Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

53. Kapitel:

Grettirs Tod.

 

Monument für Grettir in Bjarg am Midfjördur

Monument für Grettir in Bjarg am Miðfjörður

Grettirs rechtes Bein war nun ganz in Eiter übergegangen, vom Knie aufwärts bis zur Weiche. Er fühlte sich zum Sterben krank. Illuge wachte Tag und Nacht an seinem Bette, Gloem aber wurde hinausgeschickt an die Leitern, um dort Wache zu stehen.

Er widersprach, und wollte nicht.

„Bei diesem Unwetter fällt es keiner Kreatur ein herzukommen. Ohne die geringste Ursache glaubt ihr überall den Tod zu sehen!“

Illuge trieb ihn hinaus, und kehrte zu seinem schwer fiebernden Bruder zurück.

„Wahrscheinlich ist es ja nicht, daß bei diesem Sturm sich Leute heranwagen. Aber der Ordnung halber muß an den Leitern einer Wache stehen,“ sagte Illuge beruhigend zu Grettir.

Als Gloem an die gefährdete Stelle gekommen war, sagte er zu sich: „Ich ziehe heute die Leiter nicht herauf. Wozu auch diese ewige Plackerei? – Unsinn! – Bei diesem Wetter kommt keine Maus herüber!“ –

Er wickelte sich in seinen Friesmantel, und streckte sich auf dem Erdboden aus.

„Liegen ist Bersir als Stehen! Auch gesunde Beine werden müde! Ja, des Grettirs Bein sieht schlimm genug aus! – Möcht’s nicht haben! Was helfen ihm jetzt seine Riesenfäuste, wenn er nicht mehr auf seinen kranken Füßen stehen kann? Und es wird nichts mehr! Nichts! Das sage ich!“ –

Unter diesen Gedanken glitten seine Augen über die Schaumköpfe der zu seinen Füßen auf und ab tanzenden Wellen hin. Und unter dem Einerlei dieser Vorstellung entschlief er, so fest, daß der Abend anbrach, daß es finster, daß es Nacht wurde, und Gloem schnarchte noch immer, zusammengerollt, wie ein Igel, oben am Auftritt der letzten Leiter.

Um diese Zeit landete Thorbjoern unten an der Insel. Den scharfen Blicken der Männer entging es trotz der Dämmerung nicht, daß die letzte Leiter nicht eingezogen war, und daß oben keine Wache stand.

Sonst immer, wenn Thorbjoern landete, war alles im besten Verteidigungszustande gewesen. Oben wachende Männer, alles rege, und bereit. Heut überall Totenstille. Kein Mensch zu sehen! –

„Hier hat sich etwas verändert,“ sagte Thorbjoern zu seinen Leuten. „Und die Zeit zum Handeln ist da! Laßt uns das Schiff festmachen. Drei Mann bleiben als Wache zurück. Die andern folgen mir hinauf. Ist Grettir noch frisch und gesund, dann haben wir oben alle unsere Kräfte nötig!“ –

Thorbjoern erreichte als erster die Hochfläche der Insel.

Nach einigen Schritten stieß sein Fuß an ein braunes, zusammengerolltes Bündel.

Er bückte sich, und erkannte einen schlafenden Menschen.

Mit dem Griff seines Schwertes kitzelte er den Schläfer am Ohre, und rief: „Wach auf, du Tropf! Übel daran ist der Mann, dessen Leben von deiner Treue abhängt!“ –

Gloem rieb sich schlaftrunken die Augen, und brummte in den Bart: „Immer dieselbe schlechte Behandlung! Glaubt ihr, daß es ein Vergnügen ist, hier unter freiem Himmel in der Nässe zu liegen?!“ –

Thorbjoern rüttelte ihn an der Schulter, und rief: „Bist du von Sinnen, Mensch, daß du nicht gewahr wirst, was hier geschieht? Eure Feinde sind über euch gekommen, und werden euch alle töten!“ –

Gloem starrte nun verdutzt die vor ihm Stehenden an, und, als er Thorbjoern und seine Leute erkannte, fing er an kläglich zu weinen.

„Still, du Narr,“ zischte Thorbjoern, „augenblicklich still, oder ich töte dich!“ –

Gloem verstummte nun, wie ein Fisch.

