Dr. Heinrich Lenk

Die Saga von Hrafnkell Freysgoði

(Sagan af Hrafnkeli Freysgoða.)

Einleitung in die Saga von Hrafnkell Freysgoði.

 

Eine der interessantesten altisländischen Geschlechtssagas ist die Saga von Hrafnkell Freysgoði, die sich bei ihrem vorwiegend einzelbiographischen Inhalte beinahe einer ausgesprochenen Lebensbeschreibung nähert. Diese Saga ist zwar nicht in der classischen Reinheit und dem unvergleichlichen Mustervortrage, welcher die Njálssaga und Egilssaga so sehr auszeichnen, geschrieben, aber jedenfalls in einem echt historischen, vortrefflich erzählenden Stile. Der gänzliche Mangel an Versen, dem Schmucke der meisten Sagas, wird reichlich aufgewogen durch den ungemein kräftigen und charakteristischen Dialog, welcher in dieser Saga mit ausserordentlicher Wahrheit hervortritt, und dürfte namentlich das achte Capitel derselben in dieser Beziehung seinesgleichen suchen. Unsere Saga hätte es längst verdient, auch ausserhalb dem engeren Kreise der Fachgelehrten bekannt zu werden, da sie ein ebenso interessantes als charakteristisches Zeitbild altnordischen Lebens auf Island in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts n. Chr. entrollt. Im Rahmen einer spannenden, stetig fortschreitenden Erzählung lernen wir viele und wichtige Züge des damaligen Lebens auf der fernen Insel kennen. Besonders über den Vorgang bei den Thingversammlungen in der ältesten Zeit, über Götterverehrung und Aberglauben, über Wesen und Bereich der Godengewalt enthält unsere Saga wichtige Nachrichten, wodurch sie zunächst als historische Quelle ihren besonderen Rang einnimmt. Aber auch abgesehen hievon, ist das ästhetische Interesse, welches uns diese Saga gewährt, kein geringes.

Vortrefflich gezeichnete, scharf ausgeprägte Menschennaturen treten uns da gegenüber. Vor allen der Held der Saga, Hrafnkell mit dem Beinamen Freysgoðid. h. Gode (= Priester) des altgermanischen Gottes Freyr. — Die übrigen hier erwähnten Namen finden im Verlaufe der Erzählang ihre Erklärung.; ein durchaus kräftiger und energischer Charakter echt nordischen Schlages, dessen männliche Tüchtigkeit, Tapferkeit und Entschlossenheit uns Achtung abnöthigen, wenn wir ihn auch von Uebermuth und Rücksichtslosigkeit nicht freisprechen können, da er im Bewusstsein seines Wertes niemand als seinesgleichen erkennen, keinem für zugefügte Unbill Erstattung gönnen will. Nicht so sein würdiger Gegner Sámr. An Thatkraft jedenfalls jenem nachstehend, muthet er uns doch durch sein milderes, zugänglicheres Naturell, durch die edlen Regungen seines viel weicheren Gemüthes sofort sympathisch an. Ergreifend ist seine rührende Anhänglichkeit an seinen greisen Oheim Thorbjörn und seine hingebende, aufopfernde Bereitwilligkeit, jenem unterdrückten Verwandten sein Recht zu verschaffen: Züge, welche mit unnachahmlicher Einfachheit in unserer Saga geschildert werden. Dass Hrafnkell schliesslich doch die Oberhand behält, erklärt sich eben aus seiner Sámr überragenden Thatkraft und Entschlossenheit, die in jenen rauhen Zeiten den Sieg davon tragen mussten. — Sámr's Bruder Eyvindr, der nur episodisch auftritt, ist ein herrliches Bild des echten nordischen Recken des Mittelalters, dem das Leben nichts gilt, wenn die Ehre auch nur scheinbar auf dem Spiele steht. — Sámr's wackere Genossen, Thorkell und Thorgeirr, erscheinen ebenfalls als wahre, ganze Männer, deren treue und ausdauernde Freundschaft unsere Bewunderung verdient. — Wir hoffen, dass die Leetüre der Saga unsere vorläufigen Andeutungen rechtfertigen werde.

Der Inhalt der Erzählung im Ganzen erscheint durchwegs glaubwürdig. Abgesehen von den fast unwillkürlichen kleinen Veränderungen, denen jede durch mündliche Tradition lange fortgepflanzte Erzählung beinahe nothwendig unterworfen ist, dürfte sich in dieser Saga vielleicht gar nichts finden, was als poetische Ausschmückung des historisch Ueberlieferten sicher zu erkennen wäre. Diese Saga entbehrt sogar der gewöhnlichen, in weit zurückliegende Zeiten sich erstreckenden Geschlechtsregister vollkommen, enthält aber dafür eigenthümliche und seltene Züge von dem ältesten Leben auf Island, wozu besonders die Mittheilung über die Verehrung des Gottes Freyr, dem der Hengst Freyfaxi geweiht wurde, gehört. Mehrere von den in der Saga genannten Persönlichkeiten werden auch anderwärts erwähntSo Hrafnkell in der Landnámabók und im Brandkrossa þáttr. Die abweichenden Angaben des letzteren können nicht in Betracht kommen, da derselbe historisch unsicher ist. Dagegen muss es bei der sonstigen Verlässlichkeit der Landnámabók auffallen, dass in derselben Thaten von Hrafnkells Vater (in der Saga Hallfredr, in der Landnámabók Hrafn genannt) auf den Sohn, nämlich Hrafnkell selbst, übertragen werden, sowie auch sein Wohnort abweichend von der Saga angegeben wird. Die Vergleichung der äusserst kurzen Notiz in der Landnámabók mit der ausführlichen Darstellung in der Saga lässt wohl keinen Zweifel übrig, letzterer den Vorrang einzuräumen. — Sonst findet sich noch Thormóðr Thjöstarsson, der in <ier Saga nur vorübergehend erwähnt wird, in der Landnámabók aufgeführt. Von Hrafnkeirs Nachkommen erzählt die Vápnafirðinga- und Droplaugarsonasaga..

