Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

51. Kapitel:

Schlimme Wendung.

 

Abends gingen die Brüder zu Bette. Gegen Mitternacht fing Grettir an zu stöhnen, und sich im Bette hin und her zu wälzen.

Illuge erwachte davon, und fragte: „Was fehlt dir Bruder?“

„Das Bein schmerzt mich so sehr,“ antwortete Grettir. „Auch scheint es mir stark entzündet und geschwollen. Laß uns Licht anzünden!“ –

Illuge verließ das Bett, fachte die Glut auf der Feuerstätte an, und entzündete an ihr einen Holzspan. Damit leuchtete er dem Grettir, welcher die Bettdecke zurückgeschlagen hatte.

Das Bein war in der That stark angeschwollen, entzündet, und sah ganz blau-schwarz aus. Die gestern fast schon zugeheilte Wunde war über Nacht wieder aufgebrochen, und eiterte stark. Grettir empfand so heftige Schmerzen an diesem Beine, daß er keinen Augenblick stille liegen konnte, und verbrachte den Rest der Nacht schlaflos.

Illuge hatte sich an des Bruders Bett gesetzt, tröstete, und pflegte ihn.

„Wir müssen uns darauf vorbereiten, mein Bruder,“ sagte Grettir, „daß diese Wunde unheilbar ist, denn sie ist durch Zauberei verursacht. Das Weib hat mir den Denkzettel zurückgeschickt, den ich ihr gab. Der Steinwurf ist gerächt.“

„Mir ahnte gleich Unheil, als ich die Hexe unten im Boot sah,“ sprach Illuge.

„Alles wird nun zu Ende gehen,“ sagte Grettir düster.

Er versank in Sinnen, welches zu Zeiten in lautes Sprechen und Phantasieren überging. Bilder der Vergangenheit tauchten in seiner Seele auf. Die verschiedenen Kampfesszenen, welche er durchlebt, zogen an ihm vorüber: Wie er mit den Berserkern gekämpft auf der Haramsøya in Norwegen; wie er den Bären vor seiner Höhle zermalmt, und den eitlen Björn gestraft hatte; wie er den ungeschlachten Snaekoll von Einars Hof vertrieben, und seinen Bruder Atli an dem starken Thorbjoern, dem Sohn des Arnor, gerächt hatte; wie er mit Hallmund zwischen dessen Gletschern zusammen gelebt! Das alles zog an seiner Brust, an dieser Wand der Erinnerungen, vorüber, und sprach sich in Fieberphantasien aus. In lichten Augenblicken reichte er seinem Bruder die Hand, und versicherte ihn seines Dankes für alle die bewiesene Liebe und Treue.

„Gegen viele lanzenschwingende Männer habe ich mich verteidigt, und ging frank und rank aus all jenen Kämpfen hervor. Nun muß dieses alte, abgelebte Weib den Riesen mit ihrer Zauberei besiegen! Gegen Teufels Macht und Tücke hilft kein Schwert! – Laß uns nun doppelt vorsichtig sein, mein Bruder. Thorbjoern wird es bei diesem Wurf nicht bewenden lassen. Auf den ersten Schritt folgt sicher der zweite!“ –

Beide Brüder schärften dem Gloem es nachdrücklich ein, bei Tage die Leitern sorgsam zu hüten, und zur Nachtzeit stets die letzte Leiter einzuziehen.

„Zeige deine Treue, denn daran ist jetzt viel gelegen! Betrügst du uns aber, so trifft dich sicher das Unglück mit!“ –

Gloem versprach sein Bestes.

Das Wetter wurde nun immer schlechter. Der Regen ging in Schnee über, und der Nordost pfiff eisig kalt.

Jeden Abend fragte Grettir, ob die letzte Leiter auch hinaufgezogen sei?

Gloem machte den Einwand, ob es wohl einem Christenmenschen einfallen würde, bei diesem Hundewetter hier herüber zu kommen? „So lüstern, dich zu töten, ist doch niemand, daß er sein eigenes Leben dabei riskieren sollte. Haben dich Mut und Mannheit denn ganz verlassen? Du glaubst ja überall den Tod zu sehen!!“ –

„Ob du Mannheit zeigen wirst, wenn es zum Kampfe kommt, ist mir gleich. Aber nicht gleich ist es mir, ob eine Wache bei den Leitern steht, ob nicht. Und dies ist deine Pflicht, nichts anderes. Trolle dich hinaus!“ –

So trieben die Brüder den Gloem jeden Morgen hinaus, dort bis zum Abend an den Leitern Wache zu stehen.

Er that es widerwillig.

Die Brüder blieben in der Hütte, Grettir liegend auf seinem Schmerzenslager, unbeweglich, indem sein Bein von Tage zu Tage schlechter wurde. Am ganzen Schenkel bildeten sich Eiterstellen, und der Tod schien nahe.

Illuge pflegte ihn unermüdlich bei Tage und bei Nacht. In seine Augen kam kein Schlaf. Dabei stumpften sich seine Nerven ab, und er wurde gleichgültig auch gegen die drohende Gefahr.

Es war jetzt eine Woche vergangen, seitdem Grettir durch den Hieb nach jenem Klotze sich verwundet hatte.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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