„Sind die Brüder zu Hause?“

„Dort in der Hütte!“ –

„Warum sieht man sie nicht?“

„Grettir liegt im Sterben, und Illuge wacht bei ihm!“ –

„Welche Krankheit hat er?“

„Sein Bein ist verwundet!“ –

„Aus welcher Ursach?“

„Er schlug mit der Axt nach einem Klotz, der angeschwemmt war! Die Axt glitt ab, und fuhr ihm in das Bein. Die Leute wollen wissen, der Klotz sei verzaubert gewesen!“

Thorbjoern lachte heiser auf, und sagte: „Zwei Sprichwörter beweisen sich hier: „Alte Freunde sind die treusten.“ Und: „Sklav und Schuft sind beide eins!“ Du hast deinen Herrn hier schändlich betrogen. Man halte von Grettir, was man will, aber er war doch dein Herr!“ –

Verächtlich stieß Thorbjoern den Gloem zur Seite. Das ganze Gefolge fiel nun über den schlaftrunkenen Knecht her, und prügelten ihn halbtot, bis er besinnungslos liegen blieb.

Darauf gingen sie zur Hütte, und pochten ziemlich kräftig an die Thür.

Illuge sagte: „Der Widder pocht. Er will herein, mein Bruder!“ –

„Der stößt ja heute gar gewaltig mit seinen Hörnern!“ erwiderte Grettir.

In demselben Augenblicke wurde die Thüre aufgerissen, und Männerköpfe wurden sichtbar.

Illuge sprang auf, und griff nach seinen Waffen.

Der Thüreingang hatte nur eines Mannes Breite, und Illuge stellte seinen Mann. Er stemmte sich den Andringenden entgegen, Schild gegen Schild, Brust gegen Brust. Die draußen Stehenden stachen mit ihren Speeren durch die Thüröffnung.

Illuge hieb mit seinem Schwerte ihnen die Spitzen von den Schäften herunter.

Hier kamen sie nicht vorwärts, hier konnte ihre Übermacht nicht zur Wirkung kommen, das sahen sie ein. „Auf’s Dach also!“ kommandierte Thorbjoern. „Reißt das Dach auf. Von dort aus dringt hinab!“ –

Etliche Mann kletterten auf das Dach der Hütte, gruben den Torf ab, der, wie bei allen isländischen Gebäuden, so auch hier, die oberste Dachschicht bildete, legten erst die Sparren blos, dann die Balken.

Es war Nacht geworden, und hinein in die aufgedeckte Hütte schienen die Sterne. In ihrem Inneren brannte das Feuer. Das hatte den Nachteil, daß die beiden Brüder in der Hütte, scharf beleuchtet, ein sicheres Ziel für den Angriff boten. Die Angreifer aber wurden gedeckt durch die Dunkelheit.

Grettir hatte unter großer Anstrengung sich im Bette aufgerichtet, und war zum Knien gekommen. In dieser Stellung faßte er seinen Speer. Mit diesem stach er nach oben zwischen die Balken und die Dachsparren. Ein Stich traf den Kárr, Haldors Dienstknecht, welcher tot davon zusammenbrach.

„Nehmt euch in acht,“ mahnte Thorbjoern, „wir können die Zwei ohne Verlust überwältigen, wenn wir das ganze Dach aufreißen. Macht die Balkenköpfe los, und hebt sie aus!“ –

Sie thaten es. Nun war der Zugang frei. Die Männer sprangen hinab, und es kam zum Handgemenge im Innern der Hütte.

Grettir kniete auf seinem Bette, und ergriff mit fast schon sterbenden Händen sein Schwert.

Gerade über Grettirs Kopf ließ sich Víkar, Hjalte’s Knecht, von oben herab. Grettir schlug nach ihm mit dem Schwerte, und von der linken Schulter abwärts spaltete er mit diesem einen Hiebe den ganzen Mann in zwei Hälften, dessen Stücke nun auf ihn herunterfielen, und den Knienden bedrückten.

Diesen Augenblick der Behinderung für Grettir benutzte Thorbjoern, und stach mit seinem Speere nach Grettirs Rücken. Tief war die Wunde.

Da sagte Grettir: „Nackt ist der Rücken des Bruderlosen!“ –

Illuge hörte dieses Wort, eilte herbei, deckte seinen breiten Schild über Grettir, und verteidigte den Bruder mit Löwenmut, sodaß alle ihn rühmen mußten.

„Thorbjoern! Wer zeigte euch gerade heute den Weg her zur Insel?“ frug Grettir.

