Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

48. Kapitel:

Rettung nahe.

 

Den folgenden Winter verlebte Grettir auf der Drang-ey in vollem Frieden. Er und Thorbjoern begegneten sich nicht. Der Frühling brach nun wieder an, und mit ihm eine Zeit, welche eine frohe Wendung für Grettirs Leben versprach. Seine Verwandten hatten einmütig beschlossen, in diesem Sommer in Þingvellir vollzählig zu erscheinen, mit Nachdruck aufzutreten, und die Aufhebung von Grettirs Acht zu verlangen. Denn sie waren der Meinung, mit diesem Frühjahr habe bereits das zwanzigste Jahr von Grettirs Friedlosigkeit begonnen. Und damit galt nach Landes Gesetz und Brauch die Strafe für verbüßt.

Die Entscheidung hierüber stand dem Lögsögumaður zu.

Der Lögsögumaður war der vornehmste Mann auf ganz Island. Er präsidierte dem Alþingi, und entschied mit seinem Spruch endgültig alle Streitsachen.

Sämtliche auf Island geltenden Gesetze mußte er fest in seinem Kopfe haben, und auf Verlangen hersagen können. Denn erst im Jahre 1117 wurde das mündlich überlieferte Recht schriftlich abgefaßt in einem Buche, welches den seltsamen Titel Grágás, d. h. „graue Gans“, führte.

Vererbte das Gode- oder Häuptlingsamt der Harden bei der führenden Familie sich meist von Vater auf Sohn, so war das Amt des Gesetzessprechers Produkt einer Wahl. Er wurde gewählt von den 48 Häuptlingen, welche bei dem Alþingi das Gesetzesgericht bildeten. Dieses Amt war auch das einzige besoldete Staatsamt auf Island. Freilich war die Einnahme nicht groß. Der Lögsögumaður erhielt jährlich 240 Ellen Williram, ein im Lande selbst gefertigter Wollenstoff, und außerdem einen kleinen Anteil an den Strafgeldern der Verurteilten. Das war alles.

Mußte der Lögsögumaður eine Art von lebendigem Gesetzbuch sein, so war es deutlich, daß bei dieser starken Anforderung an das geistige Können, die Zahl der Kandidaten für solch ein Amt auch unter einem so bedeutenden Geschlechte, wie es die damaligen Recken auf Island waren, keine große sein konnte. So stand denn der Wiederwahl eines tüchtigen Mannes zum Lögsögumaður gesetzlich nichts im Wege.

Aus der Heldenzeit, in welche unsere Erzählung fällt, kennen wir folgende Lögsögumaður:

Þorgeir Þorkelsson von 985–1001, Grímur Svertingsson von 1002–1003, und Skafti Þóroddsson von 1004–1030.

Skafti, neunmal wiedergewählt, war ein Mann von hervorragenden Gaben, klug, scharfen Verstandes und von wohlwollendem Herzen.

Er war ein Freund des alten Heldengeschlechtes derer auf Bjarg, verfolgte Grettirs Schicksal mit reger Teilnahme, und hatte versprochen, dafür sorgen zu wollen, daß Grettir nach zwanzig Jahren seiner Friedlosigkeit von der Acht gelöst würde. Wie groß war also der Verlust für Grettirs Sache, als Skafti gerade in diesem Frühjahr starb.

Von nicht minderem Gewicht war es auch, daß Snorri, der Gode auf Tunga, letzten Winter gestorben war. Er war dem Grettir stets ein wohlwollender Freund gewesen, und hatte auf dem Alþingi oft seine Stimme zu des unschuldig Verurteilten Gunsten erhoben.

Daß Skafti und Snorri gerade um diese Zeit starben, bedeutete für Grettirs Sache allerdings einen sehr schweren Verlust.

