Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Der Zweikampf.

 

Der stolze Kriegersinn der freien isläindischen Männer jener Zeit ertrug nicht den leisesten Hohn oder Spott ungesühnt; für ihre Ehre ebenso empfindlich wie für die Freiheit, opferten sie für jene alles auf. Derjenige, welcher einen andern beleidigte, wurde von diesem gefordert, auf ehrliche Weise mit den Waffen seine Worte zu beweisen. Auch geschah es nicht selten, dass der Beleidiger selbst sich erbot, im Zweikampfe seine Aussage zu bewahrheiten. Es gab zwei Arten des Zweikampfes: einvígi, welcher ohne feste Raumbeschränkung nach Belieben und Vermögen der Kämpfenden stattfand, und hólmganga, für welche der Platz, auf dem sich die Kämpfer schlugen, entweder durch eine Einfriedung von Steinen oder auf folgende genauere Weise abgemessen wurde: Ein Stück Zeug (feldr) ward auf dem Boden ausgebreitet, fünf Ellen lang, dessen Enden durch Schlingen an Pflöcke geheftet wurden unter einer vorgeschriebenen Förmlichkeit, indem man zwischen den Beinen durchsah, das Ohrläppchen fasste und einen Spruch sprach.

Um das Zeug herum ging ein drei Fuss breiter Raum, welchen vier Haselstangen als heilige Grenzen umhegten. In dieses umhaselte Feld (völlr haslaðr) traten die Kämpfer, begleitet von ihren nächsten Freunden und Beiständen. Gegenseitig wurden die Waffen geprüft und vom Forderer die Holmgangsgesetze hergesagt: jeder Kämpfer soll drei Schilde haben und, wenn diese verhauen, sich mit dem Schwerte allein wehren; wer mit beiden Füssen von dem Zeuge heruntertritt, wird flüchtig betrachtet und Niðing (d. h. Schurke) gescholten; wer am meisten verwundet wird, hat sein Leben (gewöhnlich mit drei Mark Silber) zu lösen. Auch die Gleichheit der Waffen sowie die Länge der Holmgangsschwerter verlangte und bestimmte das Holmgangsgesetz.

Den ersten Hieb fährte der Geforderte und darauf folgte in regelmässiger Weise ein grosser gewaltiger Hieb nach dem andern; die Zahl der Hiebe war zuweilen bestimmt. Jeder Kämpfende hatte einen Mann hinter sich, der ihm den Schild hielt und die Hiebe aufzufangen suchte. Bisweilen gingen am ersten Tage beide Kämpfer unüberwunden hervor; da wurde der Kampf den folgenden Tag fortgesetzt. Gewöhnlich galt der Kampf als entschieden, wenn einer der Gegner so verwundet war, dass sein Blut herabfloss; es traten da die Begleiter dazwischen, erinnerten an das Holmgangsgesetz und erklärten den Zweikampf für beendet. Der Verwundete löste dann sein Leben auf die früher angegebene Weise. Doch wurde dieser Vorgang nicht immer eingehalten, denn zwischen harten und erbitterten Gegnern endete der Zweikampf nur mit dem Tode des einen. Der Sieger schlug zum Dankopfer einem Stier den Kopf ab. Die Stätte des Holmganges auf Island war gewöhnlich eine kleine Insel (hólm) in der Öxará.

Keine grössere Schande konnte sich ein Nordländer jener Zeit zuziehen, als wenn er — mochte er Herausforderer oder Geforderter sein — sich zu einem verabredeten Zweikampfe nicbt einfand. Einem solchen wurde damals auf Island eine Nidstange (niðstöng) errichtet, das Zeichen des höchsten, zauberkräftigen Hasses: auf eine Stange, deren Spitze in einen geschnitzten Menschenkopf auslief und die mit den gehörigen Neidrunen beritzt war, ward ein Pferdekopf gesteckt, dessen gähnender Rachen nach der Heimat des vom Zweikampfe weggebliebenen Gegners gerichtet war. Dabei sprach man eine feierliche Verfluchung dieses der Schande preisgegebenen Mannes aus. Auch kam es vor, dass eine ganze Stute auf einen Pfahl gesteckt und mit dem Kopfe gegen die Wohnung des Níðing gewendet oder demselben ein Spottbild zur immerwährenden Schande aufgerichtet wurde. —Wenige Jahre nach Annahme des Christenthums auf Island im Jahre 1000 wurde der Zweikampf gesetzlich abgeschafft.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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