„Der Herr Jesus Christus!“ antwortete Thorbjoern.

„Das lügst du!“ schrie Grettir mit letzter Kraft. „Die verfluchte Hexe war es, deine Pflegemutter; sie hat dir heute den Weg zu uns gezeigt. Ihren Rat hast du gesucht, und befolgt!“ –

„Bei euch läuft’s doch wohl nun auf eins heraus, wem wir vertraut haben!“ höhnte Thorbjoern.

Sie erneuerten nun den Angriff, die zwölf gegen die zwei. Illuge verteidigte seinen Bruder, und sich selbst, mit größtem Heldenmut; denn Grettir war wegen seiner Krankheit, und seiner Rückenwunde, ganz kampfunfähig geworden.

Thorbjoern kommandierte: „Drängt den Illuge ab, und preßt ihn ein zwischen Schilde und Balken!“ Und er setzte hinzu: „Niemals sah ich seines Gleichen unter Männern von so jungem Alter!“ –

Gesagt, gethan.

Die Übermacht drängte den Illuge ab, und preßte den 18jährigen Jüngling ein zwischen Waffen und Balken, sodaß er nicht länger sich verteidigen konnte. Endlich überwältigten und entwaffneten sie ihn. Drei Männer hatte Illuge getötet, und viele verwundet.

Während Illuge von der einen Hälfte der Leute überwacht wurde, ging Thorbjoern mit der anderen zu Grettir hin.

Dieser war, kniend auf seinem Bette, vorn über auf sein Gesicht gesunken, und anscheinend schon tot; denn sein kurzes Schwert, dessen Griff fest die Faust umschlossen hielt, hing mit dem Arm senkrecht am Bettrande herunter.

Dennoch brachten sie dem wehrlos Daliegenden noch viele Wunden bei, die aber wenig mehr bluteten.

Als sie ihn nun für völlig tot hielten, griff Thorbjoern nach dem kurzen Schwerte, welches Grettirs Faust noch umklammerte.

„Du hast dieses Schwert lange genug geschwungen,“ sagte Thorbjoern. „Gieb es her! – Jetzt ist es mein!“ –

Dabei zerrte Thorbjoern an dem Griff des Schwertes hin und her, und suchte es aus des Toten Hand zu reißen. Allein Grettirs Faust umklammerte den Griff so fest, daß er dieses nicht vermochte. Mehrere der Leute sprangen herbei, und halfen zerren, drücken, brechen. Alles vergebens.

Endlich zogen acht Mann, vier am Schwerte und vier an dem Arm des Toten; aber vergebens! Sie konnten Grettirs eiserner Faust, noch im Tode unbesiegbar, sein Schwert nicht entreißen.

Da schrie Thorbjoern: „Was wollen wir den Waldgangsmann hier schonen? – Einen Klotz her!“ –

Darauf legten sie Grettirs Faust samt dem Schwerte auf den herbeigezogenen Klotz. Dann durchhieb Thorbjoern Grettirs Handgelenk. Nun erst streckten langsam sich die Finger aus, welche bisher den Knauf umklammert hielten, und das Schwert fiel klirrend zu Boden. Thorbjoern raffte es auf, und hielt es triumphierend in die Höhe. „Mein bist du!“-

Dann schwang er es mit beiden Händen, und schlug nach Grettirs Kopf.

Dieser Hieb war wuchtig genug.

Aber Grettirs Schädel zeigte sich noch härter als das Schwert. Der Kopf blieb unverletzt, dagegen aus Grettirs Schwert brach ein Stück aus.

Oengul legte die Schneide prüfend über seine linke Hand, und betrachtete die ausgebrochene Stelle.

„Warum zerstörst du solch ein Kunstwerk?“ fragten ihn die Leute.

„Kein Schade, das! find’ ich; nur ein Nutzen für mich!“ sagte Thorbjoern. „Denn an dieser Scharte wird man später um so leichter diese merkwürdige Waffe erkennen!“ –

„Der Hieb war wahrlich nicht mehr nötig, seitdem der Mann dort bereits tot war,“ grollten die Leute.

„Nötig war er,“ rief Thorbjoern, „und ich wiederhole ihn!“ –

Dann hieb er zwei und drei Mal nach Grettirs Halse, bis sich der mächtige Kopf vom Rumpfe endlich abtrennte.

