Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

42. Kapitel:

Auf Nimmerwiedersehen.

 

Die Scheidestunde war gekommen. Packpferde mit allerhand Speise, Hausrat und Gewand hoch beladen, alles vom Blick der Mutter sorgfältig ausgewählt, standen vor der Thüre. Knechte hielten sie an den Zäumen. Andere führten die Reitpferde vor.

In der Halle nahmen Mutter und Söhne das letzte Frühmahl ein.

Beider Kinder Hände fassend, sprach die Mutter:

„Es schmerzt mich tief, meine geliebten Söhne, von euch jetzt scheiden zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, jemals euch wiederzusehen!“ –

„Mutter! warum so trübe Gedanken?“ tröstete Grettir, „wir sahen uns bisher doch stets wieder, wenn auch nicht so oft, als ich gewünscht und gewollt!“ –

„Nein! nein! mein Sohn, dieses Mal wird es ganz anders! – Ich hatte in verwichener Nacht einen bösen Traum, der mir euer Schicksal zeigte.“

„Ihr werdet beide auf der Drang-ey sterben, und zwar durch Verrat und durch Zauberei. Darum bitte ich dich, hüte dich besonders vor der Zauberei. Nichts ist für den Menschen gefährlicher als diese.“ –

„Wir werden, liebe Mutter, alle Vorsicht anwenden,“ versicherte Illuge.

„Hier ist ein Beutel mit Gold! Keine geringe Summe! Nehmt hin! Das Gold ist viel vermögend in dieser Welt, eine zweite Waffe zu den anderen, die ihr bereits führt. Weise angewendet verdoppelt es die Kraft dessen, der es besitzt! – Grettir, dich muß ich ja ziehen lassen, denn die Verhältnisse sind stärker, als der Wille von uns Menschen. Aber dich, Illuge, mein Jüngster, mein Augentrost, dich geb ich freiwillig zum Opfer hin. Was ich an dir entbehren werde, bringe es zwiefach deinem Bruder zu an Trost und Beistand in seinem Leiden!“ –

Sie verließen die Halle, und traten auf den Hof hinaus, wo die Reit- und Packpferde standen samt den Hausleuten, welche Abschied nehmen wollten.

Grettir und Illuge grüßten sie freundlichst. Dann erhielten die Knechte Befehl, die Pferde thalabwärts zu führen. Mit der Mutter Hand in Hand folgten die beiden Brüder langsam nach.

„Auf der Drang-ey glaubt ihr euer Glück zu finden, meine Kinder, nein! nein! ihr werdet dort euren Tod finden. Beide werdet ihr zu ein und derselben Zeit sterben. Mein pochend Herz sagt mir das voraus. So teilt denn das gemeinsame Los. Niemand vermag seinem Schicksal zu entgehen!“ –

Ásdís umarmte beide Söhne wiederholt unter heißen Thränen.

„Weine nicht liebe Mutter,“ beruhigte sie Grettir. „Das wird man jedenfalls von uns sagen können, wenn wir mit den Waffen in der Hand fallen, daß du Söhne an uns gehabt hast und nicht Töchter!“ –

So schieden die beiden Recken, und schritten auf ihre Pferde zu.

Ásdís stand noch lange, und sah den Scheidenden nach, bis ihre liebe Gestalt in der Ferne verschwand. Dann kehrte sie zögernden Schrittes in ihr einsames Haus zurück, nun in Wahrheit eine Witwe! –

Den Brüdern hingen auch die Tropfen in den Wimpern, als sie so stille neben einander hinritten.

Grettir fühlte besonders tief die Schwere dieses Abschiedes. Langes Entbehren hatte ihn den Wert der Liebe schätzen gelehrt. Illuge kannte die Welt noch nicht und ihre Herzlosigkeit. Er sah ihr noch mit so viel Hoffnung entgegen.

Sie ritten nordwärts, und besuchten am Hrútafjörður im Vidi- und im Vatnsdalur nach einander alle Verwandten. Damit verging der Herbst.

Der Winter brach diesmal mit besonderer Heftigkeit herein, und sie eilten, an Ort und Stelle zu kommen. Ostwärts zum Skagafjord hin nahmen sie ihren Weg. Als sie den Hof Glauinbaer passiert hatten, begegnete ihnen ein Mann mit einem großen Kopf auf einem mageren, lang aufgeschossenen Körper. Er war schäbig gekleidet, augenscheinlich ohne Stellung, und bot sich ihnen zum Begleiter an. Der Mensch schien ortskundig, flink war seine Zunge, und er wußte vielerlei Schnurren hier über die Leute der Nachbarschaft, welche er nicht ohne Witz zum Besten gab. Das belustigte den Grettir, und er erlaubte ihm zu bleiben.

„Wie heißt du denn, Geselle?“ fragte Grettir.

„Ich heiße Thorbjoern, aber, weil ich so flott erzählen kann, nennen mich die Leute immer Gloem (d. h. lautes Gerede). Nennt mich Gloem, Herr!“ –

Das Wetter war kalt, und es schneite stark. Alle waren fest in ihre Mäntel gewickelt. Nur Grettir hatte die Kapuze seines Mantels auf die Schultern herabfallen lassen, und trug den Kopf mitten im Schneesturm frei.

