Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

4. und 5. Capitel.

 

4. Capitel

 

Thorbjörn hiess ein Mann; er war Bjarni's Bruder und wohnte im Hrafnkelsdalr auf dem Hofe, welcher HóllBedeutet Hügel und ist auch ein in Norwegen noch heute sehr gebräuchlicher Ortsname. heisst, gegenüber Aðalból, östlich von diesem. Thorbjörn hatte wenig Vermögen, aber eine grosse Kinderschaar. Sein ältester Sohn hiess Einarr; er war gross und sehr tüchtig. Es war in einem Frühlinge, dass Thorbjörn zu Einarr sagte, er möge sich einen Dienst suchen:Der plötzliche, unvermittelte Uebergang der indirecten Bede in die directe, sowie umgekehrt gehört auch zu den erwähnten Eigenthümlichkeiten des Sagastiles. „denn ich bedarf nicht mehr Arbeitskraft, als diese Leute, welche hier sind, zu leisten vermögen; übrigens wird es dir leicht werden, zu einem Dienste zu kommen, denn du bist ein sehr tüchtiger Mann. Nicht Mangel an Liebe veranlasst diese meine Aufforderung an dich, des Weges zu ziehen; denn du bist mir von meinen Kindern das nützlichste. Vielmehr bewirkt dies mein Mangel an Vermögen und meine Dürftigkeit, und der Umstand, dass meine anderen Kinder erst arbeitstüchtig werden; dir wird es (daher) leichter sein, zu einem Dienste (zu gelangen), als ihnen.“

Einarr antwortete: „Allzu spät hast du mir darüber gesprochen; denn nun haben sich bereits alle die Dienste verschafft, welche die besten sind; und mir scheint es doch nicht gut, nur den Ausschussd. h. nur jene Dienste zu erhalten, welche die anderen verschmäht haben. davon zu erhalten.“

Darauf bestieg Einarr sein Pferd und ritt nach Aðalból. Hrafnkell sass in der Stube; er grüsste Einarr freundlich und heiter. Einarr bat um Dienst bei Hrafnkell.

Dieser erwiderte: „Warum bittest du so spät darum? Denn dich würde ich zuerst genommen haben. Aber nun habe ich schon alle meine Leute gedungen, ausgenommen bei der einzigen Arbeit, welche du nicht verrichten wollen wirst.“

Einarr fragte, welche diese wäre. Hrafnkell antwortete, dass er noch keinen Mann zur Hütung des KleinviehesUnter dem Kleinvieh sind die Schafe gemeint. Die Schafzucht spielte schon in der ältesten Zeit eine Hauptrolle in der isländischen Viehwirtschaft. Ein altes isländisches Sprichwort sagt: Sveltr saudlaust bú, d. H. Hunger leidet die Wohnung ohne Schafe. aufgenommen hätte, und äusserte sich, dass er eines tüchtigen hiezu bedürfe. Einarr sagte, er kümmere sich nicht darum, ob, was er verrichte, dieses oder jenes wäre; und äusserte, dass er auf zwei HalbjahreDer isländische Kalender kennt nur zwei Jahreszeiten, nämlich: Winter (vetr) und Sommer (sumar); das Jahr zerfällt demgemäss nur in zwei Halbjahre (missari, misseri) zu je sechs Monaten. Noch heute gelten dem isländischen Bauer der 14. October als Winteranfang, der 14. April als Sommeranfang; die Mitte des Winters fiel also in den Monat Januar; die Mitte des Sommers in den Monat Juli. Mit welchem Monate in der heidnischen Zeit der Jahreswechsel auf Island begann, ist ungewiss, wahrscheinlich mit October.
Ursprünglich wurde jeder Monat zu 30 Tagen gerechnet, mit vier Schalttagen (eigentlich Schaltnächten, isländisch aukanætr), welche dem dritten Sommermonate beigefügt wurden. Diese Zeitrechnung, welche mit dem wirklichen Jahreslaufe nicht stimmte, wurde durch den julianischen Kalender verdrängt, welcher mit der Einführung des Christenthums nach Island kam, sich jedoch nur mit gewissen Modificationen behaupten konnte.
Unterhalt haben wolle.

