Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

55. Kapitel:

Thorbjoern verbannt.

 

Der Alþingi kam, und mit ihm die Entscheidung. Beide Parteien rüsteten sich zum vollwichtigen Auftreten.

Als Thorbjoern Oengul auf dem Hofe Vidvik zu der Reise in den Sattel stieg, fragte ihn sein Schwager Halldór:

„Willst du Grettirs Kopf nach dem Alþingi mitnehmen?“

„Ich will!“ war die kurze Antwort.

„Das widerrate ich dir,“ sagte Halldór. „Du wirst dort sowie so Feinde genug finden. Es ist wahrlich nicht not, durch künstliche Mittel die Erbitterung zu steigern!“ –

Dennoch nahm Thorbjoern den Kopf mit.

Aber unterwegs ließ er sich doch von der großen Unklugheit dieser Handlungsweise überzeugen, und begrub ihn in einem Erdhügel, welcher später Grettisþúfa (Grettirs-Hügel) genannt wurde.

Der Alþingi war diesmal besonders stark besucht. Alle Leute hatten von dem sich zusammenziehenden Gewitter Kunde erhalten, und waren gespannt auf den Ausgang.

Thorbjoern trat vor das Gesetzesgericht hin, welches aus 48 Häuptlingen bestand, und führte persönlich seine Sache:

„Ich habe eine rühmliche That gethan, indem ich den ärgsten Waldgangsmann, der zwanzig Jahre lang die Bewohner dieser Insel in Schrecken hielt, endlich vom Leben zum Tode gebracht habe! Auf seinen Kopf stand ein Preis von 96 Lot Silber, ausgesetzt durch Þórir auf Gard und Thorodd Drapastuf. Ich nehme diesen Preis, als von mir wohl erworben, in Anspruch!“ –

Þórir trat dagegen auf und sprach:

„Gewiß habe ich diesen Preis auf Grettirs Kopf einst zusammen mit Thorodd ausgesetzt gesetzt; doch sollte er der Lohn sein für einen ehrlichen Kampf, nicht aber für Hexenkunst und Büberei. Ehrlich und männlich war aber der Kampf nicht, in welchem Thorbjoern den Grettir erschlug. Darum weigere ich auch den Preis!“ –

Man forderte nun den Lögsögumaður auf, seine Erklärung abzugeben, und der entschied:

„Thorbjoern hat den Preis gewonnen, wenn keine Gegenklage auf Unehrlichkeit der Kampfesweise erhoben wird. Diese Gegenklage ist aber zu stellen nicht von Þórir, der in dieser Sache Partei ist, sondern von unbefangener Seite.“

Darauf schickten Grettirs Verwandte den Skeggi Kurzhand vor, den Sohn Gamlis auf Melar, den Enkel der Ásdís. Er galt als besonders redegewandt. Denn nicht bloß gesetzeskundig, sondern auch beredt muß der Mund sein, welcher einer Sache vor Gericht zum Siege verhelfen soll.

Genau hatten die Leute von Bjarg alle Einzelheiten erforscht, welche mit Grettirs Tode zusammenhingen: Den beständigen Verkehr des Thorbjoern mit seiner Amme Þuríður, der Hexe; die Verzauberung des Holzes; die Anschwemmung desselben an die Insel; die Vergiftung der Beinwunde durch dieses Holz des Fluches; die Eiterung des Schenkels; den nächtlichen Überfall und die Abschlachtung des bereits zum Tode kranken Mannes.

Das alles stellte Skeggi mit feurig beredten Worten vor den Lögsögumaður, vor die 48 Richter und vor das Volk hin, welches in dichten Haufen, Männer, Jünglinge, auch Weiber die Richter umstand. Denn nur durch das Anhören solcher Streitfälle konnten Männer und Jünglinge, die ihnen so notwendige Gesetzeskenntnis erlangen.

Und gesetzeskundig zu sein, galt auf Island für ebenso preiswert, als tapfer zu sein.

Skeggi schloß mit dem Antrage:

„Thorbjoern hat meinen Ohm, Grettir den Starken, Ásmundurs Sohn, mit Hexerei und Zauberei übermannt, und dann dem schon Halbtoten Wunden geschlagen. Auf Beides steht die Strafe der Ächtung. Wir beantragen sie hiermit gegen Thorbjoern Oengul, Thords Sohn, auf Vidvik!“ –

Ein beifälliges Gemurmel begleitete diese Worte, und zustimmend klangen die Schwerter an die Schilde.