Der Alþingi tagte, wie üblich, in der Mitte des Juni auf Þingvellir. Grettirs Familie trat dort geschlossen auf, und brachte den Antrag ein: „Das Gesetzesgericht wolle unsern Verwandten von der Acht lossprechen, da in diesem Frühjahr das zwanzigste Jahr seiner Friedlosigkeit begonnen hat!“ –

Zunächst erledigte der Alþingi die Wahl eines neuen Gesetzessprechers, und es fiel dieselbe auf Steinn Þorgestsson, den Sohn des ThorgestÞorgestur hinn gamli Steinsson, den Enkel des Steinn mjögsiglandi (des Vielsegelnden), den Urenkel des Þórir haustmyrkur (d. h. Herbstdunkel). Aber Arnóra Þórðardóttir, die Mutter Steinns, war die Tochter des Þórður gellir (des Brüllenden). –

Dieser Steinn hatte gleichfalls den Ruf eines sehr klugen Mannes.

Die beiden erbitterten Gegner Grettirs, Þórir auf Gard und Thorodd Drapastuf, welche gemeinsam den hohen Preis von 96 Lot Silber auf Grettirs Kopf einst gesetzt hatten, waren auch mit starkem Anhang zur Stelle, und beide entschlossen, alles einzusetzen, um die Aufhebung von Grettirs Acht zu hintertreiben.

Da folgende Bestimmung für Island feststand: „Niemand darf länger als zwanzig Jahre friedlos bleiben!“ so handelte es sich in dem vorliegenden Falle lediglich um diese Entscheidung. „Wann hat Grettirs Friedlosigkeit begonnen, und wann darf sie demnach als beendet gelten?“ –

Þórir wandte ein: „Grettir hat während der Zeit seiner Acht soviel Übelthaten auf Island begangen, daß verschiedene von diesen, wenn sie zur Aburteilung kämen, selbst wieder mit Friedlosigkeit bestraft werden müßten. Dieses verlängert die Zeit seiner Acht um ebensoviele Zuschläge. Also kann von seiner Freilassung nicht die Rede sein!“ –

Auf diesen Einwand entschied der Lögsögumaður Steinn:

„Niemand darf länger als zwanzig Jahre friedlos bleiben, auch dann nicht, wenn während seiner Friedlosigkeit Verbrechen von ihm verübt sein sollten, welche ihm sonst die Strafe der Acht zuziehen würden!“

Nach diesem Spruch forderten die Verwandten Grettirs mit verstärktem Nachdruck dessen Freisprechung.

Da trat Thorodd Drapastuf auf, und wies Folgendes nach: „Grettir hat das erste Jahr seiner Acht in Norwegen verlebt, also im Auslande, und das zählt nicht mit. Somit besteht seine Friedlosigkeit hier in Island erst neunzehn Jahre. Seine Freisprechung darf demnach erst nach Jahreszeit erfolgen!“ –

Der Lögsögumaður Steinn stimmte diesem Einwande zu. „Unter zwanzig Jahren der Friedlosigkeit, die in Island selbst verbüßt sein müssen, darf kein Geächteter loskommen!“ Das war sein bindender Spruch.

So zogen denn Grettirs Verwandte ihren Antrag einstweilen zurück, um ihn auf dem kommenden Alþingi zu erneuern.

Also noch ein Jahr der Acht für den viel geprüften Mann! – Dann die goldene Freiheit! – Was wird dieses Jahr für ihn bringen? –

Der Beschluß des Alþingis wurde auch am Skagafjord bekannt, und es ärgerte die Leute mächtig, daß dieser Eindringling, der ihnen so vielen Verdruß, Schaden und Spott bereitet hatte, nun doch nach Jahresfrist entwischen sollte. Sie gingen daher zu Thorbjoern Oengul auf Vidvik und erklärten ihm: „Entweder du tötest den Grettir im kommenden Jahre, oder die Insel fällt wieder in ihren einzelnen Teilen an uns alle zurück!“ –

Das machte dem Thorbjoern nun viele Pein. Er grübelte und grübelte, wie er dem Grettir an Leib und Leben kommen könnte. Und fand doch nichts! – Gleichwohl wollte er die schöne Insel nicht fahren lassen! –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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