„Ich bestimme dir gleich die Bedingungen“, sagte Hrafnkell; „du sollst fünfzig Schafe heimwärts in die Sennhütte treiben und alles Sommerbrennholz nach Hause schaffen; dies sollst du für zweier Halbjahre Unterhalt verrichten. Aber einen Punkt will ich doch noch mit dir festsetzen, wie mit meinen anderen Hirten. Freyfaxi geht mit seiner StutenschaarDie Pferdezucht war seit jeher eine Lebensfrage für die Isländer und die Beschaffenheit ihres Landes hat dieselben von selbst zu einem Reitervolke gemacht. Das isländische Pferd ist, wie sein Herr, norwegischer Abkunft, mehr klein als gross, aber sehr wohlgebaut und im Winter mit langem und dichtem Pelze versehen. Es entwickelt sich langsam; ist aber sehr ausdauernd, noch im 36. Jahre brauchbar, und durchschreitet mit seinem Reiter oder mit Gepäck beladen sicheren Trittes die holperigsten und gefährlichsten Pfade, durchschwimmt die reissendsten Ströme und weiss selbst in den Sümpfen und Mooren diejenigen Stellen zu finden, wo das Wurzelgewebe der Sumpfpflanzen die einzige zum Uebergange taugliche Stelle bildet. Bei Tag und bei Nacht, bei Frost, Nebel, Schnee und in der gefahrvollsten Lage kann sich der isländische Reiter seinem Pferde ruhig anvertrauen; daher der hohe Wert, welcher guten Pferden beigelegt wurde und sogar zum Aberglauben führte.
Man glaubte, dass ein gutes Pferd der Witterung kundig sei und namentlich Stürme voraussehe; man liess sich von demselben den Platz weisen, wo man sich niederlassen wollte; man benannte Pferde häufig nach einem Gotte, dem man sie weihte, meistens nach Freyr.
Von besonders guten Pferden wird ans berichtet, dass sie den Winter oder auch das ganze Jahr hindurch mit dem besten Grase oder selbst mit Körnerfrüchten gefüttert wurden. Gross war auch die Zahl der Pferde auf ansehnlicheren Höfen; von einem reichen Bauern, Blundketill, wird erzählt, dass er in einem strengen Winter 160 Pferde heimtreiben Hess. „Keinen Schritt thut der Bauer aus dem Hause anders als zu Pferde, und die grösste Ehre, die er einem Gaste anzuthun weiss, besteht darin, dass er ihm sein bestes Pferd zum Reiten leiht; tüchtige Bereiter, wenn auch je nach eigenem Systeme, findet man aller-wärts, unter den Bauern nicht nur, sondern auch unter den Pfarrern, Aerzten und politischen Beamten; das Spazierenreiten gilt als ein Vergnügen für sich, und auch das Wettreiten (kappreid) ist noch immer an der Tagesordnung, wobei nicht übersehen werden darf, dass in einem Berglande ohne Strassen und durch Wässer ohne Brücken das Reiten einen ganz andern Reiz als in unseren cultivierten Gegenden für jeden hat, dem der Sinn noch einigermassen nach Abenteuern steht.
im Thale herum; ihm sollst du Winter und Sommer Obsorge widmen. Aber in einem Punkte gebe ich dir Warnung: ich will; dass du dem Hengste niemals auf den Rücken kommst, wie gross dir auch die Nothwendigkeit hiezu erscheine; denn ich habe hoch und theuer gelobt dass ich dem Manne Tod bringen würde, der auf ihm ritte. Dem Hengste folgen zwölf Stuten; welche auch immer derselben du zum Gebrauche für dich haben willst, sei es bei Tag oder Nacht, die sollen dir zu Gebote stehen. Thue nun, wie ich dir gesagt, denn es ist ein altes Sprichwort: — Der trägt keine Schuld, welcher den anderen warnt. — Nun weisst du, was ich festgesetzt habe.“

Einarr erwiderte, er würde nicht so versessen sein, auf dem Hengste zu reiten, welcher ihm verwehrt wäre, da doch andere Rosse zum Ritte vorhanden wären.

 

5. Capitel

 

Einarr ritt nun nach Hause, um seine Kleider zu holen und schaffte dieselben zum Hofe nach Aðalból. Darnach zog man vom Hrafnkelsdalr weg in die Sennhütte, dorthin, wo es GrjótteigssennhütteGrjótteigr bedeutet „Steinfeld". heisst. Einarr ging es ganz gut im Sommer, so dass ihm nie ein Schaf verloren ging, gerade bis zur Mitte des Sommers; da aber geriethen ihm in einer Nacht nahebei dreissig Schafe in Verlust. Einarr suchte auf allen Weideplätzen und fand dieselben nicht; beinahe eine Woche fehlten ihm die Thiere.

