Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

Nachwort.

 

Die echte Saga schließt hier. Eine in späterer Zeit in einem Kloster entstandene Fotsetzung spinnt den Faden der Erzählung weiter, und läßt den Þorsteinn zunächst in Konstantinopel, später in Norwegen an der Seite der Spes noch manch ein Abenteuer erleben.

Wir geben hier kurz den Inhalt dieser Klosterschrift wieder.

Spes, selbst von vornehmer Abkunft, aber arm, war durch ihrer Verwandten Spruch in zarter Jugend vermählt worden an Sigurður, einen schwer reichen, aber wenig geliebten Mann von unedler Abkunft, bäurischen Sitten und dem Trinktisch geneigt. Das Eintreten des Norwegers in ihren Lebenskreis brachte ihr Herz in Wallung.

Sein hinreißend schöner Gesang, seine männlich edle Heldengestalt, sein tiefes Gemüt, seine bewährte Tapferkeit; alles das machte einen tiefen Eindruck auf Spes.

Anschauen ging über in Wohlwollen, Wohlwollen in Liebe.

Þorsteinns persönliches Ansehen stieg in den Augen der Spes noch höher, als Harald – der spätere König Harald III. von Norwegen – nach Konstantinopel kam, und sich offen zu Þorsteinn Drommund, als seinem Verwandten, hielt.

Spes ließ dem Þorsteinn nun reichliche Geldmittel zufließen, die ihn in den Stand setzen sollten, an Haralds Seite standesgemäß aufzutreten.

Dieser starke Geldabfluß, sowie oftmals aus den Frauengemächern ertönender Männergesang weckten Sigurds Verdacht. Und dieser Verdacht wuchs zur Eifersucht.

Es kommt zum Wortwechsel zwischen den Ehegatten, zum Aufpassen seitens des Mannes, zum Sprengen von Thüren.

Þorsteinn rettet sich vor dem eifersüchtig nachspürenden Sigurður aus den Gemächern der Spes mehrmals nur mit knapper Not, durch das Verschwinden in einer Truhe, hinter Stoffballen, durch eine Fallthüre.

Der eheliche Zwist steigert sich zur Anklage vor dem Bischof, und endet damit, daß Spes es aufgegeben wird, in dem Dome zu Konstantinopel durch einen öffentlichen Eid sich zu reinigen.

Sie leistet diesen Eid, unter geschickter Benutzung eines Zwischenfalls, nicht direkt falsch, aber auch nicht im vollen Einklang mit der Wahrheit!

Sigurds Klage wird nun vom Bischof zurückgewiesen, die Ehe aber getrennt, und das große Vermögen zwischen beiden Gatten geteilt. Sigurður verläßt erbittert Konstantinopel.

Spes hat das in zarter Jugend ihr aufgelegte Joch nun abgeworfen. Sie ist frei!

Nach Verlauf einiger Monate wirbt Þorsteinn Drommund offen um ihre Hand. Sie ermutigt ihn, überläßt die Entscheidung aber ihren vornehmen Verwandten. Nach einem Familienrat wird die Erlaubnis zur Eheschließung mit dem Norweger erteilt.

Die Heirat erfolgt, und Þorsteinn verlebt an der Seite der Spes, als ihr Gatte, zwei sehr glückliche Winter in Konstantinopel.

Da sagte eines Tages Þorsteinn zu Spes:

„Ich muß jetzt zurück in mein Vaterland, um nach meinen Besitzungen zu sehen.“

Sie antwortete:

„Dein Wille ist mein Wille!“

Darauf verkauften sie alle ihre Güter in Konstantinopel, sammelten viel Geld, und begaben sich mit großem Gefolge auf die Reise nach Norwegen.

Trotz der langen Abwesenheit fand Þorsteinn seine Besitzungen in Tunsberg doch im besten Stande, von seinen Verwandten verwaltet.

Spes wird nun eine norwegische Bäuerin, und lebt in die veränderte Lage sich vortrefflich ein.

Das Gesinde, die Verwandten, und alle Nachbaren, gewinnen die neue Herrin von Herzen lieb, denn sie war freundlich, liebevoll und freigebig. Auch war ihre Ehe mit Þorsteinn durch Kinder gesegnet.

Um diese Zeit war Magnús, der Gute, König von Norwegen. Þorsteinn begab sich alsbald zu ihm, und wurde zuvorkommend empfangen als ein berühmt gewordener Mann, weil er Grettir, den Starken, in Konstantinopel so männlich gerächt hatte.