Grettirs Kopf rollte dumpf zu Thorbjoerns Füßen hin.

„Nun weiß ich es erst ganz gewiß, daß dieser Grettir wirklich tot ist,“ sagte Thorbjoern.

Er bückte sich, und hob, in die Haare greifend, den Kopf in die Höhe.

„Sechsundneunzig Lot Silber bist du mir wert! – Ich will den Preis doch holen, den man auf dich gesetzt hat! – Dich nehm ich mit an’s Land! Du sollst mir der Beweis sein, daß ich es war, der diesen gewaltigsten aller Helden auf Island hier erschlagen hat!“ –

Die andern sagten nichts zu diesen Worten des Thorbjoern. Denn weder seine Worte, noch seine Thaten erschienen ihnen rühmlich.

Illuge, von einer Rotte Knechten bewacht und festgehalten, hatte düsteren Angesichts dieses alles mit angesehen und angehört.

Nun wandte sich Thorbjoern auch an ihn.

„Es ist schade um dich, mein Junge! Du bist so tapfer! Warum hast du dich an diesen Missethäter gekettet? Nun trifft dich auch das gleiche Los!“ –

Illuge antwortete: „Was ich verdiene, und was du heute hier verdient hast, Thorbjoern, das wird man erst erfahren, wenn der Alþingi im nächsten Sommer gesprochen hat. Weder du, noch die Hexe, deine Pflegemutter, sind Richter in dieser Sache! – Das aber steht schon heute fest, durch Zauberkünste habt ihr den Grettir getötet. Und die allerschimpflichste That habt ihr hier gethan, indem ihr einem sterbenden Manne noch Wunden schlugt!“ –

Thorbjoern antwortete ihm: „Deine rauhen Worte verBersirn deine Sache nicht! – Doch will ich an dir zeigen, daß ich Tapferkeit zu achten weiß, und dir das Leben schenken; doch nur unter einer Bedingung. Schwöre mir, daß du an keinem der Teilnehmer dieses Kampfes jemals Rache üben willst!“ –

Illuge sagte: „Wäre Grettir imstande gewesen, sich zu verteidigen, und hättest du im ehrlichen Kampfe ihn besiegt, dann ließe sich darüber reden. Jetzt aber nicht! Um mein Leben zu retten, werde ich nie zugeben, daß Schande Ehre ist. Dann wäre ich ein ebenso ehrloser Schuft, wie du. Willst du eine Erklärung von mir haben, so nimm diese: Niemand wird jemals geneigter sein, auch künftig euch Schaden zuzufügen, als ich! Denn lange wird es dauern, bis ich vergessen kann, wie ihr hier meinen Bruder mißhandelt habt!“

Nach diesen Worten trat Thorbjoern mit den Übrigen bei Seite, um zu ratschlagen, ob Illuge am Leben bleiben dürfe, oder nicht?

„Uns kommt es nicht zu, darüber zu entscheiden,“ sagten die Knechte. „Du bist unser Anführer. Entscheide du in dieser Sache!“

Thorbjoern erklärte darauf:

„So will ich denn nicht, daß ein Mann am Leben bleibe, der das Versprechen mir weigert, künftig nicht nach meinem Leben zu trachten!“ –

Als Illuge hörte, daß sein Tod beschlossen sei, rief er heiter:

„Jetzt habt ihr den Beschluß gefaßt, der meinem Herzen der liebste ist. Ja, ich will zusammen mit meinem Bruder sterben!“ –

Als der Tag anbrach, führten sie Illuge nach dem Ostende der Insel, und enthaupteten ihn dort.

Die Körper beider Brüder verscharrten sie auf der Insel. Aber den Kopf des Grettir nahm Thorbjoern mit sich.

Was in der Hütte sich sonst vorfand an Waffen, Kleidern, Hausrat, wurde zu gleichen Teilen unter die Knechte verteilt. Nur Grettirs gutes, kurzes Schwert nahm Thorbjoern von der Verteilung aus. Das behielt er für sich als Beute, und trug es bis zu seinem Tode.

So endete das Leben des tapfersten Mannes, der jemals auf Island gelebt hatte.

Grettir war 25 Jahre alt gewesen, als er geächtet wurde. Friedlos lebte er etwas länger als 19 Jahre. Er war also 44 Jahre alt, als er starb.

Eiríkur Magnússon setzt den Tod unseres Helden in das Jahr 1031 nach Christi Geburt.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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