Die Umstehenden traten auseinander, und der kleinere Teil nur schlug sich auf die Seite Thorbjoerns; die überwältigende Mehrheit dagegen trat auf die Seite Skegges.

Besonders nachdrücklich sprachen Þorvaldur Asgeirsson und sein Schwager Ísleifur Gissurarson. Beide wiesen nach, daß Todesstrafe darauf steht, wenn durch Zauberei jemand eines Mannes Tod herbeiführe. Das Gesetzesgericht schloß sich im Wesentlichen dieser Auffassung an, milderte aber den Spruch, indem es die Todesstrafe in lebenslängliche Verbannung umwandelte.

Der Lögsögumaður verkündigte das Urteil:

„Thorbjoern Oengul, Thords Sohn auf Vidvik, wird für Verbrechen, begangen an den beiden Brüdern Grettir und Illuge, Söhnen des Ásmundur auf Bjarg, mit ewiger Verbannung gestraft, und hat noch in diesem Sommer Island zu verlassen. Es ist ihm verboten zurückzukehren, solange noch Einer lebt, der das Recht hat, die Tötung des Grettir und des Illuge vor Gericht zu ziehen. Auch auf den Preis von 96 Lot Silber, dereinst auf Grettirs Kopf gesetzt, hat Thorbjoern kein Anrecht, denn niemals kann ein Preis durch eine Schandthat erworben werden.“

Diesem Spruche folgte die Annahme eines neuen Gesetzes, welches für Island bestimmte, daß jede Zauberei fortan nicht bloß mit dem niederen Grade der Friedlosigkeit, mit zeitweiser Verbannung von der Hofstelle, sondern mit dem höchsten Grade, mit voller Ächtung, bestraft werden sollte.

So waren denn die Dinge ganz anders verlaufen, als Thorbjoern erwartet hatte.

Verachtung und Feindschaft traten auf dem Thing ihm unverhüllt entgegen, so daß er es für geraten hielt, die Versammlung schleunigst zu verlassen, und mit seinen Leuten nach Hause zu flüchten.

Hier übergab er seine Besitzungen, den Hof Vidvik und die Drang-ey, an seinen älteren Bruder Hjalti, der dadurch ein sehr mächtiger Häuptling wurde! Sein bewegliches Gut aber packte er zusammen, und brachte es an Bord eines Schiffes, welches nach Norwegen hin unter Segel lag.

Dorthin wanderte er aus, und sollte sein Vaterland niemals wiedersehen. So hatte denn der Spruch der alten Hexe Þuríður auch an Oengul sich erfüllt: „Grettir stirbt, aber Glück bringt sein Tod dir nicht!“ –

Nach Schluß des Alþingis brach Skeggi Kurzhand, der Sohn des Gamli, mit starkem Gefolge auf, und ritt nordwärts nach dem Skagafjord. Hier, mit Unterstützung des Þorvaldur auf Reykir, welcher stets Grettirs Freund gewesen war, und unter Zustimmung des Hjalti, der jetzt die Drang-ey besaß, grub Skeggi die Körper beider Helden aus, und brachte sie auf den Friedhof zu Reykir, wo sie ein christliches Begräbnis erhielten.

Grettirs Kopf wurde ebenfalls aus jenem Sandhügel, in welchen Thorbjoern ihn auf der Reise verscharrt hatte, hervorgeholt, und auf dem Friedhof zu Bjarg beigesetzt.

So war denn dieser heiligen Pflicht genügt, und alles zu Ende geführt, was aus dem Tode Grettirs sich ergab.

Ásdís, die viel geprüfte Frau, lebte noch eine Reihe von Jahren auf ihrem Edelsitze Bjarg, einsam, aber in höchster Achtung bei allen ihren Nachbaren.

Wie beliebt sie immer gewesen war, geht schon daraus hervor, daß während der 20 Jahre von Grettirs Friedlosigkeit niemand ihr, der Witwe, jemals irgend ein Leid zugefügt hat. Ihr Hof wurde nicht angegriffen, auch nicht von Grettirs erbittertsten Feinden.

Als Ásdís ihren Tod nahen fühlte, versammelte sie alle ihre Kinder, Enkel und Seitenverwandten um sich, um ihren letzten Willen kund zu thun. Den Hof Bjarg übergab sie an ihren Enkel Skeggi Kurzhand, welcher dadurch ein sehr angesehener Häuptling wurde. Seine Nachkommenschaft ward in Island sehr zahlreich und mächtig. –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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