Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

41. Kapitel:

Ein Zwischenspiel.

 

Snorri, der Gode, auf dem Hofe Tunga am Hvammsfjord, hatte einen erwachsenen Sohn Thorodd. Dieser hatte sich gegen seinen Vater durch Ungehorsam vergangen, und erhielt dafür folgende Strafe. „Du verläßt mein Haus, und ich befehle dir, nicht früher zurückzukehren, bis du einen geächteten Mann auf Island getötet hast!“ Der Sohn, welcher wußte, daß des Vaters Wille unabänderlich sei, verließ den Hof, um dieser Weisung zu folgen.

Der Staat als solcher vollzog in Island die über die Geächteten verhängte Strafe nicht, besaß auch keine Organe dazu. Er überließ dies privaten Händen, den zunächst Gekränkten, oder auch den Fernerstehenden, wer es eben thun wollte. Niemand war verpflichtet einen Geächteten, dem er begegnete, zu töten; aber jeder durfte es thun, wenn er Lust, Mut und Mittel dazu besaß. That er es, so ging er selbstverständlich straflos aus.

Thorodd zog also auf seines Vaters, des Goden, Befehl aus, einen Geächteten zu töten. Dies war die ihm auferlegte Buße. Nun wohnte nicht weit von Tunga auf Breidabolstad an der Südküste der Hvammsfjord eine Witwe, Namens Geirlaug, deren Schafhirte geächtet war, weil er im Streit einen Mann verwundet hatte. Dieser Hirte war ein noch junger Mensch.

Thorodd erfuhr davon, und ritt nach Breidabolstad hinüber.

Die Hausfrau empfing ihn freundlich, und fragte nach seinem Begehr.

„Ich suche deinen Schafhirten!“ –

„Was willst du von ihm?“

„Ich will ihn töten!“ –

„Warum?“

„Er ist ein geächteter Mann! –

„Das ist er,“ sagte die Hausfrau. „Aber du wirst dir geringen Ruhm erwerben, wenn du einen Schafhirten, und dazu einen so jungen Menschen, vom Leben zum Tode bringst; du ein so starker und vornehmer Mann!“ –

Thorodd schwieg, aber sein Auge verriet, daß er diese Schmeichelei nicht ungern hörte.

„Ich will dir ein anderes Ziel für deinen Ehrgeiz zeigen,“ fuhr Geirlang fort, „das deiner Tapferkeit würdiger ist!“ –

„Und das ist?“ fragte Thorodd.

„Hier oben im Gebirge hält sich jetzt auf Grettir der Starke, Ásmundurs Sohn, aus Bjarg. Messe an ihm deine Kraft. Das paßt sich Bersir für einen Häuptlingssohn und für einen Helden von deiner Art!“ –

Thorodd versicherte, das thun zu wollen. Er saß auf, und ritt thalaufwärts.

Geirlang blickte ihm nach, zufrieden, daß ihre Klugheit diesen Schlag von ihrem jungen Hirten, den sie nicht missen wollte, abgewendet habe.

Die Nachricht war richtig gewesen. Grettir hielt sich zur Zeit oben im Gebirge auf. Auf dem Wege zur Arnarvatnsheide hatte er erfahren, daß jener Grímur, welcher einst den Hallmund erschlug, vor Jahren schon von der Heide fort und ins Ausland gezogen sei. So kehrte er wieder um, durchstreifte die Gebirge am Hvammsfjord, und ließ die Kleinbauern, wie in alter Zeit, seine Anwesenheit fühlen.

Thorodd hatte Glück. Als er von Breidabolstad aus das Thal hinaufgeritten war, und in das Hochgebirge einbog, sah er ein falbes Pferd gezäumt und gesattelt umhergehen, und grasen. Nicht weit davon stand auch ein großer Mann auf seinen Spieß gelehnt.

Es war Grettir.

Thorodd ging auf ihn zu, und grüßte ihn.

Grettir erwiderte den Gruß, und fragte: „Wer bist du?“

„Ich bin Thorodd, Snorres Sohn!“ antwortete der Gefragte. „Indessen, warum fragst du nach meinem Namen, und nicht vielmehr nach meinem Geschäft?“ –

„Weil dein Geschäft vermutlich nicht viel zu bedeuten haben wird!“ sagte Grettir. „Aber noch eins. Bist du der Sohn des Snorri, welcher Gode ist?“ –

„Das ist so! – Und ich bin hergekommen, mein Schwert mit dem deinigen zu kreuzen!“ –

„Daran thust du sehr unklug!“ sagte Grettir. „Denn dir muß bekannt sein, daß nur wenigen es gut bekommen ist, mit mir im Kampfe sich zu messen!“ –

„Das weiß ich,“ sagte Thorodd; „aber wer nichts wagt, gewinnt auch nichts!“ –

Darauf zog er sein Schwert, und griff den Grettir hitzig an.

Dieser begnügte sich mit seinem Schilde die nach rechts und links geführten Streiche aufzufangen, ohne selbst sein Schwert zu brauchen.

So ging es eine ganze Zeit lang, und Grettir parierte so geschickt, daß trotz aller Hartnäckigkeit des Gegners auch nicht ein einziger Hieb bei ihm saß.

Endlich sagte Grettir: „Wir wollen diese Possen endigen! – Über mich gewinnst du doch niemals den Sieg!“ –

Dennoch setzte Thorodd, und zwar mit verstärkter Heftigkeit, seine Angriffe fort. –

Nun wurde Grettir ungeduldig, packte Thorodd mit der Faust, entwand ihm sein Schwert, und schleuderte es weit fort. Den Gegner aber setzte er auf den Sand.

„So, nun könnte ich mit dir ja machen, was ich wollte!“ sagte Grettir. „Verschone ich dich, so geschieht es nicht um deinetwillen, sondern um deines Vaters willen! – Das Wort von den Lippen des greisen Goden Snorri hat schon manch einen Mann dazu gebracht, in die Knie zu sinken! – – Du aber solltest so viel Verstand besitzen, dich nicht auf Dinge einzulassen, denen du nicht gewachsen bist! – Es ist kein Kinderspiel, mit dem Grettir zu fechten!“

Thorodd stand auf, und trennte sich von seinem großmütigen Gegner tiefbeschämt.

Er war übrigens ehrlich genug, seinen Angriff, wie seine Niederlage, seinem Vater zu melden.

Der Greis lächelte verständnisvoll, und sagte: „Du warst unklug genug, dich in Grettirs Gewalt zu begeben; und er war klug genug, dich zu schonen. – Er schonte dich um meinetwillen. Das war klug und edel von Grettir. Diese Großmut werde ich vergelten, wenn Grettirs Sache vor dem Alþingi zur Verhandlung steht. Bald müssen die 20 Jahre voll sein, die er friedlos lebt. Dann soll er frei werden!“ –

„Bleib jetzt in Tunga, Thorodd! – Ich nehme deinen Willen für die That! – Dir ist vergeben!“ –

Grettir brach aus dem Gebirge auf, und nahm seinen Weg nach Bjarg. Der Sommer neigte sich zum Ende. In Bjarg wurden nun die Vorbereitungen zur Übersiedelung nach der Drang-ey beschleunigt. –

Die Mutter Ásdís sah der Scheidestunde mit wachsendem Kummer, Illuge mit wachsender Hoffnung entgegen.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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