Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

45. Kapitel:

Ein Besitzwechsel.

 

Die von Grettir auf dem Hegranesthing bewiesene Stärke hatte doch auf die Männer der Harde einen tiefen Eindruck gemacht. Sie zweifelten jetzt sehr an der Möglichkeit, diesen starken Mann gegen seinen Willen aus seiner festen Stellung auf der Drang-ey vertreiben zu können. Und je mehr diese Überzeugung sich bei ihnen befestigte, um so tiefer sank in ihren Augen der Nutzungswert der Insel.

In der That, die weniger vermögenden Bauern boten ihre kleineren Anteile an der Insel zum Kaufe aus.

Die Söhne des Þórður, Hjalti und Thorbjoern Oengul, besaßen, als zugehörig zu ihren Höfen, bereits den größeren Teil dieses wirtschaftlich so wertvollen Eilandes. Was lag nun näher, als daß die Brüder diese günstige Gelegenheit nützten, auch die kleineren Lose an sich zu ziehen, und so den ganzen stattlichen Besitz sich zu sichern.

Indessen ein Haken lag bei der Sache.

Die Losinhaber wollten für ein Billiges losschlagen, stellten indessen dabei die Forderung, der Käufer müsse den Eindringling von der Insel mit Gewalt fortbringen, sei es lebendig, sei es tot. Ein sachliches Interesse daran hatte freilich nur der zukünftige Besitzer, allein sie alle wollten den Grettir für sein rechtswidriges Eindringen in ihren Besitzstand gezüchtigt sehen.

Hjalti, der ältere Sohn des Þórður, welcher eine noble, friedliebende Natur war, hatte nicht Lust, sich auf solche Bedingung einzulassen, und lehnte den Kauf ab.

Thorbjoern Oengul dagegen, der ein Klopffechter war, griff den Preis, wie die Bedingung, lebhaft auf, und schloß den Vertrag ab.

Sein Bruder Hjalti überließ nun auch seinerseits ihm seinen Erbanteil an der Insel, und zog sich ganz aus der Sache zurück.

So wurde Thorbjoern Oengul alleiniger Besitzer der Drang-ey, freilich zunächst nur dem Namen nach. Um es auch mit der That zu werden, rüstete er ein Schiff, und beschloß einen förmlichen Krieg gegen Grettir.

Es war gegen Ende dieses Sommers, da zog Thorbjoern mit einem vollbemannten Schiff nach der Drang-ey. Bei seinem Nahen wurden die Leitern eingezogen. Oben stand Grettir mit seinen Begleitern, unten an der Landungsstelle lag das Schiff. Die Verbindung war aufgehoben. So begann denn folgendes Wortgefecht:

Thorbjoern: „Ich fordere hiermit dich, den Grettir, auf, diese Insel zu verlassen!“

Grettir: „Das wird der Grettir, Ásmundur’s Sohn aus Bjarg, niemals freiwillig thun!“

Thorbjoern: „Ich bin jetzt ein mächtiger Häuptling. Denn mir allein gehört diese Insel. Alle Bauern habe ihre Anteile an mich verkauft.“

Grettir: „Um so weniger weiche ich. Statt vieler Gegner habe ich jetzt nur einen, dich! Das ist einfacher! Wir beide machen fortan unter uns die Sache aus. Laß uns also um den Besitz der Insel gleich hier, Mann gegen Mann, ehrlich fechten!“ –

Thorbjoern: „Wir passen als Gegner nicht zu einander!“

Grettir: „Sehr passen wir einer zum andern, schon darum, weil keiner von uns beiden durch die Liebe seiner Nachbarn erwürgt wird!“

Thorbjoern: „Ich stelle dir großen Gewinn in Aussicht, wenn du freiwillig die Insel räumst, und werde dich in Zukunft unterstützen!“ –

Grettir: „Du brauchst dich nicht zu bemühen, Oengul. Mein Entschluß steht fest. Ich bleibe hier!“ –

Thorbjoern: „Alles hat seine Zeit, Grettir. Zuletzt wird es dir doch übel ergehen!“ –

Grettir: „Das laß uns abwarten!“

So endete der Wortkampf, welcher von unten nach oben hinauf, und von oben nach unten herunter mit lauter Stimme geführt wurde.

Der Weg gütlicher Vermittelung war hiermit abgeschnitten.

Thorbjoern sah wohl ein, daß Grettirs Stellung unangreifbar sei. Auch wenn er alle Männer der Harde aufbot, Waffen thaten hier nichts. Er mußte andere Mittel einsetzen.

So stieß denn das feindliche Schiff wieder von der Landungsstelle ab. Die Männer legten die Riemen ein, und bald war Thorbjoern Oengul außer Sicht.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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