König Magnús ernannte den Þorsteinn zu seinem Hirdemann d. h. Hofkavalier.

Unter diesen Umständen waren neun Winter verflossen. Da kam aus Miklagarðr zurück Harald. Mit ihm teilte König Magnús das Reich, bis nach Magnús Tode (1047) ganz Norwegen wieder unter dem Scepter Harald III. sich vereinigte.

Für Þorsteinn schien jetzt die Stunde geschlagen zu haben, an der Seite Haralds, seines Freundes und Vetters, einer noch glänzenderen Zukunft entgegenzugehen.

Aber Spes schnitt diesen Wunsch ab.

„Ich will nicht,“ sagte sie, „daß du zu König Harald gehst! – Wir haben mit einem höheren Könige die Rechnung noch auszugleichen. Unsere Jugend ist dahin, wir sind alt geworden. Wir haben bisher mehr nach der Welt Weise gelebt, als nach dem Worte Gottes. Weder unser reiches Gut, noch die frommen Wünsche unser Verwandten werden uns durchhelfen durch das letzte Gericht. Þorsteinn, laß uns gemeinsam pilgern nach Rom, um dort Buße zu thun!“ –

Þorsteinn antwortete der Spes nun mit denselben Worten, mit denen sie einst an seiner Seite von Konstantinopel aufgebrochen war:

„Dein Wille ist mein Wille!“ –

Was die Eheleute nun unter einander abmachten, und ins Werk setzten, erregte allgemeines Erstaunen.

Þorsteinn lud alle seine Verwandten ein, gab ihnen ein großes Abschiedsfest, und sprach:

„Wir beide haben beschloßen, Norwegen wieder zu verlassen, nach Rom zu pilgern, und dort unser Leben in Buße zu beschließen. Es ist sehr zweifelhaft, ob wir jemals wiederkommen werden. Wir übergeben daher euch, ihr lieben Verwandten, unsere Kinder, und unser Gut. Erzieht jene christlich, und dieses verwaltet treu, so treu, wie das erste Mal, als ich fortzog, um meinen Bruder Grettir an Thorbjoern zu rächen.“

Und Spes sprach:

„Ich kam einst aus fremden Landen hierher. Nachdem ich in Miklagarðr Verwandte und Freunde verlassen, zog ich nach Norwegen, um mit Þorsteinn Leben und Schicksal zu teilen. Ich habe hier glücklich gelebt, und eure Freundschaft genossen. Nun folge ich Þorsteinn wieder. Wie wir in Frieden mit einander gelebt haben, so wollen wir auch ungetrennt im Tode sein!“ –

Nach diesen Abschiedsworten teilte Þorsteinn alle seine Güter in zwei Teile. Die eine Hälfte erhielten seine Kinder, die andere Hälfte vermachte er der Kirche. Nur das Notwendigste nahmen sie selber mit.

So traten beide ihre Pilgerreise nach Rom an.

Dort beichteten sie dem Papste, und erhielten von ihm Vergebung ihrer Sünden.

Spes sagte: „Nun ist mir leicht ums Herz. Nun bin ich wieder fröhlich. Wenn wir in früherer Zeit nicht immer so gelebt haben, wie wir hätten leben sollen, so wollen wir doch jetzt unser Leben so beschließen, daß alle frommen Menschen an uns ein Muster sich nehmen können. – Laß uns mit baukundigen Leuten Zwiesprach halten, damit sie uns, einem jeden gesondert, eine Klause bauen. Dort wollen wir als Klausner wohnen und sterben.“

Þorsteinn erfüllte diesen Wunsch seiner Spes. Als die steinernen Zellen fertig waren, bezogen sie dieselben, wohnten darin noch lange, und beschlossen ihr Leben in großer Bedürfnislosigkeit unter Beten und Fasten.

Ihre Kinder blieben in Norwegen unter der Obhut ihrer Verwandten, wurden dort angesehene Leute, und die Häupter einer zahlreichen Nachkommenschaft. Aber nach Island kamen sie nicht! –

So diese Nachschrift, welche nach Inhalt und Abfassung ihren Ursprung zwischen Klostermauern deutlich verrät. –

* * *

 

Hiermit schließen wir die Saga von Grettir, dem Starken, Ásmundurs Sohn auf Bjarg, dem berühmtesten unter allen friedlosen Leuten auf Island. – Reicher Dank allen, die unserer Erzählung so willig ihr Ohr geschenkt! –

 

Ende.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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