als auch die Sagas verschiedene Formulare enthalten.

Schliesslich muss noch hervorgehoben werden, dass es zur offenen, hochsinnigen Denkungsart jener Zeit gehörte, dass derjenige, welcher einen anderen erschlagen hatte, den Todtschlag selbst kundzumachen verpflichtet war, widrigenfalls seine That als schimpflich und entehrend angesehen wurde. Der Thäter sollte von der Stätte seiner That weg sich zum nächsten Hofe begeben und dort sein Werk verkünden, sofern dort nicht jemand von den nächsten Verwandten des Erschlagenen wohnte; war dies der Fall, so konnte er an diesem Hofe vorüber gehen und den Weg zum nächsten einschlagen. Fand er auch dort Verwandte des Todten vor, so konnte er zum dritten Hofe reiten, sollte aber dort den Mord in jedem Falle bekannt machen.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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