Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Ueber die Heiraten und das eheliche Leben auf Island in der heidnischen Zeit.

 

Nicht das Weib selbst hat nach altnordischer Anschauung über sein Geschick zu verfügen, sondern der Vertreter des Hauses, dem es angehört. Die Ehe wurde mit dem Auge des Verstandes betrachtet als eine bürgerliche Einrichtung, welche die Gründung und wohlgeordnete Führung des Hauswesens zu ihrem Zwecke hat; die Liebe war darum zur Ehe nicht unbedingt nothwendig. und kam in der That vor der Verlobung selten vor. Eine gegenseitige Neigung in langem Verkehr ohne Werbung brachte sogar in schlechten Ruf.

Das Haupt der altnordischen Familie ist der Vater und mithin er derjenige, welcher über seine Tochter verfügt. Stirbt der Vater, so übernimmt der älteste Sohn die Mnndschaft über die noch unverheirateten Schwestern.

Hatte ein freier isländischer Jüngling aus ehrbarem Geschlechte im Sinne, sich um die Tochter eines anderen Geschlechtes zu bewerben, so nahm er in der Regel einen Fürsprecher in der Person seines Vaters oder eines älteren Verwandten oder Freundes mit und ritt, von diesem und einer Schar Genossen begleitet, zum Hofe, wo das Mädchen wohnte. Dort nimmt der Fürsprecher das Wort und redet zum Vater der zur Braut Begehrten ungeföhr also: „Mein Sohn (oder mein Freund) will um Deine Tochter bitten. Du kennst sein Geschlecht, sein Vermögen, den Einfluss seiner Verwandten und Freunde.“ Nach diesen einleitenden Worten beginnt die Besprechung über Brautkauf und Mitgift, und hat man sich hierüber beiderseits geeinigt, so steht der bevorstehenden Verlobung nichts mehr im Wege. — Auf Fürsprecher und Begleiter des Werbers ward so sehr gesehen, dass es als Hohn betrachtet wurde, wenn der Jüngling allein kam; nur sehr angesehene Männer wagten es, ohne Fürsprecher um ein Mädchen anzuhalten.

War die Werbung gut aufgenommen, so mussten sich beide Theile zunächst über den Brautkauf (isländisch: mundr, festingafé) einigen. Der Brautkauf bedeutete die Ablösung der Braut von der angeborenen Mundschaft (ihres Vaters oder Bruders) und erwarb die Braut zum rechten Eigenthume des Bräutigams; sie ist also ein Rechts-, kein Personenkauf. Der geringste „Mundschatz", den ein Brautwerber hiefür zahlen konnte, war eine Mark, und Kinder einer Frau, die um geringeren Preis erkauft worden, galten nicht für erbfähig. — Damit jedoch auch die Braut nicht ganz leer ihr neues Heim beträte, bestimmten ihr die Angehörigen ausser der Ausstattung an Kleidern und Hausgeräth noch eine eigene Mitgift (isländisch: heimgjöf, heimanmundr) an Geld und Gut, und die Sagas erzählen oft genug von liegenden Gütern, die reiche Mädchen ihren Männern zubrachten. Von dieser Mitgift hatte jedoch der Mann nur die Nutzniessung und darum kein Verfügungsrecht darüber. Nach kinderlosen Ehen fiel dieselbe daher an's Haus der Frau zurück; waren aber Kinder vorhanden, so erbten dieselben von der Mutter und damit ging deren Vermögen auf das Geschlecht des Vaters über.

Hatten sich nun der Verlober und die Angehörigen der Braut mit dem Fürsprecher und Freier über alles Erforderliche geeinigt, so wurde ein Tag für die feierliche Verlobung bestimmt. Bei derselben mussten die nächsten Verwandten beider Theile oder wenigstens bestimmte Zeugen zugegen sein. Dieselben schlossen um das Paar einen Kreis. Hierauf richtete der Verlober an den Mann, dann an das Mädchen die Frage, ob sie einander zur Ehe wollten; nach erfolgter Bejahung übergab er unter einer sinnbildlichen Handlung, wie es scheint durch Ueberreichung von Schwert und Schild, die Mundschaft über sein Mündel dem Bräutigam. Dieser steckte unter einem Spruche an den Finger der ihm Verlobten seinen Ring und empfing dagegen den ihrigen. Hierauf umarmten und küssten sich beide und bezeugten dadurch öffentlich die rechte Verlobung. Die isländische Braut hiess festarkona; war sie aber ohne Förmlichkeiten einfach zugesagt, so hiess sie heitkona.

Ehehindernisse gab es eigentlich keine. Bedingung war nur, dass Braut und Bräutigam einander ebenbürtig, beide aus dem Stande der Freien waren; zwischen Freien und Unfreien war eine Ehe unmöglich und in ältester Zeit sogar der Tod darauf gesetzt. Ursprünglich scheint auch die Geschwisterehe zulässig gewesen zu sein.

