Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

46. Kapitel:

Ohne Feuer.

 

Zwei Winter hatte Grettir bereits auf der Drang-ey gelebt. Die 80 Schafe, der ursprüngliche Viehbestand der Insel, welchen sie vorgefunden hatten, waren aufgezehrt bis auf einen einzigen großen Bock, mit gesprenkeltem Fell und starken, gewundenen Hörnern.

Dieses Tier sollte auch von dem Schlachtmesser verschont bleiben, denn er war ganz zahm, und folgte seinen Herren wie ein guter Kamerad. Des Abends, von der Weide heimtrabend, stellte der Bock sich regelmäßig bei der Hütte ein, und, war sie geschlossen, rieb er seine mächtigen Hörner so lange an den Pfosten der Thüre, bis er Einlaß fand. Obwohl nun die Hammelherde aufgezehrt war, so litten die Brüder samt dem Knecht doch keine Not. Es waren Vögel die Menge auf der Insel und schmackhafte Eier genug. Sie durften nur die Hände ausstrecken und greifen.

Nur mit einem Mangel hatten sie schwer zu kämpfen. Die Insel war völlig holzarm, und so fehlte es ihnen sehr an Feuerung zur Erwärmung ihrer Hütte, wie auch zur Zubereitung ihrer Speisen. Sie waren lediglich angewiesen auf die Holzstücke, welche das Meer vom Lande herüber freundlich ihrem Gestade zutrieb.

Eine Hauptbeschäftigung für Gloem, den Diener, war es daher, täglich den Strand abzusuchen, und das aufgesammelte Holz auf seinem Rücken die steilen Leitern hinaufzutragen bis zur Hütte. Dort ließ man es in der Sonne trocknen und dann zerkleinern. Gloem wurde dieser Arbeit überdrüssig. Er murrte, klagte laut über das einförmige Hundeleben, und vernachlässigte seine Pflichten.

Eine Hauptpflicht für ihn war es auch, die Glut auf der Feuerstätte in der Hütte zu unterhalten. Ging das Feuer aus, so war die Verlegenheit groß. Die Erzeugung eines Feuerfunkens durch Stahl, Stein und Zunder war den Nordmännern zwar bekannt, indessen das Verfahren war umständlich, und, falls das Zündmaterial nicht ganz trocken war, sogar unmöglich. Auch war, wenn Stahl und Stein, so doch der Zunder nicht immer zur Stelle. Man zog es darum vor, die Glut auf dem Herde niemals ausgehen zu lassen, das war einfacher und wirksamer.

Gloems Pflicht war es hierfür zu sorgen, und namentlich des Abends Vorkehrungen zu treffen, daß die Glut bis zum nächsten Morgen vorhalte.

Eines Morgens zeigte es sich, daß das Feuer über Nacht ausgegangen sei, und zwar durch Gloems Schuld.

Grettir war sehr entrüstet darüber, packte den Knecht am Kragen und rief: „Du hast verdient mit Ruten gezüchtigt zu werden!“ –

Der Knecht jammerte über sein erbärmliches Leben auf dieser gottverlassenen Insel und über die harte Behandlung. Er werde bei dem geringsten Vergehen gescholten oder abgeprügelt.

„Beklage dich nicht!“ rief Grettir. „Wie man’s treibt, so geht’s!“ und warf den Burschen zur Hütte hinaus.

Grettir und Illuge standen jetzt am kalten Herde, und ratschlagten, was zu machen sei.

„Das Feuerzeug ist nicht im Stande,“ sagte Grettir, in der Hütte umher suchend, „es fehlt uns der Zunder.“

„Und hätten wir ihn,“ sagte Illuge, „es ging doch nicht mit unserm feuchten, vom Meerwasser durchzogenen Holz, welches die Sonne nicht trocknen will!“ –

„So haben wir kein warmes Essen heute, und die Hütte bleibt kalt. Wer weiß, wie lange das hier dauern kann!“ grollte Grettir. „Ich könnte den nachlässigen Schlingel zermalmen!“ –

„Laß uns warten, bis ein Schiff aus Reykir herüberkommt,“ begütigte Illuge.

„Das kann lange genug dauern; das abzuwarten, ist unmöglich,“ sagte Grettir. „Ich habe einen andern Plan. Ich schwimme nach Reykir hinüber, und hole von dort Feuer!“ –

„Welch ein Opfer!“ warf Illuge ein.

„Was ich in Norwegen für fremde Leute that, die mir schlecht genug dafür dankten, das kann ich auch für uns selbst thun,“ versicherte Grettir.

„Die Strecke nach dem Festlande hin ist zu weit, du könntest verunglücken,“ warnte Illuge.

„Der Sund dort in Norwegen war breiter. Und durch Ertrinken sterbe ich nicht. Das wird nicht mein Los sein!“ –

„In deiner Abwesenheit kann uns hier Gefahr drohen!“ –

„Ich bin morgen schon wieder zurück. Aber dem Gloem will ich in Zukunft doch nicht mehr trauen. Dies war ein böser und, wie ich fürchte, absichtlicher Streich von ihm!“ –

Grettir machte sich nun fertig ans Land zu schwimmen. Er trug einen groben Mantel, den er fest um die Lenden gürtete, darunter ein enges Beinkleid. Die Finger mußte ihm Illuge mit Bast durchflechten. Auf diese Weise schuf er sich ein Paar künstlicher Schwimmhäute. So ausgerüstet stieg er die Leitern hinab, und tauchte ins Meer, mit kräftigem Arm das Wasser durchschneidend.

Es war klares Wetter, und das Meer lag still. Das erleichterte die Fahrt. Aber die Entfernung nach Reykir war doch eine volle Seemeile.

Illuge war dem Bruder die Leitern hinabgefolgt. Nun stieg er wieder hinauf, um von oben mit forschenden Blicken dem Schwimmer zu folgen so lange, bis sein Kopf, grau in grau, mit den Wellen sich mischte, und dem Auge entschwand.

Illuge trat beklommenen Herzens in die Hütte zurück, wo Gloem mürrisch in einer Ecke kauerte.

Grettir hatte den Strom mit sich, so schwamm er schnell und leicht, und kam bald nach Sonnenuntergang auf Reykir an.

Der Bauer dort war mit seinen Leuten bereits zu Bette, doch waren die Thüren nach Landessitte über Nacht unverschlossen. So konnte Grettir ungehindert eintreten.

Er ging zuerst in das Badehaus, und nahm ein heißes Dampfbad. Dem erhitzten Ofen konnte nämlich jeder Zeit leicht durch Aufgießen von kaltem Wasser Dampf entlockt werden.

Jetzt trat er in die Wohnstube, welche leer war.

Zwischen den Steinen der Feuerstätte auf dem Erdboden der Stube flackerte noch die Glut, und gab dem Raume eine behagliche Wärme. Grettir streckte sich der Länge nach auf dem Estrich aus, und entschlief.

Am nächsten Morgen traten zuerst zwei Frauen ein, des Bauern Tochter und die Magd. Sie sahen den Mann ausgestreckt am Boden liegen, und erkannten sofort in ihm den Grettir.

Er schlief ganz fest, und hatte dabei sich entblößt.

Die Magd lief neugierig hinzu, und beguckte den schlafenden Mann. „Wahrhaftig, liebe Schwester,“ sagte sie, „hier liegt Grettir, der Starke, Ásmundur’s Sohn. Er ist mächtig über der Brust und den Hüften, aber, sieh nur da, alles Übrige ist klein! – Merkwürdig!“ –

Die Bauerntochter antwortete: „Warum bist du immer so geschwätzig? Schweig’ doch still!“ –

Die Magd aber lief hin und her, bald zu dem schlafenden Manne, ihn zu begucken, bald wieder zurück zu der Bauerntochter, und hörte nicht auf mit Kichern und mit Lachen.

Grettir erwachte davon, stellte sich aber, als ob er weiter schliefe.

Als ihm die Magd nun wieder ganz nahe gekommen war, griff er sie beim Rock, und hielt sie fest.

Die Bauerntochter lief davon, die Magd aber schrie laut auf; doch trennte sie sich von Grettir ohne alle Feindschaft.

Kurz darauf kleidete sich Grettir an, und suchte den Bauer Þorvaldur auf. Er erzählte ihm seine Verlegenheit, bat um Feuer und um ein Schiff, sich und die Glut nach der Insel zu bringen. Der Bauer that, wie gebeten, gab Feuer, Schiff und Mannschaft. Den in einem Topfe sorglich gehüteten Brandur trug dann Grettir hinauf in seine Hütte. So kam wieder Feuer auf die Insel.

Als die Leute am Fjord erfuhren, daß Grettir die ganze Strecke von der Drang-ey bis zum Festlande schwimmend zurückgelegt habe, bewunderten sie ebensosehr seine Schwimmkunst, wie seine Tapferkeit. Die Aussicht, einen solchen Mann aus seiner starken Stellung mit Gewalt zu vertreiben, ward immer geringer.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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