Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

54. Kapitel:

Zerpflückte Lorbeern.

 

Nachdem das Zerstörungswerk auf der Insel beendigt war, hatte sich Thorbjoern mit seinen Leuten wieder eingeschifft. Den Gloem, welcher von den empfangenen Schlägen sich erholt hatte, nahmen sie mit. Er winselte und klagte im Schiffe während der ganzen Fahrt. Der Sturm hatte sich über Nacht gelegt. Die Ruderknechte thaten ihre Pflicht und gegen Morgen stießen sie an Land.

Thorbjoern ließ sich an der ihm bequemsten Stelle aussetzen, und schickte das Schiff an seinen Besitzer zurück.

Auf dieser Strecke wurde das Winseln des Gloem so unerträglich, daß die Leute kurzen Prozeß machten, und ihn enthaupteten. Er starb fassungslos wie ein Weib.

Als Thorbjoern den Fuß ans Land gesetzt, und seinen Hof Vidvik betreten hatte, schwoll ihm das Herz vor Siegesfreude. Er glaubte eine rühmliche That gethan zu haben.

Den Kopf des Grettir, welchen er mit sich trug, legte er in Salz, um gegen Fäulnis ihn zu schützen. Darauf stellte er ihn zu Vidvik in einem besonderen Nebengebäude auf, welches fortan den Namen Grettisbúr (Grettirs-Käfig) führte.

Als es am Fjord bekannt wurde, daß Thorbjoern mittelst Zauberei den Grettir überwunden habe, sank er in der Achtung der Leute noch tiefer, als zuvor.

Er trug das scheinbar gelassen.

Bis Weihnachten lebte Thorbjoern zurückgezogen auf seinem Gute, dann rüstete er sich, den Þórir auf Gard, Grettirs unversöhnlichsten Feind, aufzusuchen.

Er hoffte dort für seine That Dank zu gewinnen, und, worauf es ihm mehr ankam, auch Geld. Denn die 96 Lot Silber, welche als Preis auf Grettirs Kopf einst gesetzt waren, glaubte er bestimmt verdient zu haben.

Indessen er kam bei Þórir schlecht an.

„Gewiß hab ich es betrieben, daß die Acht über Grettir verhängt wurde,“ sagte Þórir „aber, um ihn zu töten, wäre ich doch niemals solch ein Schuft geworden, wie du! Mit Hexenkünsten, nicht im ehrlichen Kampfe, hast du den Recken überwunden. Dadurch bist du selbst ein Mann des Todes geworden! Aus diesem Grunde zahl ich dir nicht den ausgesetzten Preis!“

„Oho! Geiz redet aus dir, Þórir, blanker Geiz, und nicht die Tugend!“ rief Thorbjoern. „Du klebst am Golde, Mann! Daher diese fromme Entrüstung! Aber ungestraft entzieht mir niemand wohlverdienten Lohn!“ –

„Unser Streiten hier ist zwecklos,“ sagte Þórir kühl, „der nächste Alþingi wird richten. Und du sollst haben, was dort der Lögsögumaður dir zubilligen wird!“ –

So trennten sie sich in Erbitterung.

Auch nach Bjarg kam die Trauerkunde von Grettirs und Illuges Tod.

Ásdís, nun beider Söhne beraubt, verhüllte im tiefsten Schmerze ihr Haupt.

„Es ist geradeso gekommen, wie ich gedacht und gefürchtet,“ sagte sie. „Beide Kinder sind mir auf der Drang-ey umgekommen. Es war damals ein Abschied für immer. Aber das eine tröstet mich, sie starben als Helden, nicht von Manneskraft überwältigt, sondern von teufelischer List und böser Hexerei. Diese schimpfliche That, sie wird sich rächen!“

Aus dem alten Hofe flogen reitende Boten nach allen Enden, um die zahlreiche Verwandtschaft nach dem Stammsitze zu entbieten. Und sie kamen. Zunächst die beiden Töchter Þórdís und Ranweig, die Schwiegersöhne Glúmur óspaksson und Gamli, die Enkel Skeggi skammhöndungur Gamlason und Úspakur Glúmsson. Dann die übrigen Seitenverwandten. Ja, Ásdís war so beliebt, daß auch die Nachbarschaft zu ihren Gunsten aufstand. Aus dem Miðfjörður alle, und auch aus dem Hrútafjörður die meisten der Bauern traten auf ihre Seite, und brachten ihr nicht bloß tröstende Worte, sondern auch das Anerbieten ihrer Hülfe.

Für den nächsten Alþingi wurde ein gemeinsames Vorgehen gegen Thorbjoern Oengul beschlossen, um Grettirs und Illuges Tod zu rächen.

Aber schon früher sollte die Hülfe nötig werden.

Thorbjoern hatte die Keckheit, einen Handstreich auf Bjarg zu planen.

Vier Wochen des Sommers waren vorbei. Da brach Thorbjoern mit einem Gefolge von 20 Knechten von Vidvik auf, und ritt westwärts nach dem Miðfjörður.