War die Verlobung einmal abgeschlossen, so durfte sie nicht mehr gebrochen werden, und musste nach längstens zwölf Monaten die Heimführung der Braut, die Hochzeit, erfolgen. Verhinderungen und Verzögerungen zwischen Verlobung und Hochzeit werden im späteren christlichen Gesetzbuche Islands, in der Grágás, einzeln und genau besprochen und für jeden Fall die entsprechenden Bussen und Strafen aufgezählt. So fest aber auch die Verlobung Braut und Bräutigam miteinander verband, so war doch jede geschlechtliche Annäherung der Verlobten strenge unter sagt und für ein vorzeitiges Beiwohnen empfing der Verlober Busse. In den Sagas lesen wir öfter von dem keuschen Beisammenschlafen zweier Verlobten: der Bräutigam legt ein blosses Sehwert zwischen sich und seine Braut und so ruhen sie wie Bruder und Schwester nebeneinander. So erzählt schon die Edda das Beisammenliegen Sigurðr's mit Brynhildr.

Die gewöhnliche Zeit fär die Heimführung der Braut war der Mitsommer oder der Spätherbst. Der isländische Ausdruck für unser Hochzeit ist Brautlauf (brúðhlaup, gifting, kvánfáng), von dem Zuge oder Laufe mit der Braut zum Hofe des Bräutigams. Das Trinken spielte bei einer altisländischen Hochzeit eine Hauptrolle, weshalb seine Hochzeit halten ausgedrückt wurde durch Brautlauf trinken (drekka brúðhlaup) und die Hochzeit auch kurzweg Bewirtung (veizla) oder Heiratsbier (festaröl) hiess.

Die Hochzeit selbst wurde folgendermassen gehalten. An dem hierfür festgesetzten Tage, zu dem die Verwandten beider Theile und andere gute Freunde oft in grosser Menge geladen wurden, zog der Bräutigam mit seiner Genossenschaft zum Hofe der Braut. Dort harrte er in einem Gemache oder in der grossen Halle seiner Verlobten, die ganz in Linnen gehüllt, das Gesicht tief verschleiert, am Gewande die häuslichen Schüssel, zu ihm geleitet wurde. Nun wurde ihr Leib mit dem Thórr geweihten Hammer berührt und dadurch die Ehe gefestigt; dann leerte das Paar einen Becher zusammen und nun begann das Trinken, zunächst für Thórr, den Schützer der Ehe, dann für Oðinn und die übrigen Götter. Bei Anbruch der Nacht brachte man das junge Paar in die Brautkammer; dort bestiegen sie vor Zeugen ein Bett und bedeckten sich mit einer Decke, wodurch die Ehe als rechtsgültig abgeschlossen galt.

Fand — was seltener vorkam — die Hochzeit im Hause des Mannes statt, so liess derselbe durch seine Freunde die Braut abholen und hatten dann im weiteren die gleichen Gebräuche statt.

Nach altem Gebrauche machte der junge Ehemann seiner Neuvermählten am Morgen nach der Brautnacht ein Geschenk: die Morgengabe, auch Bankgabe oder Linnengeld genannt (isländisch: morgingjöf, bekkargjöf, línfé), weil sie anfänglich aus Gewändern oder Hausrath bestand, wogegen später auch Grundbesitz gegeben wurde.

Das Verhältnis beider Ehegatten war so beschaffen, dass der Mann Herr im Hause ist und die Frau ganz in seiner Gewalt steht; in der ältesten Zeit konnte er über ihren Leib und ihr Leben verfügen. Dessenungeachtet genossen die isländischen Frauen einer grossen Selbständigkeit; die isländische Hausfrau leitete das ganze innere Hauswesen unabhängig. Sie galt als ein nothwendiger Bestandtheil des Hauses und übte in diesem Bewusstsein ihre Pflicht mit stolzer Treue, wofür ihr die ungetheilteste Achtung und Liebe ihrer Angehörigen gezollt wurde. Ihre Stellung als Frau war demnach von ihrer früheren als Mädchen, in welcher sie willenlos über sich verfügen lassen musste, wesentlich verschieden. Die Sagas enthalten auch Beispiele heroischer Liebe und Aufopferung der Weiber für ihre Männer und zeigen überhaupt, dass die altisländischen Ehen in der Mehrzahl zu loben waren. Von dem modernen Glücke, dass der Mann im Kaffee- oder Bierhause und das Weib auf Promenaden oder gar in der Kneipe herumläuft, während die Kinder bei einem Gesinde, das solcher Herrschaft wert ist, verkommen, wusste man in diesen Zeiten nichts.

Freilich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Kebsen Wirtschaft, die Beischläferinnen (frillar), dem heidnischen Island nicht unbekannt waren, und dass sogar Vielweiberei vorkam, indem mehrere Ehen in voller Rechtskraft nebeneinander bestehen konnten. Doch wurde selbst hierbei im allgemeinen eine weit strengere Zucht geübt als heutzutage und ein liederliches Zusammenleben zu blosser sinnlicher Lust fand eigentlich nicht statt.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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