Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

Erläuterungen zur Saga:
Die Tempel.

 

Die Tempel (isländisch: hof), welche in den Sagas häufig erwähnt werden, waren oft sehr gross, von hohen Staketen oder einer Umfriedung von aussen umgeben. Der Tempel selbst bildete ein hölzernes, viereckiges Gebäude, dessen Inneres in zwei Räume zerfiel: erstens ein Langhaus oder eine grosse Halle als Vorsaal, zweitens ein kleinerer kirchenchoralähnlicher Raum, das eigentliche Tempelheiligthum. In diesem befand sich der Altar von Stein oder Holz mit dem heiligen Ringe, auf welchen alle feierlichen Eide abgelegt wurden. Dieser Ring wurde in das Blut des geschlachteten Opferthieres getaucht und der Schwörende nahm ihn sodann in die Hand und sprach die Eidesformel: „So wahr mir helfe Freyr, Njörðr und der allmächtige Ase Thórr.“

Hinter dem Altare und mitten vor demselben standen die vornehmsten Götter auf Erhöhungen, oder sie sassen in einem Hochsitze und zu beiden Seiten derselben auf niedrigeren Sitzen die übrige Götterschar in einem Halbkreise um den Altar: alle in Bildsäulen von kolossaler oder gewöhnlicher Grösse, oft mit köstlichen Gewändern bekleidet und reich mit Silber und Gold geschmückt. Das Langhaus war für das versammelte Volk bestimmt und nach Art des Hauptgemaches (skáli) der isländisch:en Höfe eingerichtet: den Langwänden entlang waren Sitze angebracht, in der Mitte beider Reihen je ein Hochsitz für die Vornehmsten; den des Tempelbesitzers umgaben die Hochsitzpfeiler. Niemand durfte mit den Waffen in der Hand einen Tempel betreten, Räuber oder Mörder durften nicht einmal in dessen Nähe gesehen werden: so heilig galten die Wohnungen der Götter.

Der tägliche Gottesdienst bestand darin, dass der betreffende Gode sich in das Innere des Tempels begab, daselbst auf die Knie fiel, sodann gegen Himmel sah, das Haupt entblösste und betete. Für die Göttinnen hatte man eigene Priesterinnen, die Gydjen (isländisch: gyðjar oder hofgyðjar, sing. gyðja). Der Opferact (isländisch: blót von blóta = opfern) wurde ebenfalls vom Goden geleitet. Zu Opferthieren wurden vornehmlich Pferde, dann auch Ochsen, Stiere und Schweine verwendet. Das Opferthier wurde festlich geschmückt an den Altar geführt und vor allem Volke von dem Goden getödtet. Derselbe fing dann das Blut in einer grossen kupfernen Opferblutschale (isländisch: hlautbolli) auf, tauchte in diese den heiligen Opferquast (einen Zweig, isländisch: hlautteinn) und besprengte so die Sitze der Götter und die Wände des Tempels, sowie das versammelte Volk. Hierauf fand in dem Langhause die Opfermahlzeit statt, wozu das Fleisch des Opferthieres verwendet wurde. Mitten in der Halle brannte am Boden ein Feuer, auf dasselbe wurde ein Kessel gesetzt und darin das Opferfleisch gekocht — nie gebraten; der Gode weihte es und alle genossen davon gemeinsam.

An diese Opfermahlzeit schloss sich das Trinken zu Ehren der Götter, besonders Oðinn's, Njörðr's und Freyr's, oder auch zu Ehren ausgezeichneter, dahingeschiedener Anverwandter, welches letztere man Minnetrinken nannte. Noch sei erwähnt, dass in ausserordentlichen Fällen Menschen (Sklaven, Uebelthäter) geopfert wurden.

Ausser diesen bei gewissen Gelegenheiten abgehaltenen Opfern feierten die heidnischen Isländer jährlich vier grosse Opferfeste: das Winteropfer (vetrnóttablót)zu Anfang des Winters, d. h. Ende October oder Anfang November; das Jól- oder Júlfest am 21. oder 22. December; das Siegesopfer (sigrblót) bei Beginn des Sommers, am 21. April; endlich das Mittsommerfest (miðsumarsblót) am 21. Juni. Das Winteropfer wurde zu Ehren des Gottes Freyr abgehalten und fand hiebei ein grosses Schlachten von Pferden, Ochsen und Schafen statt. Das Julfest (entsprechend unserem Weihnachtsfeste) zur Feier der Wintersonnenwende war das Hauptfest und dauerte drei Tage; es wurden hiebei besonders Schweine geopfert. Beim Siegesopfer flehte man besonders um die Sicherheit vor (inneren) Feinden und um Sieg Über dieselben. Das Mittsommerfest war dem guten Gotte Baldr, dem besten und schönsten Lichtgotte, gewidmet. Ausserdem wurde jedes wichtige Familienereignis (Geburten, Hochzeiten, Begräbnisse) mit Festen und Gelagen begangen.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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