Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Das Godentum.

 

Der Ausdruck Gode (isländisch: goði, auch hofgoði, goðorðsmaðr, fyrirmaðr, yfirmaðr oder höfðingi) bezeichnet zunächst einen Priester; das Wort gleitet sich ab von (isländisch) goð oder guð, d. h. Gott und entspricht insoweit vollkommen dem gothischen gudja.

Der isländische Gode war zunächst religiöser oder Tempelvorstand seines Bezirkes, dann aber auch dessen weltlicher Häuptling mit ausgedehnter herrschaftlicher Gewalt. Er hatte in seinem Bezirke (goðorð, riki, oder auch Þinghá, Þingmannasveit, hérað) vor allem den Tempel zu erhalten und den Opferdienst zu vollziehen, sodann aber lag ihm zunächst die Leitung des Gerichtswesens bei den alljährlichen Volksversammlungen (Thingen, isländisch: Þing) ob. Den zu seinem Bezirke gehörigen Untermännern oder Thingmännern (undirmenn, Þingmenn) ist er Schutz und Unterstützung schuldig, hat unter denselben Ruhe und Frieden zu erhalten, Handel und Wandel zu beaufsichtigen, streitende Parteien (nöthigenfalls selbst mit Gewalt) zu versöhnen und sich überhaupt um alle sonstigen wichtigeren Angelegenheiten seiner Untergebenen zu kümmern.

Zur besseren Erfüllung aller dieser ihm obliegenden Verpflichtungen unternimmt der Gode häufig Rundreisen in seinem Bezirke, um dabei dessen Verhältnisse zu erforschen und zu ordnen; auch hält er zeitweilig Versammlungen seiner Thingraänner unter seinem Vorsitze ab (die héradsþing). Den Fremden gegenüber hat er das Recht, ankommende Schiffe zuerst besuchen zu dürfen, um wichtige Nachrichten aus erster Hand zu empfangen; auch steht ihm zu, von den mitgebrachten Waren sich selbst Beliebiges auszuwählen.Die Thingmänner sind ihrem Goden zu entsprechender Unterwürfigkeit verpflichtet, müssen ihm einen Tempelzoll, Dienst und Zuzug leisten, ihn während seiner Reisen beherbergen und bewirten und sich auf seinen Ruf bei den Ritten zu den Volksversammlungen (Thingen) ihm anschliessen.

Die Entstehung der isländischen Godenwürde ist folgendermassen zu erklären: Da keine organisierten Verbände, sondern beliebig zusammengelaufene Haufen während der Landnahmezeit in Island einwanderten, so fehlte dort anfänglich jede staatliche Gewalt und müssen wir uns Island in der ersten Zeit seiner Besiedlung in einem vollkommen staatenlosen Zustande denken. Als sich nun mit der fortgesetzten Einwanderung das Bedürfnis nach einer anordnenden Gewalt herausstellte, war es der Besitz von Tempeln, worin dieselbe ihren Stützpunkt fand. Wie bereits bemerkt brachten angesehenere Einwanderer ihre Tempel-Hauptsäulen gleich von Norwegen mit und erbauten sich auf dem in Besitz genommenen Landstücke ein eigenes Gotteshaus; kleinere Leute konnten dies nicht thun und schlossen sich daher freiwillig diesem oder jenem der vornehmeren Ansiedler an. Durch solche freie Uebereinktinfte bildeten sich Tempelgemeinden; der Tempelbesitzer war das Oberhaupt einer solchen und seiner Leitung des Opferdienstes unterwarfen sich die Gemeindeglieder und bestritten die Kosten zum Unterhalte des Tempels durch eine Beisteuer, den oben erwähnten Tempelzoll.

Da nun nach altgermanischem Brauche die Staatsgewalt auch das Oberpriesterthum in sich schloss, war nichts natürlicher, als dass sich auf Island, wo das letztere bereits vorhanden, die weltliche Gewalt aber noch ausständig war, diese an jenes anschloss oder aus jenem herausentwickelte; mit anderen Worten: die Vorsteherschaft des Tempels vereinigte hiemit allmählich die richterliche, administrative und, soweit auf Island davon die Rede sein konnte, auch die militärische Gewalt, was alles zusammengenommen die isländische Godenwürde (goðorð sowie der Bezirk, oder ríki, mannaforráð) repräsentiert.

Da die isländische Godenwürde ihren Schwerpunkt im Tempel, den der Gode besitzt, findet, so erklärt sich daraus ihr eigenthümlicher realer Charakter: sie konnte mit dem Tempel vererbt, verschenkt, verkauft, vertauscht oder selbst unter mehrere Besitzer getheilt werden, ganz so wie jedes andere Vermögensstück. Auch war der Bezirk eines Goden territorial durchaus nicht abgeschlossen und die Anzahl der zu demselben gehörigen Thingmänner in keiner Weise festgesetzt: es konnte sich jedermann an jeden beliebigen Goden anschliessen und jedem Thingmann stand es allzeit frei, das Band mit seinem Goden nach Gutdünken zu lösen, d. h. aus dem Thingverbande auszutreten. Auch konnten die Thingmänner ihren Wohnort beliebig wechseln, ohne deshalb aus ihrem bisherigen Godenbezirke ausscheiden zu müssen; thatsächlich jedoch sassen sie gerne in dichten Haufen beisammen. — Die Anzahl der Godenherrschaften (Goðorðe), welche unter einander in keiner Verbindung standen, wurde erst in der Zeit nach den Ereignissen, die in unserer Saga erzählt werden, auf 39 festgestellt, nämlich im Jahre 965.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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