Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Ueber das isländische Gehöft.

 

Hof (isländisch: bœr, nicht zu verwechsein mit isländisch: hof für das deutsche Tempel) ist die deutsche Bezeichnung für den Complex der Wohn- und Wirtschaftsgebäude des freien isländischen Grundbesitzers und Landwirtes (isländisch: búandi oder bóndi, d. h. Wohnender, dänisch und schwedisch bonde welchem der deutsche Ausdruck Bauer nur unvollkommen entspricht). Diese Höfe lagen — und liegen noch heutzutage — weit zerstreut umher und es bildete daher ein jeder derselben in allen wesentlichen Beziehungen ein wirtschaftliches Ganzes von eigenthümlicher Beschaffenheit für sich. Bei dem gänzlichen Mangel an dem anderwärts üblichen Baumateriale (Bauholz, Lehm, Kalk) und bei dem Umstände, dass nur die Vermögenden Zimmerholz von Norwegen her beziehen konnten, mussten die Wohn- und Wirtschaftsgebäude zumeist aus abwechselnd übereinander gelegten Rasenstreifen und Rollsteinen aufgeführt werden, worüber als Bedachung Sparrwerk mit übergelegten Rasenscheiben gefügt wurde; dieses Dach lag auf den Wänden leicht auf, ging tief hinab und lief nicht spitz, sondern abgestumpft oben zu. Kleinere Häuser hatten keine Zwischenwände, grössere wurden durch die Doppelreihe von Tragebalken, die zum Dache hinanstiegen, dreifach gegliedert. — Bei dieser Art zu bauen konnten nicht leicht mehrstöckige Gebäude hergestellt werden, sondern man errichtete lieber für jede der benöthigten Baulichkeiten ein eigenes Gebäude (isländisch: hús), so dass auf grösseren Höfen mitunter 30 bis 40 solcher Bauten nebeneinander zu stehen kamen. Dieselben lagen in grösserer oder geringerer Entfernung in dem Grasgarten (isländisch: tún), welcher den ganzen Hof gewöhnlich umgab und mit einer Umzäumung abgeschlossen war; sie zerfielen in die Wohngebäude (heimahús) und in die Aussengebäude (útihús, útibúr). Folgende vier werden zunächst als die wichtigsten hervorgehoben: Das Feuerhaus (isländisch: eldhús oder eldahús, heutzutage die Küche); die Vorrathskammer (búr) für die Speisevorräthe; die Stube (stofa), ein weiteres Hauptgelass, namentlich als Wohnzimmer für die Frauen dienend; endlich der Saal oder die Halle (skáli, höll), eigentlich nur ein stattlicheres Feuerhaus für grössere Gelage, wofür man sich bei geringerer Feierlichkeit des gewöhnlichen Feuerhauses bediente. Zu beiden Seiten dieses Hauptgebäudes befanden sich Thüren, und zwar auf der einen Seite die Männerthür, auf der anderen die Weiberthür; auf letzterer Seite war auch eine querüberlaufende Erhöhung, die Querbank (Þverpallr) angebracht, als Sitzplätze für die Weiber. Den Langseiten entlang reihten sich Bänke aneinander und in der Mitte dieser beiden Bankreihen stand je ein Hochsitz (öndvegi), von denen der auf der Nordseite des Saales als der vornehmere, der auf der Südseite als der geringere galt; jener war der Platz des Hausherrn, dieser wurde dem vornehmsten Gaste angewiesen. Zu beiden Seiten des Hausherrn sassen dessen Angehörige, ebenso auf der anderen Seite das Grefolge des Gastes. Je näher der Thür, desto geringer galt der Platz. An den Langwänden endliech waren allenfalls auch Betten angebracht, hin und wieder in verschliessbaren Kästen.

