Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

49. Kapitel:

Die Hexe.

 

Thorbjoern besaß eine Amme, die auf Vidvik das Gnadenbrot aß, und in einem der Nebengebäude des Hofes wohnte. Sie war schon sehr alt, und lag meistens zu Bette; aber ihr Verstand war noch scharf und klar.

In ihrer Jugend, wo die meisten Leute hier noch Heiden gewesen waren, galt sie als zauberkundig. Doch jetzt, so glaubte man, habe sie das alles vergessen. Außerdem stellte das Landesgesetz die Ausübung heidnischer Gebräuche, insbesondere aber die Zauberei, unter schwere Strafe. Es stand darauf der niedrigste Grad der Friedlosigkeit.

Das isländische Recht unterschied nämlich drei Grade der Friedlosigkeit. Der Niedrigste bestrafte nur mit zeitweiser Verbannung von dem Hofe. Der Zweithöhere mit dreijähriger Verbannung aus Island. Der Dritte und schwerste mit dem Recht, sogar mit einer gewissen Verpflichtung für jederman, den Geächteten zu töten. Trotz dieser Strafandrohung hielten im Geheimen noch viele an den alten heidnischen Gebräuchen fest. Auch bei der alten Amme Thorbjoerns bestätigte sich das Sprichwort: „Jung gewohnt, alt gethan!“

Thorbjoern Oengul ging zu seiner Amme, sich Rat in seiner Verlegenheit zu holen. Alle seine Machtmittel waren erschöpft, und all sein Witz war verbraucht. Dennoch hatte er bisher nichts, garnichts erreicht. Grettir war immer obenauf, und Herr der Insel.

Nun entschloß sich Oengul, Rat und Beistand dort zu suchen, wo er ihn bisher am wenigsten vermutet hatte.

„Gott grüß dich! Mutter Þuríður!“ Mit diesen Worten setzte Thorbjoern seinen Fuß über die Schwelle des kleinen Hauses, in dem seine Amme wohnte, und ließ sich nieder an der Alten Bett.

„Er grüß’ dich wieder, Oengul! Du warst lange nicht hier! – Doch dein Auge blickt heute finster!“ –

„Kein Wunder, Mutter, ich habe Verdruß!“ –

„Erzähl’, was dich bedrückt!“ –

Nun erzählte Thorbjoern umständlich von seinen vergeblichen Versuchen, den Grettir von der Drang-ey zu vertreiben, und schloß mit den Worten: „Du hast mir, Mutter Þuríður, schon manch einen guten Rat in meinem Leben gegeben, weißt du hier einen, so sag’ ihn mir!“ –

Þuríður griff mit ihren mageren, braunen Händen nach dem Strick, der über ihrem Bette von der Zimmerdecke herabhing, zog sich daran in die Höhe, und setzte sich aufrecht in die Kissen. Ihr Auge nahm den Ausdruck der Verachtung an.

„Hier bestätigt sich wieder das alte Wort,“ sagte sie, „daß mancher in das Ziegenhaus läuft, wenn er Wolle sucht. Du bist zu Hans und Kunz gelaufen. Jetzt kommst du zu mir. Rat, Oengul, findet man nur bei klugen Leuten! Du dünkst dich einer der vornehmsten Bauern in der Harde zu sein; und doch hier, wo es gilt, weißt du nicht aus noch ein. Das ist doch zu erbärmlich. Ich möchte mit dir nicht tauschen, Oengul, bettlägrich, wie ich bin!“ –

Thorbjoern runzelte die Stirn. Das war kein Pflaster auf sein wundes Herz. Er biß sich auf die Lippen. Allein, er schwieg.

„Blick nicht so finster drein, Oengul! Du bist hier nicht ins Geißhaus geraten. Du sollst die gesuchte Wolle haben!“ –

Sie streckte die magere Knochenhand aus, und fuhr ihm, zärtlich streichelnd, über die Wange.

