Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

52. Kapitel:

Der entscheidende Schritt.

 

Thorbjoern Oengul hielt sich in seinem Hofe Vidvik auf, und war bei übelster Laune, weil es mit seinen Anschlägen gegen Grettirs Leben so wenig vorwärts ging.

Da ließ ihn Þuríður eines Tages rufen. Ungefähr eine Woche war vergangen, seitdem die Hexe am Strande das Holz verzaubert, und den Wellen übergeben hatte.

„Willst du nicht einmal wieder den Grettir auf der Drang-ey besuchen?“ fragte sie den Eingetretenen, der sich zu ihr an das Bett gesetzt hatte.

„Um keinen Preis thue ich das,“ sagte er ärgerlich. „Aber, vielleicht, Pflegemutter, verspürst du Lust dazu,“ bemerkte er boshaft, und schlug sich dabei auf seinen Schenkel.

Sie verstand diese üble Anspielung, erwiderte aber ruhig:

„Nein, ich reise nicht dorthin! Mein Geschäft ist gethan! – Ich habe dem Grettir einen Gruß von mir hinübergeschickt. – Das ist genug! Denn ich hoffe, dieser Gruß hat ihn angetroffen!“ – –

Thorbjoern sah sie mißtrauisch an.

„Ja angetroffen! – Sieh mich nur so verdutzt an, Oengul! – Und, ich rate dir, schiffe, so schnell du kannst, dich ein. Du würdest sonst einen toten Mann dort antreffen!“ –

Thorbjoern schüttelte energisch den Kopf. „Genug des Spottes und der Schande habe ich von dort heimgebracht. Niemand bringt mich wieder auf diesen Weg! – Außerdem, es rast der Sturm, und die See tobt. Die Fahrt ist zur Zeit unmöglich! – Selbst bei dem größten Kraftaufwande, unmöglich!“ –

Das Weib faßte energisch den Strang, der über ihrem Bette hing, und zog sich mit einem Ruck in die Höhe. Ihre grauen, stechenden Augen bohrten sich tief in die seinigen, und sie sagte mit einem schrillen Auflachen:

„Du bist in der That ein bedauernswerter Mensch, Oengul! Wenn es zu handeln gilt, machst du Ausflüchte. Ja, es rast der Wind, und es tobt die See! Du hast recht! Aber, wenn es mein Werk war, daß Grettir jetzt totkrank auf seinem Bette liegt, meinst du dann nicht auch, daß meine Hände mit im Spiele sind, wenn das Wetter jetzt sich zusehends verschlechtert!?“ –

„Pflegemutter, ich glaube, deine grauen Augen schauen tiefer in die Zukunft hinein, als die meinigen!“ sagte Thorbjoern, und stand auf.

„Das meine ich auch, Oengul!“ sagte Þuríður befriedigt, und ließ sich langsam in ihre Kissen zurückgleiten. „Geh’ jetzt zu deinem Schwager Halldór Þorgeirsson auf Höfði á Höfðaströnd, und ratschlage mit ihm, wie du eine Macht zusammenbringst zu einem Angriff auf die Drang-ey. Halldór ist angesehen und reich!“ –

Thorbjoern that das freilich nicht sogleich, sondern schickte in seinem Eigensinn erst zu den früheren Losinhabern der Insel, und versuchte diese zu einem gemeinsamen Vorstoß gegen Grettir zu vereinigen. Hier fiel er aber gründlich ab. „Haben wir nicht unser gutes Land so billig dir abgetreten, darum, weil du, Thorbjoern, dich verpflichtet hast, den Grettir von der Insel wegzubringen, lebend oder tot? Und nun sollen wir für dich die Steine aus dem Feuer holen? – Nimmermehr! – Wir bestehen auf unserm Schein!“ –

Thorbjoern hatte eben nicht viele Freunde am Fjord, auf die er rechnen konnte. Aber er beschloß sie aufzusuchen. Und er hatte damit Erfolg. Tungu-Steinn Bjarnarson auf Steinsstaðir gab ihm zwei Mann. Sein Bruder Hjalti gab drei Mann. Eiríkur (Sohn des Hólmgöngu-Starri) auf Goðdalir einen. Er selbst konnte sich sechs Mann stellen. Mit diesen zwölf Mann ritt Thorbjoern zu seinem Schwager Halldór auf Höfði á Höfðaströnd.

