Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði
(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða)

1. - 3. Capitel.

 

1. Capitel.

 

Es war in den Tagen des Königs Haraldr des Haarschönen — des Sohnes Hálfdann des Schwarzen, des Sohnes Guðröðr des Jagdkönigs, des Sohnes Hálfdann des Freigebigen und Kostkargen, des Sohnes Eysteinn Fret's, des Sohnes Ólafr Zimmermann's, des Schwedenkönigs — dass ein Mann namens Hallfreðr auf seinem Schiffe nach Island und zwar nach dem BreiðdalrBreiðdalr (d. i. Breitthal) liegt an der Ostküste der Insel Island zu beiden Seiten der Breiðdalsvík (Breitthalsbucht) und ist durch die grosse, breite, sehr wiesenreiche Thalsohle, welche fast zwei geographische Meilen beträgt, besonders aber durch die äusserst grotesken Felsengestalten merkwürdig, mit welchen er rings umgeben ist. Diese Bergkuppen erscheinen, so oft man seine Stellung verändert, auch in verschiedener Gestalt; zuweilen gleichen sie den Giebeln der Häuser, Schlösser u. s. w.; aber der vorherrschende Anblick, den sie bieten, ist der von hohen Thürmen und Spitzen. kam; dieser liegt südlich von dem Fljótsdalshérað. Auf seinem Schiffe war auch seine Frau und sein Sohn, welcher HrafnkellDieser Name bedeutet Rabenkessel; kell, abgekürzt für ketill (Kessel) findet sich häufig bei isländischen Eigennamen. hiess; dieser war damals fünfzehn JahreWörtlich: fünfzehn Winter. Anstatt nach Tagen und Jahren zählte man im alten Norden nach Nächten und Wintern. alt, hoffnungsvoll und tüchtig. Hallfreðr siedelte sich anDieses Ansiedeln bestand in Besitzergreifung eines noch unbebauten (d. h. von keinem der bisherigen Ansiedler besetzten) Landstückes auf Island kraft des freien Occupationsrechtes. Man nannte dies „Landnahme" (landnám), die Ansiedler hiessen „Landnahme-Männer" (landnámamenn) und die ganze Periode, während welcher in dieser Weise die Besiedlung Islands erfolgte, wird als Landnahme-Zeit (landnámatið) bezeichnet, nämlich die Jahre 874 bis 934. Diese Jahre der Landnahmezeit sind in dem Landnahme-Buche (Landnámabák) aufgeführt. In der ersten Zeit wurden sehr ausgedehnte Strecken des Landes auf Island von den Einwanderern in Besitz genommen; später wurde das zu occupierende Terrain auf ein gewisses Mass beschränkt, indem, wie es heisst, auf König Haraldr des Haarschönen Rath festgesetzt ward, dass niemand mehr Land in Besitz nehmen dürfe, als er in bestimmt vorgeschriebener Weise binnen eines einzigen Tages mit Feuer überfahren könne. Die Besitznahme war nämlich mit einer religiösen Feierlichkeit und zwar mit der Weihung des Grundstückes durch Feuer verbunden. Diese geschah in der Weise, dass man dasselbe entweder mit einer Reihe brennender Holzstösse einfasste oder mit brennender Fackel um das Grundstück herumritt, oder endlich einen brennenden Pfeil über die betreffende Stelle schoss. Das Feuer trug, wie das Wasser nach heidnischem Glauben eine reinigende und heiligende Kraft in sich. War diese Feierlichkeit beendet, so wurde zur Errichtung der nöthigen Wohn- und Wirtschaftsgebäude, zur Umzäunung des Hofraumes geschritten; angesehene Einwanderer pflegten auch ihren eigenen Tempel (isländisch: hof) zu errichten, wozu mancher gleich von Norwegen her die Hauptsäulen mitgebracht hatte. Dies sind die oft erwähnten Hochsitzpfeiler (öndvegissúlur), welche den Hochsitz des Hausvaters in der norwegischen Heimat umgaben; dieselben waren ausgeschnitzt, gingen oben in die Form eines Gottes, besonders Thórr's aus und galten für ein Heiligthum. Wenn der vornehme Auswanderer eine fremde, noch unbewohnte Küste erreichte, warf er diese Pfeiler unter Anrufung Thórr's in's Meer, und wo sie landeten, dort siedelte er sich an. Uebrigens ging es hiebei nicht immer friedlich ab, denn man konnte sich auch ein Stück Landes durch Zweikampf (isländisch: h&oakute;lmganga, daher Holmgang), welcher als Gottesurtheil galt, erringen; man liess nämlich dem derzeitigen Besitzer die Wahl zwischen Abtretung seines Grundstückes oder Zweikampf.. Im Winter darauf starb ihm eine ausländische Magd, welche Arnthúðdr hiess; und deshalb heisst diese Stelle seither ArnthúðdrstaðirWörtlich: zu Arnthúðdrstaðir d. h. Stätte der Arnthúðdr. Die isländischen Ortsnamen erscheinen in den Sagas öfters mit solchen Präpositionen verbunden, die im Deutschen nicht gut übersetzbar sind. Die Ortsnamen sind sehr einfach und wiederholen sich häufig. Sehr viele heissen staðir (Stätte), andere hólar (Hügel), vík(Bucht), z.B.: Reykjavík (Rauchbucht); in manchen ist der Name des ersten Ansiedlers erhalten, wie z. B. Hrafnkelsdalr.. Aber im folgenden Frühjahre verlegte Hallfreðr seinen Wohnsitz nordwärts über die HeideUnter Heide (isländisch: Heiði) versteht man auf Island langgestreckte Hochebenen, mit Kies- oder Sandboden; fast ohne Vegetation, sind sie nur hie und da von Sümpfen, Grasflecken oder vereinzelten Felskuppen unterbrochen und gewähren einen trostlosen Anblick. Ein bekannter Beisender äussert sich hierüber folgendermassen: ^Wer noch nicht selbst in Island gereist ist, der kann sich von der Beschaffenheit einer solchen Heiði keine Vorstellung machen. Plateaus sind zwar sonst keine seltenen Landesformen, aber von solcher Oberfläche, solcher Spärlichkeit der Vegetation, solcher Einsamkeit, Einförmigkeit und Ausdehnung in nächster Nähe ewigen Eises, sind sie nur Island eigen. und liess sich dort nieder, wo es Geitdalr (Ziegenthal) heisst.

