Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

57. Kapitel:

Þorsteinn befreit.

 

Unter den Vorübergehenden, welche der aus der Tiefe heraufquellende Gesang festhielt, um zu lauschen, war auch eine vornehme Frau Namens Spes, welche mit ihrem Gefolge die Straße entlang geschritten kam. Auch sie stand still, horchte auf, und sagte zu einem ihrer Begleiter:

„Niemals hörte ich so süßen Sang! – Wer mag wohl der Sänger sein, und weshalb sitzt er im Kerker?“ –

Der Angesprochene beeilte sich die angesammelten Volkshaufen zu durchbrechen, beugte sich über das Schallloch des Kerkers, und rief hinab:

„Wie heißt du da unten, der du in so peinvoller Lage so fröhlich singen kannst, und wo stammst du her?“ –

Þorsteinn nannte Namen und Heimat.

Spes ließ ihn darauf fragen:

„Bist du in anderen Sachen auch so kundig, wie im Gesang?“

Þorsteinn erwiderte:

„Gering war bisher mein Können, wie mein Ruhm!“ –

Spes fragte weiter:

„Was hast du verbrochen?“

Þorsteinn antwortete:

„Meinen Bruder zu rächen, der in Island fiel, habe ich hier unter den Vaeringern den Übelthäter gesucht, gefunden und erschlagen. Ich kann es aber nicht durch Zeugen beweisen, daß es um der Blutrache willen geschah. Darum muß ich hier eingekerkert so lange schmachten, bis eine mitleidige Seele mich auslöst. Darauf zu hoffen, habe ich aber wenig Aussicht, denn alle meine Verwandte sind ferne.“

Spes sagte:

„Es wäre ein großer Schade, wenn du im Kerker sterben müßtest! – Aber sage mir: War denn dein Bruder, den zu rächen, du aus so weiter Ferne herkamst, ein so hochberühmter Mann?“ –

Þorsteinn gab die Antwort in einem Liede:

„Hoch, wie die Berge,

Ragte der Held

Über die Zwerge! – –

Da dir’s gefällt

Mich zu ergründen,

Sag’ ich es laut:

Nichts war zu finden

Gleich Grettirsnaut,

Scharf und gewaltig,

Wie es der Held

Noch in dem Tode

Umklammert hält!“ – –

Als Spes dieses Lied vernommen hatte, fragte sie:

„Willst du dein Leben fortan aus meiner Hand hinnehmen?“ –

„Das wollte ich wohl!“ antwortete Þorsteinn; „aber nur, wenn auch mein Kamerad hier mit ausgelöst wird!“ –

„Vorteilhafter würde es für mich sein, dich allein zu kaufen,“ antwortete Spes.

„Das mag sein,“ erwiderte Þorsteinn, „aber wir gehen entweder beide aus diesem Gefängnis, oder keiner. Ich trenne mich nicht!“ –

„Du bist so hochherzig, wie geschickt,“ sagte Spes. „Nicht bloß dein Mund, auch dein Herz strömt Wohllaut aus.“

Die vornehme Frau begab sich nun unverzüglich mit ihrem Gefolge zu dem Befehlshaber der Væringjar, und bat um die Freilassung des gefangenen Nordländers, sowie auch seines Unglücksgefährten.

Da sie eine große Summe als Lösegeld anbot, wurden beide Gefangene sofort auf freien Fuß gesetzt, und ihr als Eigentum übergeben.

Þorsteinn Drommund trat unter das Gefolge der Spes ein, und wurde von ihr sehr wert gehalten.

Sie sorgte aufs Beste für sein Wohlbefinden, und ließ ihm alle Freiheit. Unter den Vaeringern machte er mit ihrer Einwilligung noch manch einen Kriegszug mit, und erwarb sich überall das Lob eines tapferen Mannes.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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