„Die Leute auf Glauinbaer, Herr, wunderten sich darüber,“ sagte Gloem, „daß ihr die Kapuze nicht über den Kopf gezogen trugt, und meinten: ‚Ist der Mann wohl ebenso tapfer, als er gut die Kälte ertragen kann?‘“ –

„Ich sah dort des Bauern Söhne mit wollenen Handschuhen in der Stube sitzen! – Die scheinen mir nicht sehr tapfere Leute zu sein!“ warf Grettir hin.

Reykjanes lag hinter ihnen, und sie näherten sich der Küste. Gloem rückte jetzt mit der Bitte heraus, die beiden Brüder möchten ihn auf die Insel mitnehmen. Er wolle ihnen täglich gut aufwarten. „Darin bin ich Meister, das ist mein Fach!“ setzte er hinzu.

Die lustige Art des Burschen und seine Gewandheit ließen ihn nicht ungeeignet erscheinen für einen so einsamen Aufenthalt, wie die Drang-ey es war, und Grettir sagte: „Wir wollen es mit dir versuchen!“

Sie waren nun auf Reykir angelangt, welcher Hof hart am Meere lag, und dem Bauer Þorvaldur gehörte.

Von hier aus nach der Insel Drang hinüber betrug die Entfernung nur eine Seemeile. Das Schiff zur Überfahrt mußte ihnen aber Þorvaldur stellen, sonst war das Hinüberkommen unmöglich.

Grettir beschloß sich ihm anzuvertrauen, und sagte:

„Es ist meine Absicht auf Drang-ey Aufenhalt zu nehmen!“ –

„Das werden die Leute am Skagafjord dir gewiß sehr übel nehmen; denn sie haben alle mit einander Besitzrecht an dieser Insel, und benutzen sie zur Fettweide für ihr Vieh!“ –

„Dennoch bitte ich dich um deine Hülfe, dorthin zu kommen,“ sagte Grettir.

„Das kann ich nicht, und das thu’ ich nicht,“ sagte Þorvaldur, „sonst werden sie mir alle feind!“ –

Grettir griff in die Tasche, holte Gold heraus, und ließ einen Beutel schwer in des Bauern Hand fallen. Das wirkte. Nun schwanden seine Bedenken, und er wurde gefügig.

So wurde verabredet, die Sache geheim zu halten, und in der nächsten Nacht die Überfahrt zu bewirken.

Grettir verabschiedete jetzt die Leute seiner Mutter mit den Pack- und Reitpferden, die ihm fortan überflüssig waren. Die mitgebrachten Geräte, Vorräte und Sachen wurden in des Bauern Schiff verstaut, und Grettir mit Illuge und dem Knechte Gloem hielten sich um Mitternacht bereit. Als der Mond aufgegangen war, schifften sie sich ein. Drei Hausknechte des Þorvaldur setzten sich an die Riemen. Es blies ein scharfer Wind aus Nordost, und die Wellen im Fjord gingen hoch. Aber die drei Knechte samt Illuge und Gloem zogen mit den Riemen scharf durch, und Grettir stand hoch aufgerichtet am Steuer.

Bald tauchten auch die dunklen Massen der Drang-ey vor ihnen aus dem Wasser auf, und nahmen feste Umrisse an. Von allen Seiten fielen ihre Felsenwände steil ab in die Brandung, und nur auf einer Seite waren Landung und Aufstieg möglich. Hier waren drei Leitern über einander angebracht, welche vom Strande aufwärts zur Hochfläche der Insel führten. Selbst hier, wenn die oberste Leiter eingezogen wurde, war es auch dem gewandesten Kletterer unmöglich, diese steile Felsenwand hinauf zu kommen.

Grettir sprang zuerst aus dem Schiff, und stieg die Leitern hinauf. Oben angelangt sah er sich befriedigt um. Die Örtlichkeit war ganz nach seinem Wunsch, gerade so, wie Gudmund, der Reiche, sie ihm beschrieben hatte, ausnehmend sicher, und leicht zu verteidigen. Die Hochfläche der Insel hatte eine kräftige, gewürzreiche Grasnarbe, und war zur Zeit von etwa 80 Schafen, darunter viele Melkschafe, beweidet.

Im Frühjahr, von den einzelnen Anwohnern des Skagafjords hergebracht, weideten die Thiere ungehütet, und wurden meist zur Weihnachtszeit abgeholt, um geschlachtet zu werden.

Zur Zeit waren die 80 Schafe noch vollzählig, und boten dem Grettir beides, Milchstube und Schlachthaus, zugleich.

Dazu fand sich hier im Sommer ein sehr reicher Vogelfang, und ein großer Vorrat an Eiern.

Äußerst befriedigt befahl Grettir, das Gepäck aus dem Schiff heraufzubringen. Und als alles beisammen war, entließ er Þorvaldurs Knechte, reichbelohnt. Das Schiff stieß ab, und seine Ruderschläge verhallten in der Nacht.

Grettir mit Illuge und Gloem blieben samt dem Gepäck auf der Insel zurück. Ein neues Leben hatte für sie begonnen! –

Nach der Berechnung des Snorri aus dem Geschlechte der Sturlungen, dem wir die erste schriftliche Aufzeichnung dieser Grettir-Saga verdanken, waren es damals 15 bis 16 Winter gewesen, daß Grettir in der Acht gelebt hatte.

Er war jetzt 42 Jahre alt.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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