Und in einer Nacht träumteEs war im nordischen Heidenthume herrschender Glaube, dass vermittelst Ahnungen, Träume und Zeichen mancherlei Art dem Menschen durch seine Schutzgeister (isländisch: fylgjur, daher „Fylgien") der Wille der hohen Götter und zwar warnend, rathend, strafend, belohnend oder weissagend verkündet werde. Daher rührte das grosse Vertrauen, welches man auf die Träume setzte, indem man in denselben Winke von oben zu erkennen glaubte. Die isländischen Sagas sind überreich an Zügen, welche beweisen, wie tief eingewurzelt der Glaube an Träume damals war. Jedes wichtige Ereignis wurde immer von grossen bedeutungsvollen Träumen vorher verkündigt. ihm; dass ein Mann zu ihm kam und sagte: „Da liegst du Hallfreðr! und sehr unbesonnen; begib dich weg von hier und westwärts über den Lagarfljót; dort ist dein Glück vollständig.“ Danach erwachte er und schlug seine Wohnstätte jenseits der Rangá auf der LandzungeUnter Landzunge wird hier das Landstück zwischen den Mündungen des Lagarfijót und der Jökulsá á brú verstanden. Die Kangä ist ein Nebenfluss des Lagarfljót. Der Ausdruck Zunge (tunga) ist sehr häufig bei isländischen Ortsnamen. an der Stelle auf, welche seither Hallfreðarstaðir heisst, und wohnte dort bis zu seinem Alter. Es blieben ihm aber in seiner vorigen Behausung eine Ziege und ein Bock zurück; und denselben Tag, an welchem Hallfreðr weggezogen war, stürzte eine Bergscholle auf seine vorige Wohnung und beide Thiere gingen dabei zu Grunde. Deshalb heisst diese Stelle seither Geitdalr.

 

2. Capitel.

 