Es war eines Morgens, dass Einarr zeitig ausging, da es mit dem dicken Nebel von Süden und mit der Feuchtigkeit nachgelassen hatte. Er nimmt den Stab in seine Hand, den Pferdezaum und die Satteldecke. Er geht über die Grjótteigsá, welche vorn an der Sennhütte fliesst, und dort auf der Sandbank lag das Vieh, welches abends daheim gewesen war. Er trieb dasselbe heimwärts zur Sennhütte und ging, jenes zu suchen, welches vorhin abgängig war. Da erblickt er die Zuchtrosse vorne auf der Sandbank und kommt auf den Gedanken, sich ein Pferd zum Ritte zu nehmen; es war ihm klar, dass er schneller vorwärts kommen würde, wenn er ritte, als wenn er ginge. Als er zu den Rossen kam, jagte er nach denselben und diese, welche nie gewohnt waren, vor einem Manne davonzulaufen, waren nun scheu — Freyfaxi allein ausgenommen; dieser war so ruhig, als wenn er eingegraben wäre. Einarr bemerkt, dass der Morgen vergeht und denkt, dass Hrafnkell nicht wissen würde, wenn er auch auf dem Hengste ritte. Nun ergreift er denselben, legt ihm den Zaum an, breitet die Satteldecke unter sich demselben auf den Rücken und reitet längs dem Grjótárgild. h. die Kluft (gil), durch welche die Grjótá (= Steinfluss) herabstürzt. aufwärts, so weiter bis zu den Gletschern und westwärts längs dem einen Gletscher dorthin, wo die Jökulsá (á brú) herabstürzt; dann mit dem Flusse abwärts bis zur Reykjasennhütte. Er fragte alle Schafhirten bei den Sennhütten, ob keiner dieses ihm abgängige Vieh gesehen hätte, aber man antwortete, keiner habe es gesehen. Einarr ritt Freyfaxi ununterbrochen von Tagesanbruch bis zur Vesperzeit; der Hengst trug ihn schnell vorwärts und weit umher, denn er war sehr feurig, Einarr kam es da in den Sinn, das es für ihn Zeit wäre, erst das Vieh heimwärtsZur Vesperzeit wurde das Vieh zur Sennhütte getrieben, um gemolken zu werden. zu treiben, welches zur Stelle war, wenn er auch jenes verlorene nicht fände. Er ritt nun ostwärts über die Höhen in den Hrafnkelsdalr. Als er aber herab zur Grjótteigr kommt, hört er ein Blöken von Schafen längs der Bergkluft dort, wo er früher vorbeigeritten war; er wendet sich dahin und sieht dreissig Schafe sich entgegen rennen, dasselbe Vieh, welches ihm nun eine Woche gefehlt hatte, und er trieb es heimwärts mit dem übrigen Vieh. Freyfaxi war ganz triefend von Schweiss, so dass er von jedem Haare tropfte; er war stark mit Schlamm bespritzt und überaus erschöpft; er wälzt sich zwölf Male herum und stösst darauf ein lautes Wiehern aus; hernach rennt er im gewaltigen Laufe abwärts längs der Viehweged. h. die mit Steinwällen eingehegten Wege, auf welchen das Vieh zur und von der Weide getrieben wurde.. Einarr wendet sich nach ihm und will vor den Hengst kommen, ihn packen und zu den Rossen zurückführen; aber er war nun so scheu, dass Einarr ihm nirgends in die Nähe kam. Der Hengst rennt das Thal entlang herab und macht nicht eher Halt, bis er heim nach Aðalból kommt. Da sass Hrafnkell bei Tische, und als der Hengst vor die Thüre kommt, wiehert er laut. Hrafnkell sagte zu einer Magd, welche drinnen bei Tische aufwartete, dass sie zur Thüre gehen solle; „denn ein Ross wieherte und dies schien mir dem Gewieher Freyfaxi's gleich zu sein.“

Die Magd geht zur Thüre und sieht Freyfaxi sehr übel zugerichtet. Sie sagt Hrafnkell, dass Freyfaxi draussen vor der Thüre wäre und sehr hergenommen aussähe.