Die erzählten Begebenheiten haben sich nach den in der Saga selbst gegebenen Anhaltspunkten (Capitel 1) im Beginn des 10. Jahrhunderts n. Chr. zugetragen und zwar in der letzten Zeit des Königs Haraldr des Haarschönen (regierte 863 bis 933) von Norwegen und zu Anfang der Regierung seines zweiten Nachfolgers Hákon I. Aðalsteinsfóstri; der von 938 bis 963 in Norwegen herrschte: also ungefähr zwischen den Jahren 925 bis 945 n. Chr. Die Aufzeichnung der Saga dürfte ungefähr gleichzeitig mit jener der Njáls- und Egilssaga um die Mitte des 12. Jahrhunderts erfolgt sein.

Fragen wir endlich nach dem Schauplatze der in der Saga erzählten Begebenheiten, so ist derselbe im östlichen Viertel der Insel Island zu suchen. Die ganze Insel ist gleich Norwegen vielfach vom Meere ausgefurcht. Auf allen Seiten, mit Ausnahme eines Theiles der Südküste, schneidet ein Meerbusen (isländisch Fjörðr, daher dänisch Fjord) nach dem anderen tief in das Land hinein und hat gewissermassen noch am Festlande seine Fortsetzung in den ebenso zahlreichen Thälern, durch welche die vom Innern des Landes herabströmenden Flüsse (isländisch ár, sing. á) ihren Ausfluss zum Meere finden. Nur diese, an der Küste sich erweitenden Thäler, sowie das Gelände der Meerbusen und die Küstenstriche selbst machen den eigentlich bewohnbaren Theil von Island aus. Das ganze Innere der Insel ist eine öde Hochebene, theils flach und wüstenartig, mit unermesslichen Strecken von vulcanischem Sande (sandar) und erstarrter Lava bedeckt, hier und da von einigen spärlich bewachsenen Stellen unterbrochen; theils von ungeheueren Gletschern (jöklar, sing, jökull), Vulcanen und anderen Bergen erfüllt. Unter den Gletschern ist der kolossale Elofa- oder Vatnajökull, welcher den ganzen südöstlichen Theil der Insel ausfüllt (150 Quadratmeilen bedeckend), der ausgedehnteste von allen.

Die grössten isländischen Ströme verdanken ihm ihren Ursprung, so auch die beiden mächtigen Wasseradern, die er gegen Nordwesten entsendet. Dieselben fliessen zuerst nahezu parallel, nähern sich dann einander mehr und mehr und ergiessen sich zuletzt in geringem Abstände in die breite Bucht Héraðsflói (an der Ostküste der Insel). Der östliche dieser Flüsse führt den Namen Lagarfljót (auch Jökulsá Lagarfljót) und durchströmt in seinem oberen Laufe den Fljótsdalr (d. h. das Flussthal), um sich weiter unten zu einem Landsee, dem eigentlichen Lagarfljót, von fast unmerklicher Strömung zu erweitern; dessen Umgebung heisst das Fljótsdalshérað (d. h. die Flussthallandschaft); welches von einigen für die schönste und beste Landschaft in Island gehalten wird. Der Boden ist sehr fruchtbar, hat angenehme Grasfelder, die mit kleinen Birkenwäldern abwechseln, worin an einigen Orten Bäume befindlich sind, die man zum Bauholz bequem findet.

Die Einwohner haben einen nicht sehr weiten Weg nach dem offenbaren See (Lagarfljót), wo sie sich hin begeben, um Dorsch, Eishaie und andere Fische zu fangen, weiter hinauf im Lande gibt es auch einige fischreiche Seen und Bäche. Alles dies zusammengenommen gibt dem Fljótsdalshérað wahre Vorzüge vor anderen Gegenden in Island. — Der westliche jener beiden Flüsse heisst die Jökulsá á brú (d. h. der Gletscherfluss mit Brücke) und bewässert den Jökulsdalr (d. h. das Gletscherthal); über dieselbe führte lange Zeit die einzige Brücke auf Island, daher der Beiname á brú (wörtlich: an der Brücke). Die Jökulsá á brú ist der reissendste aller isländischen Ströme; von steilen Felswänden eingeklemmt stürzt sie in jähem Falle herab und erweitert sich erst im flachen Lande nahe bei ihrer Mündung, nachdem sie nicht weniger als 38 Nebenflüsse während ihres ganzen Laufes aufgenommen. Der von ihr durchströmte Jökulsdalr sowie der Fljótsdalr bilden die längsten Thäler auf Island. Von dem Jökulsdalr zweigt sich in südöstlicher Richtung ein Seitenthal ab, welches nach dem Helden unserer Saga noch heute den Namen Hrafnkelsdalr führt.

 

Quelle:
Dr. Heinrich Lenk: Die Saga von Hrafnkell Freysgoði. - Sagan af Hrafnkeli Freysgoða (1883).

 

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