Hrafnkell machte es sich zur Gepflogenheit, im Sommer in Geitdalr zu reiten. Damals war der Jökulsdalr bis zur BrückeDa auf Island bis heute aller Verkehr fast nur zu Pferde stattfindet, indem man auch die Flüsse zu Rosse durchschwimmt, so ist eine Brücke dort eine Seltenheit. Die hier erwähnte Brücke (isländisch: brú) über die Jökulsá (á brú) war lange Zeit die einzige auf Island und der Fluss, über welchen sie führte, wurde dadurch von anderen gleichnamigen Flüssen unterschieden: daher Jökulsá á brú zum Unterschiede von Jökulsá á Fjöllum oder i Axarfirði, Jökulsá i Lóni, Jökulsá á Breidnmerkursanði und Jökulsá á Sólheimasandi. Wägen gibt es auch heute nicht und die Wege bestehen nur aus Geleisen, welche durch die Pferde ausgetreten sind. — Die Jökulsá á brú hat zuletzt eine Breite von 20 bis 30 Ellen und ist trotz ihrer hohen Ufer schon mehrmals und unter grossen Verheerungen ausgetreten, besonders im Jahre 1625 wobei auch die alte Brücke zerstört und später neu hergestellt wurde. hinauf ganz bewohnt. Hrafnkell ritt nun längs dem Fljótsdalshérað aufwärts und sah, dass sich vom Jökulsdalr hinauf ein unbewohntes Thal hinzog; dies schien ihm zur Besiedlung geeigneter als die anderen Thäler, welche er zuvor gesehen hatte. Als er nach Hause kam, bat er seinen Vater um Theilung des Vermögens und sagte ihm; dass er sich dort einen Hof bauen wolle. Dies gewährte ihm sein Vater, und er erbaute sich in jenem Thale seinen Hof und nannte ihn Aðalból. Er heiratete hierauf Oddbjörg, die Tochter Skjaldulfrés aus dem Laxárdalr; sie bekamen zwei Söhne, der ältere hiess Thórir, der jüngere Ásbjörn. Als aber Hrafnkell das Land zu Aðalból in Besitz genommen hatte, da veranstaltete er ein grosses Opfer; er liess einen grossen Tempel erbauen. Hrafnkell liebte keinen Gott mehr als FreyrFreyr ist nach der nordischen Mythologie der Sohn des Gottes Njörðr. Auf Island wurde Freyr ganz besonders verehrt, ebenso wie sein Vater Njörðr, und hatte zahlreiche Tempel. Ihm wurden besonders Pferde zugeeignet und das Winteropfer ward ihm zu Ehren abgehalten. Freyr, Njörðr und Thórr (Þórr) waren die drei Hauptgötter der heidnischen Isländer. Letzterer als Gott des Donners, dessen Hauptcharakter in der unüberwindlichen Kraft bestand, die er mit seinem alles vernichtenden Hammer (Mjölnir) ausübte, war und blieb der Hauptgott nicht blos der heidnischen Isländer, sondern der alten Skandinavier überhaupt, dessen Name ein Bestandtheil der meisten Personennamen bildete. und ihm gab er von allen seinen besten Kostbarkeiten die Hälfte. Er besiedelte das ganze Thal und gab den Männern Land, wollte aber doch deren Obermann sein und eignete sich die Godenwürde über dieselben an. Infolge dessen wurde sein Name verlängert und er der Freysgode genannt. Hrafnkell war ein überaus rücksichtsloser, aber sehr tüchtiger Mann. Er unterwarf sich auch die Männer des Jökulsdalr zu ThingmännernWie wir aus der Landnämabok wissen, hatte im Jökulsdalr schon vorher ein Tempel bestanden und war demnach jedenfalls auch eine Godenherrschaft hier gegründet worden; es musste mithin diese Ausdehnung der Herrschaft Hrafnkells über den Jökulsdalr durch gewaltsame Unterdrückung von dessen Bewohnern erfolgen..

Er war nachgiebig und sanft mit seinen Leuten, aber rauh und hart gegen die Männer des Jökulsdalr; und dieselben erlangten von ihm keine Billigkeit. Er stand oftmals in Zweikämpfen, büsste aber keinen Mann mit Geld; denn keiner bekam von ihm irgend welche Bussgelder, was immer Hrafnkell ihm angethan haben mochte.

Das Fljótsdalshérað ist schwierig zu passieren, sehr steinig und sumpfig; dennoch ritten Vater und Sohn häufig zu einander, denn gutes Einvernehmen herrschte zwischen beiden. Hallfredr dünkte dieser Weg beschwerlich und er suchte sich deshalb einen Pfad oberhalb der Berge, welche sich im Fljótsdalshérað erheben; er bekam da einen trockeneren, aber längeren Weg und dieser heisst Hallfreðargata. Denselben passieren aber nur die, welche im Fljótsdalshérað am meisten kundig sind.

 

3. Capitel.

 

Ein Mann hiess Bjarni und wohnte auf dem Hofe, welcher Laugarhúsd. h. Badehaus, so genannt wegen der daselbst befindlichen warmen Quellen, welche den Umwohnern als Bad (= laug) dienten; dieselben sind noch heute ergiebig. hiess; dieser lag im Hrafnkelsdalr.

Bjarni war verheiratet und hatte von seiner Frau zwei Söhne; der eine hiess SámrEin seltener Name, offenbar finnischer Abkunft., der andere EyvindrEin sehr häufiger, auch noch heute in Norwegen vorkommender Name. — beide schöne und vielversprechende Männer. Ejvindr war bei seinem Vater zu Hause, Sámr aber war verheiratet und wohnte weiter nördlich im Thale auf dem Hofe, welcher LeikskálarBedeutet Spielhütten oder auch Kampfhallen. hiess, und besass viel Gut. Sámr war ein sehr ehrgeiziger und gesetzeskundiger Mann; Eyvindr aber wurde Handelsmann, fuhr nach Norwegen und war den Winter über dort. Von da reiste er weiter in andere Länder und nahm Aufenthalt in Mikligarðr, gewann hier grosses Ansehen beim byzantinischen KaiserDamals regierte Constantin VII. Porphyrogennetos, 911 bis 959 n. Chr. und verweilte daselbst einige Zeit.

Hrafnkell hatte in seinem Eigenthum ein Kleinod, welches ihm besser als jedes andere schien. Dies war ein Hengst von brauner Farbe, mit einem schwarzen Streifen längs dem Rücken herunter, welchen er Freyfaxi nannte. Er gab denselben seinem Freunde Freyr zur Hälfte. Zu diesem Hengste hatte er so grosse Neigung, dass er das Gelübde that, er sollte dem Manne zum Tode werden (d.h. tödten), welcher ohne seinen Willen auf ihm reiten würde.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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