„Ich habe dich groß gezogen, ich, als deine rechte Mutter früh gestorben war, und die zweite in das Haus kam, die dir nicht wohlwollte, und du nicht ihr! Du bist mir an das Herz gewachsen, Oengul! Du sollst den guten Rat haben, mein Kind, den du suchst. Doch fordere ich eins von dir, daß du in jedem Stück mir gehorsam bist, was ich auch fordern werde! – Dann, verspreche ich dir, stirbt der Grettir!“ –

Thorbjoern gab die Zusicherung seiner Folgsamkeit, erhob sich, und ging, von neuem Mut beseelt.

Der Sommer war verlaufen bis zur Mitte des August. Da schickte eines Tages die Alte zu Oengul. Zu dem Eintretenden sagte sie:

„Heut ist das Wetter heiter und stille, begieb dich zur Stunde nach der Drang-ey, und bring den alten Streit mit Grettir wiederum zur Sprache. Ich selbst will dich dorthin begleiten. Du machst mir ein Lager in dem Schiff zurecht, legst mich hinauf, und deckst mich dann mit Decken zu. Mich soll der Grettir nicht sehen. Aber um so mehr will ich ihn sehen, und auf seine Worte merken. Dann kann ich es prüfen, ob diesem Mann in Zukunft das Glück noch lächeln wird, ob nicht.“

„Ich bin dieser Reisen nach der Drang-ey müde,“ brauste Oengul auf. „Sie haben mir bisher nur Schimpf und Schande eingebracht“ –

„Und ich helf dir nicht,“ zürnte das Weib, „wenn du mir nicht blind gehorchst!“

„Laß es denn gut sein, Pflegemutter,“ begütigte Thorbjoern, „die Fahrt soll ja geschehen!“ –

„Mein Sohn, unter tausend Stunden in diesem Leben giebt es nur wenig günstige; die heutige ist uns hold! Laß sie nicht ungenützt verstreichen! Doch Mühe und Beschwerde wird es kosten. Und das sag ich dir voraus. Ob Grettir auch fallen wird, Glück bringt diese That dir selber nicht! Indessen Versprechungen, von dir gegeben, binden dich. Hier hilft kein Zaudern. Hier heißt’s vorwärtsgehen!“

Thorbjoern ließ ein zehnrudriges Schiff in Dienst stellen, und stieg selbstelfter ein. Die Amme legten sie auf Kissen in das Schiff, und mit wollenen Decken deckte man sie zu. So ruderten sie nach der Drang-ey hin. Als Grettir und Illuge den Thorbjoern kommen sahen, traten sie an die Leitern.

Thorbjoern rief von unten hinauf:

„Ich bin noch einmal gekommen, Grettir, um zu hören, ob du nicht gesonnen bist, freiwillig die Insel zu verlassen. Thust du das, so soll alles vergeben und vergessen sein, dein gewaltsames Eindringen, dein unerlaubtes Hausen, und der Geldverlust, welcher durch beides mir geworden ist. Laß uns in Güte von einander scheiden!“ –

Grettir lehnte das rund ab. „Ich habe schon erklärt, und erkläre nochmals: die Insel verlasse ich nicht! Unternehmt, was ihr wollt. Ich warte hier ab, was kommen mag!“

Thorbjoern sah nun auch diesen Versuch scheitern, und brauste auf:

„Ha! Das wußte ich wohl, daß ich mit einem Schurken hier zu thun habe. Dies ist mein letztes Wort. Nun magst du lange warten, bis ich wiederkomme!“ –

„Und wenn du niemals wiederkommst, mir ist’s schon recht!“ entgegnete Grettir.

Das Weib, hinten im Boote liegend, hatte alles mit angehört. Nun warf sie die Decken ab, und richtete sich auf. Zu Thorbjoern gewandt, sagte sie: „Oengul, diese Männer sind tapfer, aber vom Glück verlassen. Du übertriffst sie an Edelmut. Gutes botest du ihnen an, sie schlugen es aus. Nichts aber führt so sicher zum Verderben, als Blindheit und Bosheit, welche Wohlthaten, freundlich angeboten, verschmähen!“ –

Dann, gegen Grettir die Hand ausstreckend, schrie die Alte hinauf: „Ich wünsche dir, Grettir, daß du von jetzt ab von allem verlassen seist, von Heil und Glück, von Klugheit und Verstand. Verlassen, je länger je mehr! – Und der guten Tage, die dich hier noch erwarten, seien weniger als die, welche du bereits erlebt hast!“ –

Sie hatte es mit kreischender Stimme und mit drohender Gebährde gesprochen.