An diese vier wesentlichen Baulichkeiten schlossen sich nach der Grösse des Hofes andere an; so eine kleinere Stube (litla stofa) neben der grösseren, eine Kammer (skemma), ein eigenes Schlafgemach (svefnh&uakute;s, svefnskemma), ein Gastzimmer (gestahús), eine Badstube (baðstofa) und seit Annahme des Christenthums im Jahre 1000 auch eine Kirche oder Kapelle usw. Bemerkenswert ist, das man damals auf Island die Aborte (heimilishús, nádahús oder auch salerni, kamarr) entfernt von den Wohnhäusern auf kleinen Pfeilern mit Stufen zu denselben anbrachte, während man sie in späterer als unnöthigen Luxus meist ganz weglässt.

Weiter von den Wohnhäusern abstehend befanden sich Stallungen für Pferde, Ochsen, Kühe, Schafe, Lämmer, Schweine; ein eingehegter Platz für den Heuvorrath (heygarðr), die Schmiede (smiðja); in der Nähe des Meeres auch wohl eine Schiffhütte (naust) und eine Halle zum Trocknen der Fiscbe (hjallr) u. dergl. m. Ein Quell oder Quellbach (brunnr, brunnlœkr), wo möglich auch eine heisse Quelle (laug), endlich je nach Umständen sogar ein kleiner Gemüsegarten (laukgarðr) lagen noch innerhalb des Grasgartens oder doch in dessen Nähe, die Zubehör des Hofes vervollständigend. — Ganz abgelegen vom Hofe waren endlich die Wiesen und Weidenschaften mit oder ohne Sennhütten (sel), die Hochweiden für das Galtvieh (Pferde, Ochsen, Hammel, nicht milchende Schafe), die Waldungen, Torfstiche, Vogelberge, Jagdgründe, Fischereiplätze. So bildete denn sowohl der isländische Hof an und für sich als auch die zu demselben gehörigen Besitzungen und Nutzungen ein aus zahlreichen, weitschichtig ausgebreiteten Bestandtheilen zusammengesetztes Ganzes.

Ueber die innere Einrichtung der Wohngebäude möge noch Folgendes angeführt werden: Der Fussboden war nur aus Erde festgestampft und entweder mit Stroh oder Binsen bestreut. Die Wände, für gewöhnlich kahl, wurden bei festlichen Gelegenheiten mit dunkelblauen Teppichen geschmückt, welche bei Reicheren oft aus köstlichem Stoffe mit eingestickten Schilderungen aus der heimischen Geschichte oder Sage (später aus der heiligen Schrift) bestanden. Aehnlich wurden die Bänke und Sitze bedeckt. Die Tische waren aus einem Gestelle und einer beweglichen Platte zusammengesetzt und wurden erst bei jedesmaligem Gebrauche aufgestellt und mit Tüchern belegt. Das übrige Hausgeräthe bestand in einigen Stühlen, die gern mit Schnitzerei verziert waren, sowie in verschiedenartigen Kisten zum Aufbewahren der Kleidungsstücke, Kostbarkeiten, des Geldes usw. — Zur Beheizung und Beleuchtung wurde Feuer auf dem Herdsteine im Feuerhause oder auf den Steinen, welche die Halle entlang sich befanden, angemacht; längs dieser Langfeuer oder am Herde sassen des Abends die Männer und plauderten. Ein Ofen ist noch heute auf Island selten zu finden. Als Beheizungsmaterialien mussten bei der Holzarmut der Insel neben Torf auch Mist, Schilf und Fischgräten dienen, so wie heutigen Tages. Schornsteine und Dachböden waren unbekannt. Statt der ersteren dienten Oeffnungen im Dache zum Durchlassen des Rauches; dieselben konnten mit einem Rahmen geschlossen werden, worin eine durchsichtige Haut ausgespannt war, wie dies noch jetzt theilweise der Fall ist. Ebensolche Oeffuungen waren an den Langwänden der Häuser als Fenster angebracht und konnten gleichfalls mit einem Rahmen von derselben Beschaffenheit oder auch mit einem beweglichen Brette verschlossen werden.

