Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

56. Kapitel:

Grettir gerächt.

 

Man erinnert sich des Þorsteinn Drommund, der als Grettirs älterer Bruder in Norwegen auf Tunsberg lebte. Er war ein reicher Mann, und genoß großes Ansehen. Grettirs Besuch bei ihm wurde schon erzählt. Seitdem – es waren 20 Jahre verflossen – hatte Þorsteinn von dem Geächteten nichts wieder gehört. Nun sollte die eitle Prahlerei des verbannten Thorbjoern, sehr zu dessen Schaden es bewirken, daß Þorsteinn Drommund von diesem gewaltsamen Ende seines Bruders Kunde erhielt.

Thorbjoern prahlte in Norwegen, wo er auch hinkam, laut umher mit seiner angeblichen Heldenthat, den starken Grettir auf Island überwältigt, und getötet zu haben. Dabei setzte er seine Person nach Kräften in ein glänzendes Licht. Selbstredend verschwieg er an diesem Ereignis alles, was ihm zur Schande gereichen mußte. Auf diesem Wege gelang es ihm Eindruck zu machen; denn Grettir war auch in Norwegen ein durch seine Stärke, wie durch seine Heldenthaten, hochberühmter Mann. Und wer als Stärkerer über diesen Starken gekommen war, der mußte wohl etwas vorstellen.

Von Thorbjoerns prahlerischen Reden kamen abgesprengte Worte auch nach Tunsberg, und fanden das Ohr des Drommund.

Er forschte nach, und erfuhr mehr. Zugleich, wie Gerüchte stets übertreiben, wurde ihm Thorbjoern als ein unbezwinglicher Riese dargestellt.

Das machte ihn sehr traurig. – Denn seiner Brüder Tod an dem Totschläger zu rächen, das erschien ihm als eine unabweisliche Pflicht.

Er dachte jetzt an jenes Gespräch mit Grettir, als sie im gemeinsamen Schlafzimmer auf Tunsberg beim Erwachen die Stärke ihrer Arme gegen einander verglichen, und Grettir zu ihm scherzend gesagt hatte: „Bruder, deine Arme sind nur dünne Pfeifenstiele, und deine Muskeln sind wie zusammengekleistert!“ –

Prophetisch hatte er ihm damals geantwortet: „Diese meine dünnen Arme werden noch einmal dich, den Riesen, rächen müssen, Grettir!“ –

Das war jetzt zu seiner Pflicht geworden, und Þorsteinn Drommund zauderte keinen Augenblick diese Pflicht anzutreten. Er ließ Thorbjoern durch vertraute Leute überwachen, welche seinen Spuren beständig folgen, und über Thun und Lassen des Mannes Nachricht geben mußten.

So blieb Drommund dauernd über Oenguls Leben und Treiben unterrichtet.

Davon erhielt Thorbjoern Wind. Mit Schrecken erfuhr er hier zum ersten Male, daß Grettir und Illuge einen Bruder in Norwegen besäßen, einen Mann von Vermögen, von Einfluß, von Entschlossenheit, dessen Spione ihn umkreisten.

Thorbjoern war doch nicht der Held, als welchen er sich versuchte bei den Leuten auszugeben. Er hielt es unter diesen Umständen für geraten, Norwegen zu verlassen.

Um diese Zeit fand aus Norwegen statt ein starker Abstrom von jungen, kräftigen Männern, die sämtlich nach Konstantinopel gingen, um hier in die Leibgarde des Kaisers Michael V. Calaphates (1040) einzutreten. Wanderlust, Freude an Abenteuern und der Wunsch, Ruhm wie Reichtum, in der Fremde zu gewinnen, waren die Beweggründe dazu. Die Wanderzüge der Normannen nach dem Becken des Mittelmeeres hin, sind ja auch aus der Geschichte sattsam bekannt.

Konstantinopel hieß im Munde der Nordmänner Miklagarðr (aus mikill = groß und garðr = Stadt – Byzanz). Die kaiserliche Leibwache hieß die Truppe der Væringjar (Waräger).

Thorbjoern zog es nun vor im Interesse seiner Sicherheit die Nordlande gänzlich zu verlassen, und diesem Zuge nach dem Süden hin zu folgen.

Er ging nach Konstantinopel, und nahm dort Kriegsdienste unter den Vaeringern, ohne eine Ahnung, daß der Rächer seines Verbrechens ihm dorthin folgen würde.

