Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Mikligarðr.

 

Mikligarðr (wörtlich grosser Wall, dänisch Miklegaard, schwedisch: Miklagard) ist die altnordische Bezeichnung für Constantinopel (Byzanz). Fahrten in fremde Länder waren bei den alten Skandinaviern von höchster Wichtigkeit. Man sah in denselben das beste Mittel zur Ausbildung des Jünglings, zur Uebung der Kräfte und zur Erwerbung von Welt- und Menschenkenntnis. Schon in der poetischen Edda wird gesagt (Hávamál Str. 17):

Der weiß allein, der weit gereist ist,

Und Vieles hat erfahren,

Welches Witzes jeglicher waltet,

Wofern ihn selbst der Sinn nicht fehlt.

Ein altes isländisches Sprichwort sagt: Dumm ist das zu Hause erzogene Kind (heimskr er heimalit barn). Wenn die Söhne nicht selbst auf die Fahrt wollten, wurden sie von den Vätern dazu getrieben. Hatte ein Sohn das 15., 18. oder 20. Lebensjahr erreicht, so wies ihn der Vater hinaus auf das Meer, um sich selbst Besitzthümer und künftigen Unterhalt zu verschaffen und sich durch eigene Mannhaftigkeit durch die Welt zu helfen; denn nicht jeder konnte blos durch das väterliche Erbe Hausvater werden. Diese Anschauungen und Verhältnisse; der Drang, fremde Völker, deren Sitten und Fertigkeiten kennen zu lernen und daneben durch mannhafte Thaten sich selbst Ehre und Ruhm einzulegen, aber auch Güter und Vermögen zu erwerben: führten zu den grossen Raubfahrten (Wikingszügen, von isländisch víking d. h. eine mit Plünderung der Küsten verbundene Seefahrt, daher: víkingr, pl. víkingar, = Seekämpfer, Räuber), zu Handelsreisen und zur Dienstnahme bei ausländischen Fürsten. Einen oder den andern dieser Wege oder auch abwechselnd alle drei schlugen die skandinavischen Jünglinge damaliger Zeit ein, um die Welt kennen zu lernen und sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat, an Bildung, Ansehen und Vermögen gefördert, auf ihrem erkauften oder ererbten Hofe niederzulassen. Die gewöhnliche Dauer des Aufenthaltes im Auslände war drei Jahre. Wer auszog, kaufte sich ein Schiff zur Hälfte oder bezahlte einen gewissen Preis für die Ueberfahrt; zum Theile unternahmen aber die jungen Isländer die Handelsreisen auch auf eigenen Schiffen. Die Production der Insel an Fleisch-, Woll-, Fisch- und Fettwaaren, welche in gewöhnlichen Jahren weitaus den eigenen Bedarf überstieg, ermöglichte eine sehr beträchtliche Ausfuhr von solchen Artikeln; doch wurde der auswärtige Handel gar nicht gewerbsmässig und nur vorübergehend betrieben, und an einen eigenen Kaufmannsstand ist hiebei nicht zu denken.

Den erwähnten Aufenthalt Eyvindr's in Mikligarðr betreffend, haben wir seit dem 10. Jahrhundert n. Chr. die ersten sicheren Nachrichten, dass die alten Skandinavier als Söldner in die Dienste der oströmischen (byzantinischen, griechischen) Kaiser traten. Sie führten als solche den Namen Wäringer oder Waräger (auch Waranger, Warenger, Wariager, von isländisch væringjar, d.h. Eidsverbundene, sing. væringi). Den byzantinischen Kaisern schienen diese kraftvollen Söhne des Nordens höchst geeignet, eine sichere und feste Leibwache im unruhigen und wankenden Leben des byzantinischen Reiches zu bilden, und so schaarten sich diese Verbündeten um den griechischen Herrscherthron fast drei Jahrhunderte lang, durch steten Zuzug aus dem Norden ergänzt. Die Eingebornen und die übrigen Söldner beneideten und hassten sie gründlich; man nannte sie spöttisch die Kleinode des Kaisers, da dieser sie nach Möglichkeit schonte. Dieses Reislaufen der Skandinavier im byzantinischen Solde währte bis zum 13. Jahrhundert.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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