Die häuslichen und wirtschaftlichen Arbeiten waren auf einem altisländischen Hofe in der Weise vertheilt, dass die Hausfrau die Leitung der Geschäfte, welche den inneren Dienst des Hauses betrafen, führte; war der Besitzer des Hofes unverheiratet, so geschah dies entweder von seiner Mutter oder einer eigenen Wirtschafterin (bústýra). Ausserhalb des Hauses hatte der Mann — eventuell hatten seine Söhne — die Oberaufsicht über die Bewirtschaftung; Vater und Söhne verrichteten auch selbst gewisse weniger anstrengende Arbeiten. Die gröberen und anstrengenderen Arbeiten wurden theils von freien, in Lohn genommenen Dienstleuten (Hausleuten, isländisch: heimamenn, húskarlar), theils von unfreien Knechten (Þrælar) verrichtet. Diese letzteren waren entweder, unter Zwang grösstentheils von den ,Landnahme-Männern gleich bei ihrer Ueberfahrt aus Norwegen mitgebracht worden, oder sie wurden auf den Wikingszügen theils erbeutet, theils gekauft; ihre Behandlung war eine schlechte, sie wurden tief verachtet und es galt für einen freien Mann als ärgste Schande, von einem unfreien Knechte erschlagen zu werden. Ungestraft konnte der Herr seinen eigenen Knecht erschlagen; erschlug er aber einen fremden, so musste er Busse zahlen. Ueber die Anzahl der freien Dienstleute und der unfreien Knechte, oder den Gesammtstand des Gesindes auf einem altisländischen Hofe, lassen sich keine bestimmten Angaben machen, da hierin grosse Verschiedenheit waltete. Von dem Isländer Guðmundr dem Mächtigen erzählt die Ljósvetninga saga, dass er 100 Hausleute im Ganzen besass.

Es war in der That keine leichte Arbeit, den aus so zahlreichen und weitschichtig ausgebreiteten Bestandtheilen zusammengesetzten Hof sammt den dazu gehörigen Besitzungen und Nutzungen zu bewirtschaften und zu beaufsichtigen, zumal da auch die Handwerksarbeiten, welche für den Hof und dessen Bewohner nöthig wurden, meistens durch diese selbst geliefert, sowie allenfalls erforderliche Ankäufe von remden Waaren durch deren eigene Handelsreisen besorgt werden mussten. Bedenkt man ferner, wie sehr das öffentliche Leben, vor allem der Besuch der Thingversammlungen, die Durchführung von Processen an denselben usw. die Thätigkeit nicht nur eines Goden, sondern eines grösseren isländischen Grundbesitzers überhaupt in Anspruch nahm, so wird man begreifen, dass während des kurzen nordischen Sommers, in welchen sich die grosse Masse der wirtschaftlichen sowohl als der öffentlichen Geschäfte zusammendrängte, die Aufgabe eines einigermassen besser gestellten Isländers eine sehr bewegte, mannigfaltige und anstrengende war. Dafür brachte allerdings der Winter Ruhe und Entschädigung in den wochenlangen Gastereien (veizlur) und Spielen, zu welchen oft viel Volks aus weiter Entfernung zusammenströmte.

Noch sei bemerkt, dass eine Anzahl von wenigstens 20 isländischen Höfen einen Geraeindebezirk (hreppr) bildete, dessen Angehörige (hreppsmenn, sing, hreppsmaðr) aus ihrer Mitte fünf der begabtesten und würdigsten zu Gemeindevorstehern (hreppstjórar) erwählten, welche gewissermassen die Censoren des Gemeindebezirkes waren, indem sie die öffentliche Sittlichkeit beaufsichtigen und die Sorge für die Armen übernehmen mussten. Zehn Gemeindebezirke bildeten im allgemeinen einen Godenbezirk (goðorð).

Die Zertheilung der einzelnen Räumlichkeiten in abgesonderte kleine Gebäude hat sich bis heute auf Island erhalten; doch zeigen die jetzigen isländischen Höfe ein weit ärmlicheres Ansehen, als die eben beschriebenen zur Zeit des mittelalterlichen Freistaates. So wohnen u. a. die heutigen Isländer in demselben Raum des Hauses, in welchem ihre Vorfahren ihre Badstube (baðstofa) gehabt hatten und sind alle ihre Räumlichkeiten überhaupt jetzt weit beschränkter als früher — die beiden Städte Reykjavík und Akureyri (Akreyri) natürlich ausgenommen.