Þorsteinn Drommund erfuhr durch seine Kundschafter die Abreise Thorbjoerns sowie sein Reiseziel Miklagarðr. Sofort beschloß auch er dorthin zu gehen. Weib und Kind besaß er nicht. So übergab er denn die Verwaltung seiner Güter seinen Verwandten. Hier wolle man sich erinnern, daß das Haus Bjarg aus Norwegen stammte. Also Þorsteinn Drommund reiste nach Süden, und suchte die Fußspuren Oenguls auf. Er fand sie, und folgte dem Mörder Schritt für Schritt. Sein Vorhaben war ein Geheimnis, und Thorbjoern ahnte nicht die ihm nachrückende Gefahr. Kurz darauf, nachdem Oengul in Miklagarðr eingetroffen, und unter die Væringjar eingetreten war, langte auch Þorsteinn Drommund dort an, und nahm Dienste bei derselben Truppe.

Beide Gegner kannten von Person sich nicht, sondern nur mit Namen; dieses erschwerte für Þorsteinn die Annährung.

So verlief eine längere Zeit.

Þorsteinn war mit dieser Lage unzufrieden. Zu lautes Forschen hätte ihn verraten, stilles Zuwarten dünkte ihn zu lange, und die Gunst einer ungesuchten Gelegenheit war bisher ausgeblieben. Wie unter der übergroßen Menge nun den Gesuchten finden?! –

In dieser Pein wälzte Drommund sich oft schlaflos auf seinem Bette, und das Bild seiner beiden getöteten Brüder stand lebendig, mahnend vor seinem Gewissen.

Da sollte der lang gewünschte Augenblick unerwartet eintreten.

Die Væringjar wurden aufgeboten, mit den übrigen Truppen des Kaisers ins Feld zu ziehen, um das Land gegen einen anrückenden Feind zu verteidigen.

Wie üblich wurde vor dem Ausmarsch, nahe der Stadt, eine allgemeine Truppenschau durch den Kaiser Michael V. abgehalten.

Auch die Vaeringen waren angetreten.

Sie hatten, als Leibgarde des Kaisers, das Vorrecht, ihre eigenen Waffen führen zu dürfen; mußten aber vor dem Ausmarsch dieselben zur Musterung vorlegen, um auf ihre Kriegstüchtigkeit hin sie prüfen zu lassen.

Die Offiziere schritten von Rotte zu Rotte, von Mann zu Mann, und musterten genau die Ausrüstung.

So kam die Reihe denn auch an Thorbjoern Oengul.

Er hatte sich umgürtet mit dem Grettirsnaut, mit diesem hochberühmten Schwerte, welches er der Faust des Ermordeten einst in jener Nacht auf der Drang-ey entwunden hatte.

Die Offiziere sahen mit Staunen die herrliche Schmiedearbeit an dieser selten schönen Waffe.

Das Schwert ging von Hand zu Hand.

„Schade,“ sagte der Hauptmann, „daß hier aus der Schneide ein Stück gebrochen ist! – Wie kam die Verletzung? – Sprich!“ –

Thorbjoern Oengul trat selbstgefällig vor, und sprach:

„In der That, das ist merkwürdig genug, und des Erzählens wert!“ –

„Es war in Island, meinem Vaterlande, dort kämpfte ich mit einem Recken, den nannten sie Grettir den Starken. Er hatte seines Gleichen nicht an Mut und Tapferkeit. Auch war er viel stärker, als ich. Doch das Glück war mir günstig. Ich überwältigte, und tötete ihn. In diesem Kampfe entwand ich ihm dies Schwert, und schlug damit nach seinem Kopfe. Doch der Schädel war härter als der Stahl. Davon sprang das Stück hier aus der Schneide!“ –

„In Wahrheit,“ rief der Hauptmann, „hart muß dieses Mannes Kopf gewesen sein!“ –

Dann reichte er das Schwert dem Thorbjoern zurück.

In der Gruppe von Neugierigen, welche diesem Gespräch zuhörten, hatte auch Þorsteinn Drommund gestanden.

Er sah nun zum ersten Male den Thorbjoern, den Mörder seiner beiden Brüder, den Langgesuchten, Auge in Auge. Nun hatte er Gewißheit! –

Als die Offiziere weiter geschritten waren, die Waffenmusterung zu beendigen, trat Þorsteinn Drommund auf Thorbjoern zu, und bat, das berühmte Schwert Grettirsnaut auch sehen zu dürfen.

Thorbjoern hatte keine Ahnung davon, wer der Bittsteller sei, der vor ihm stand, und reichte stolz die Waffe hin.

