class="titel_mitte">Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

47. Kapitel:

Der Haerings-Sprung.

 

Die Kleinbauern hatten ihre Anteile an der Drang-ey dem Thorbjoern Oengul für billigen Preis abgetreten, lediglich unter der Bedingung, daß er den Grettir lebendig oder tot von der Insel schaffe. Nun dieses nicht geschah, wurden sie ungeduldig, und drohten, ihren Vertrag zu kündigen.

Oengul suchte sie nach Kräften zu vertrösten. Aber es kam ihm doch sehr gelegen, als nächsten Sommer ein fremdes Schiff den Fjord anlief, von dem ein Passagier Namens Hæringur sein Sommergast wurde, und zugleich als Helfer in der Not dem Hauswirt sich zur Verfügung stellte.

Hæringur, ein junger und gewandter Mensch, rühmte sich, ein besonders tüchtiger Bergsteiger zu sein.

„Ich kann klettern, wie eine Katze, die steilsten Felswände hinauf!“ sagte er.

„Dann kommst du vielleicht auch die Drang-ey ohne Leitern in die Höhe?“ rief Oengul.

„Das wollte ich meinen!“ versicherte Hæringur.

Thorbjoern griff mit aller Lebhaftigkeit diesen Gedanken auf, und rief: „Goldene Berge verspreche ich dir, wenn du dieses Wort wahr machst!“ –

Nun verabredeten sie folgenden Plan.

Thorbjoern sollte ein Schiff, voll bemannt, an die Landungsstelle der Drang-ey führen, und sich den Anschein eines ernsthaften Angriffes geben. Dieses würde den Grettir und seine Gesellen bei den Leitern festhalten. Unterdessen sollte Hæringur das Schiff unbemerkt verlassen, unten am Strande die Stellung des Grettir umgehen, an der entgegengesetzten Seite die Felswand zu erklimmen suchen, oben leise sich heranschleichen, und dann den Brüdern in den Rücken fallen.

„Das ist ein ausgezeichneter Plan,“ rief Thorbjoern, „das muß gelingen! – Und gelingt es, dann gewinnst du hier Gut und Ehre! Setze nur alle deine Kräfte ein!“ –

Der verabredete Tag kam, und sie fuhren.

Wie geplant, wurde auch gehandelt.

Das vollbemannte Schiff des Thorbjoern legte unten bei den Leitern an. Grettir zog oben die letzte Leiter ein, und hob die Verbindung auf.

Es entspann sich nun wieder von oben nach unten, und von unten nach oben, das bekannte Wortgefecht.

Thorbjoern schimpfte weidlich auf Grettir, und Grettir schonte den Thorbjoern nicht.

Thorbjoerns Absicht war es ja, die Zeit möglichst hinzuziehen, und Grettir stark aufzuregen, daß er alles andere vergaß.

So sparte er denn die groben Klötze nicht, auf welche Grettir sich beeilte, seine groben Keile zu setzen.

Hæringur gelang unterdessen unten am Strande die Umgehung. Dann stieg er die Felsenwand hinauf, hier seinen Fuß einstemmend, dort mit der Hand sich hochziehend. Der Mann kletterte in der That wie eine Katze. Was niemand jemals früher, noch jemals später vollbracht hat, das gelang ihm. Hæringur erreichte kletternd die Hochfläche der Insel. Er stand wirklich oben.

Nun kam das zweite! – Der Angriff der Brüder im Rücken! –

Hæringur übersah, oben angelangt, sofort die Lage. Die zwei Brüder standen, voll beschäftigt, an den Leitern, und über die Felsen gebeugt, wandten sie ihm den Rücken zu. Sie hatten keine Ahnung von der im Rücken drohenden Gefahr. Denn fest waren sie davon überzeugt, daß es ganz unmöglich sei, auf irgend einer anderen Seite die Insel zu ersteigen, ausgenommen den Ort, wo sie und die Leitern standen.

Hæringur schlich sich nun, leise wie eine Katze, heran, die Hand am Schwerte. Der Augenblick schien gekommen, um Ehre und Gut hier zu gewinnen.

Da, wie von einer inneren Eingebung getrieben, sah sich Illuge um, und bemerkte den heranschleichenden fremden Mann, der den Brüdern schon ganz nahe gekommen war.

Ein Schrei, ein Stoß gegen Grettirs Schulter, und die Meldung: „Da! Ein fremder Mann, der kein Freund zu sein scheint!“ – Dies war das Werk eines Augenblicks! –

Grettir warf den Kopf herum, und maß den Fremden mit scharfem Blick.

„Greif ihn an, Illuge!“ befahl er. „Ich hüte hier die Leitern. Das ist ein abgekartetes Spiel! Und von unten her droht jetzt die größere Gefahr!“ –

Illuge riß sein Schwert aus der Scheide, und stürzte sich auf Hæringur. Dieser wich dem wuchtigen Angriff. So fechtend, zog sich Hæringur bis an die Stelle der Felsenwand zurück, von woher er gekommen. Hier hatte er die Wahl, entweder von Illuges Schwert zu fallen, oder den gefährlichen Weg, die Felswand hinab, noch einmal zu wagen. Er entschied sich für das Letztere.

Hæringur schwang sich über das Gestein, und kletterte abwärts. Aber in der Aufregung traten seine Füße fehl, seine Hände griffen falsch, er verlor das Gleichgewicht, er stürzte, und unten, auf den Klippen aufschlagend, lag er zerschmettert, eine unförmliche Masse.

Dieser Ort auf der Drang-ey wird noch heute Hæringshlaup (hlaup = Sprung; Haeringssprung) genannt.

Illuge kehrte zu Grettir zurück, und meldete den Ausgang.

„Er wollte von meiner Hand nicht sterben, drum sprang er selbst die Felsenwand hinab. Die Bauern mögen für ihn, als einen Toten, beten!“

„Thorbjoern soll das sogleich wissen,“ rief Grettir hastig, und schrie die Nachricht mit Stentorstimme in das Schiff hinab.

Thorbjoern erschrak, und gab sofort den Befehl zum Aufbruch. So stießen sie ab, und fluchtartig war ihr Rückzug.

„Zweimal schon war ich hier,“ schrie Thorbjoern in Verzweiflung, „und zweimal habe ich nichts ausgerichtet. Scheitert zum dritten mal mein Angriff, dann, fürchte ich, wird Grettir, unbehelligt von mir, auf dieser Insel leben und sterben können.“

Sie ruderten ans Land. Groll im Herzen stieg Thorbjoern aus. Der Spott folgte ihm auf dem Fuße nach. Aber er brütete über neuen Plänen, seinen Zweck zu erreichen! „Grettir muß von der Drang-ey fort! – Das zu erreichen, soll mir nun jedes Mittel recht sein!“ –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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