Ein neuerer Reisender schreibt hierüber: „Ein isländischer Bauernhof gleicht von rückwärts einer Gruppe kleiner dachförmiger Hügel, die ungleich hoch sind und enge beisammen stehen. Die Kanten, die Firste laufen einige parallel, andere in verschiedenen Winkeln zu einander. So sehen sie alle aus, die schlechtesten, wie die besten. Die letzteren verrathen sich nur durch einige höhere Firste.“

Das Ganze der isländischen Wohnungen, auch der ärmeren, besteht in der Regel aus den fünf Räumen, welche wir uns gerade besehen haben, nämlich der Wohnstube, Küche, Vorrathskammer, Fahrnisshütte und Schmiede. Zu diesen kommt manchmal noch eine weitere Kammer, worin in bunt bemalten Truhen Luxussachen, Festkleider, Geschirre und anderes wertvolleres Zeug aufbewahrt werden, und welche nöthigenfalls auch als Gastzimmer dient ...

Alle Räume sind neben-, nicht übereinander angebracht, welcher Umstand hauptsächlich diesen Wohnungen ihre Eigenthümlichkeit gibt. So viele Gemächer, eben so viele durch breite Mauern gesonderte Häuser oder Hütten. Drei oder vier stehen nach vorn in einer geraden Linie. Davon ist immer eine die Schmiede und eine andere die Fahrnisshütte. Küche und Vorrathskammer liegen überall rückwärts. Im Südlande befindet sich die Badstoba meist vorn in der Mitte. Manchmal ist sie eigentliche Dachstube über der Kammer mit den wertvollen Sachen. Wohlhabende Bauern im Südlande haben zur Aufbewahrung letzterer und, um die Gäste zu beherbergen, ein freistehendes Bretterhaus errichtet. Im Kordlande ist die Badstoba immer im hintersten Hause. Ueberall stehen Wohnstube, Küche, Vorrathskammer und Fremdenstube durch einen Gang mitsammen in Verbindung während die anderen Räume nur durch gemeinsame Mauern zusammenhängen. Nach solchem Plane sind, unbedeutende Abweichungen ausgenommen, alle Wohnungen auf der Insel gebaut.

Von Baumaterial bietet die Insel selbst nur Steine, diese freilich im Ueberfluss. Man verwendet zu Mauern am liebsten, wenn man ihn haben kann, einen hellgrauen Trapp, der in schönen Platten bricht. Viele bestehen aus allen Sorten von Trapp, Tuff und Lavastücken. Diese Mauern sind nicht viel mehr als eine lose Aufhäufung von Steinen, denn die Basen, welche lagen weise inzwischen liegen, füllen wohl die hohlen Räume aus und verhindern ihr Auseinanderfallen, aber sie verbinden nicht. Im Nordlande gibt es auch Mauern, die nur aus Rasenstücken bestehen. Kalk, um Mörtel zu bereiten, fehlt in Island gänzlich. Holz wird bei den Wohnungen der ärmeren Classe so viel als möglich gespart, denn es muss weither über das Meer geführt, an der Küste gekauft und von dort mühsam auf Pferden in's Land hinein geschleppt werden. Bretterböden haben daher in der Regel nur die Wohnstuben. Die als Wände dienenden Steinrasenwälle müssen um so dicker sein, als die Holzbekleidung dünner ist, indem sonst letztere nicht im Stande wäre, den nothwendigen Schutz gegen das rauhe Klima zu gewähren. Eine Folge des Rasenbaues ist, dass alle Wohnungen sehr feucht sind und die Holzfütterung sehr bald zu Grunde geht. Alle fünfundzwanzig Jahre muss die Auskleidung erneuert werden, da sie bis dabin gänzlich verfault.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zurück zum Capitel

 

6,625,328 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang