Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

50. Kapitel:

Das Holz des Fluches.

 

Es war Spätherbst und ungefähr drei Wochen vor Winters Anfang. Da verlangte die alte Þuríður von Thorbjoern hinab an den Strand getragen zu werden.

„Was willst du dort, Pflegemutter?“ fragte Oengul.

„Nur eine Kleinigkeit, mein Kind, aber Großes wird vielleicht daraus!“ –

Thorbjoern that nach ihrem Wunsche.

Als sie an den Strand hinabgetragen war, ging Þuríður, an einem Stecken humpelnd, auf und nieder, scharrte hier mit der Spitze ihres Stabes prüfend den Sand auf, forschte dort mit ihren stechenden Augen umher. Endlich stieß sie an einen knorrigen Holzklotz, ungefähr so groß, daß ein Mann ihn auf seiner Schulter forttragen konnte. Sie blickte prüfend das Holz an, und ließ den Klotz drehen und wenden. Auf seiner Kehrseite sah man eine angekohlte Stelle. Der Hexe Augen leuchteten befriedigt dabei auf. Die verkohlte Stelle ließ sie sorgfältig abschaben. Darauf zog sie ihr Messer aus der Tasche, hockte nieder, und schnitt mit eigener Hand auf der abgeglätteten Fläche Runen in den Ast. Dann ritzte sie die Haut ihrer Hand auf, drückte einige Blutstropfen aus der Wunde, und bestrich mit diesem Blut die eingeschnittenen Runen, dabei Zaubersprüche murmelnd.

Dieses gethan, hinkte sie dreimal im Kreise rings um den Ast, und zwar in der entgegengesetzten Richtung zu dem Sonnenlaufe.

Auf ihren Befehl nahm dann Thorbjoern den Klotz, und schleuderte ihn weit, weit in das Meer hinaus.

Þuríður selbst humpelte bis dicht an das Wasser, welches ihre Füße bespülte, streckte drohend ihren Stab aus in der Richtung nach der Drang-ey, und rief:

„Fahr hin, du Holz des Fluches, und bringe dem Grettir alles erdenkliche Unheil!“ –

„Mein Werk ist hier gethan, Oengul,“ sagte sie dann erschöpft. „Trag mich jetzt wieder zurück in mein Bett!“ –

Thorbjoern hob seine alte Amme, wie ein Kind, auf seine starken Arme, und trug sie sorgsam nach Vidvik in ihr kleines Haus zurück.

Als sie wieder zwischen ihren Kissen lag, von der Anstrengung tief erschöpft, sagte Thorbjoern zu ihr:

„Pflegemutter, ich begreife nicht, was dieses alles helfen soll?“ –

„Die Zeit, mein Sohn, die Zeit welche vieles aufschließt, wird auch dieses dich lehren. Warte nur!“ –

So trennten sich beide.

Der Wind wehte landeinwärts. Trotzdem trieb das Holz ziemlich schnell den Fjord hinaus! – –

Die Brüder auf der Drang-ey sahen froh dem Winter entgegen. Hofften sie doch, daß es der letzte auf dieser Insel, der letzte in der Verbannung sein sollte. Dann ging es zurück zur Heimat, zurück zur Mutter! – Aus der Friedlosigkeit hinein in den Frieden. – Wie jauchzte ihr Herz auf bei diesem Gedanken! –

Am nächsten Tage, nachdem das Weib das verzauberte Holzstück in das Meer hinausgeschickt hatte, stiegen Grettir und Illuge die Leitern herunter, und suchten den Strand ab, um Feuerung zu sammeln. Die Insel umschreitend, fanden sie an der Westseite ein knorriges Holzstück aufgetrieben, von der Größe, daß ein Mann es auf seiner Schulter wegtragen konnte.

Illuge, freudig von diesem Funde überrascht, sagte:

„Sieh her, Bruder, hier haben wir ein gutes Stück Holz zu unserer Feuerung gefunden. Laß es uns hinauftragen!“ –

Grettir bückte sich, und betrachtete den Ast. Dann stieß er ihn mit Gewalt von sich, und sagte:

„Das ist ein böses Holz, vom Teufel uns zugeschickt! – Komm laß uns anderes Brennholz suchen!“ –

Darauf gab er dem Klotz noch einmal einen kräftigen Stoß mit dem Fuße, daß er weit in das Meer hinausflog.

Sie setzten ihren Rundgang um den Strand fort.

Grettir kam wieder auf das soeben Erlebte zurück, und sagte:

„Illuge, gieb ja acht, daß dieser Klotz, sollte er wieder antreiben, nicht in unsere Hütte kommt. Er ist uns zum Unglück hergeschickt. Mein Herz sagt es mir!“

Nach Hause zurückgekehrt, sprachen sie indessen vor dem Knechte nichts davon.

Am nächstfolgenden Tage stiegen die Brüder wieder die Leitern hinab, um denselben Gang ringsum die Insel zu machen. Wieder fanden sie jenen Klotz angetrieben und zwar um ein beträchtliches Stück näher bei den Leitern.

Grettir stieß den Ast wiederum zornig mit seinem Fuße fort und rief:

„Niemals sollst du mit meinem Willen in unsere Hütte kommen, du Holz des Fluches!“ –

Der Oktober brachte schlechtes Wetter. Es pfiff ein schneidender Wind aus Nordost, und es regnete fast alle Tage. Aus diesem Grunde hielten sich die Brüder im Hause. Sie befahlen jedoch dem Gloem hinabzusteigen, und das erforderliche Brennholz zu sammeln.

Dieser knurrte, und sagte:

„Keinen Hund jagt man bei solchem Wetter hinaus, aber mich schickt ihr. Ihr quält mich, wo ihr nur könnt!“ –

Doch eine energische Handbewegung von seiten Grettirs machte den Widerspenstigen verschwinden.

Gloem kletterte die triefenden Leitern hinab. Unten angekommen, trat er auf das nasse Geröll.

„Das Glück ist mir heute günstig,“ sagte er, und stieß mit seinem Fuß an einen großen Klotz, der hart an der Landungsstelle, dicht bei den Leitern, aufgetrieben lag.

„Da brauche ich nicht erst lange zu suchen. Für heute ist das genug!“ –

Er lud den Klotz auf seine Schultern, und schleppte ihn keuchend die Leitern hinauf, bis hin zur Hütte. Hier vor der Hausthür warf er das Stück Holz mit voller Wucht auf die Erde.

Grettir hörte drinnen den Fall, und sagte zu Illuge:

„Gloem scheint doch etwas gebracht zu haben. Ich will einmal hinausgehen, und zusehen!“ –

Er griff nach seinem scharf geschliffenem Beil, und trat vor die Thür der Hütte.

Gloem stand trotzig neben dem abgeworfenen Klotz, und sagte:

„Ich habe jetzt das Meinige gethan, thu’ du das Deinige. Heraufschleppen war schwer, spalten diesen Klotz, ist leichter!“ –

Grettir maß den unverschämten Burschen mit einem zornigen Blick. Dann im Unmut, und wie, um seine überlegene Kraft den Burschen fühlen zu lassen, holte er mit voller Wucht aus, zielte mit dem Beil nach dem auf der Erde liegenden Klotz, und schlug zu. Aber die Schneide des Beiles glitt von dem Holze ab, ging seitwärts, und fuhr dem Grettir in das rechte Bein. Über diesem Knie entstand eine tiefe Wunde.

Der Getroffene griff zuerst mit der Hand nach der verwundeten Stelle, dann betrachtete er das Stück Holz genauer.

„Das Böse hat gesiegt!“ sagte er finster zu Illuge. „Sieh’ her, dies ist derselbe Klotz, den ich zweimal in das Wasser geschleudert habe. Es ist das Holz des Fluches, und heute ist der Anfang von unserm Untergang!“ –

„Gloem, du Unglücksmensch! Erst läßt du uns das Feuer auf dem Herde verlöschen, dann schleppst du uns dieses vermaledeite Holz hier ins Haus. Zum dritten Male wirst du uns den Tod bringen!“ –

Illuge verband dem Bruder sorgfältig die Wunde. Das Blut stillte sich, und Grettir schlief fieberlos die ganze Nacht hindurch. So vergingen drei Tage und drei Nächte. Der Schmerz ließ merklich nach. Und als der Verband zum ersten Male abgenommen wurde, hatte sich die Wunde fast geschlossen. „Ich denke, Bruder,“ sagte Illuge vergnügt, „diese Wunde wird dich weiter nicht belästigen!“ –

„Gott gebe es!“ erwiderte Grettir. „Aber meine Ahnung spricht anders. Sie bereitet mich auf das Allerschlimmste vor!“ –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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