„Was wird der Bursche wollen, da er heim gekommen ist?“ sagt Hrafnkell, „Gutes wird dies nicht bedeuten.“ Damach ging er hinaus, erblickte Freyfaxi und sprach zu ihm: „Schimpflich erscheint mir, dass du auf die Weise mitgenommen bist, mein Pflegekind! — aber du hattest deinen Witz daheimEin sprichwörtlicher Ausdruck, mit dem Sinne: du hast verständig gehandelt., da du mich davon unterrichtetest; dies soll gerächt werden, gehe du nun zu deiner Schaar.“ Der Hengst ging sogleich durch das Thal hinauf zu seiner Schaar.

Hrafhkell ging abends in sein Bett und schlief die ganze Nacht. Aber am Morgen lässt er sich ein Pferd bringen, ihm den Sattel auflegen und reitet hinauf zur Sennhütte; er reitet in blauen Kleidern, hatte eine Axt in der Hand, aber nicht mehr Waffen. Da hatte Einarr eben das Vieh in die UmhegungWorin das Vieh zum Melken gesammelt wurde; dieselbe umgab ein Steinwall. getrieben; er lag auf dem Steinwalle um dieselbe und zählte das Vieh; aber die Mägde waren beim Melken. Sie grüssten Hrafnkell. Dieser fragte, wie es ihnen ginge?

Einarr antwortete: „Schlimm ist's mir ergangen, denn dreissig Schafe waren mir beinahe eine Woche abgängig; aber jetzt sind sie gefunden.“

Hrafnkell sagte, dass er nicht von solchem spreche; „aber hat sich nichts Schlimmeres ereignet? Hast du nicht etwa gestern Freyfaxi geritten?“

Einarr antwortete, er könne dies ganz und gar nicht leugnen.

„Weshalb rittest du dieses Ross, welches dir verboten war, da doch deren genug da waren, welche dir zur Benützung zugestanden wurden? Doch würde ich dir wegen einer Uebertretung verziehen haben, wenn ich nicht so hoch und theuer gelobt hätte; hast du doch ehrlich eingestanden.“

Aber in dem Glauben, dass den Männern Betrübnis widerführe, die ein feierliches Gelübde auf sich beruhen lassen, sprang Hrafnkell vom Pferde und versetzte Einarr einen tödtlichen Hieb. Darauf ritt er mit so verrichteter Sache heim nach Aðalból und verkündete diese Neuigkeit. Nachher liess er einen anderen Mann zum Kleinvieh in die Sennhütte gehen. Einarr's Leichnam aber liess er westwärts von der Sennhütte auf die Bergterrasse bringen und errichtete dort eine Warte bei seinem GrabhügelDie einfachste Art des Begrabens auf Island in der heidnischen Zeit war, den Leichnam mit Erde oder Steinen za beschütten oder unter einer Erd- und Geröllbank zu verscharren. Ein erschlagener Mann wurde sofort auf diese Weise bestattet. Die hier erwähnte Warte war ein aus Steinen gebildeter Haufen als Merkzeichen, wie solche auf Höhen und wüsten Plätzen in Island sehr häufig vorkommen, um dem Wanderer als Wegweiser zu dienen. — Eine zweite Art der Bestattung, welche in den Sagas häufig erwähnt wird, ist die Beisetzung in grossen Grabkammern in Hügeln. Dem Todten wurde ein förmliches Haus gebaut; man nahm Balken und zimmerte eine Kammer, um welche sich zunächst eine Steinlage und der Erdhügel schloss, den zu oberst eine Steinschichte bedeckte. Nur ausnahmsweise wurde der Hügel aus Ziegeln oder Steinen aufgemauert oder gewölbt.. Diese wurde Einarr's-Warte genannt und darnach wird auf der Sennhütte die VesperzeitMan rechnete, dass man auf der Sennhütte Vesperzeit hat, wenn die Sonne gerade über Einarr's Warte steht. Die heidnischen Isländer berechneten die Tageszeit nach der Stellung der Sonne über gewisse Punkte in dem umgebenden Horizonte. Der Tag zerfiel in folgende Abschnitte: Aufstehzeit (rismál), ungefähr um 6 Uhr morgens; Morgenzeit (dagmál), ungefähr um 9 Uhr; Mittagszeit (miðdagr) um 12 Uhr; Nachmittagszeit (nón, vergl. englisch noon), um 3 Uhr; Vesperzeit (miðaptann), um 6 Uhr abends. gehalten.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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