Drommund wog das Schwert seines Bruders Grettir in seinen Händen, und tausend Gedanken durchkreuzten dabei seine Brust.

Dann holte er unerwartet aus, und schlug mit diesem Grettirsnaut nach Thorbjoerns Kopf. Der war nicht härter als der Stahl, sondern der Hieb spaltete den Schädel des Mörders bis auf die Kinnladen.

Lautlos brach Thorbjoern zusammen. Er hatte mit seinem Tode das Verbrechen, an Grettir und Illuge begangen, gesühnt.

Alles stürzte jetzt herbei, und ein großer Tumult entstand.

Viele Hände streckten sich aus nach Þorsteinn Drommund, und packten ihn bei den Schultern.

Auf Befehl des Hauptmanns wurde er verhaftet.

Bei dem Verhör sagte Þorsteinn: „Ich bin der Bruder des Grettir, den jener Thorbjoern einst, nicht im ehrlichen Kampfe, sondern meuchlings erschlug. Dafür aus Island verbannt, flüchtete er nach Norwegen, von dort hierher. Ich bin von Norwegen aus ihm Schritt für Schritt gefolgt, um meines Bruders Tod, wie das meine Pflicht war, an ihm zu rächen. Nur sein Name, nicht aber sein Angesicht war bis zu dieser Stunde mir bekannt. Heut bei der Waffenschau erkannte ich ihn an seinen prahlenden Worten. Indem ich ihn tötete, that ich nur meine Pflicht!“ –

„Kannst du Zeugen dafür bringen,“ fragte der Richter, „daß du wirklich Grettirs Bruder bist, und somit deine That auf dem Recht der Blutrache beruht?“ –

„Nein, das kann ich nicht!“ sagte Drommund.

„Nun, so trifft nach dieses Landes Gesetz und Brauch dich die Strafe des Kerkers. Dort mußt du so lange sitzen, bis jemand kommt, der mit Geld dich löst.“

Nach diesem Spruch führte man Þorsteinn Drommund gefesselt ab, und warf ihn in der Stadt Konstantinopel in ein Gefängnis.

Der Kerker lag unter der Erde, war modericht, feucht und düster, hatte aber Luftlöcher, die zu einer belebten Straße hinaufführten.

Als die schwere Thüre des Kerkers hinter ihm ins Schloß gefallen war, sah sich Þorsteinn forschend in dem freudlosen Raume um. Bei dem Zwielicht bemerkte er in einer Ecke die Umrisse einer zusammengekauerten, menschlichen Gestalt. Er trat auf dieselbe zu, blickte in ein gramdurchfurchtes Männerangesicht, und fragte: „Freund! Wie gefällt dir das Leben hier?“ –

„Es ist eine Qual hier zu liegen!“ erwiderte eine matte Stimme. „Schon lange bewohnte ich diesen öden Raum. Denn niemand hilft mir hinaus. Ich habe keine Verwandte, die mit Geld mich lösen könnten!“ –

„So lange wir noch leben, laß uns hoffen!“ sagte Þorsteinn. „Sei heiter! – Wir wollen mit irgend etwas uns die Stunden kürzen!“ –

„Ich weiß nicht mehr, was Freuden sind,“ sagte heiser der Gefangene.

„So wollen wir wenigstens den Versuch machen, fröhlich zu sein,“ ermunterte ihn Þorsteinn.

Und nun fing er an zu singen ein Lied von den Bergen seiner nordischen Heimat, von jenen frischen, freien, stolzen Bergen, über welche in den langen, süßen Sommernächten die Sonne ihren Strahlenmantel legt. Und er sang es mit einer Stimme so schmelzend schön, daß die Vöglein, um zu lauschen, stille saßen auf ihrem Ast, die Fischlein innehielten auf ihrer feuchten Fahrt, und die Kranken an diesem Wohllaut genasen.

Die Töne schwollen auf und schwollen ab, und füllten den düsteren Kerker mit ihren lieblichen Klangwellen.

Da richtete der kranke Kamerad auf seinem feuchten Lager sich in die Höhe, sein Ohr lauschte, sein Angesicht hellte sich auf, und in sein Herz drang es ein wie Hoffnung – Hoffnung auf Erlösung.

So sang Þorsteinn, der freie Sohn der Berge, im öden Kerker die Sorgen sich vom Herzen.

Er sang Lied auf Lied.

Die Luftlöcher des Kerkers mündeten auf eine belebte Straße Konstantinopels. Oben auf dieser Straße sammelte sich das Volk, angelockt von diesen Tönen und horchte und horchte.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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