Grettir ging es wie ein Schauder durch sein Gebein, als diese Worte sein Ohr trafen.

„Was für ein Satan liegt da unten im Schiff?“ rief er.

„Ich glaube,“ sagte Illuge, „es ist die alte Hexe, Thorbjoerns Pflegemutter!“ –

„Verflucht sei dieses zauberkundige Ungetüm,“ schrie Grettir. „Jetzt muß man auf das Schlimmste hier gefaßt sein. Nie war mir so wunderlich zu Mut, als bei den Worten dieses Weibes. Wie mit Krallen packt es mir ans Herz. Mit ihrer Zauberei wird sie noch unser Unglück werden! – Verlaß dich drauf! – Doch einen Denkzettel muß sie von mir haben, das alte Weib!“ –

Mit diesen Worten bückte sich Grettir, hob einen schweren Stein auf, und schleuderte ihn in das Boot hinab, nach dem Kleiderbündel zielend, unter welches die Hexe sich wiederum verkrochen hatte. Er hatte gut gezielt. Unter dem Bündel hervor kam ein kreischender Laut. Der Steinwurf hatte der Hexe den rechten Schenkel zerbrochen.

Thorbjoern kommandiert: „Riemen bei!“ und in eiliger Flucht zog sich das Schiff aus dem Bereich der Insel zurück.

„Das hättest du nicht thun sollen, Grettir,“ sagte Illuge.

„Tadle mich nicht!“ erwiderte dieser. „Ich wünschte nur, dieser Wurf hätte mehr gewirkt! Das Leben dieser Hexe für das unsrige! Ist das zu viel verlangt?!“ –

„Wie meinst du das?“ fragte Illuge, und sah den Bruder erstaunt an. „Dieses alte, welke Weib wird uns Beide doch nicht töten können?!“ –

Auf dem Rückwege beugte sich Thorbjoern über seine Amme und sagte:

„Du siehst nun, Pflegemutter, daß meine Ahnung richtig war. Diese Fahrt hat uns wenig Ehre eingebracht. Du bist gequetscht, und ich habe nichts als Hohn und Schimpf geerntet.“

Das Weib erwiderte: „Halt hoch den Kopf, Oengul! Von dem heutigen Tage an geht es mit dem Grettir bergab. Mein krankes Bein, das zahl ich ihm doppelt zurück, falls ich am Leben bleibe. Verlaß dich darauf!“ –

„Du hast immer guten Mut, Pflegemutter,“ schloß Thorbjoern.

Sie kamen nach Hause. Þuríður wurde aus dem Schiff gehoben, und mit aller Sorgfalt in ihr Haus gebracht. Hier lag sie einen ganzen Monat fest im Bette, ehe sie wieder aufstehen, auf das kranke Bein treten, und in der Stube humpelnd auf- und abgehen konnte.

Man spottete am Fjord über diese neue Niederlage des Thorbjoern, der in seiner Verlegenheit selbst mit einem alten Weibe sich verbunden hatte.

„Grettir schneidet doch immer gut ab,“ sagten die Leute. „Im Frühjahr auf dem Thing, als wider Willen alle ihm Frieden und Sicherheit verbürgten; dann im Sommer, als Hæringur ums Leben kam; und nun im Herbst, wo dem alten Weibe das Bein zerbrochen wurde! Immer ist Grettir obenauf! Und Thorbjoern? – Was hat Thorbjoern denn bisher gethan? – Nichts! – Nicht ein Haar hat er dem Grettir gekrümmt!“ – So sprachen die Leute am Fjord.

Thorbjoern verdroß solche Rede gewaltig.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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