Der Trupp führte Grettirs Kopf mit sich. Den Thorbjoern trieb die Habsucht. Er wollte Ansprüche geltend machen auf das Erbe des von ihm getöteten Illuge, der nach dem geltenden Rechte Anteil hatte an dem beweglichen Vermögen auf Bjarg, welches in Pferden, Schafen, Gerätschaften, Kleidern, edlen Metallen steckte.

Man war auf Bjarg vorbereitet, denn Thorbjoerns Plan war verraten worden. In Eile hatte man die Verwandten benachrichtigt, und Verstärkung herangezogen.

Ásdís saß in Trauerkleidern auf dem Hochsitz der alten, würdigen Halle, ihre Verwandten und Freunde in einem geschlossenen Halbkreise hinter sich.

Thorbjoern war mit seinen Bewaffneten auf den Hof geritten, und sprang vom Pferde. Er war festlich gekleidet, und trug Grettirs kurzes Schwert um die Hüften gegürtet.

Sein Gefolge ließ er draußen. Er allein betrat die Halle, gefolgt nur von zwei Knechten, welche Grettirs verhüllten Kopf trugen.

Vor dem Hochsitz blieb er trotzig stehen, ohne sich zu verneigen. Mit eisiger Kälte empfing man ihn, und kein Wort des Grußes wurde laut.

Nach einer Pause, in der feindliche Blicke herüber und hinüber schossen, begann Thorbjoern:

„Hier bring ich dir, von der Drang-ey her, Grettirs unersättlichen Kopf!“ –

Die Knechte enthüllten das Haupt des Toten, und stellten den Kopf zu der Mutter Füßen.

Ásdís zuckte bei diesem Anblick schmerzlich zusammen.

„Beweine nur deinen rotharigen Jungen zwiefach! Er starb als Missethäter! Wie ich es war, der den Tod ihm gab, so wehrte ich auch dem Tode! Der Kopf hier lag im Salze! – Er ist frisch! – Dank es mir!“ –

Ásdís hatte diese rohen Worte mit schweigender Verachtung angehört. Dann maß sie Thorbjoern mit stolzen Blicken, und sagte:

„Du niederträchtiger Mensch! – Wie Schafe, vor dem Fuchs flüchtend, in das Wasser sich verkriechen, so wäret ihr alle vor dem Grettir geflohen, hättet ihr ihn angetroffen gesund und bei Kraft. So aber war eure Heldenthat ein gemeines Bubenstück!“ –

Aus dem Kreise der Recken, welche hinter Ásdís Stuhl standen, erhob sich ein beifälliges Gemurmel, und Worte wurden laut, wie diese: „Ein Heldenweib ist sie!“ – „Kein Wunder, daß sie so tapfere Söhne gebar!“ – „Bei ihrer Herzenswunde solche Worte!“ –

Während dieses in der Halle vor sich ging, stand Úspakur, der Enkel der Ásdís, draußen auf dem Hofe, und forschte die Begleiter des Thorbjoern aus. Etliche von ihnen waren mit auf der Drang-ey gewesen, und hatten jene grauenvolle Nacht mit durchlebt. Sie erzählten lebhaft, wie tapfer sich Illuge geschlagen, und wie gewaltig Grettirs Faust noch im Tode den Schwertknauf umklammert gehalten.

Alle drängten sich um die Erzähler, und hörten mit Ausdrücken des Staunens und des Beifalls zu.

Unterdessen sprengten Gewaffnete auf den Hof. Es war Gamli aus Melar, der Schwiegersohn der Ásdís, mit seinem Sohne Skeggi samt ihren Knechten.

Der weite Weg hatte sie gesäumt.

Nun sprangen sie schweißtriefend aus den Sätteln, und traten in die Halle.

Dieser neue Zuzug dämpfte sichtlich den frechen Trotz des Thorbjoern.

Er sah die Übermacht gegen sich, und suchte den Rückzug.

Gamli und Skeggi wollten ihm diesen Rückzug abschneiden, und kreuzten am Eingang der Halle ihre Schwerter.

Aber die älteren Recken traten vor, und rieten von jeder Gewaltthat ab.

„Oenguls Sache wird auf dem Alþingi um so schlechter stehen, je mehr wir hier ihn schonen! Dort werden kluge und angesehene Männer über ihn richten!“

Solcher Weise gelang es ihnen, die Aufgeregten zu besänftigen. Die Schwerter senkten sich, und Oengul durfte sich zurückziehen.

Aber den Kopf Grettirs nahm Thorbjoern mit sich. Noch auf dem Alþingi erhoffte er von diesem Beweisstück seiner That gute Dienste. Indessen die Aussichten dazu wurden schlechter und schlechter, indem die meisten Häuptlinge des Landes, teils aus Rücksichten der Verwandtschaft, teils aus Sympathie auf Ásdís Seite traten.

Dieser Anhang verstärkte sich in eben diesem Frühjahr noch um ein mächtiges Haus.

Thorodd Drapastuf, Grettirs zweiter Totfeind, der mit Þórir aus Gard zusammen einst den Preis auf Grettirs Kopf gesetzt hatte, vermählte seine Tochter an Skeggi, mit dem Beinamen Skamhoendung (Kurzhand), den Enkel der Ásdís, und trat somit zu der Partei des Hauses Bjarg über.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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