Der war erstaunt mit einer solchen Schar ihn anrücken zu sehen, und fragte nach dem Zweck seiner Reise.

„Ich will nach der Drang-ey hinüber, dem Grettir an Leib und Leben.“

„In diesem Herbststurm?“

„Die Zeit ist günstig!“

„Wer hat dazu geraten?“

„Meine Pflegemutter!“

„Dann führt es zu nichts Gutem!“

„Warum nicht?“

„Sie hat’s mit Zauberei zu thun. Und dergleichen Künste sind jetzt verboten. Wir sind Christen geworden!“

„Man darf’s so genau nicht nehmen! Ich bin von allen Seiten gedrängt, etwas zu thun, und irgendwie muß es ein Ende nehmen. Hilf mir nach der Insel hinüber!“

„Ich seh’ es wohl, dich spornt im Geheimen etwas zu dieser That. Ob’s gut und ehrlich ist? Ich weiß es nicht! Bist du dazu entschlossen, so geh zu Björn auf Fagranes (Im Gebiet Fljót östlich des Skagafjörður). Er hat ein Schiff, groß und fest genug, um diesem Sturm zu trotzen. Er ist mein Freund! – Und um meinetwillen wird er es dir borgen!“ –

„Wenn ich nur schnell hinüberkomme, daran liegt mir viel!“

„Das Schiff macht’s nicht allein. Wenn Grettir noch seine Gesundheit hat, so thut ihr doch eine schlechte Fahrt. Und ist der Kampf nicht ehrlich, in welchem ihr ihn besiegt, so fürchte seine Verwandten. Sie sind mächtig, und werden begangenes Unrecht rächen!“ –

„Grettir hat seinen Bruder Illuge bei sich. Ein lästiger Zeuge!“ –

„Den töte nicht! Das rate ich dir, Oengul! – Mich läßt das Gefühl nicht los, daß in deinen Anschlägen nicht alles ehrlich und dem christlichen Gesetz gemäß ist!“ –

Halldór gab dem Thorbjoern von seinem Hofe sechs Mann mit, von denen einer Kárr, der andere Þorleifur, der dritte Brandur hieß. Die übrigen nennt die Saga nicht.

Nun waren es im Ganzen 18 Mann. Die ritten weiter. Ihr Weg ging auf Fagranes zu, wo Björn wohnte.

Mit einem Gruß von Halldór trat Thorbjoern dort ins Haus, und bat Björn um sein großes, festes Schiff.

„Thorbjoern! Dir bin ich keinen Dienst schuldig,“ sagte Björn wenig freundlich. „Aber um Haldors willen, der mein guter Freund ist, geb’ ich dir das Schiff. Wozu wollt ihr es denn gebrauchen?“

„Nach der Drang-ey wollen wir hinüber, und dem Grettir an Leib und Leben!“

„Da rat ich ab! Habt ihr bisher nichts ausgerichtet, so schlägt’s auch diesmal fehl!“ –

„Deine Warnung kommt zu spät. Der Plan ist reif. Ich muß hinüber!“ –

„So riegelt den Schuppen auf, und setzt das Schiff ins Wasser!“ –

Die 18 Mann griffen zu, und zogen aus der Scheuer das Schiff auf Rollen über den Sand, bis es im Wasser schaukelte. Dann setzten sie die Segel auf, und legten die Riemen ein.

Die See ging hohl und hoch, und von Minute zu Minute wuchs der Sturm. Dennoch schiffte sich Thorbjoern mit seinen Leuten ein.

Björn stand am Strande, und sah den wagehalsig mit den Elementen Kämpfenden kopfschüttelnd nach.

„Es ist unmöglich, heute nach der Drang-ey hinüber zu kommen,“ sagte Björn zu seinen Leuten. Und alle stimmten ihm zu.

Indessen der Sturm ließ unerwartet nach, als sie eine gute Strecke hinaus in den Fjord gekommen waren, und legte sich dann sogar günstig in die Segel.

Abends, als es dunkelte, landeten sie auf der Drang-ey.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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